SchWernerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 81.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
InenHaf-a finden in der Schlüchterner III3VI Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Aufilnge der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Die Kämpfe im Riefgebiet.
Die Siegesfeiern in Spanien sind verfrüht gewesen, der Krieg mit den Rifkabylen ist noch nicht zu Ende und erfordert sogar den Einsatz neuer Truppen. Es sieht ganz so aus, als ob die Spanier noch langwierige Arbeit vor sich haben. Dem Lande kann man nur wünschen, daß die stolze, kriegerische Stimmung der letzten Wochen auch bei neuen Rückschlägen standhalten möge. Andernfalls wären verstärkte innere Schwierigkeiten zu erwarten, die sich einer energischen Durchführung der nun einmal angefangenen Unternehmung mit Bleigewicht anhängen würden. Hier ist ein Moment, das die spanische Regierung zur Vorsicht veranlassen muß. Sie darf nicht erfreuliche, das spanische Selbstbewußtsein stärkende Erfolge, die in beschränktem Rahmen möglich sind, in Frage stellen, indem sie ihre Wünsche und Absichten zu weit spannt und damit die Wahrscheinlichkeit von schweren Fehlschlägen herauf- beschwört. Scho^MU Tomaten altertet' Nuchr^chtcu ii£>er_tnad?fw5en Zuzug für die Rifkabylen aus dem Innern Marokkos. Bei zahlreichen Stämmen soll der heilige Krieg gepredigt werden. Die Haltung Mulay Hafids flößt den Spaniern Besorgnis ein. Sie beginnen bereits zu fühlen, daß die von -ihnen verlangte und durch die Mächte ihnen eingeräumte Freiheit des Handelns sie unter Umständen vor sehr schwere Konsequenzen stellen kann. Auch fehlt es nicht an Zeichen des Mißtrauens in Paris. Ein zu starkes Wachsen des spanischen Ansehens in Marokko würde den Franzosen natürlich nicht erwünscht sein, und die Formel: „nicht Nebenbuhler, sondern Wettbewerber" verdeckt doch nicht ganz die schon vorhandenen eifersüchtigen Regungen. Neuerdings kommen sogar schon Meldungen von geplanten Entsendungen algerischer Truppen an
Samstag, den 9. Oktober 1909
60. Jahrgang.
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die marokkanische Grenze. Für den Sultan von Marokko liegt in dieser gegenseitigen Beobachtung der nächst interessierten Mächte eine gewisse Sicherheit. Ob er die Kunst seines Vaters, die Mächte gegeneinander auszuspielen, ererbt hat, muß man aber erst abwarten. Auch die finanzielle Frage hat für die Spanier erhebliche Bedeutung. Marokko ist mit alten Hypotheken schon so stark belastet, daß die Aussichten der Spanier, ihre Kriegskosten hereinzubringen, außerordentlich un» sicher sind. Alles das müßte die Spanier bestimmen, sich nicht zu tief in das marokkanische Abenteuer hineinziehen zu lassen. Man sieht aber auch daraus, daß die Besorgnisse, die einige Blätter bei uns haben, als sei jetzt die endgültige Aufteilung Marokkos vor der Tür, nicht stichhaltig sind.
Deutsches Reich.
— Königsberg. Der Kaiser ist mit dem Fürsten zu Dohna und den Herren des Gefolges am Dienstag um 12 Uhr 38 Minuten mittags hier eingetroffen und auf dem Bahnhöfe vom Oberpräsidenten von Windheim empfangen worden. Vom Bahnhöfe begab sich der Kaiser zu Wagen durch die im Flaggenschmuck prangenden Straßen nach der Kaserne des Grenadier- Regiments Nr. 3, wo die Ankunft etwa um 12 74 Uhr erfolgte. Der Kaiser schritt hier auf dem Platze vor der Kaserne die Front des Vereins ehemaliger Angehöriger des Regiments und dann die Front der im Viereck aufgestellten Stamm-Mannschaften des Regiments ab. Alsdann begab sich der Kaiser in das Offizierskasino zum Frühstück.
— Potsdam. Der Kronprinz unternahm auf dem Börnsteoter Felde einen Aufstieg mit Orville Wrjght. Später führte Wright einen Flug aus, bei dem der Aeroplan die Höhe von anscheinend 400 Metern erreichte. — Auf dem Flugplätze Johannistal führte der Aviatiker Rougier einen erfolgreichen Flug um den Belastungspreis aus, der 18 Minuten dauerte, er beendete seinen Flug erst bei der sechsten Runde. Farman legte 55 Kilometer zurück, als sein Apparat den Boden berührte und der den Flug aufgeben mußte. De Caters brächte es nur auf zwei Runden und landete, da er einen Zusammenstoß mit Latham befürchten mußte.
