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mit amtlichem Areisblatl. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg._______
iM 83. Samstag, den 16. Oktober 1909 60. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlirchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der SchlÄchterner 1119 t# I Ht# Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Anstage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Zur Warnung.
In der trefflichen „Dorfzeitung" ist jüngst in Anlehnung an Ausführungen der „Hann. Land- und Forstwirtschaftl. Ztg." ein Aufsatz erschienen, dessen Inhalt eine so beachtenswerte Warnung enthält, daß ‘ wir im Interesse unserer gesamten Leser in Stadt und Land zu handeln glauben, wenn wir denselben in folgendem wiedergeben.
Von gewissen Banken wird nämlich der Plan verfolgt, durch Errichtung von Spargelder-Annahmestellen an allen Orten der Provinz, auch auf den Dörfern, alle die sauer erworbenen Spargroschen der Bevölkerung auszusaugen. Selbstverständlich verbindet man mit diesem Plane auch die Hoffnung, den Leuten Wertpapiere zu verkaufen. Was es für Wertpapiere sind, die durch solche Geschäfte und durch Reisende dem Publikum aufgehalst werden, davon können leider schon viele ein Lied singen. Dem Schreiber ist es zum Beispiel bekannt, daß in der Gegend von Burgdorf bei Hannover den Leuten gewisse amerikanische Eisenbahn- Obligationen mit 93 v. H. verkauft sind, von denen sich herausstellte, daß sie mit 68 v. H. an der Londoner Börse gehandelt wurden. Gute, solide Anlagepapiere werden unter allen möglichen Redensarten den Leuten „ausgeuzt", wie der schöne technische Ausdruck lautet, und irgendwelche sehr zweifelhafte Industrie-Obligationen werden dafür hergegeben. Leider melden sich viele Hereingefallene nicht, weil es ihnen unangenehm ist, daß es bekannt wird.
Wohin soll es führen, wenn die Bevölkerung diese Eindringlinge unterstützt? Nicht einen Groschen sollte man diesen allenthalben wie Unkraut aus der Erde wachsenden Spargelder-Annahmestellen anvertrauen. Wozu sind unsere Kreis-Sparkassen, Stadt-Sparkassen
Hotdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 22
Soeben hat der Dampfer „Scott" im Hafen von Ply- mouth angelegt.
Einer der ersten, der über die schmale Landungsbrücke eilt, ist Romano Perasini. Als er vor etwa drei Wochen van Nieffens Drahtmeldung aus Kapstadt erhielt, war er nicht sonderlich erfreut, besonders auch, weil er sich von William Helborne hatte acht Tage Urlaub geben lassen müssen.
„Verrückter Einfall von dem Alten," knurrte er ärgerlich. „Und gar noch mich nach Plymouth zu bestellen! Können die beiden nicht ohne mich in der Eisenbahn fahren?"
Doch nach und nach verwandelte sich der Aerger in Gleichmut, und auch die Erinnerung an Gerda wachte in ihm auf und stimmte ihn weicher.
Jetzt fährt er auf der Gotthardbahn. Silberglitzernde Wasserfälle, die in tiefen Klüften schäumen, schwermütig brütende Wälder. Gletscher und Firnen fliegen an ihm vorüber.
Es geht in die Ebene .. weiter und weiter, England entgegen. Endlich ist der Hafen von Plymouth erreicht.
Er eilt über die Landungsbrücke auf das Schiff.
Vergebens hat er beim Rahen des Schiffskolosses vom Kai aus nach Gerdas zierlicher Gestalt ausgespäht. Eine Menge blonder und brauner Mädchenköpfe lugen über die Reeling; Tücher flattern, Hände winken, lachende Augen grüßen herab .. aber Gerda ist nicht unter ihnen. Sie wird in ihrer Kabine sein! sucht Romano sich zu trösten. Jedoch beschleicht ein erkältendes Gefühl sein Herz.
Auch jetzt, da er hastig das Deck entlang schreitet, auf welchem das regste Treiben herrscht, weil ein großer Teil der Reisenden bereits in Plymouth das Schiff verläßt, um die zweistündige Themsefahrt bis London zu
und Gemeinde-Sparkassen und in erster Linie die zahlreichen ländlichen Spar- und Darlehnskassen geschaffen? Sie gewähren den Einlegern bei unbedingter Sicherheit einen zeitgemäßen Zinsfuß. Der in den meisten Fällen etwas höhere Zinsfuß, der von den Annahmestellen gewisser Banken gezahlt wird, sollte das Publikuni nicht verleiten, die Gelder den letzteren zu geben, sondern schon dieser höhere Zinsfuß sollte Mißtrauen erwecken; denn es ist zu bedenken, daß die Banken doch auch Kosten zu decken haben. Ich weiß, daß ein von den Banken angestellter Spareinlagen-Sammler *A v. H. als Provision für die gesammelten Einlagen erhält.
