SchlüchternerÄitun g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
_______________________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
j 32 79. Samstag, den 2. Oktober 1909 60. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Kchtüchtorner Zeit«««
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner Inserent? Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-N. 5381 K.-A. Auf dem am 18. d. Mts. stattgehabten Termin find folgende Bullen Simmen- taler Reinzucht, angekört worden:
1 Bulle des J. G. Mayenschein in Schwarzenfels,
1 „ „ Johs. Gerlach in Elm.
Abgekört wurde 1 Bulle.
Schlüchtern, den 28. September 1909.
Der Kgl. Landrat: Valentiner.
Bekanntmachung.
Die Geschäftszimmer des Bezirkskommandos
Hanau befinden sich vom 1. Oktober d. Js. ab im südlichen Flügel der Infanterie Kaserne — Ein« gang von der Mühlstraße. —
Bezirks'Kommando Hanau
Zum Erntefeste.
Zum Lob und Dank vereinigt eure Herren, Ihr Christenleute, kommt heul' zu dem Herrn, Der alle eure Sorgen, eure Schmerzen Zuschanden machte, der euch hilft so gern.
Wie hat er reich gesegnet alle Lande
Mit goldnen Aehren, mit der Ernte Gut!
Wie gab Gedeihen er in jedem Stande,
Nahm gnädig Feld und Flur in seine Hut!
Wie gab er sorglich wieder unsern Saaten
Im Frühjahr Kraft; der Sonne milder Schein
■ Ließ auch im Sommer alles wohl geraten,
Und sicher führte man die Garben ein.
Kein böses Regenwetter brächte Schaden, Nicht hemmte Kriegsunruh der Ernte Werk. Du treuer Gott, nimm unsern Dank in Gnaden,
Gib, daß die neue Wohltat unsre Herzen stärk';
Daß wir erkennen deiner Allmacht Walten, Dein Sorgen für das Wohl der ganzen Welt.
Laß unsre Liebe nimmermehr erkalten, Den Pfad uns wandeln, der dir wohlgesällt! R. R
Europäische Politik in Marokko.
Die in einer Denkschrift der marokkanischen Regierung an das diplomatische Korps in Tanger ausgesprochene Bitte um Einschreiten der Mächte gegen Spaniens Unternehmungen im Rifgebiet war nach Lage der Dinge nicht erfüllbar. Die Rifkabylen selbst hatten durch Tötung spanischer Staatsangehöriger den Ver« geltungszug heraufbeschworen. Das Recht der Spanier, ihre Stellung an der Rifküste zu behaupten und ihren Presidios Sicherheit gegen Angriffe feindlicher Stämme zu sichern, war nicht zu bestreiten, und die Besetzung des Rifgebietes durch spanische Truppen bis zur Befriedigung des von Marokko zu leistenden Ersatzes für die Kriegskosten muß als naturgemäße völkerrechtliche Folge des Vorausgegangenen betrachtet werden.
Unter diesen Umständen hat der Doyen des diplomatischen Korps in Tanger vorgeschlagen, dieses möge sich in der von der marokkanischen Regierung angeregten Sache für unzuständig erklären und hinzufügen, die Streitigkeiten im Rif seien eine lediglich zwischen Spanien und Marokko zu regelnde Frage. Dieser Auffassung werden die Regierungen der Mächte bei« treten. Die politische Seite der Rif-Frage bietet keine Schwierigkeiten. Denn von jeher ist Spanien im Rif als meistinteressierte Macht angesehen worden. Für die wirtschaftliche Lage Marokkos aber, die mehreren Mächten, darunter auch Deutschland, nicht gleichgültig sein kann, kommt es darauf an, wieweit durch die spanischen Entschädigungsforderungen dem Reich der Scherifen neue Lasten auferlegt, und wie diese Lasten im allgemeinen Interesse am besten zu verteilen sein werden. Bekanntlich sollte ein größerer Teil der europäischen Forderungen an Marokko durch eine von der französischen Regierung zu garantierende Anleihe von zweihundert Millionen Francs demnächst befriedigt werden. Darunter befinden sich auch namhafte Ansprüche deutscher Häuser. Es mußte sich also die Frage aufdrängen, ob nicht etwa durch die neuen Verpflichtungen Marokkos gegenüber Spanien das schon ziemlich weit geförderte große Anleihegeschäft gestört werden könnte. Deshalb ist die deutsche Regierung, bevor sie einen Verzicht auf jede Einmischung in die spanisch-marok
kanischen Unterhandlungen erklärte, mit Frankreich ins Benehmen getreten, um die Durchführung der bereits eingeleiteten Finanzmaßregeln sicher zu stellen. Diese deutsch-französischen Besprechungen neigen sich einem voraussichtlich günstigen Ende zu, und fder einmütigen Ablehnung des von Marrokko erbetenen Einschreitens gegen Spanien wird dann nichts mehr im Wege stehen.