— Mit Bezug auf den Aufrui zur Begründung einer Bibliothek für die Kolonialtruppen erinnert das Centralkomitee vom Roten Kreuz daran, daß die Stiftung einer Büchersammlung von 8500 Bänden den
Abschluß des von der Vereinsorganisation für das Expeditionskorps in Südwestafrika ausgeübten Tätigkeit gebildet hat. Diese Stiftung könnte wohl für Südwestafrika den Grundstock der nach dem Aufrufe in Aussicht genommenen Bibliothek bilden, deren Wert in einer dauernden Ergänzung bestehen würde.
— Ein Passagierluftschiff. Direktor Colsmann soll von der Absicht gesprochen haben, ein größeres Luftschiff zu bauen, das den Verkehr nach den Nordseebadern, .ev. nach Kopenhagen und sogar nach England vermitteln soll und 30—40 Personen aufnehmen kann.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Hameln, die infolge der Ungültigkeitserklärung der Wahl der national- aberalen Abg. Hausmann notwendig geworden war, wurde Bürgermeister a. D. Hausmann mit 120 Stimmen wiedergewählt. 94 Stimmen entfielen auf den freikonservativen Gegenkandidaten Sanitätsrat Dr. Bartels.
— Die Ansiedlungskommission hat das 152 Morgen große Bauerngut Liffewo, Kreis Culm (Westpr.) aus polnischer Hano, ferner drei polnische Grundstücke aus Abrau, Kreis Tucyel, und ein Grundstück in Schlagen« thin, Kreis Konitz (Westpr.), für Besiedelungszwecke angekauft. Im Kreise Culm hat die Ansiedlungs- kommission bis jetzt 25 000 Morgen angekauft, die bis auf ein 23Q0 Morgen großes, noch nicht ausgelegtes Gut besiedelt sind. In den Kreisen Tuchel und Konitz besitzt die Kommission bereits 27 000 bezw. 12 200 Morgen.
— Die erste Million von Rentnern, die aus Grund des Jnvalidenversicherungsgesetzes Renten beziehen, ist erreicht. Nach dem neuesten Ausweise des Reichsversicherungsamtes gab es 877269 laufende Invaliden-, 104931 laufende Alters- und 18819 laufende Krankenrenten, zusammen 1001019 laufende Renten auf Grund des Jnvalidenversicherungsgesetzes. Die Alters- und Invalidenversicherung ist am 1. Januar 1891 eingeführt worden Es hat demnach eines Zeitraumes von 18 */2 Jahren bedurft, ehe die erste Million laufender Alters- und Invalidenrenten erreicht war. Wenn man sich erinnert, welche Schwierigkeiten selbst Fürst Bis- marck zu überwinden hatte, um das Alters- und In- validitätsgesetz in Reichstage durchzubringen, wird man mit um so größerer Genugtuung jetzt darauf blicken, daß über eine Million Personen der Segnungen dieses Versicheri tgszweiges teilhaftig sind.
— Eine sozialdemokratische Niederlage haben die Wahlen zum Kausmannsgericht in Dresden ergeben.
Holdsieber.
Roman von Lothar Mehnert. 20
„Großer Gott! Ihre Kleider sind ja ganz naß! Sie waren doch nicht an Deck?"
Wieder nickte Gerda. Sie ist zu schwach zum Sprechen.
Angstvoll forschend ruhen die Augen der erfahrenen Stewardeß auf dem jetzt to:enbleichen Gesicht des jungen Mädchens. Sie fühlt, wie die kleinen Hände zittern, wie ein Frostschauer den ganzen zarten Körper schüttelt. Sorglich geleitet sie Gerda in die Kabine. Dann holt sie sofort den Arzt.
Doktor Kubin schüttellbedenklich den Kopf. „Sie waren an Deck, Fräulein? Und haben oben im Freien geschlafen?"
»Ja."
„Wie lange?"
„Ich weiß nicht. Vieleicht eine halbe Stunde."
„Hm, hm."
Der Arzt heißt sie sofort zu Bett zu gehen. Warme Tücher werden über sie gelegt, Einreibungen gemacht. Trotzdem .. der Frost will nicht weichen.
Endlich, nach einen Glase heißen Grogs, legt sich der Schüttelfrost. Gewa schläft ein. Doch der Arzt läßt sich nicht täuschen. Erweiß, was solche Schüttelfröste unter dem Aequator b-deuten. Am Morgen teilt er Charles van Messen mit, daß seine Tochter erkrankt sei, und zwar sehr bedenklich.
Sofort eilte der Ale zu Gerda. Er findet sie in Fieberreden. Unruhig bewegt sich der blonde Kopf auf dem Kissen hin und her, wehrend wirre Worte von den trockenen heißen Lippen eilm.