Das Geld, das auf diese Weise dem Lande entzogen wird, verschwindet ein für allemal aus den Kreisen, die es mühsam erspart haben, es fließt der Industrie zu. Die Gelder aber, welche den vorhin genannten berufenen Sparkassen und Genossenschafken zufließen, bleiben auf dem Lande und stiften Gutes. Selbst ein großer Teil der Ueberschüsse wird verwendet zum Nutzen der Bevölkerung durch Landstraßen- und Wege-Verbesserungen, durch Beihilfen für wohltätige Zwecke usw. Sparkassen und Genossenschaften sind gegründet, um dem „kleinen Mann" zu dienen, und sie haben in der Tat ihre Aufgaben bisher in anerkennenswerter Weise erfüllt. Wie kann man so schnell vergessen?
Wie war es denn noch vor wenigen Jahrzehnten? Eine beschämende Abhängigkeit von den Geldleuten bedrückte die Bevölkerung der kleinen Städte und des Platten Landes. Niemand kann solche Zustände wieder herbeiwünschen. Wenn sich der einzelne durch etwas höhere Zinsen (das ganze Jahr wenige Mark) verleiten läßt, seinen heimischen Instituten untreu zu werden, so ist das ganz unbegreiflich; denn der gesunde Verstand und das Gefühl der Solidarität, denen wir die unbezahlbaren nützlichen Institutionen zu verdanken haben, können doch bei unserer biederen Landbevölkerung nicht versagen, wenn fremde Elemente sich hindurchdrängen in die friedlichen, gesunden Verhältnisse. Sollen die selbstgeschaffenen Einrichtungen, die so unendlich viel Gutes geschaffen haben, nicht in ihren Aufgaben beschränkt werden oder sogar zugrunde gehen, so ist es durchaus notwendig, den Eindringlingen die Tür zu weisen. Sie haben nur einzig und allein ihre eigenen Interessen im Auge, während die Interessen der Kleinbürger und Landwirte durch die vorhandenen Sparkassen und Genossenschaften vertreten werden, ohne daß Sondervorteile dabei gesucht werden. Es
ersparen .. auch jetzr ist von Gerda nichts zu sehen. Er wendet sich an den ersten besten Steward, der ihm begegnet.
„Ist nicht ein Passagier mit Namen van Messen an Bord?"
„Van Messen?" lautet die sichtlich verlegene Erwiderung. „Ja, gewiß."
„Wo ist er denn?"
Doch der Steward ist schon fortgeeilt. Romano blickt ihm verwundert nach. Sieht das nicht beinahe aus wie eine Flucht?
Da löst sich aus einer Gruppe eine behäbige Männergestalt. Sie ist bereits vollständig reisefertig .. mit Ueberzieher und Plaid am Arme.
„Hallo, alter Junge! Da sind Sie ja! Grüß Gott!" ruft Charles van Messens fröhliche Stimme dem jungen Manne entgegen.
Herzlich schüttelt Romano die dargebotene Hand. „Grüß Gott Schwiegervater! Willkommen in Europa! Aber wo ist Gerda?"
„Hm, mein Junge, seien Sie nicht böse," versetzt Charles van Niesten halb bedauernd. „Gerda ist nicht mitgekommen. Sie war nicht wohl."
„Wie?"
Romano blickt verwundert in die Runde. Er glaubt, der Alte mache sich nur einen Spaß und er müsse jeden Augenblick hinter einer Bank oder einem Haufen Taue Gerdas lustiges Gesichtchen hervorlugen sehen. Da fällt sein Blick auf den Schiffsarzt, der dicht hinter Niesten steht und leise den Kopf schüttelt. Romanos Verwunderung wächst. Auch ist ihm, als blickten die Reisenden ihn so merkwürdig an .. voll Teilnahme oder Mitleid.
Jetzt tritt der Arzt auf ihn zu. „Herr van Messen erwartet einen Herrn Namens Perasini. Sind Sie das?" Und da Romano bejaht, fährt er fort: „Doktor Kubin ist mein Name. Ich binderSchiffsarzt."
Dann, ehe Romano noch etwas sagen kann, wendet
muß daher Grundsatz jedes einzelnen sein, seine Spargroschen nur den öffentlichen Sparkassen oder den Spar- und Darlehnskassen zu geben. Privatbanken, besonders solchen, die auf dem Lande durch Annahmestellen und Agenten sich förmlich aufdrängen, sind für Spareinlagen unbedingt auszuschalten, sowohl im Interesse des einzelnen als der Gesamtheit. w.
