SchWernerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
________________________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". _____________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 24. November 1909
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60. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 5939 K. A. Der mit dem Allgemeinen Deutschen Versicherungs-Verein in Stuttgart abgeschlossene Haftpflicht-Versicherungs - Vertrag für die Landgemeinden und Gutsbezirke des Kreises ist neuerdings auch auf die gesetzliche Haftpflicht für die durch die Gemeinde-Bullen verursachten Sach- und Deckschäden ausgedehnt worden.
Beim Eintritt eines Schadensfalles ist sofort hierher Anzeige zu machen.
Schlüchtern, den 14. November 1909.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: ________Valentiner._________
Die Geschäftszimmer der
Kreis-Sparkasse,
„ Kommunalkaffe, „ Krankenkasse, „ Viehversicherungsanstalt befinden sich von heute ab in dem nettenNveisketssengebättde vor dem neuen Kreishause, in der Gartenstraße.
Die Geschäftsräume find für das Publikum geöffnet an jedem Wochentage Vormittags von 8—12 und Nachmittags von 2—4 Uhr.
Schlüchtern, am 22. November 1909.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 6412 KA.
Auszug aus dem Kreistagsprotokoll vom 6. Novomber 1909.
Aenderung des § 9 des Regulativs (Statuts) der Kreiskrankenkasse und Beschlußfasfung über Erhöhung der Versicherungs-Beitrage.
Der Kreistag beschloß einstimmig, die Krankenversicherungsbeiträge von einem durch den Herrn Re- gierungs-Präsideuten zu bestimmenden Zeitpunkt ab, von l1/« auf 2% des ortsüblichen Tagelohnes zu erhöhen und demgemäß den § 9 des Kreiskranken- Regulativs (Statuts) vom 1904 wie folgt zu ergänzen:
§ 9. Als Versicherungsbeiträge werden 2 vom Hundert des ortsüblichen Tagelohns erhoben. Die Versicherungsbeiträge sind usw., wie bisher.
Cassel, den 18. November 1909.
Auf Grund des § 10, Abs. 1 des Krankender, sicherungsgesetzes erteile ich hierdurch zu dem Beschlusse
Hotdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 85
„Wundert mich nicht im geringsten," lautet Helbor- nes kalte Entgegnung. „Der Alte wird gemeingefährlich. Er habe ein Mittel, mich zu zwingen, ihm die Wahrheit zu sagen? Wars nicht so? Hm, ich möchte doch wissen, wer mich zu etwas zwingen will!"
„Sei nicht zu hart zu ihm, Helborne! Sein Geschick ist ohnehin traurig genug!"
Ein mephistophelisches Lächeln verzieht die Lippen des Bankiers. „Laß mich nur machen, Perasini! Ich weiß, was ich tue."
*
Später als gewöhnlich erscheint der alte Messen heute im Bureau.
Nachdem er ein paarmal unruhig im Zimmer her- nmtrabte, hier einen Stuhl rückte, dort ein Stäubchen abwischte, alles ausreinsterZerfahrenheitund Erregung, klopft er an der Türe zu Helbornes Privatbureau.
Der Bankier erwartet ihn bereits. Mit gemachter Gleichgültigkeit blickt er bei dem polternden Eintritt des Alten von seinen Büchern auf.
„Nun, mein lieber Messen, warum so mürrisch?"
Mit vielen Worten, hie und da sich überstürzend, dann wieder stockend und sich besinnend, kramt Charles seine Bedenken aus. Er hat es verschmäht, sich zu setzen. Unruhig tritt er von einem Beine auf das andere und wiederholt führt er die zitternde Rechte über die Stirne, als empfände er dort einen Schmerz.
Als er mit einem langen, stotternden Satze geendet hat, bleibt er vor William Helborne stehen und wartet auf eine Entgegnung. Der Bankier antwortet nicht sogleich. Fest blickt er dem erregten alten Manne in die Augen, dem unter diesem fast durchbohrenden Blicke unbehaglich wird.
‘ „Hm," macht Helborne nach einer Weile kalt, ohne
des Kreistags vom 6. d. Mts., wonach die an die gemeinsame Gemeinde-Krankenversicherung des Kreises Schlüchtern ^Kreiskrankenkasse) zu entrichtenden Beiträge von 1'/s auf 2% des ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter erhöht werden, die erforderliche Genehmigung und bestimme zugleich, daß die erhöhten Beiträge vom 6. Dezember d. Js. zu erheben sind.