Deutsches Reich.
— Berlin. Die vom 1. Januar 1908 ab bis vorläufig 31. Dezember 1909 angeordnete allgemeine Anwendung des Ausnahmetarifs 6a für Steinkohlen usw. auf den Versand von allen nach allen Stationen tritt, wie der Berliner Handelskammer mitgeteilt ist, am 1. Januar 1910 wieder außer Kraft. Vom genannten Tage ab gilt also u. a. der Rohstofftarii nicht mehr allgemein für den Versand von Steinkohlen usw. von den Seeplätzen und Binnenhäfen nach den inländischen Verbrauchsplätzen. Soweit vor dem 1. Januar 1908 besondere Ausnahmetarife bestanden haben, werden sie wieder in Kraft gesetzt.
— Berlin. Nach einem neuen Erlasse des Ministers v. Breilenbach an alle Eisenbahndirektionen sind diese wiederholt ermächtigt worden, den Sanitätskolonnen des preußischen Landeskriegervereins, den Provinzial- vereinen vom Roten Kreuz und den ihnen angeschlossenen Sanitätskolonnen, sowie der Genossenschaft freiwilliger Krankenpflege zu Uebungszwecken Eisenbahnwagen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Dann heißt es weiter: „Da bei den Uebungen nicht nur das Tragen, sowie das Ein- und Ausladen Scheinverletzter, sondern auch das Anlegen von Verbänden usw. gezeigt wird, so bieten sie lehrreiche Darstellungen für diejenigen Bahnbediensteten, die bei Unfällen dazu berufen sind, Hilfe zu leisten. Es erscheint deshalb erwünscht, wenn die in der Nähe befindlichen dienstfreien Beamten, soweit sie nicht als Mitglieder den genannten Vereinigungen bereits angehöhren, als Zuschauer an den Uebungen teilnehmen würden. Die Heranziehung des Zugpersonals, auf dessen Schulung im Rettungsdienste besonderer Wert gelegt wird, erscheint besonders erwünscht". Nach Jahresfrist soll berichtet werden, wie sich die Maßnahmen bewährt haben.
— Durch erdmagnetische Strömungen sind am vergangenen Sonnabend erhebliche Störungen im Welt- Telegraphenverkehr hervorgerufen worden. Solche werden aus Berlin, Straßburg, Christiania, London,
Hotdsieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 18
Und Gerda, die arme, kleine Gerda? Was soll aus ihr werden? Was aus ihm selbst? .. Gesenkten Hauptes wandelt Romano die Straßen entlang. Aus dem lebensfrohen, harmlosen Jüngling ist plötzlich ein ernster, gereifter Mann geworden.
• *
*
In dem kleinen rosenumrankten Häuschen in Wyn- berg, dem lieblichen Vorort von Kapstadt, geht es recht still zu.
Den Tag über ist Charles van Niessen auf dem Bureau, und wenn er abends müde nach Hause kommt, empfängt ihn Gerda mit einem zärtlichen Kuß, aber bleich und oft mit verweinten Augen. Schweigsam setzen sich Vater und Tochter zum einfachen Abendessen nieder; still stehen sie vom Tisch auf und still verläuft der Rest des Abends.
So geht es einen Tag mieden andern. Aber obgleich der „ehrliche Charles" kein scharfer Beobachter ist, fällt es ihm doch auf, daß Gerda immer bleicher und schweigsamer wird. Besonders, wenn wieder einmal ein Brief aus Rom gekommen ist .. in den ersten Monaten nach Romanos Abreise stets eine Quelle der Freude für das kleine Häuschen . . dann empfängt Gerda den Vater abends noch bleicher als wie sonst unb mit rotgeweinten Augen.
Und seltener werden die Briefe und kürzer ...
Zwar tröstet der alte Mann seine Tochter mit der Versicherung, Romano habe jedenfalls in Rom viel zu tun und fändenichtimmerZeit zumSchreiben; auch sei an dem Ton des Briefes durchaus nichts auszusetzen, sie seien herzlich und liebevoll. Aber mit den Augen der Liebe, verschärft mit Eifersucht, die sich neuerdings dazu gesellt, liest Gerda zwischen den Zeilen.. und sie
fühlt es fest und unumstößlich, daß ihr Bräutigam sie nicht mehr so liebt wie vor einem Jahre.