Deutsches Reich.
— Besuch des österreichischen Thronfolgers am Berliner Hofe. Wie der Berliner Korrespondent der „N. Fr. Pr." erfährt, werden der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin am 12. November in Berlin eintreffen. Der Erzherzog fährt zu den Hof- jagden in die Provinz Hannover, während die Herzogin Hohenberg vier Tage bei der Deutschen Kaiserin verbleibt.
— Fürst Bülow beim Kaiserpaar. Die Meldung vom Berliner Besuche des Fürsten und der Fürstin Bülow zum Geburtstage der Kaiserin, resp, zur Teilnahme an der Konfirmation der Prinzessin Viktoria Luise am 22. d. Mts. ist amtlich bestätigt worden. Dieser Besuch ist das denkbar bündigste Dementi aller Redereien, die von einer Verstimmung zwischen Kaiser Wilhelm und dem vierten Reichskanzler zu erzählen wußten und insofern auch als ein politisches Ereignis von nicht geringer Bedeutung anzusehen. Norderney hat der Fürst bereits verlassen und weilt z. Z. auf seiner Besitzung Kleinflottbeck.
— Auf Schloß Blankenburg wurde die Verlobung der Prinzessin Sophie Renata Reuß i. L. mit dem Prinzen Heinrich XXXIV. Reuß j. L. veröffentlicht.
— In Halle und im Saalkreis finden die Ut« Wahlen am 5. November, die Abgeordnetenwahlen am 3. Dezember statt.
— Die gesetzgeberischen Arbeiten im Reichstage haben ihren Anfang genommen. Am Mittwoch hielten bereits mehre Ausschüsse des Bundesrates Sitzungen ab.
— Der Reichstag wird im letzten Drittel des Monats November einberufen werden.
— Berlin. In der Montags Sitzung des Zentral- ausschusses der Reichsbank wurde nach etwa einstündiger Beratung beschlossen, den Zinsfuß der Reichsbank von 4 auf 5 Proz. und den Lombardzinsfuß von 5 auf 6 Proz. zu erhöhen.
— Nürnberg. Parseval III ist Mittwoch um 9 Uhr 55 Minuten aufgestiegen. Die Fahrt ging direkt nach Augsburg, wo eine Landung, eventuell auch eine
er sich zu dem alten Buren, der ungeduldig scheint, an Land zu kommen.
„Mein lieber Herr van Messen, wollen Sie nicht Ihr Handgepäck aus Ihrer Kabine heraufholen lassen? Ich werde Herrn Perasini so lange Gesellschaft leisten."
Der Alte nickt und eilt hinweg, während der Arzt Romano eilig zuflüstert: „Kommen Sie mit in meine Kabine, mein Herr! Ich habe Ihnen etwas mitzutei- len."
Dann schritten die beiden das Deck entlang.
Romano wird immer unbehaglicher zu Mute. Was soll das alles bedeuten? Ihm ist, als schwebe ein Unheil in der Luft. Aber was, was? Ist Gerda krank? Und wenn sie krank ist, warum blieb ihr Vater nicht daheim bei ihr in Kapstadt?
Endlich ist die Kabine des Schiffsarztes erreicht.Schwei- gend deutet Dr. Kubin auf das kleine Sofa. Doch Romano setzt sich nicht. Er kann seine Unruhe nicht mehr bemeistern.
„Ich bitte Sie, Herr Doktor, erklären Sie mir,.. ist Fräulein van Messen hier?"
Der Arzt schüttelt den Kopf ohne zu antworten.
„Was soll das alles bedeuten?" ruft Romano jetzt erregt. „Man verheimlicht mir etwas. Warum ist Fräulein van Messen nicht an Bord?"
„Sie war an Bord."
Romano ist sehr bleich geworden. „War?" wiederholt er angstvoll. „War? Mein Gott, was ist geschehen? Reden Sie?" 161,18
Mit wenigen Worten und so schonend wie möglich teilt Doktor Kubin dem jungen Manne alles mit: wie seine Braut nachts auf Deck geblieben, das Fieber bekommen habe und während der Fahrt gestorben sei; wie ihr Vater, während sie ins Meer versenkt wurde, schwerkrank damederlag und als er genesen war, den ganzen tieftraurigen Vorfall vergessen hatte und auch jetzt unter keiner Bedingung daran glauben wollte, soviel man sich auch Mühe gab, ihn an den Gedanken zu gewöhnen.