Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Prciü mit „Kreisb u" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 87.
Der Besuch des Zaren bei dem italienischen Königspaare
ist ohne Zwischenfall zur Befriedigung der Nächst- beteiligten verlaufen. Das italienische Volk, das eben noch in Begeisterung für den spanischen Revolutionär Ferrer schwelgte, hat den russisch i Selbstherrscher freundlich ausgenommen, und die Sp alisten, die früher gegen den Zaren tobten, sind, abgeseyen von einigen lahmen Protesten, still geblieben. Ohne Zweifel hat die anti- österreichische Stimmung im italienischen Volke viel zu der günstigen Ausnahme des Zaren beigetragen, der die ohnehin weite Landreise von Livadia nach Racconigi noch durchVermeidung des direkten Weges über Oesterreich- Ungarn verlängerte.
In der italienischen Presse ist mancher Ar.i^el erschienen, der die Stellung Italiens im Dreibünde verleugnete. So hieß es z. B., Rußland und Italien wären durch das gemeinsame Interesse daran verbunden, daß die slawischen Elemente im Donaureiche gegen das deutsche unterstützt würven. Auch war davon die Rede, daß Italien, nachdem kein Gegensatz zu Frankreich im Mittelmeer mehr vorhanden und die Freundschaft mit Rußland begründet sei, neue Bedingungen für sein Verbleiben im Dreibund aufstellen müsse. Es wäre falsch, solchen Auslassungen eine große Bedeutung beizumessen. Die Italiener sind im allgemeinen gute Egoisten, die mehr ans Nehmen denken als ans Geben. Solange Italien am Dreibünde festhält, ist es vor einem Zusammenstoß mit Oesterreich-Ungarn gesichert, und die Stellung, die es heute trotz seiner zurückgebliebenen militärischen Kräfte entnimmt, verdankt es wesentlich seiner Bundesgenossenschaft mit den europäischen Zentral- mächten. Diese Vorteile sind augenfällig. Was von italienischer Seite offiziell und offiziös über die Bedeutung des Zarenbesuchs verlautbar wurde, ließ denn auch die Versicherung nicht vermissen, daß mit der Befestigung der Freundschaft mit Rußland keine neue Orientierung der italienischen Politik beabsichtigt sei.;
Trotz der für Oesterreich-Ungarn unfreundlichen Begleiterscheinungen der Zarenreise hat man sich weder in Deutschland noch auch in Wien und Pest irgendwie erregt und die Unbesonnenheit italienischer Blätter tragisch genommen. Als Hauptpunkte zwischen Tittoni und Jswolski sind der Status quo auf dem Balkan und die Kretäfrage bezeichnet ivorden. Wirkliche Gegensätze zu der Politik Oesterreich-Ungarns können sich dabei nicht herausgestellt haben; denn von Wien aus
Holdfieber.
Roman von Lothar Mehnert. 26
„Das hätte sie nie erfahren. Ich hätte versucht, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu machen."
Hart lachte der Bankier auf. „Das denkst Du jetzt, weil sie tot ist! Lebte sie, würden Deine Empfindungen ganz andere sein. Wenn ein Mann vlötzlich dem Weibe, das er liebte, seine Neigung entzieht: was meinst Du wohl, was da gewöhnlich im Spiel ist?"
„Ich verstehe nicht.. ."
„So will ich also deutlicher sein. Entweder ist es Ehrgeiz, vielleicht um Karriere zu machen, öderer ..."
„Oder er?" wiederholt Romano erregt."
„Oder er .." Helborne macht eine kleine Pause, bevor er mit besonderem Nachdruckfortfährt.. „liebt eine andere!"
Romano fährt auf. „Du sprichst, wie Du es verstehst!" ruft er gereizt.
„Natürlich. Bist Du etwa anderer Meinung?"
Romano schweigt. Was soll er dem Manne auch sagen?
„Nichts für ungut!" Helborne lacht spöttisch. „Sprechen wir von etwas anderem. Was gedenkst Du mit dem alten Narren anzufangen?"
„Ich .. ich weiß noch nicht. Vielleicht. .* murmelt Romano, noch mit seiner Verlegenheit kämpfend.
„Schick' ihn nach Kapstadt zurück!"
„Aber wenn er dort ankommt und findet seine Tochter nicht."
, „Na, was weiter?"
„Er wird wahnsinnig werden vor Verzweiflung."
„Dann steckt man ihn dort in ein Irrenhaus. So pflegt man es gewöhnlich mit verrückten Leuten zu machen."
Ein Frösteln üb erfüllt Romano. Mit welcher Gleichgültigkeit der Mann da vor ihm vom Irrenhaus spricht.
