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SchlüchternerMung

mit amtlichem-Areisblatt. Monatsbeilage ^Landwirtschaftlicher Ratgeber,

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 93.

Samstag, den 20. November 1909

60. Jahrgang.

Lotenfest.

Stiller Sonntag ernster Feier, Da man liebend ihrer denkt, Die, dem Herzen ach so teuer, Weinend wir ins Grab gesenkt; Tag, da uns des Todes Mahnen Schreckt aus träger Sicherheit: Bald kreuz' ich auch deine Bahnen, Menschenkind, mach dich bereit!"

Tag der Trauer und der Tränen, Trägst du auch umflort dein Haupt, Richte unsers Herzen Sehnen Auf den Trost, den niemand raubt, Auf den Todesüberwinder, Auf den Heiland Jesus Christ, Der gestorben für uns Sünder, Für uns auferstanden ist.

Der einst in Jairus' Hause Als der Helfer sich erwies, Führt aus dunkler Sterbeklause Träumend heim ins Paradies; Der zu Rain dort am Sarge Sprach sein hehresWeine nicht!" Trocknet heute noch die Tränen, Wenn das liebste Herz uns bricht.

Stiller Sonntag ernster Feier, Kling in Halleluja aus;

Denn wir wissen, die uns teuer, Droben in dem Vaterhaus, Denn es hält uns bis ans Ende Unseres Heilands starke Hand, Bis er herrlich uns vollende, Er, der starb und auferstand. 8. B.

Totenfestgedanken.

Mitten hinein in das große Abschiednehmen der Natur, die sich langsam anschickt, die letzten herbstlichen Freuden hinter sich zu lassen, hat die evangelische Kirche den Tag gestellt, welcher der Erinnerung an unsre Toten geweiht ist. Es ist ein Tag stiller Wehmut, der für alle, ob hoch oder niedrig, arm oder reich, von derselben feierlichen Bedeutung ist. Mit grünen Kränzen, mit Blütengrüßen für die Abgeschiedenen, ziehen hinaus in endlosen Scharen alle die, die einen teueren Toten zu beklagen haben. Und wer hätte nicht einen Menschen verloren, an dessen Grabe zu beten ihm heute ein

Hotdfieber.

( Roman von Lothar Mehnert. 33

; Aber was? Was?

Seine Gedanken weilen jetzt fast ausschließlich bei je­ner Ozeanfahrt. Wie war es doch damit? Er entsinnt sich auf einmal, daß Gerda mit ihm an Bord ging, daß ihr munteres Geplauder die Freude sämtlicher Mitreisenden bildete. Wo war Gerda plötzlich hingekommen?

Und doch .. nein, nein, es ist ja ganz uumöglich! Gerda war nicht an Bord. Sie hat ihn nur aufs Schiff begleitet und sitzt nun daheim in dem kleinen Häuschen in Wynberg .. mutterseelenallein und wartet auf den alten Vater und den Bräutigam.

So grübelt und grübelt der Alte. Ein paarmal wollte er schon mit Romano über die eigentümlichen Erschei­nungen sprechen, die ihn von Zeit zu Zeit überfallen. Wer eine unbestimmte Furcht schließt ihm stets wieder den Mund.

Auch sieht er Romano fast gar nicht mehr. Morgens Snz früh, wenn der Alte noch schläft, geht der junge ann schon fort, um an den vielen Vorarbeiten zu den Wettrennen teilzunehmen, und erst spät abends, wenn Charles schon längst wieder in seinem Bette liegt und grübelt und träumt, kehrt er zurück. Die Gelegenheit zu einer Aussprache hat sich deshalb noch nicht geboten.

Eines Abends fühlt Charles van Niesten sich ganz besonders beunruhigt. Ihm ist, als schwebe etwas in der Luft, das langsam, ganz langsam sich auf ihn Herabsenke und ihn zu ersticken drohte. Dazu hängt der Himmel voll schwarzer Wolken. Hie und da zuckt ein Blitz aus der Finsternis auf, gefolgt von heftigem Donnerschlag. Ge­witterschwüle herrscht draußen.

Der Alte beginnt sich zu sürchten.Jhm wird unheim­lich in der Stille seines Zimmers. Seine Seele verlangt ^nach Gerda, seinem geliebten Kinde, seinem alles auf

herzliches Bedürfnis ist! Seitdem wir im vorigen Jahre das Totenfest begangen haben, wie viele sind dahingegangen, die wir lieb hatten! Alte und Junge, Lebensmatte und Lebensfrische, Große in der Gemeinde und Geringe, schwache Greise und liebliche Kinder, Jünglinge und Jungfrauen, Ehegatten und Geschwister, Väter und Mütter! Wie oft hat uns das Herz gebebt, wenn wir an frischen Gräbern standen! Wie schmerzlich sind unsere Tränen geflossen bei unersetzlichem Verluste!

