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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__ vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
tM 85. Samstag, den 23. Oktober 1909 60. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Vom Minister der öffentlichen Arbeiten ist den Provinzialbehörden ein Erlaß zugegangen, der sich in ausführlicher Weise mit der Baupolizei auf dem platten Lande und namentlich mit den ländlichen Bauordnungen beschäftigt. Der Minister wünscht, daß bei Ausübung der Baupolizei auf dem platten Lande künftig mehr als bisher aus die wirtschaftlichen Verhältnisse Rücksicht genommen wird. Da dies ohne Schädigung der Autorität des Gesetzes nicht dadurch erreicht werden kann, daß allgemein Ausnahmen von den geltenden Vorschriften gewahrt werden, so sollen die Bestimmungen selbst so gestaltet werden, daß sie ein zweckmäßiges Bauen bei Vermeidung unnützer Kosten ermöglichen. In dieser Beziehung gibt der Erlaß wichtige Fingerzeige, die auf die Milderung einer Anzahl der jetzt üblichen Forderungen abzielen. So sollen die Maße für den Abstand der Gebäude von der Straße, von der Nachbargrenze und von anderen Gebäuden nach Möglichkeit, d. h. soweit es die Rücksicht aus die Feuersicherheit, die Gesundheit und den Verkehr irgend zuläßt, herabgemindert werden. Von ganz wesentlicher Bedeutung sind einige Zugeständnisse, die sich auf die Brandmauern beziehen. Das häufig als lästig empfundene Ueberdachführen dieser Mauern wird als nicht mehr erforderlich bezeichnet, das Einlegen von Balkenköpfen in die Brandmauern, wenn hinter dem Holz noch eine halbe Steinstärke vorhanden ist, für zulässig erklärt; in beschränktem Umfange soll auch die Anbringung verglaster Oeffnungen gestattet sein usw. Erfreulich ist weiter das auch der Heimat- schutzbewegung entgegenkommende Streben, die sogenannte weiche Bedachung der Gebäude mit Stroh oder Rohr da, wo sie üblich ist, noch Möglichkeit zu erhalten. Besondere Fürsorge wird endlich dem sogenannten Kleinwohnungsbau auf dem Lande zuteil, der durch Gewährung weitgehender Vergünstigungen in bezug auf die Konstruktion gefördert werden soll. Wenn die Ab» sichten des Ministers durch eine entsprechende Aenderung der Bauordnungen überall Berücksichtigung finden, so dürfte damit den berechtigten Wünschen der landwirtschaftlichen Kreise in ausgiebigem Maße Rechnung getragen werden.
— In Weißenburg fand am vergangenen Sonntag die Enthüllung des französischen Kriegerdenkmals statt. Den aktiven französischen Offizieren war die Teilnahme an der Feier untersagt worden.
Hotdsieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 24
Doch die nächsten Tage vergehen angenehmer, als Romano gefürchtet. Er selbst ist fast immer vom Hause abwesend, da die Vorbereitungen zu dem nächsten großen Wettrennen seine Zeit noch mehr in Anspruch nehmen als sonst. Und der alte Messen, sich selbst überlassen, bummelt planlos in den Straßen der ewigen Stadt umher, hier vor einem Denkmal stehen bleibend, dort eine moosbewachsene Ruine kopfschüttelnd betrachtend, oder er steigt in irgend einer Galerie herum, weil sie ihm gerade auf dem Wege liegt, und tritt in eine der vielen erhabenen Kirchen, 'deren Türen offen stehen, alles ohne besondere Teilnahme, denn Gerda ist ja nicht da, ine Freude mit ihm zu teilen.
Nur nach der Peterskirche führt ihn sein Weg öfter. Er hat herausgefunden, daß das Gesicht eines marmornen Engels, der an dem Sarkophag eines der dort ruhenden Päpste Wache hält, seiner Tochter ähnelt. Täglich fast steht nun der alte Mann mit gefalteten Handen vor der Marmorgruppe, blickt in das lächelnde Engelsantlitz und denkt dabei: „Was Gerda jetzt wohl zu Hause macht? Ob sie auch gerade an ihren alten Vater denkt? Wie schön wird es sein, wenn rch sie erst wieder bei mir habe!"
' Vier Wochen sind verflossen. Der alte Niessen muß bald wieder an die Abreise denken. Ein paarmal schon hat er zu Romano davon gesprochen. ,
„Sie kommen doch mit, lieber Schwiegersohn?
Nur mit größter Mühe gelang es dann Romano, dem Alten diesen Gedanken auszureden, unter dem Vor- wande, daß er sich William Helborne verpflichtet habe und vor dem nächsten Wettrennen unmöglich fort könne.
