Erstes Blatt
mit amtlichem Areisblatt
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Monatsb. Dge: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage:, „Unsere Heimat",
Erscheint Mittwoch und Samstag ästet» mit „Kreisblatt" vierrelfädrlich V Mk Anzeigen «oiteti ^i klein- Zeile oder bereit Raum l" Pfg
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^ 99. Samstag, Den 1Z Dezember 1909 60. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ließ durch den Gesandten Grasen Götze» k .it Präsidenten des Senats seine Teilnahme an dem schweren Brandunglück ausdrücken, das Hain- , trg am Dienstag betroffen hat Auch Prinz Heinrich sandte ein Beileidstelegramm. — Von den im Kranken haus ringelieferien Verletzten sind bisher sieben gestorben, so daß die Zahl der Opfer einschließlich der sechs als Leichen Geborgenen dreizehn beträgt. Im Hafen- Krankenhaus liegen noch zehn Schwerverletzte, im Eppendorfer Krankenhause sechs. Die genaue Zahl der Vermißten konnte noch nicht festgestellt werden.
-- Der Reichstag nahm am Sonnabend nach kurzer Debatte den Gesetzentwurf über die Hinausschiebung des Inkrafttretens der Witwen- und Waisenversicherung um ein Jahr in erster und zweiter Lesung gegen die Stimmen der Linken an. Eine längere Debatte entspann sich bei der Beratung des neuen Handelsvertrags mit Portugal, die indes abgebrochen wurde. — Am Montag wurden die Interpellationen über den Kieler Werflprozeß erledigt. Staatssekretär von Tirpitz suchte die Vorwürfe gegen die Marinebehörden in längerer Rede zu entkräften und betonte, daß er, sobald ihm die ersten Anzeichen von Unregelmäßigkeiten bekannt ge worden waren, mit eiserner Faust eingegriffen und Vorkehrungen getroffen habe, welche die Gewahr bieten, daß derartige Unregelmäßigkeiten so bald nicht mehr zutage treten werden. In der Besprechung wurde namentlich von Rednern der Linken eine scharfe Kritik an der Werftverwaltung geübt. Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) führte die Unregelmäßigkeiten zum Teil auf das Submissionswesen zurück, das geradezu ein Krebsschaden sei.
— Ueber das Heer der deutschen Eisenbahner gibt die Gesamtstatistik interessante Auskunft. Danach waren im letzten Berichtsjahr auf den deutschen Staats- und Privatbahnen beschäftigt im Verwaltungsdienste 20 358 Beamte, 6278 Diäiare, 4129 Arbeiter, zusammen 30 766 Personen; im Bahnumerhaltungs- und Bahn- bewachungsdienste 34 132 Beamte, 2149 Dialare, 138 617 Arbeiter, zusammen 174 899 Personen; im Bahnhofs-, Abfertigungs- und Zugbegleitungsdienste 140196 Beamte, 13 581 Diätare, 153 309 Arbeiter, zusammen 307 087 Personen; im Zugbeförderungs und Werkstättendienste 48 465 Beamte, 1639 Di -tare, 132 699 Arbeiter, zusammen 182 803 Personen. In der gesamten Betriebsverwaltung waren 695 557 Beamte, Diätare und Arbeiter beschäftigt, an die insgesam'
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Roman von Lothar Mehnert. 41
Helborne stellt sich überaus erstaunt. „Er war hier?" wiederholte er ungläubig. „Was wollte er denn hier? Er konnte mich doch bequemer im Bureau haben!"
Sie überhört seine Bemerkung. „Ist es unbedingt nötig, daß er in ein Irrenhaus kommt?" fragt sie ernst. „Ich hatte ihn für harmlos."
„Harmlos?" Spöttisch lacht Helborne auf. „Da bist Du sehr im Irrtum, mein Kind. Er ist im Gegenteil ein überaus gefährliches Subjett, der in seinem Wahnsinn allen, die er kennt, was Schlechtes anhängen möchte. Wenn Du wüßtest, was er von mir alles erzählt! Fälscher, Dieb, Räuber sind Schmeichelnamen aus seinem Munde. Natürlich glaubt ihm kein vernünftiger Mensch, aber es ist doch immerhin nicht angenehm zu wissen, daß keines Menschen Ehre diesem verrückten Alten heilig ist."
Angelika schweigt, und Helborne fragt, sie scharf ins Auge fassend: „Hat er Dich auch mit derlei Märchen belästigt?"
„Er hat irgend etwas erzählt, ich habe aber wirklich nicht darauf geachtet," erwiderte sie .aus weich end.
„Hast recht daran getan, mein Herz. Er entblödet sich sogar nicht, mir vorzuwerfen, ich hätte einen Scheck auf Perasinis Namen gefälschtfrüher, in Kapstadt."
Noch immer schweigt Angelika.
„Perasini weiß selbst, daß ich stets sein Freund war, daß ich ihm half, wo ich nur konnte," fährt der Bankier mit gemachter Ruhe fort. „Natürlich schweigen wir über die ganze Angelegenheit ihm gegenüber. Wozu ihn auch noch in dieJnsinuationen eines, sagen wir, Halbverrückten, hineinziehen!"
