SchlüchternerZeilun g
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Matgeber,
________________________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 97.
Die Thronrede, mit der der Reichstag am 30. November von Seiner Majestät im Weißen Saale des Königlichen Schlosses eröffnet wurde, ist auf schlichte Sachlichkeit gestimmt. Nach dem Hader, der unter den bürgerlichen Parteien wegen der Gestaltung der von allen als notwendig anerkannten Finanzreform im vorigen Frühjahr entbrannt war und seitdem zum Vorteil für die Sozial« demokratie nicht erloschen ist, ruft die Thronrede die Reichsboten zu positiver Arbeit.
In erster Linie kommt es jetzt darauf an, die Finanzgebarung des Reichs bei den Ausgaben in den Grenzen des Notwendigen zu halten und dem Schulden- machen ein Ziel zu setzen. Dem entspricht die äußerst vorsichtige und sparsame Aufstellung des Etats für 1910. Aber auch die übrigen in der Thronrede angekündigten Aufgaben geben keinen Anlaß, die parteipolitischen Kämpfe fortzusetzen. Bei dem Hauptstück, der Reichsversicherungsordnung, durch welche die bisherige in unseren Gesetzen geregelte Versicherung der Arbeiter einheitlich zusammengefaßt, verbessert und auf ländliche Arbeiter sowie auf Witwen und Waisen ausgedehnt werden soll, gibt es zwar noch starke Meinungsverschiedenheiten auszugleichen, aber diese sind mehr praktischer als politischer Natur. Ein Vorentwurf ist schon der öffentlichen Kritik unterbreitet gewesen und danach umgearbeitet worden. Mit den angekündigen Gesetzen über die Heimarbeit und die Stellenvermittler sollen Schäden bekämpft werden, die von allen Parteien mehr [ober weniger als solche anerkannt worden sind. Das übrige Pensum sind, abgesehen von kolonialwirtschaftlichen Dingen und der Neuregelung nnserer Handelsbeziehungen zu England und Portugal. Reste aus der vorigen Tagung: Verbesserungen der Gewerbeordnung und der Strafrechtspflege.
Auch in dem Passus über die auswärtige Politik . fehlt jede Phrase. Auf große internationale Fragen war nicht einzugehen, da solche gegenwärtig nicht schweben Die vier Sätze über die auswärtige Lage, offenbar mit besonderer Sorgfalt abgewogen, besagen aber bei näherem Zusehen mehr, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Statt der Versicherung unserer Friedensliebe, die wir wirklich nicht' mehr zu beteuern nötig haben, stellt die Thronrede als Ziel der deutschen Politik voran die ruhige und kraftvolle Entwicklung des deutschen Volkes. Um diese zu sichern, pflegt die Regierung freundliche Beziehungen zu allen Mächten. Als ein Erfolg solcher Bemühungen wird dann das Marokkoabkommen mit Frankreich erwähnt, das in seiner
Samstag, den 4. Dezember
Ausführung, bis jetzt wenigstens, zum Ausgleich der beiderseitigen Interessen gedient hat. Dann wird auf die Tatsache verwiesen, daß im Deutschen Reiche wie in der österreich-ungarischen Monarchie die dreißigjährige Wiederkehr des Tages des später dnrch Jtalieus Beitritt zum Dreibund erweiterten Allianzvertrages zwischen beiden Mächten dankbar gefeiert worden ist. Es wird also die Allianz mit Oesterreich-Ungarn als das frühere Element im Dreibund hervorgehoben und dies Element ist zugleich das festere, zumal wenn man sich des Verhaltens der öffentlichen Meinung Italiens bei und nach dem Besuche des Zaren in Racconigi erinnert. Zwar wird im Schlußsatz mit Rücksicht auf das buntes- treue Verhalten der italienischen Regierung das Vertrauen ausgesprochen, daß das Zusammenhalten der drei verbündeten Reiche auch fernerhin seine Kraft für die Wohlfahrt ihrer Völker bewähren möge, aber es bleibt doch der Eindruck zurück, daß die offizielle Politik des Reichs die neuerdings hervorgetretene, für den Dreibund unfreundliche Stimmung des italienischen Volkes nicht unbeachtet lassen will. Die Thronrede hält sich also hierin von Schönfärberei ebenso fern wie von Schönrednerei. Andere Mächte außer Frankreich, Oesterreich-Ungarn und Italien werden nicht erwähnt, offenbar weil über die Beziehungen zu ihnen nichts besonderes zu sagen wäre.
Die armen Politiker, die immer ein Programm verlangen, können in dieser Thronrede schon eins finden: sachliche Arbeit im Innern, ruhiges Selbstvertrauen ohne Nachlaufen nach außen.
Deutsches Reich.