In diesem Briefe kehrt beständig der Name Angelika Brandissi wieder. Und obgleich dieOffenheit, womit Romano über die Dame an seine Braut schreibt, bei dieser keine Eifersucht aufkonimen lassen sollte, so findet Gerda doch, daß ihr Bräutigam die schöne Römerin zu oft erwähnt. Selbst die einmal eingeflochtene Bemerkung, William Helborne wollte die Dame heiraten, beruhigte die kleine Gerda nicht.
Erst als ein Brief anlangt mit der kurzen Meldung: „Gestern fand die Hochzeit zwischen William Helborne und Angelika Brandissi statt," da atmete das geängstigte Mädchen wieder etwas auf.
Das beständige Grübeln und Sichängstigen, die Zweifel und die Aufregung haben nachteilig auf Gerdas ohnehin zarte Gesundheit gewirkt. Ein nervöser Husten stellt sich ein, verbunden mit heftigem Kopffchmerz und Neigung zum Fieber. Gerda klagt nicht. Als aber eines Nachts Charles van Messen durch einen bösen Hustenanfall seiner Tochter geweckt wird, als er erschrocken ihr Zimmer betritt und das Mädchen, nach Luft ringend, im Bett aufrecht sitzend vorfindet, da erfüllt den ehrlichen Charles plötzlich eine furchtbare Angst.
Wenn sein Herzblatt stürbe! Mein Gott! Mein Gott!
Schon am nächsten Morgen, noch bevor er sich auf sein Bureau begibt, rennt er zum Arzt. Doktor Mel- cher, der Gerda von Kindheit an kennt, auch weiß, daß ihre Mutter an der Schwindsucht gestorben ist, sieht sehr ernst aus.
„Luftwechsel!" sagt er bestimmt. „Luftwechsel und Veränderung derLebensweise. DieKleinehateineschwache Lunge, außerdem Neigung zum Fieber. Bringen Sie sie von hier weg, sobald es geht! Eine Seereise würde ihr gut tun, aber vor allen Dingen fort von hier!"
Charles van Messen ist sehr bleich geworden. Wäre es denn möglich? Die Gesundheit seiner Tochter, sein
alles auf der Welt soll in Gefahr sein? Vielleicht gar ihr Leben ...
An diesem Tage macht der „ehrliche Charles" sein erstes Versehen in seiner fast dreißigjährigen Kassiererlaufbahn: er verrechnet sich und zahlt einem Kunden zehn Schilling zuviel aus. Der Kunde gibt das Geld sofort zurück. Aber dieses Versehen des sonst so übervorsich- tigen alten Mannes verbreitet sich wie ein Lauffeuer durchs ganze Bureau.
Es erreichte sogar den Direktor. Dieser nahm sofort Veranlassung, den Kassierer rufen zu lassen und ihn zu fragen, ob er nicht einmal ein paar Wochen ausspannen wolle; er sei gewiß sehr überanstrengt.
Und da Charles van Messen ihm nun mit vor Erregung bebender Stimme erzählt, seine Tochter sei bedenklich erkrankt, sie brauche Luftveränderung und er habe weder Zeit noch Geld, um ihr eine solche zu bieten, da klopft der Direktor dem Alten wohlwollend auf dre Schulter und meint tröstend: „Ihnen kann geholfen werden, lieber Messen. Von morgen ab haben Sie ein Vierteljahr Urlaub und hundert Pfund Sterling Gratifikation für geleistete treue Dienste. Lassen Sie's nur gut sein! Ich werde die Sache beim Aufsichtsrat verantworten."
Tränen treten dem braven Alten in die Augen, wie er die Hand seines Direktors ergreift und sie krampfhaftdrückt, als stummes Zeichen seiner Dankbarkeit. Einen glücklicheren Menschen als den „ehrlichen Charles" gibt es heute in ganz Kapstadt nicht.
Wie der Vater zur gewöhnlichen Zeit am Abend nach Hause kommt, hebt Gerda erstaunt ihr müdes Köpfchen. Ist es denn möglich? Sind das des Vaters Schritte? Ist das seine Stimme?
Behend wie ein Jüngling eilt Charles van Niessen tn§ Zimmer.
„Gerda! Gerda! Wo bist Du.meinKirch? Morgen reisen wir fort! Hurra!" 161,18