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mit amtlichem^Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg._______
92. Mittwoch, den 17. November 1909 60. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 6232 K.-A. Auf den 6. November 1909 stattgehablen Kreistage sind folgende Beschlüsse gefaßt worden:
1) In die Ewkommensteuerveranlagungskommission wurden gewählt:
a) als Mitglieder: Gastwirt Kohlhepp-Schwarzenfels, Fabrikant Romeiser-Steinau.
b) als Stellvertreter: Bürgermeister Zirkel-Züntersbach, Bürgermeister Fink-Steinau.
2) Als Schiedsmänner bezw. Stellvertreter wurden gewählt: '
a) für den komb. Schiedsmanns-Bezirk Hohenzell mit Lindenberg: Wilhelm Fehl-Hohenzell als Schiedsmann. Sebastian Lang-Hohenzell als Stellvertreter.
b) für den komb. Schiedsmanns-Bezirk Steinau mit Hundsrück. Bürgermeister Fink-Steinau als Schiedsmann. Leonhard Zorn-Steinau als Stellvertreter.
c) für den komb..Schiedsmanns-Bezirk Vollmerz, Gutsbezirk Ramholz. Bürgermeister Knauf-Vollmerz als Schiedsmann. Gutsinspektor Preiß-Vollmerz als Stellvertreter. 3) Anstelle des Bürgermeisters Schroer zu Sal- münster wurde der Kaufmann Emil Heinrich Schneider zu Salmünster zum Vertrauensmann bei der Auswahl der Schöffen und Geschworenen für 1910 im Bezirk Salmünster gewählt.
4) Der Kreistag beschloß, die Kreispferdeversicher« ung von der Kreis-Rindvieh- und Schlachtschweine- Versicherungsanstalt abzutrennen und einer besonderen Verwaltung zu unterstellen.
Er genehmigte ein neues Reglement für die Pferdeversicherung und wählte als Vorstand derselben:
Rentmeister Pfalzgraf-Schlüchtern, Gutsbesitzer Walther-Elisabethenhof, Gastwirt Kohlhepp-Schwarzenfels, Gastwirt Eckart-Steinau, Bürgermeister Simon-Gundhelm.
Für die Rindvieh- und Schlachtschweineversicherung sollen die Bestimmungen, des durch Kreistagsbeschluß vom 27. 3. 01 genehmigten Reglements wieder in Kraft treten.
5) Der Kreistag beschloß, die Krankenkaffenver«
sicherungsbeiträge von einem durch den Herrn Re- gierungs-Präsidenten zu bestimmenden Zeitpunkt ab von 1 */a auf 2% des ortsüblichen Tagelvhns zu erhöhen und demgemäß den § 9 des Kreiskrankenkassen- Regulativs (Statuts) vom ^^ 1904 entsprechend zu ergänzen.
6) Das Projekt zum Neubau eines Landweges von Hütten nach Heubach wurde genehmigt und die Ausführung und die Aufnahme in den Landwegebauverband beantragt unter der Voraussetzung, daß der Bezirksverband zu den Baukosten 17000 Mk. aus den für Wegeneubauten verfügbaren Mitteln des Bezirksverbandes beiträgt und daß weitere 7950 Mk. Baukosten aus dem Dotationsfonds bewilligt werden.
Als Baukostenanteil des Kreises wurden 8500 Mk. bewilligt. Dieser Betrag soll durch Anleihe bei der Kreissparkasse ausgenommen mit 4% verzinst und mit l’AVo amortisiert werden.
Die Gemeinde Oberkalbach welche die wiederholte Aufforderung zur unentgeltlichen Bereitstellung des Grund und Bodens zu fragl. Wegeneubau innerhalb ihrer Gemarkung erneut abgelehnt hat, soll gemäß § 13 der Kreisordnung solange mit einem Kreissteuerzuschlag von 50% belastet werden, bis die dem Kreise durch den Grunderwerb entstandenen Gesamtkosten vollständig gedeckt sind.
7) Der Kreistag genehmigte sowohl das Projekt zum Neubau eines Weges von Sterbfritz nach Neuengronau, uls dasjenige für den bei Station 3,00 des neuen Weges vorgesehenen Wegeneubau-Abzweig nach Breu- nings. Er beantragte die Ausführung beider Wegeneubauten, Aufnahme der neuen Wegestrecken in den Landwegebauverband und Ausscheidung der alten Wegestrecke Sterbfritz-Neuengronau aus dem Landwegebau-Verband unter der Voraussetzung, daß der Bezirksverband zu den Baukosten 22500 Mk. aus den für solche Zwecke verfügbaren Mitteln beiträgt, und daß ferner 11250 Mk. Baukosten aus dem Dotationsfonds bewilligt werden. Als Baukostenanteil des Kreises bewilligte der Kreistag 11250 Mk. Dieser Betrag soll als Anleihe bei der Kreissparkasse ausgenommen mit 4% verzinst und mit 1%% abgetragen werden.