Der Tod hat etwas Banges nnd Beengendes. Wenn die Kinder zuerst vom Tode hören, dann packen seltsame Schauer das jugendliche Herz. Sie werden den Ge­danken nicht wieder los, sie fragen und forschen, sie suchen und sinnen, sie denken und dichten, finden aber keine befriedigende Antwort auf ihr verlangendes Fragen. Wenn die Völker zuerst über den Tod nachdachten, dann erschien er ihnen als der grausame Schnitter, der nicht nur die müde, reife Saat in Schwaden dahinmäht, sondern auch die kaum erblühte, sonnensehnende, leben- lechzende Blume nicht verschont. Es muß ja für den Naturmenschen entsetzlich sein, wenn er fühlt, daß der Tod das liebste Leben von seiner Seite reißt, daß wider ihn kein Kraut gewachsen ist, daß kein Bitten und Beten, kein Wachen und Wehren, kein Grollen und Aufbegehren gegen ihn hilft.

Dem Tode gegenüber sind die gebildetsten Völker Kinder geblieben; und auch wir sind trotz der Er­rungenschaften der Wissenschaft noch fragende, bangende Kinder, die freilich, wenn sie zum Vater gehen, die rechte, beruhigende Antwort finden. Denn für Christen geht mit dem Sterbegedanken ein freudiges Lebensgefühl Hand in Hand. Der Gedanke des Todes ist dem Christen untrennbar von der Hoffnung der Auferstehung. Auf die lange Nacht muß ein heller Morgen, auf die kurze Zeit schmerzlicher Trennung die ewige Freude des Wiedersehens folgen. Der Tod ist kein Ende, sondern ein Durchgang, ja der Anfang. Wir geben unsere Lieben im Tode nicht weg, sondern lassen sie heimgehen.

So erscheint uns der Tod im Bilde als der schöne, milde Friedensengel, der auf seinem Arm die Müh­seligen und Beladenen, die Heimwehkranken himmel­wärts trägt, zu Gott, nach Hause! Ohne diese Ge­wißheit würde uns der rechte Trost des Totensonntags fehlen, könnte niemand das Weinen an den Millionen Gräbern stillen. Diese Gewißheit müssen wir von den Ruhestätten unserer Lieben mit nach Hause nehmen, wenn wir den Totensonntag im rechten Sinne feiern wollen. Dieser Gedanke allein kann den Schmerz um

dieser Welt... Da, Blitz und Donnerschlag zugleich! Mein Gott! Mein Gott!

In jedem menschlichen Leben gibt es Lagen, da man der Einsamkeit entfliehen, da man Gesichter um sich se­hen, frohe Stimmen hören möchte, gleichviel, welche. Nur nicht allein sein! Nicht mutterseelenallein!

Der Alte stülpt den Hut auf den grauen Kopf und verläßt, der schwer herniederfallenden Regentropfen nicht achtend, das Haus.

In der nächsten Trattoria kehrt er ein. Ganz gegen seine Gewohnheit bestellt er sich einen Fiasco Orvieto, jenen goldig funkelnden, überaus wohlschmeckenden, aber schwer zu Kopfsteigenden Wein, den der Italiener nur in kleinen Portionen zu sich nimmt.

Charles van Niesten nippt .. Ha, wie das prickelnd und belebend durch die Adern rinnt! Er nippt zum zwei­tenmal. Schon fühlt er, wie seine Angst schwindet.

Jetzt ein ganzes Glas hinuntergestürzt! Und noch eins. Dem Alten wirds auf einmal so leicht ums Herz, so leicht. Ihm ist, als löse sich von seinem Hirn der Druck, der es in letzter Zeit verdüsterte.

Und mehr trinkt er und mehr, bis der ganze Masco leer ist. Da wird ihm wirr im Kopfe. Das Zimmer scheint sich um ihn zu drehen. Er zieht das Portemonnaie, legt ein Zweilirestück auf den Tisch und schwankt, ohnedas Herausgeben des Wirtes abzuwarten, zur Tür hinaus.

Inzwischen ist das Gewittervorbei gegangen. In ge­wohnter Klarheit breitet sich der Himmel über der ewi­gen Stadt. Sternlein auf Sternlein flimmert auf am Fir­mament.

Wie gebannt starrt der Alte hinauf. Aus jedem Stern ^üßt ihn beim Nachhauseweg das lachende Auge seiner

Der ungewohnte schwere Wein hat eine vollständige Revolution in dem alten Manne hervorgerufen. Unruhig wälzt er sich in seinem Bette hin und her. Von Schlafen keine Spur. Stärker denn je hängen seine Gedanken an Gerda, an dem Schiff, an...

das Verlorene in wehmütige Erinnerung wandeln und das Herz mit freudiger Hoffnung erfüllen, so daß wir zuversichtlich mit dem Dichter sprechen:

Weinet nicht! Den Toten allen Ist aufs lieblichste das Los Nach des Lebens Sturm gefallen In des ewgen Vaters Schoß. O wie selig, wenn hienieden Einst die letzte Schranke bricht! Störet nicht der Schläfer Frieden Glückliche beweint man nicht!