Samstag, den 30. Oktober
ist nach der Annexion Bosniens und der Herzegowina wiederholt feierrich erklärt worden, daß Oestecceiä Ungarn keine weiteren Aspirationen verfolge, vietme.,; den gegenwärtigen Stand der Dinge in den Balkanstaaten zu erhalten wünsche, und was die Kretasrage betrifft, so haben Deutschland und Oesterreich-Ungarn ihre Erledigung bekanntlich zunächst den vier Schutz- mächten Rußland, England, Frankreich und Italien überlassen. Es ist daher auch noch nicht abzusehen, welche praktischen Ergebnisse des Zarenbesucys in Widerspruch mit den Bündnispflichten Italiens stehen könnten.
Deutsches Reich.
— Ein Schellenbaum als kaiserliches Geschenk. Der Kaiser hat dem New-Aorker Kriegenbund zu seinem 25jährigen Jubiläum einen Schellenbaum als Gabe zu- gehen lassen. Der Schellenbaum kam anläßlich des großen Zapfenstreiches, der die Feier bisweilen ein- leitete, zum ersten Male zur Anwendung und erregte in New-Iork großes Aussehen, da ein derartige Musikinstrument bisher in Amerika wenig bekannt war.
— Dresden Momag nachmittag 6 Uhr empfing Königs Friedrich August im Schloß Pillnitz den Reichskanzler von Bethmann Hollweg in Audienz. Unmittelbar daran schloß sich eine Tafel, zu der außer dem Reichskanzler auch sein Adjutant Hauptmann von Schwartzkoppen, sowie sämtliche Staatsminister gelob waren. Abends fand eine musikalische Soiree sta t, der außer den Erwähnten sämtliche Prinzen um Prinzessinnen des Königlichen Hauses, sowie Fürst und Fürstin zu Hohenlohe-Bartenstein erschienen waren. — Der König hat dem Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg den Hausorden der Rautencrone und Hauptmann von Schwartzkoppen den A^ rechls-Orden erster Klasse verliehen. Am Dienstag vormittag 10 Uhr er« folgte die Rückreise des Reichskanzlers nach Berlin.
— Gesetze, die noch nicht in Kraft traten. Von den in der letzten Reichstagssession erledigten größeren Gesetzen sind einige noch nicht in Kraft getreten. Dazu gehört einmal die Gewerbeordnungsnovelle vom 28. Dezember 1908. Sie erlangt am 1. Januar 1910 Geltung, abgesehen von den Vorschriften über die in Kokereien und zum Transport von Materialien bei Bauten sowie unter Tage beschäftigten Arbeiterinnen, die erst am 1. April 1912 in Wirkung treten. Trotzdem sollte man sich aufseiten der Arbeitgeber schon jetzt eingehend mit dem Inhalte der Novelle vertraut machen.
Als sei das etwas Alltägliches! „Im Gegenteil!" ruft er erregt, „ich möchte ihn abhalten, nach Kapstadt zurück- zukehren, wenigstens vorläufig. Er ist sonst geistig ganz gesund. Vielleicht kann ich ihm die Nachricht vom Tode der armen Gerda nach und nach beibringen. . .."
„Und dann seinen ganzen Zorn auf Dich laden, wie? Ist Dir noch nie eingefallen, daß dieser Meuch, dessen Hirn schon einen kleinen Knacks hat, plötzlich ganz verrückt werden und Dich und mich und uns alle für seine Feinde ansehen und uns die größten Unannehmlichkeiten bereiten kann?"
„Das glaube ich denn doch nicht, Helborne. Indessen möchte ich ihn doch nicht allein reisen lassen."
„So reise mit ihm!"
„Aber Deine Pferde? Das Wettrennen?"
„Wird alles auch ohne Dich weiter gehen. Hast ja Fernando tüchtig eingeschult. Außerdem: für Dein Fortkommen drüben ist gesorgt. Ich habe mit Deinem Gelde spekuliert. . wieimmer glücklich," fügt er spöttisch hinzu. „Du nennst zehntausend Pfund Sterling Dein eigen. Auch gebe ich Dir Dein Gehalt noch ein Jahr weiter ..."
Romano springt auf. Er ist bleich geworden. „Das sieht ja beinahe aus, als wolltest Du mich los sein, Helborne?"
„Wieso? Durchaus nicht," erwiderte der Bankier mit verletzender Ruhe. „Ich will nur Dein Bestes."
„Und ich ..."
„Nun und Du? Du nimmst natürlich meinen Vorschlag mit Dank an."
„Nein."
„Nicht?" Helborne fragt es gedehnt. Seine Blicke ruhten durchdringend auf dem erregten Gesicht des Freundes.
„Nein," wiederholt Romano fest.
„Auch gut. Uebrigens wußte ich, daß Du meinen Vorschlag nicht annehmen würdest."
„Warum hast Du ihn mir dann gemacht?"
„Weil ich ganz sicher sein wollte."
9 60. Jahrgang.