Ich erkläre ferner mein Einverständnis, daß in dem revidierten Statut der Kreiskrankenkasse vom ^^ im § 9, Abs. 1 als 1. Satz die folgende Bestimmung eingefügt wird:
„Als Versicherungsbeiträge werden 2 vom Hundert des ortsüblichen Tagelohnes erhoben".
Der Regierungs-Präsident Bernstorff.
A. II Nr. 7144 b. Wird hierdurch gemäß Ziffer 11 der Anweisung zum Krankenversicherungs-Gesetz vom 10. Juli 1892 veröffentlicht.
Die Herrn Bürgermeister und Gutsvorsteher ersuche ich, die Erhöhung der Krankenversicherungsbeiträge wiederholt in ortsüblicher Weise bekannt machen zu lassen.
Schlüchtern, den 22. November 1909.
Der Landrat: Valentiner.
Italien im Dreibund.
Der glückliche Verlauf des Besuches des Zaren beim König von Italien in Racconigi hat die Phantasie vieler italienischer Zeitungspolitiker zu Betrachtungen über die Stellung des Königreichs im Dreibünde, namentlich über die Frage angeregt, ob nicht Italien für sein Verbleiben im Bunde neue Vergünstigungen beanspruchen müsse. Den meisten Artikeln dieser Art liegt eine Uebertreibung des Wertes der russischen Freundschaft und eine Unterschätzung des Ansehens und der Sicherheit zu Grunde, die das junge Königreich gerade infolge seiner Mitgliedschaft im Dreibünde genießt.
Ein Einfluß dieser namentlich für Oesterreich-Ungarn unfreundlichen Strömung auf die italienische Regierung ist bisher nicht zu erkennen gewesen. Die Behauptung, daß in Racconigi ein schriftliches Abkommen getroffen worden sei, wurde prompt dementiert, und ein General, der in einer Rede zur Eroberung von Trient, Trieft und Dalmatien aufgefordert hatte, wurde sofort abgesetzt. Solange das offizielle Italien bei seiner loyalen Haltung verbleibt, haben wir auch keinen Anlaß, den bestehenden Vertrag aufzulösen, wie dies von einzelnen deutschen Publizisten empfohlen worden ist. Das Wort
die Augen von Messen abzuwenden. „Es tut mir wirklich leid, sehr leid um Sie. Ich hatte keine Ahnung davon, daß es bereits so schlimm um Sie steht.
Daß irgend etwas bei Ihnen nicht stimmte, war ja jedermann klar ersichtlich, aber ..."
Der Alte fährt auf. „Was reden Sie da? Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie mich für verrückt halten?"
Helborne zuckt bedauernd die Achseln. „Wenn Sie es gleich mit dem schärfsten Ausdruck bezeichnen wollen ..."
„Ich habe ebenso gut meine fünf Sinne beieinander, wie Sie, Herr Helborne. Ich will von Ihnen nichts weiter als hören, ob meine Tochter Gerda auf dem „Scott" gestorben ist und ins Meer versenkt wurde."
Der Bankier macht eine ungeduldige Bewegung. „Aber natürlich ! Das ist doch eine alte Sache. Wenn Sie Ihre fünf Sinne beieinander hätten, wie Sie behaupten, würden Sie eine solche Frage nicht stellen."
„Spotten Sie nicht, Herr Helborne!" knurrt der Alte mit einem düsteren Blicke unter seinen buschigen, weißen Brauen hervor.
„Ich spotte nicht, mein lieber Messen. Schon vor einiger Zeit riet ich Perasini, Sie in irgend eine Anstalt zu geben, wo man Sie mit jeder für Kranke Ihres Kalibers nötigen Sorgfalt behandelt, wo Sie vielleicht nach und nach wieder gesund werden können. Ihr Kopf ist noch nicht klar genug, um zu begreifen, wie gut ich es mit Ihnen meine und daß es gemeingefährlich wäre, Sie fernerhin ohne jede Aufsicht frei herumlaufen zu lassen."
Der Alte fährt zurück, als habe er einen Schlag erhalten. Stützesuchend greifen seine Hände in die Luft. Ist es denn möglich? Spricht der Mann da vor ihm vom Irrenhause?