Jetzt hebt Angelika den Kopf und blickt ihrem Manne voll ins Gesicht.
1022 457 748 Mk. Gehaltes und Löhne gezahlt worden sind.
— Die Ausführungsbestimmungen zu Artikel 2a des Gesetzes vom 15. Juli. 1909 wegen Aenderung des Tabaksteuergesetzes, der die Unterstützung geschädigter Tabakarbeiter betrifft, sind vom Bundesrat nunmehr entgülttg beschlossen worden uns gelangen jetzt zur Veröffentlichung. Darin ist der Begriff der Tabacarbeiter weiter gefaßt, als dies in den bisherigen Bestimmungen der Fall war, so daß nunmehr als Arbeiter gelten, die in einem der Bearbeitung oder Verarbeitung von Tabak gewidmeten Betriebe mit Kistenmachen, Kistenkleben oder mit ähnlichen mit der Tabakverarbeitung oder mit der versandfähigen Herrichiung der Tabaterzeugnisse unmittelbar zusammenhängenden, für den Tabak erforderlichen Hilfsarbeiten beschäftigt gewesen sind.
— Beispiellose Sparsamkeit hat die Reichspost- Verwaltung in den persönlichen Ausgaben des neuen Postetals walten lassen. Während der Etat für 1909 noch eine Beamten Vermehrung von 5429 Köpfen gefordert hatte, sinnet sich im Etat für 1910 auch nicht eine einzige neue Stelle. Beim Reichspostami sollen sogar 8 Stellen von mittleren und 2 von unteren als entbehrlich eingezogen werden.
— Bei Kuxhaven stieß ein Hamburger Dampfer mit einem dänischen zusammen und bohrte ihn in den Grund.
— Ein neuer Garnisonort. Die schon lange gehegte Absicht, einen Jnfanterietruppenteil an die von Truppen ganz entblößte Westküste von Schleswig-Holstein zu legen, gewinnt jetzt insofern greifbare Gestalt, als im Heereselat 1910 11 ein Teil der Mittel für einen Neubau einer Kaserne usw. für ein Infanterie- Bataillon angefordert werden, und zwar in der Stadt Heive. Die Entscheidung ist wohl deshalb zugunsten dieser Stadt gefallen, weil Heide ein größerer Eisenbahnknotenpunkt ist und nicht weit vom Kaiser-Wilhelm- Kanal liegt. Nach Heide soll das jetzt in Haversleben stehende zweite Bataillon 84. Infanterie Regiments kommen, während für dieses das jetzt in Sonderburg garnisonierende dritte Bataillon 86. Füsilter-Regiments in Hadersleben einrückt.
■ — Mehrlingsgeburten in Deutschland. Im Jahre 1907 kamen in Deutschland nach Ausweis des statistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich vom Jahre 1909 im ganzen 25 972 Zwillingsgeburten vor und zwar kam in 9858 Fällen ein Pärchen zur Welt, in 8345 Fällen zwei Knaben, in 7779 Fällen zwei Mädchen. —
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„Tu, was Du willst," sagte sie leise. „Ich denke nur, Offenheit ist stets das beste, besonders unter Freunden."
„Und Ehegatten, nicht wahr?" fügt er hinzu, indem ein spöttischer Blick sie streift. „Doch jetzt genug davon. Ich möchte noch ein Glas Whisky mit Sodawasser trinken. Der Abend war sehr schwüli Bitte, bemühe Dich nicht! Ich gehe selbst hinunter ins Speisezimmer und mache es mir zurecht. Gute Nacht, Angelika!"
„Gute Nacht, William!"
Sie hält ihm die Lippen zum Kuß hin. Die seinen brennen fieberhaft.
Traurig zieht Angelika sich in ihr Schlafzimmer zurück. Sie fühlt, ein Schatten schwebt zwischen ihr und ihrem Gatten .. ein Schatten, der sich mehr und mehr verdichtet und bald ihren häuslichen Frieden zu zerstören droht.
William Helborne steigt unterdessen hinunter ins Speisezimmer und mischt sich am Büfett einen steifen Whisky. Und dann noch einen .. und noch einen...
Trotz der Hitze draußenfröstelt ihn. Die leblose Gestalt des alten, von ihm zu Boden geschlagenen Mannes kommt.ihm nicht aus dem Sinn.
* *
*
Es ist am andern Morgen. Auf der staubigen Landstraße zwischen Rom und Frascati herrscht reges Leben. In drei Tagen findet das große Wettrennen statt und das Vollmacht aus diesem Tage, das eigentlich nur ein Fest für die Reichen und Vornehmen ist, eine Art Kirmes, um auch seinen Teil daran zu haben.
Infolgedessen wimmelt es schon die Tage vorher in der ganzen Umgebung des Rennplatzes von Budenbe- sitzern, fahrenden Künstlern, Volkssängern, Tarantellatänzern, Pulcinellen und lustigem Gesinde! aller Art. Unzählige Wagen, welche die ganzen Habseligkeiten dieser Leute enthalten, rumpeln auf der Straße dahin, Wagen jeder Gattung.