— Seine Majestät der Kaiser traf am Montag mittag in Breslau ein, begrüßte die am Bahnhof zu seinem Empfange erschienenen Herren, unter ihnen den neuen Polizeipräsidenten von Oppen, und fuhr sodann im offenen Wagen allein durch die Stadt nach der Dominsel zum Besuch des Fürstbischofs Kopp. Viele Tausende, die trotz des Sprühregens den Weg um- säumten, bereiteten dem Kaiser einen herzlichen Empfang. Nach einem Aufenthalt von vierzig Minuten verließ der Kaiser das fürstbischöfliche Palais und begab sich zur Kürassier-Kaserne. — Um 4 Uhr nachmittags ist der Kaiser nach Berlin abgereist.
— Prinz Heinrich von Preußen, der gegenwärtig beim Grafen Andraffy zur Bärenjagd weilt, hat besonderes Jagdglück; er hat schon zwei Bären erlegt. Beim letzten Jagen wurden sechs Bären aufgetrieben; man hofft noch auf reiche weitere Beute7
»9 60. Jahrgang.
— Der Reichstag wurde im Weißen Saal des Königlichen Schlosses zu Berlin durch den Kaiser mit einer Thronrede eröffnet.
— Der Reichstag hielt am Dienstag nach seiner feierlichen Eröffnung die erste Sitzung in der neuen Session ab, die aber nur von kurzer Dauer war und lediglich der Feststellung der Beschlußfähigkeit des Hauses galt. — Am Mittwoch wurde die Präsidentenwahl vorgenommen. Der bisherige Präsident Graf Stolberg (kons.) wurde wiedergewählt. Zum Vizepräsidenten wurde Dr. Spahn (Z.) gewählt. Bei der Wahl des zweiten Vizepräsidenten erhielt Dr. Paasche (natl.) die meisten Stimmen, erklärte aber, die Wahl ablehnen zu müssen, da seine Fraktion auf die Beteiligung am Präsidium zu verzichten beschlossen habe. Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte wurde die weitere Wahl auf Freitag vertagt.
— Graf Zeppelin weilt wiederum in der Reichshauptstadt. Er ist nach dem „L..A." dorthin gekommen, um die seit einiger Zet bei seiner Tochter wohnende Gattin zu besuchen, deren Gesundheitszustand unter der Obhut der Tochter durchaus befriedigend geworden ist. Bekanntlich ist die Tochter mit dem Oberleutnant Grafen von Brandenstein vermählt, der augenblicklich zur Kriegsakademie abkommandiert ist. Graf Zeppelin, der wie gewöhnlich im Palasthotel Wohnung genommen hat, gedenkt mehrere Tage dort zu bleiben.
— Herzog Karl Theodor in Bayern ist in Bad Kreuth im Alter von 70 Jahren gestorben.
— Zum Bischof von Paderborn wurde Professor Dr. Schulte in Paderborn gewählt.
— Der deutsche Mittelstand, zu dem in erster Linie Handwerkerkreise zu zählen sind, hat dem Hansabunde sÄne Gefolgschaft versagt. Eine in Leipzig zusammengetretene außerordentliche Delegiertenversammlung des deutschen Mittelstandes riet in einer Resolution den mittelständischen Verbänden von einer Unterstützung des Hansabundes ab; die Mitglieder des gewerblichen Mittelstandes sollten vielmehr zunächst ihre Aufmerksamkeit den eigenen Standesinteressen und eigenen Organisationen zuwenden. Die Annahine dieser Resolution erfolgte nicht einstimmig, die Berliner Deligierten verließen beispielsweise nach der Beschlußfassung den Saal, ein Zeichen, daß der deutsche Mittelstand sich nicht ganz einig ist in seiner Stellung zum Hansabunde.
— Der Besuch der Lehrerseminare in Preußen. Nach, dem neuesten, im Kultusministerium zusammengestellten Stand wurden die Lehrerseminare der Monarchie insgesamt von 15380 Zöglingen besucht,
> Hokdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 38
Vorsichtig nippt er an dem Glase. Dann faltet er die Hände, lehnt sich in den Stuhl zurück und schließt die Augen.. Ah...!
Angelikas Herz wallt über vor Mitleid. Wie hat der Mann da vor ihr in den letzten Tagen gealtert! Seine Gesichtsfarbe ist graubleich, ähnlich der eines Toten. Tiefe Furchen ziehen sich um klugen und Nase; das Haar erscheint schneeweiß. Der arme Mann!
Endlich, nach einer Viertelstunde völliger Ruhe, fängt der Alte an zu sprechen.
Tiefgedrückt, manchmal von leisem Schluchzen unterbrochen, erzählt er der eifrig Lauschenden von seinem fürchterlichen Traum und wie er dann von Romano Perasini erfahren habe, daß dieser Traum Wirklichkeit sei.
„Ich wollte ihm nicht glauben," schließt er seinen Bericht. „Da ging ich zu Ihrem Mann, Frau Helborne, und dort .. dort..."
Er seufzt tief auf.
! « „Nun?" Angelika faßt ermunternd nach seiner Hand. / Unruhig rückt der Alte auf seinem Stuhl hin und her.
„Ich möchte Ihre Empfindungen nicht verletzen, Frau Helborne," erwidert er zögernd. „Sie sind so gut zu mir, so lieb, wie niemand, seit .." er würgt eine aufsteigende Träne hinunter.. „seit meine Tochter tot ist. Aber .. ich möchte Sie um .. um Ihren Schutz bitten!"