«Gut, dann kommen Sie nach," entscheidet der ehr
— In einem Runderlaß des Ministers des Innern an die Regierungspräsidenten wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Zahlung eines Gnadengeschenks bei der Geburt von achten Knaben für Rechnung des Allerhöchsten Dispositionsfonds bei der Generalstaatskasse nicht erfolgen darf, da die Ermächtigung zur Zahlung eines solchen sich nur auf Fälle der Uebernahme einer landesherrlichen Patenstelle bei siebenten Knaben erstreckt. Seine Majestät pflegt aber bei achten, in derselben Ehe in ununterbrochener Reihenfolge geborenen Knaben eine persönliche Patenstelle zu übernehmen, auch wenn bei dem vorhergegangenen siebenten Knaben schon die Uebernahme einer landesherrlichen Patenstelle durch den Regierungspräsidenten ausgesprochen worden ist. Die Schatullverwaltung ist im Falle der Bedürftigkeit zur Zahlung eines ‘ Patengeschenks von sechzig Mark ermächtigt.
— Am 1, Dezember d. Js. findet wieder eine außerordentliche Viehzählung im preußischen Staate statt. Man darf wohl annehmen, daß es wie bei früheren Zählungen, auch diesmal gelingen wird, Personen zu gewinnen, die sich dem Zählgeschäste ohne Anspruch auf eine Vergütung unterziehen. Zu diesem Zwecke sollen die Staats- und Gemeindebeamten, insbesondere die Lehrer, zur Beteiligung an der Zählung angeregt werden. Vergütungen an Zähler aus der Staatskasse können nicht gewährt werden. Die Gemeinden und Gutsbezirke, denen die örtliche Ausführung der Zählung obliegt, haben daher die Annahme von Zählern gegen Bezahlung zu vermeiden, sofern sie die Kosten der Bezahlung nicht selbst zu übernehmen bereit sind.
— Nach der „Tribuna" dürfte die Anlage einer Telephonverbindung zwischen Italien und Deutschland in kürzester Zeit vollendet sein. Das Telephon geht von Mailand aus und folgt dann der Gotthardbahn, um in Frankfurt a. M. zu endigen. Die Schweiz, die an dieser Verbindung unbeteiligt ist, erhält von Deutschland und Italien eine Entschädigung. Der Tarif für die Benutzung des Telephons ist zwischen den beiden Staaten bereits festgesetzt.
— Der Reichsetat für 1910 ^befindet sich bereits im Druck. Die Verhandlungen zwischen dem Reichsschatzamt und den verschiedenen Ressorts des Reiches sind im wesentlichen beendet. Der Etat kann daher im Laufe der nächsten Woche schon dem Bundesraie zugehen.
— An den Gerüchten über militärische Neuforder
liche Charles. „Ich darf meine Gerda nicht mehr länger allein lassen. In acht Tagen reise ich."
Nun zermartert Romano sein Hirn, wie er van Messen abhalten könne, jetzt schon nach Kapstadt zurückzu- kehren. Wenn er dort einträfe und seine Tochter nicht vorfände .. großer Gott! Und kein Mensch dort, der sich oes Alten in seiner Verzweiflung annahm!
Einmal versucht Romano vonjener verhängnisvollen Ozeanreise zu sprechen und erwähnt dabei vorsichtig, Gerda habe den Vater auf das Schiff begleitet. Doch der Alte sieht ihn so verständnisvoll an, daß er sofort abbricht. Wiederholt hat Romano auch gebeten, Messen möge William Helborne einen Besuch machen. Es sei unhöflich, wenn er es unterließe.
Mit zäher Burenhartnäckigkeit weigerte er sich aber stets. Er wolle mit dem Protzen nichts zu tun haben, erklärte er.
Da der Alte eines Tages, wie gewöhnlich, planlos durch die Via Nationale schlendert und was er schon oft getan,bewundernd vor dem Prachtgebäude der italienischen Nationalbank stehen bleibt, schreitet eine hohe Männergestalt in Zylinderhut und gelben Glacehandschuhen an ihm vorbei, die breiten Marmorstufen hinauf Etwas in Gang und Auftreten des Mannes kommt Charles bekannt vor. Er starrt ihm nach und sieht, wie oben der Diener mit einem untertänigen Bückling die Tür ausreißt.
Das muß William Helborne sein I denkt Charles und geht ein Weilchen vor dem Hause auf und ab, um den Herrn herauskommen zu sehen.
Und richtig: stolz, aufrecht, ohne rechts oder links zu blicken, steigt der Bankier bald darauf die Treppe herab. Der Alte folgt ihm in einiger Entfernung. Der Wunsch wird plötzlich in ihm rege, zu sehen, wo der von ihm Verachtete wohnt, ja ihn aufznsuchen.