Charles van Messen steht eine Weile wie hilflos da. Dann setzt er sich still neben das Bett seines kran- kenKindes und ist aug während des ganzen Tages nicht von hier wegzubringer. Er fühltnichtdie erstickende Hitze;
er sieht nicht den Arzt und die Stewardeß, die abwechselnd sich um die Schwerkranke bemühen; er hört nicht die ermahnenden Worte, sich ein wenig Ruhe zu gönnen. Alle seine Sinne richten sich auf den einen Punkt: dort vor ihm liegt sein einziges Kind, sein Augapfel, im Fieber.
So vergeht der Tag und die nächste Nacht. Am andern Morgen läßt das Fieber etwas nach. Das Bewußtsein kehrt zurück. Verständnisvoll blicken Gerdas große, glänzenden Augen den Vater an. Ein mattes Lächeln teilt ihre Lippen.
„Vater!" flüstert sie mühsam. „Ich fühle, daß ich sterben muß. Ich bin selbst daran schuld .. Warum ging ich nachts auf Deck. Weine nicht, lieber Vater. Es ist ..gut so. Aber eins versprich mir! Sage meinem Ro- mano, wie .. sehr ich ihn geliebt habe. Tröste ihn! Er wird sehr traurig .. sein, daß er seine kleine Gerda nicht .. wiedersehen soll. Ach, es ist auch traurig! So nahe .. bin ich ihm schon und . .
Ihre Stimnie erstirbt. Die Anstrengung ist zu groß.
Ein Schluchzen ringt sich aus der breiten Brust des Mannes. Seine Hände krampfen sich fest um die Lehne des eisernen Bettgestells. Sein Kind sterbend? Unmöglich ! Große Tränen rollen die gefurchten Wangen herab. Sie blenden ihm die Augen, daß er fast nicht sehen kann.
Bald darauf tritt der Arzt ein. Sein geübter Blick bemerkt sofort, was geschehen.
„Kommen Sie, Herr van Messen «"bittet er sanft.
Doch der Alte schüttelt den Kopf. Noch immer starren seine träneudunklen Augen auf das weiße Gesicht vor ihm.
„Kommen Sie!" wiederholt Doktor Kubin dringender. „Ihre Tochter schläft."
„Sie schläft?"
Zitternd ringt sich die Frage von den Lippen des alten Mannes. Er beugt sich nieder und küßt sein Kind auf den Mund.
Da .. ein markerschütternder Schrei.
Einen Augenblick noch steht die kräftige Gestalt wie erstarrt. Dann stürzt sie wie ein gefällter Baum zu Boden.
* *
Im Laufe des Vormittags schon durchfliegt ein Tuscheln das ganze Schiff. Teilnehmendes Fragen schwebt auf allen Lippen.
„Wirklich? .. Ist es denn möglich? .. Wer ists?"
„Das kleine blonde Mädchen aus Kabine Nummer zwanzig, das nach Rom zu feinem Bräutigam wollte."
„Ach die? Armes Ding!"
„Und am Fieber ist sie gestorben? Der arme, alte Vater!"
„Es wird wohl nicht wahr sein. Solange es nicht offiziell bestätigt ist, glaube ich es nicht. Auf dem Schiff wird viel zusammengedichtet!"
Trotzdem beruhigt man sich nicht. Die weiße Tür der Kabine Nummer zwanzig ist fest verschlossen. Aber man sträubt sich solange wie irgend möglich gegen die Gewißheit, eine Leiche an Bord zu haben. Der Aberglaube, daß auf ein Schiff mit solch unheimlicher Fracht Unglück lauere, wachtauf.
Doch auch die „offizielle" Bestätigung läßt nicht lange auf sich warten. Heute früh noch war an der schwarzen Aushängetafelneben dem Speisesaal, welche alle Schiffsneuigkeiten bringt, für den Abend ein großes Konzert im Salon erster Kajütte angekündigt. Jetzt macht diese Ankündigung der kurzen Mitteilung Platz: „Das heutige Konzert findet nicht statt."
97un weiß man genug. Trauerstimmung lagert während des ganzen Tages über dem mächtigen Dampfer. Im Rauchzimmer, auf dem grünen Tuch der Spieltische ruhen die Karten. Das prunkvolle Pianoforte des Mu- siksaales ist geschlossen; dievielgeplagte Schiffskapelle läßt ihre Instrumente rasten; keine Wette wird Veranstalter, kein Gesellschaftsspiel. Alle Heiterkeit ist erstürben. Nur die riesigen Doppelschrauben am Ende desSchisfsrump- fes arbeiten in alter fröhlicher Hast weiter. 161,18