I' „Um meinen Schutz? Gegen was?"
, „Gegen .. Ihren Gatten!"
Angelika fährt ein wenig zurück bei dieser unerwarteten Antwort. Schutz gegen ihren eigenen Mann! Der Alte ist doch kränker, als sie glaubt. Doch vielleicht ist es besser, sie lenkt ein, um ihn nicht zu reizen.
„Ein eigentümliches Begehren, lieber Herr van Messen," lächelt sie. „Was hat mein Mann denn Schlimmes mit Ihnen vor?"
„Er will mich in ein Irrenhaus einsperren."
Angelika verharrt einige Augenblicke schweigend. Sie ist davon fest überzeugt, daß, wenn es ihr Mann für nötig hält, es auch unbedingt nötig ist.
„Weiß mein Mann, daß Sie hier sind?" fragte sie nach einer Weile.
„Nein. Weder er noch Romano Perasini. Sie werden mich nicht verraten, Frau Helborne?"
Es spricht soviel Angst, soviel Unruhe aus seinen Worten, daß Angelika es nicht übers Herz bringt, ihm die Bitte abzuschlagen.
„Ich werde Sie nicht verraten."
Ein Seufzerder Erleichterung entringt sich seiner Brust. „Ah . . Gott sei Dank. Ich habe viel gelitten. Mein Kopf schmerzt mich oft. Ich bin müde und schwerfällig von Begriff. Aber verrückt.. nein!"
„So meinte eres gewiß auch nicht," suchtesiezu trösten.
„Doch, doch! Er will mich ins Irrenhaus schaffen, damit er mich los ist!"
„Damit er Sie los ist?" wiederholt Angelika aufs äußerste befremdet.
Eine plötzliche Unruhe überfällt sie. Unbewußt fühlt sie, daß da irgend etwas nicht ist, wie es sein sollte.
„Ja, ja, damit er mich los ist," bekräftigte der Alte. „Urteilen Sie selbst!.. Als ich ihn heute auf seinem Bureau aufsuchte, gebrauchte er harteWorte: ich sei verrückt und müsse eingesperrt werden; ein sicheres Zeichen meiner Verrücktheit sei, daß ich so lange nicht an den Tod meiner Tochter glaubte. Er sagte auch noch, es wäre ein Glück für meine Gerda, daß sie gestorben wäre; denn Romano hätte sie nicht mehr geliebt. Und wenn das richtig ist, so muß er eine andere geliebt haben, nicht wahr, Frau Helborne?"
Tiefe Röte steigt in Angelikas Wangen. Ihr Herz pocht. Die Augen des Alten blicken sie gar so vorwurfsvoll an. Sie scheinen zu sagen: Ich weiß, wer diese andere ist! Du bist es, die meinem Kinde das Herz des Bräutigams gestohlen hat!...
Sie schweigt. Das ermutigt Charles.
„Wir sprachen auch von meiner armen Gerda und Ihr Mann machte verletzende Bemerkungen., verletzende Bemerkungen über eine Tote! Ich verwies es ihm und sagte, er solle sich hüten, mich so schlecht zu behandeln; ich kenne ihn von Kapstadt her und wisse etwas aussei- nem Leben, das .." Er stockt.
Angelika ist aufgestanden und steht hochaufgerichtet vor ihm, umschwebt von ihrer ganzen stolzen Frauen- würde.
„Sie vergessen sich, Herr van Messen," erwidert sie kalt. „Mein Mann hat niemals etwas Unrechtes begangen."
„So? .. Hm .. Und Sie wollen mir also nicht beistehen, Frau Helborne?"
„Gegen meinen Mann .. nein!"
„Auch nicht, wenn ich Ihnen alles mitteile?"
„Ich will nichts missen. Sie tun mir aufrichtig leid, Herr van Messen, aber ich werde stets zu meinem Manns halten."
In den Augen des Alten beginnt eS unheimlich zu funkeln.
„So?" ruft er erregt. „Alles verschwört sich also gegen mich! Und ich muß ins Irrenhaus, weil ich sein Verbrechen weiß und aus dem Wege geschafft werden soll!" Wild lacht er auf. „Aber ich will nicht, nein, nein, nein! Ich bin nicht verrückt, und Sie sollen alles erfahren, Sie, seine Frau!"
Es nützt nichts, daß Angelika abwehrt, daß sie ihn wiederholt zu unterbrechen sucht, daß sie schließlich der Tür zuschreitet, als wolle sie ins Zimmer treten.
Mit vor Erregung zitternder, manchmal beinahe kreischender Stimme, leidenschaftlich, die Worteübersturz-nd, ohne Pause, fast ohne Atem zu holen, schleudert der empörte Alte die furchtbaren Anklagen gegen Helborne seiner Gattin ins Gesicht.. die Anklagen gegen den Mann, den er jetzt haßt und verachtet, wie keinen Menschen sonst auf der Welt. -, , - -161.18