„Versteh' ich Sie recht," beginnt er, mit vor Erregung zitternden Lippen, „Sie wollen mich ..."
des verstorbenen Grafen Nigra, der italienischer Botschafter in Wien war, daß Italien mit Oesterreich- Ungarn nur verbündet oder verfeindet sein könne, bleibt immer noch war und wird es auch noch sein, wenn der Zeitpunkt zur Entscheidung der Frage, ob Italien im Dreibund verbleiben will oder nicht, nahe gerückt sein wird. Bis dahin werden .noch Jahre vergehen, und die öffentliche Meinung in Italien hat daher noch Zeit genug, zu einer richtigeren Beurteilung des Verhältnisses von Leistung und Gegenleistung in der Drei- bundgemeinschaft zu gelangen und sorgfältiger zu überlegen, ob die italienischen Interessen an der Adria besser als in freundschaftlichen Auseinandersetzungen mit Oesterreich-Ungarn durch einen Anschluß an die russische Welt zu wahren wären.
Wir können es geduldig abwarten und brauchen dem italienischen Volke keine Lehren darüber zu erteilen, wie es sein lebhaftes Temperament und seine alte Abneigung gegen den österreichischen Tedesco in Einklang bringen will mit seinen wirklichen und friedlichen Interessen. Der Wert des italienischen Bundesgenossen war für uns von jeher vorwiegend negativer Art, wir wünschten nicht, ihn im Lager unserer Gegner zu sehen. Daß wir aber einen besonderen Preis für sein Verbleiben im Bunde, gar einen solchen zum Nachteile unseres älteren und stärkeren Bundesgenossen, zahlen würden, darf er nicht erwarten.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist am Montag vormittag 11 Uhr 10 Minuten im Sonderzuge von Donaueschingen nach Sigmaringen zu Besuch beim Fürsten von Hohenzollern abgereist. Im Gefolge befindet sich außer den bisherigen Herren nun auch der Chef des Militärkabinetts Freiherr v. Lynker. Der Fürst und die Fürstin zu Fürstenberg, der Erbprinz und Graf Zeppelin geleiteten den Kaiser zu Fuß zur Bahn, wo auch die Spitzen der Behörden zur Verabschiedung sich eingefunden hatten. Das Publikum begrüßte den Kaiser mit Hochrufen. Das Wetter ist schön. — Der Kaiser ist am Montag mittag um 1 Uhr in Sigmaringen ein« getroffen und vom Fürsten von Hohenzollern und dem Kronprinzen von Rumänien sowie den Hofstaaten empfangen worden. Sonstiger Empfang war verbeten. Am Bahnhöfe sowie auf dem Wege zum Residenzschlosse hatte sich eine große Menschenmenge aus Hohenzollern, Baden und Württemberg eingefunden, die dem Kaiser zujubelte. Die hohen Herrschaften fuhren in offenem
„Aber natürlich, natürlich!" fällt Helborne in eisigem Tone ein. „Sie verstehen mich ja ganz genau."
„Mäßigen Sie sich!" knirscht van Messen, die Hände in ohnmächtigem Zorn ballend. „Oder .. oder ..."
„Wie meinen Sie? Aber mein lieber Mann, man könnte fast denken, Sie ständen im Begriff, eine Hand-, lung zu begehen, die Sie Ihr ganzes Leben lang bereuen müßten?" -
In den Augen des Alten blitzt es unheimlich auf.
„Setzen Sie sich nur nicht zu sehr aufs hohe Pferd, mein Herr Helborne! Haben Sie niemals in Ihrem Leben etwas begangen, was Sie bereuen müßten?"
„Nicht, daß ich wüßte."
Dicht stellt sich der ehrliche Charles vor dem Bankier auf. Seine Augen blitzten den kaltlächelnden Mann furchtlos an. „Nicht? Denken Sie einmal genau nach! Denken Sie an Kapstadt und an die Nationalbank . . und ..."
„Unsinn! Ich schaue niemals rückwärts: nur vorwärts!"
„Ein bequemer Grundsatz. Sie fürchten sich rückwärts zu schauen. Und doch gibt es Handlungen in Ihrem Leben, die aus der Welt zu schaffen Sie Tausende Ihrer geliebten Goldstücke geben würden."
William Helborne erbebt. Der Augenblick ist gekommen, dem er so lange entgegengesehen. Jetzt heißt es ihm gewappnet gegenüberstehen, keine Schwäche zeigen, den Ueberlegenen spielen. So zwingt er sich zu einem Lächeln.
„Darf ich bitten, sich deutlicher auszudrücken. Was wissen Sie von mir? Odervielmehr, was bilden Sie sich ein, zu wissen?"
„Hm, was halten Sie von einem Menschen, der seinen besten Freund bestiehlt?"
„Ich würde ihn für einen Schurken halten."
„Nun also! Sie haben Ihr eigenes Urteil gesprochen." „ „ . 161,18