Deutsches Deich.

Der Kaiser ist mit Gefolge am Dienstag im Sonderzuge 6 Uhr 50 Min. in Donaueschingen ein« getroffen. Der Kaiser in Hofjagd-Uniform begrüßte den Fürsten zu Fürstenberg, der in der Uniform der Marine-Infanterie mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens zum Empfang erschienen war, herzlichst und begab sich mit ihm im Automobil zum Schlosse. Der Kaiser und Fürst Fürstenberg begaben sich am Mittwoch um 10 Uhr 40 Min. im Automobil in das Jagdgelände Bruggerholde im Schwarzwald zur Fuchs­jagd. Das Wetter ist nach leichten Schneefällen auf­klärend. Mittags trifft als Gast des Fürsten Gesandter Admiral Eisendecher mit Gemahlin in Donaueschingen ein. Die Jagdgesellschaft traf nachmittags um 4'/» Uhr auf dem dortigen Schlosse wieder ein.

Die Kaiserin traf am Dienstag nachmittag, von Berlin kommend, in Plön ein. Am Mittwoch besuchte die hohe Frau in Begleitung des Prinzen Joachim und der Prinzessin Viktoria Luise nebst Gefolge den Gottesdienst in der Kapelle des Kadettenhauses. Die Predigt hielt Kadettenhauspfarrer Vogel über Luc. 15, 810. Nach dem Gottesdienst besichtigte die Kaiserin die neuerbaute Schwimmhalle des Kadettenhauses.

Amtlich wird über die Verkehrsstörungen ge­meldet: Infolge Schneefalls sind im Telegraphenbetrieb Massenstörungen eingetreten. Sämtliche inländischen oberirdischen Verbindungen nach dem Westen und Süd« westen sind unterbrochen, ferner fehlen die Verbindungen nach Belgien, Holland, England, Dänemark, Schweden, Norwegen, Ungarn, Oesterreich, Rumänien, der Türkei und der Schweiz. Der Verkehr wird im Inlands soweit als möglich durch unterirdische Leitungen aufrecht er­halten. Telegrammverzögerungen sind unvermeidlich, die Wiederherstellungsarbeiten sind mit allen verfüg­baren Kräften in Angriff genommen worden.

Er grübelt, grübelt..,

Da auf einmal ein gellender Schrei! Der Alte fährt in seinem Bette empor. Mit weit aufgeristenen Augen starrt er inS Finstere. Seine Stirne ist mit dicken Schweiß­tropfen bedeckt.

Schwankt nicht das Bett hin und her? Mit beiden Händen umklammert er die Lehnen, um nicht heraus- zufallen. Ganz deutlich hört er die Wellen vor seinem Kabinenfenster .. klatsch, klatsch, klatsch .. ganz deutlich vernimmt er das einförmige Stuckern der Maschinen.

Plötzlich horcht der Alte entsetzt auf. Hält das Schiff nicht? Mitten auf dem Ozean? Was ist geschehen?

Und jetzt arbeiten die Maschinen wieder, die Wellen schlagen unter dem Kabinenfenster an. Das Schiff fährt weiter.

Mit unheimlicher Deutlichkeit tauchen alle diese Ein­zelheiten vor dem Gedächtnisse des Alten auf.MeinGott, mein Gott, was ist geschehen? Weshalb hielt das Schiff? Wo ist Gerda? War sie nicht noch vor kurzem bei ihm? Was bedeutet das plötzliche Halten eines Schiffes auf offener See? Nur das Versenken einer Leiche in den Wel­len! Ein Begräbnis!

Mein Kind! Mein Kind!"

Er will schreien, um Hilfe rufen .. kein Laut ent­ringt sich seiner gequälten Brust. Er will aufspringen .. vergebens; seine Glieder sind wie erstarrt. Er schließt die Lider. Eine tiefe Ohnmacht umfängt ihn.

Als er die Augen wieder aufschlägt, ist die Morgen­dämmerung bereits heraufgezogen. Romano steht an sei­nem Bett.

Der Alte hebt mühsam den Kopf und wischt sich den Angstschweiß von der heißen Stirne.

Wo bin ich, Romano? Warum hielt das Schiff so­eben?"

Sie sind in Ihrem Zimmer, lieber Schwiegerva-, ter."

Nicht auf dem Schiff?"

. «Nein." ... . 161,18