Die Gemeinde Sterbfritz welche zu den auf ihre Gemarkung entfallenden Grunderwerbskosten auch jetzt wieder nur den Betrag von 1000 Mk. bewilligt hat, soll gemäß § 13 der Kreisordnung solange mit einem Kreissteuerzuschlag von 50% belastet werden, bis die
dem Kreise durch den Ankauf des Grund und Bodens in der Gemarkung Sterbfritz entstandenen Kosten vollständig gedeckt sind.
• 8) Der Landwegebau-Etat für 1910/11 wurde mit 38000 Mk. genehmigt und festgesetzt.
Schlüchtern, den 11. November 1909.
Der Königliche Landrat: Valentin er.
Bekanntmachung.
Der Ziegeleibefitzer Johannes Hew von hier beabsichtigt, auf dem Grundstück Flur Nr. 2 Parzelle Nr. 464/276 rc. und 463/276 rc. der Katastergemeinde Salmünster einen Ringofen zu errichten.
Dieses Vorhaben wird mit der Aufforderung zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß etwaige Einwendungen binnen y4 Tagen, vom Tage der Veröffentlichung dieser B anntmachung an gerechnet, bei der unterzeichneten Behörde schriftlich in 2 Exemplaren oder zu Protokoll angebracht werden müssen.
Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in dem Verfahren nicht mehr angebracht werden. Beschreibungen und Pläne liegen auf dem Polizeibureau zur Einsicht offen.
Termin zur mündlichen Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen ist auf
Samstag, den 4. Dezemb. M9,
Vormittags 10 Uhr
auf dem hiesigen Polizeibureau anberaumt und wird im Falle des Ausbleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden gleichwohl mit der Erörterung der Einwendungen vorgegangen werden.
Salmünster, den 15. November 1909.
Die Ortspolizeibehörde: Schroer.
Bußtag.
Am Ausgang des Kirchenjahres treten ernste Tage an uns heran. Ehe wir uns rüsten, am Totensonntag die Gräber unsrer dahingeschiedenen Lieben in dankbarer Erinnerung daran, was sie uns im Leben gewesen sind, zu schmücken, mahnt uns der Bußtag, Einkehr bei uns zu halten und nachzudenken über die Vergangenheit und die Zukunft. Dem Zweck entsprechend, dem der Büß« tag dienen soll, ist er aus der Zeit, wo die Knospen springen und der Lenz die Erde zu neuem blühenden Leben erweckt, in den Spätherbst verlegt worden, dessen Charakter mehr als die andern Jahreszeiten an die
Holdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 32
Er fragt sie nach ihrer Kunst, ob sie seit ihrer Verheiratung auch noch so fleißig male oder ob sie sich jetzt ganz ihren häuslichenPflichten und ihrenmenschenfreund- lichen Bestrebungen widme.
Sie erzählt, daß Helborne ihr eine bedeutende Summe zur Verfügung gestellt habe, mit der sie schalten und walten könne nach Gutdünken. Sie habe schon Schritte getan, um ein Obdachhaus für arme Frauen und Mädchen ins Leben zu rufen, damit diese bedauernswerten, durch die Härte des Schicksal? und oft durch eigene Schuld zu Boden getretenen Menschenblüten noch einmal neu aufleben.
Angelika spricht mit Begeisterung. Sie weiß, hier findet sie Verständnis. Ihr Mann zuckt stets nur die Achseln, wenn sie mit ihren Plänen kommt oder er sagt ungeduldig : „Mach doch, was Du willst, mit dem Geld, liebes Kind! Meinethalben richte ein Obdach für Zwerge ein oder für sonstige Mißgeburten! Nur quäle mich nicht mit derlei Sachen!"
Und auch die Mutter, die doch genügendes Verständnis für das Elend der Armen haben sollte, kümmert sich nicht um die wohltätigen Pläne der Tochter. So zog Angelika sich immer mehr in sich selbst zurück, und ihr ist jetzt, als wüchsen ihrer Seele Flügel, daß sie hier auf einmal, umweht vom leisen Säuseln der Pinien- kronen, umplätschert von Kaskaden, frei sprechen kann von allem, was ihr Herz bewegt, daß sie kein spöttisches Lächeln als Antwort sieht, kein abwehrendes: „Laß doch nur!" hört.