Einer dieser Karawanenwagen zeichnet sich durch be- sondereSauberkeitaus. Seine Wände sind in denschreiend-
Drütingsgeburten gab es 232 und zwar 59 mal drei Knaben, 61 mal drei Mädchen, 52 mal zwei Knaben und ein Mädchen, 60 Mal einen Knaben und zwei Mädchen. Im Jahre vorher gab es auch eine Vierlings- geburt mit vier Mädchen.
— Der Herzog von Meiningen hat die Wahl des sozialdemokratischen Abgeordneten Wehder zum Vizepräsidenten des Meininger Landtags bestätigt. Wehder verpflichtete sich schriftlich zur Repräsentation des Landtages bei offiziellen Gelegenheiten.
Ausland.
— Bei den verschiedenen Schiffsunfällen, welche durch die Stürme in den englischen Gewässern verursacht wurden, sind nach den bisherigen Feststellungen 75 Mentchen ums Leben gekommen
— In seiner Botschaft an den Washingtoner Kongreß spricht Präsident Taft die Hoffnung aus, daß der neue amerikanische Zolltarif nicht zum Zollkrieg führen werde.
— Die Schutztruppe in Deutsch Südwestasrika wird vom 1. April 1910 ab folgende Stärke haben: 99 Offiziere, 21 Aerzte, 10 Veterinäroffiziere, 31 obere, 17 untere Beamte, 411 Unteroffiziere, 1601 Mannschaften, insgesamt 2190 Mann. Die Zusammensetzung ist folgende: 10 Kompagnien (1194 Mann), 3 Maschinengewehrzüge (121), 3 Batterien mit 12 Geschützen (422 Mann), 1 Telegraphenabteilung (22 Mann). Das übrige verteilt sich auf Verwaltungsstellen, Lazarette und Depots. *
; - Ei" wahrer Finanzwirrwarr in England ist nach Ablehnung des Budgets durch das Oberhaus entstanden. Wie die „Daily News" melden, entrichteten fast alle Kaufleute, die Tabak aus dem Zollamte ab- holten, nur die im früheren Budget vorgesehenen Zölle. Ungeheure Mengen von Rum wurden auf ähnliche Weise ausgeliefert. Die Kaufleute schicken sich an, große Quantitäten von Tee einzubringen, ohne irgend welchen Zoll zu zahlen. — Was unter solchen Umständen aus den englischen Finanzen wird, kann man sich denken.
Der Streik der amerikanischen Weichensteller verursacht der Industrie im ganzen Norden der Vereinigten Staaten gewaltigen Schaden. Es sind jetzt 20 000 Mann im Ausstand. Falls der Streik noch einige Tage anhält, wird eine ganze Reihe anderer Arbeiterkalegorien zum Feiern gezwungen sein.
sten Farben rot, blau und gelb bemalt. Die kleinen Fensterscheiben erglänzen spiegelblank und auf einem großen, weißen Schild protzt es herausfordernd in fußhohen, schwarzen Buchstaben: „La Bella Melitta, berühmteste Tarantella-Tänzerin des Jahrhunderts."
Vor dieses vielversprechende Gefährt ist sogar, im Gegensatz zu den meisten übrigen, die es nur bis zu Eseln und Maultieren gebracht haben, ein magerer Gaul gespannt, dem als Zierrat dicke rote Troddeln um den Hals hängen und von dessen Zaumzeug buntfarbene Federbüschel emporragen.
Langsam trabt der scheckige Gaul vorwärts, bis plötzlich der wohlbekannte Haltruf aus dem Wagen erschallt. Das Gefährt hält. Ein schwarzer Krauskopf streckt sich prüfend zu einem der Fensterchen heraus.
„Guck, Melitta, hier wird es Dir gefallen! Schöner freier Platz und ein paar Bäume für den Schatten. Dabei nur fünf Minuten bis zum Rennplatz. Siehst Du dort hinten die Stangen und Fahnen? Das ist der Rennplatz."
Neben dem dunklen Männerkopf wird ein noch dunklerer Frauenkopf sichtbar. Pechschwarze Augen flammen auf. Blendendweiße Zähne blitzen zwischen korallenroten, etwas starken Lippen. Eine kleine braune Hand schiebt die schweren Haarmassen aus der niedrigen Stirne. •
„Recht hast, Nicolo. Bleiben wir hier."
Nicolo klettert vom Wagenherunter. Er ist ein schlanker, geschmeidiger Bursche von etwa fünfundzwanzigJah- ren. Er spannt das Pferd aus, legt ihm einen Arm voll Heu vor und begibt sich auf eine kleine Entdeckungsreise. Wie er nach einer halben Stunde wiederkommt, kräuselt sich eine dünne Rauchsäule aus dem kleinen Kaminrohr seines Wagens.
Er schnuppert. „Hm, dieMakkaroni sind fertig! Ah!"
Behaglick streicht er sich über den Magen, während sein breites Gesicht noch breiter wird vorFreude.
„Nicolo!" ruft es von innen heraus. 161,18