Wenn sie auch in der Hauptsache die Beschäftigung der Arbeiterinnen betrifft, so berührt sie doch die weitesten Gew. bezweige. Ferner tritt am 1. Januar 1910 in Kraft das umfangreiche Gesetz über den privaten Versicherungsvertrag. Dieses Gesetz bedurfte zu seiner Durchführung ) ch vieler Vorarbeiten, z. B. bezüglich der Normierung der Versicherungsbedingungen der Feuervefficherungsge>ellschaften, die inzwischen unter Mitwirkung des Kaiserlichen Aufsichtsamtes für Privat- versicherung auch e folgt sind. Im Gesetz war daher bestimmt, daß der Zeitpunkt seines Inkrafttretens durch kaiserliche Verordnung mit Zustimmung des Bundesrats festgesetzt werden sollte. Würde dies nicht geschehen, so soll das Gesetz am I. Januar 1910 in Kraft treten. Eine kaiserliche Verordnung ist aber bisher nicht ergangen. Das Gesetz selbst bringt große Erleichterungen für die Versicherungsnehmer, und die Interessenten werden gut tun, sich beizeiten mit den neuen Be» stimmungen vertraut zu machen. Schließlich noch das Gesetz zur Verhütung von Viehseuchen, das ebenfalls erst noch durch kaiserliche Verordnung in Kraft gesetzt werden muß. Wann diese erfolgen wird, ist vorläufig noch nicht abzusehen, da für die Ausführung des in viele Verhältnisse einschneidenden Gesetzes noch umfassende Vorbereitungen nötig sind.
— Kürzlich trafen die Mitglieder der Theologischen Fakultät zu Greifswald auf Schloß Ralswieck ein, um einer Einladung ihres Ehrendoktors, des bekannten Parlamentariers und Volksfreundes Grafen Douglas Folge zu leisten. Die durch widrige Umstände mehrmals verschobene Veranstaltung war vom herrlichsten Wetter begünstigt, und der prächtige Herrensitz bot im Hecbsts hmuck der Wälder ein märchenhaftes Bild. Zu dem Festmahle vereinigten sich noch die Spitzen der Behörden und die Vertreter des Kreises im Parlament mit der Familie des Grafen und seinen Gästen; u. a. war auch Ministerialdirektor Dr. Naumann zugegen. Bei der Tafel begrüßte der Graf seine Gäste und sprach insbesondere der Theologischen Fakultät seinen Dank für die jhm verliehene Doktorwürde unter dem Gesichtspunkte aufs neue aus, daß ihm dadurch für bestimmte Seiten seines Wirkens eine höchst wertvolle Unterstützung von einer so autoritativen Stelle zuteil geworden sei. Er versprach sich dann zunächst eine Stärkung seines noch immer nicht genug bekannten und geschätzten Trostbundes sowie eine vollständige Durchführung seines Antrages das Militärgesangouch betreffend, als den beiden Leistungen, deren sein Diplom namentlich gedenke.
„Ich danke für die Ehre, Dein Versuchskarnickel zu sein, Helborne!"
Schweigend winkt der Bankier ab. Seine spöttisch« Ruhe steht in einem merkwürdigen Gegensatze zu der Erregung seines Freundes. Als gleich darauf Romano, im Innern tief verletzt, das Bureau verläßt, gähnt die Kluft zwischen beiden tiefer denn je. I
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Charles van Niesten hat sich nach vielem Hin und Her überreden lassen, an seinen Chef, den Direktor der Nationalbank in Kapstadt, um Nachurlaub zu telegraphieren. Umgehend trifft die Antwort ein: „Weitere drei Monate bewilligt." ;
Doch der ehrliche Charles ist nicht mehr mit voller Befriedigung in Rom. Oft findet Romano ihn wehmütig in seinem Stübchen sitzen und vor sich hinstarren.
„Es ist nichtrecht, daß ich Gerda so lange allein lasse," murmelt er dann erregt vor sich hin. „Wenn ihr etwas während meiner Abwesenheit passierte! Ein Glück nur, daß ich ihr den Bräutigam gleich mitbringe!"
Eine neue Unruhe erwächst für den Alten, als nach fünf Wochen noch kein Brief von seiner Tochter eingetroffen ist.
„Vier Wochen braucht ein Brief," rechnet er. „Sollte sie während der ersten acht Tage gar nicht an ihren alten Vater gedacht haben? Merkwürdig!"
Auch William Helborne wird seit Messens Besuch auf seinem Bureau von steigender Unruhe geplagt. Die stete Frage: Weiß der Alte am Ende von jener Scheckfälschung . . oder weiß er nichts ? regt ihn dermaßen auf, daß er sich vornimmt, der Sache auf die Spur zu kommen. Aber wie? Er grübelt...
Ha, gefunden! Er wird den „ehrlichen Charles'? in seinem Bureau beschäftigen, und zwar ganz privat. Mag er ihm die englischen Korrespondenzen führen, die schlagen ja in sein Fach. 161,18