Romano geht mit Begeisterung auf ihre Auseinandersetzung ein. Er rät ihr und zeigt so viel Verständnis für ihr Empfinden, daß Angelikas Wangen zu glühen beginnen vor Freude.
, Die Sonne ist untergegangen. Kühl haucht es aus
den schwarzen Schatten der Bäume. Angelika fröstelt. Es ist, als trüge das Gesicht des spöttisch lachenden Fauns, an dem sie eben vorbeigehen, die Züge ihres Mannes. Eine unnennbare Sehnsucht befällt sie plötzlich. Hat ihr Herz denn je gelebt? War ihr ganzes Seelenleben nicht bisher ein stilles, einsames Entfalten? Ein einsames Blühen?. . Und wird es auch ein einsames Welken, ein einsames Sterben sein?
Angelikawird auf einmalschweigsam. Ihr kommt plötzlich zum Bewußtsein, daß die letzten Stunden, die sie in Romano Perasinis Gesellschaft verbrachte, ihr fast zuviel Befriedigung, fast zuviel wirkliche Seelenfreude bereitet haben. Fester zieht sie den weißen Seidenschal um die Schultern, während sie ihre Schritte zurück zur Villa lenkt.
Durch ihr plötzliches Schweigen befremdet, blickt Romano sie von der Seite an. Sie hält den lieblichen Kopf gesenkt.
Aber nun hebt sie die Lider. Ihre Bli^e treffen sich eine Sekunde. „Es ist kalt!" sagt sie in1 ganz verändertem Tone. „Wir wollen in das Haus gehen. Meine Mutter wird Tee für uns bereitet haben."
„Ich danke, gnädige Frau. Ich werde Sie bis zur Tür begleiten und dann gleich zurückfahren. Ihr Gemahl wird mich bereits erwarten."
Auch sein Ton ist kühl, förmlich. Es ist, als habe sich plötzlich eine unsichtbare Scheidewandzwischen beiden aufgerichtet.
Der Weg zur Villa wird ziemlich schweigsam zurückgelegt. Fest in ihren Schal gehüllt, geht Angelika mit schnellen Schritten voran. Romano folgt langsamer. Beiden ist der vorher lebhaft dahinrollende Redefluß versiegt.
An der breiten Terrasse der Villa angelangt, verabschiedet sich Romano sofort. Auch hat Angelika die Einladung zum Tee gar nicht wiederholt.
In langsamem Trabe läßt Perasini die Pferde nach
Hause laufen. Er hat den weißen Strohhut abgenommen, ein frischer Lufthauch kühlt seine heiße Stirne.
Als er im Palazzo Helborne anlangt, findet er den Bankier noch in vollster Arbeit. Er scheint besser gelaunt zu sein als seit lange nicht und bestellt den Freund für den Abend ins Cafe.
In diesem Cafe, welches im Brennpunkte der Stadt, auf dem Korso Umberto gelegen, mit seinen vier hohen, spiegelverzierten Sälen das Stelldichein von ganz Rom sowohl wie der Fremden bildet, sitzen nach neun Uhr Helborne und Romano an einem der kleinen Marmortischchen hinter einer Tasse „Schwarzen". Ihr Gespräch dreht sich fast nur um das Ende nächster Woche stattfindende große Wettrennen, auf welchem Kleopatra einen guten Treffer machen soll.
Seit langem hat Helborne nicht solche Teilnahme für Kleopatra gezeigt wie diesmal. Er erkundigt sich genau nach den Einzelheiten des Wettrennens, läßt sich die Namen der übrigen Rennpferde nennen und verspricht sogar, mit seiner Gattin selbst dem Schauspiele beizuwoh- nen.
„Ich habe Fernando einen ganz neuen Jockeianzug aus goldfarbiger Seide machen lassen," schließt er mit bei ihm ungewohnter Lebhaftigkeit. „Kleopatra wird Sen- fation erregen!"
Er ahnt nicht, welcher Art diese „Sensation" sein wird!
* *
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Bereits ein Vierteljahr ist ins Land gegangen, seit Charles van Messen mit dem „Scott" den Hafen von Kapstadt verließ und noch immer kein Brief von Gerda!
Der Alte wird jetzt ernstlich unruhig! Dabei fühlt er dunkel, daß eine Veränderung mitihm vorgeht, daß etwas in seinem Hirn herumarbeitet, daß die Erinnerung an irgend ein Ereignis, welches seinem Gedächtnis eni- schwunden war, wiederzukehren beginnt. 161,18