Wie für jeden Fremden, ist auch für ihn die Zulassung zu dem Privatbureau des Bankiers überaus
ungen im nächsten Reichshaushaltsetat ist nur soviel richtig, daß am 1. Oktober 1910 in Erfurt ein Stab der 38. Kavalleriebrigade und das Jägerregiment Nr. 6 errichtet werden soll, das mit dem in Langen- salza garnisonierenden Jägerregiment zu Pferde Nr. 2 die genannte Brigade bilden wird. Mit diesem Zeitpunkt verfügt dann jedes preußische Armeekorps über mindestens zwei Kavalleriebrigaden mit mindestens je zwei Regimentern.
— Die deutschen Luftschiffmanöver in Köln werden am nächsten Montag ihren Anfang nehmen und werden Gelegenheit bieten, die drei Hauptsysteme des deutschen Lenkballons zu vergleichen; gleichzeitig wird man das seltene Schauspiel genießen können, drei lenkbare Luftschiffe („Z. II", „P. II" und „Groß II") nebeneinander manöverieren zu sehen. Die Manöver werden drei bis vier Wochen dauern und es wird versucht werden, möglichst lange Zeit mit einer Gasfüllung ohne Nach- füllungen auszukommen. Den Schluß der Manöver bildet eine Vergleichsfahrt aller drei Ballons. Zur Bedienung der Ballons und für die Besatzung der Gondeln sind 5 Offiziere und 207 Mann des Luftschifferbataillons in Köln eingetroffen. „Z. II" ist bereits seit Wochen in Köln, der „Parseval II" ist jüngst mit der Bahn angelangt „Groß II" wird in den nächsten Tagen erwartet. In Köln wird später nur „P. II" bleiben, die beiden anderen sollen nach Metz übersiedeln.
Ausland.
— Wie auf Kommando haben die deutschfeindlichen Kundgebungen des Präger Tschechenpöbels bei Gelegenheit des ersten Studentenbummels nach den Universitäts, ferien wieder eingesetzt. Gegen Mittag kamen Tausende tschechischer Krawallmacher angerückt, versuchten ganz wie im Vorjahr die Studenten vom Graben hinaus- zudrängen, schwangen Stöcke und bedrohten einzeln promenierende deutsche Studenten. Es kam vielfach zu wüsten Szenen. Die Polizei, die in großer Zahl ausgerückt war, hatte Mühe, die Studenten zu schützen. Es wurden mehrfache Verhaftungen vorgenommen.
— Wieder werden neue Bombenexplosionen in Barcelona gemeldet. So hat in der Kaserne Roge de Flor eine Bombenexplosion stattgesunden, durch die mehrere Soldaten schwer verwundet worden sein sollen. Das Attentat sei gegen den Generalkapitän gerichtet gewesen, doch explodierte die Bombe noch vor dessen Ankunft. In Valencia hat die Polizei ein Waffenlager
schwierig. Erst als er Romanos Namen nennt, in dessen Auftrag er käme, läßt man ihn vor.
Helborne ist gerade an seinem Schreibtische beschäftigt, als die Tür sich öffnet und der alte Messen langsam über die Schwelle tritt. Der Bankier beachtet den Eintretenden nicht gleich. Der Alte hat also Muße, sich ein wenig umzublicken. Gutgelaunt scheint die Sonne mit voller Glut auf die herabgelassenen, goldfarbenen Vorhänge, das ganze Zimmer „wie in Gold" tauchend. Wie geblendet schließt Charles die Augen. Nein, welche Pracht!
Jetzt hebt William Helborne den Kopf. Ein Ausruf des Staunens entfährt seinen Lippen. „Messen! Sie? Einen Augenblick, bitte! Stehe gleich zu Ihrer Verfügung. Bitte, nehmen Sie Platz!"
Der Alte setzt sich und wartet. Endlich hat Helborne seinen Brief beendet.
„Warum ließen Sie sich nicht unterJhrem Namen melden, Messen?"
„Ich glaubte, Sie würden mich dann nicht empfangen, Herr Helborne." /
„Warum?"
„Hm, ich dachte bloß."
Ein forschender Blick streift den ehrlichen Charles. Wieder kommt dem Bankier der Gedanke, ob der Alte doch wohl nicht ganz so beschränkt sei, wie man allgemein annimmt, ob er am Ende gar etwas von jenem Scheck wisse, jenem Scheck vor sieben Jahren.
„Wann sind Sie angekommen?" fragte er nervös.
„Vor vier Wochen."
„So lange schon! Und Ihre Tochter?"
„Ist in Kapstadt geblieben." 161,18
Wieder blickte Helborne sein Gegenüber betroffen an. Was ist's mit dem Alten? Macht er nicht den Eindruck, als sei er seiner Sache nicht ganz sicher, als müsse er erst in seiner Erinnerung nachforschen? Merkwürdig!