Deutsches Reich.
— Stuttgart. Aus Anlaß der stattfindenden Kaiserparade über das 13. Württembergische Armeekorps traf am Montag mittag auf dem Hauptbahnhof Stuttgart das Kaiserpaar ein. Es wurde von dem Königspaar und den hier anwesenden Mitgliedern des königlichen Hauses, Vertretern des diplomatischen Korps und der Städte empfangen. Unter den zum Empfang anwesenden Persönlichkeiten befand sich auch u. a. Graf Zeppelin. Auf der Fahrt nach dem Residenzschlosse wurde das Kaiserpaar von der zahlreich anwesenden Menge stürmisch begrüßt. Bald nach seiner Ankunft begab sich das Kaiserpaar zum Empfang in das Rathaus, in dessem Saale sich die Mitglieder der bürgerlichen Kollegien versammelt hatten. Oberbürgermeister v. Gauß begrüßte das Kaiserpaar mit einer Ansprache, in welcher er darauf hinwies, daß in Schwaben der Gedanke der Zusammengehörigkeit von Nord und Süd besonders lebhaft gewesen sei. Der Kaiser erwiderte, indem er den vom Oberbürgermeister gereichten Ehren- pokal entgegennahm und führte u. a. aus: „Das Rathaus versinnbildlicht die Bürgertugenden, Fleiß, Arbeitsamkeit, Stolz durch ihre Vergangenheit und Tradition. Schön und herrlich ragt das Stuttgarter Rathaus empor. Daß die deutschen Städte sich so prächtig entwickeln können und daß sie in der Lage sind, solch prächtige Rathäuser zu bauen, daß liege daran, daß, seit die deutschen Stämme wieder einig geworden, unser deutsches Volk einen festen Grund, eine rocher de bronce darstellt. Durch die Einigkeit des deutschen Volkes werde auch der Friede in der Welt gesichert, unter dem Schutze dieses Friedens können die Bürger arbeiten und die Städte sich entwickeln". Der Kaiser trank hierauf auf das Wohl der Stadt. Abends fand im Hoftheater Galavorstellung statt.
— Der Kaiser ist von Stuttgart zu den österreichischen Manövern nach Mähren abgereist.
— Vom Manöver des 18. Armeekorps. Den jetzt beginnenden Brigademanövern der 21. Division liegt folgende allgemeine Kriegslage zu Grunde: „Eine rote Heeresabteilung ist von Frankfurt a. M. gegen blaue Kräfte in Anmarsch, die aus der Gegend von Marburg entgegenrücken." Die Brigademanöver dauern vom 8. bis 14. September, die Divisionsmanöver bis 21. Sep. In den letzten Tagen — 17., 18., 20. und 21. Sep. wird gegen niarkierte Feinde gekämpft und zwar in dem Gelände zwischen Gießen, Wetzlar, Braunfels, Weilmünster, Grävenwiesbach, Butzbach und Großen- Linden mit dem Zentrum bei Ober-Quembach im Kreise Wetzlar. Bei der 25. Division beginnen die Brigademanöver am 9. und dauern bis 14. September, der 15. ist ein Ruhetag. Die Divisionsmanöver dauern bis 23. September und enven mit mehreren Gefechten gegen markierte Feinde in der Gegend von Westerburg. Die Kämpfe werden sich zwischen Limburg, Hadamar, Mengerskirchen, Ober-Tiefenbach, Rennerod, Höhn, Schönberg, Marienverg, Meudt abspielen, also im hohen Westerwald. Hier werden die Regimenter 115, 116, 117, 168, 118, die Artillerie«Regimenter 25 und 61, die schwere Artillerie Nr 3, die Dragoner Nr. 6 und Pioniere Nr. 21 kämpfen. Am 23. September erfolgt ein Manöver der ganzen Division gegen einen markierten Feind. Ein Korpsmanöver — wie sonst alljährlich — der 25. gegen die 21. Division findet dieses Jahr nicht statt. Die Truppen der 25. Division werden — wohl in anbetracht der ärmeren Gegend — viele Biwacks haben, es verlautet von 6—7, so z. B. am 13., 16., 17., 20., 21. Biwack oder Massen- quartiere sind für 22. und 23. September vorgesehen. In Thalheim, wo ein Teil der 116er einquartiert werden sollte, ist Typhus ausgebrochen. — Zu Beginn der Brigademanöver sind nun auch die Feldartillerie- und Kavallerie-Regimenter im „Felde" eingetroffen. Da die hessische Kavallerie-Brigade (23er und 24er Dragoner) ins Kaiser-Manöver marschiert sind, so wird die 21. Kavallerie-Brigade unter beide Divisionen geteilt. Die Hanauer Ulanen Nr. 6 kommen zur 21. Division, die 6er Dragoner zur 25. Division. Die beiden hessischen Artillerie-Regimenter Nr. 25 und 61 sind Dienstag bei Westerburg eingetroffen, die 27er Artillerie stößt Mittwoch zur 42., die 63er Artillerie „Franksurt zur 41. Infanterie-Beigabe. Die letztere (87er und 88er) manöveriert zwischen Weilburg, Merenberg, Hadamar und Runkel. Die Unteroffizierschule Biebrich stößt Freitag zur 50. Brigade. Donnerstag traf das III. Bat. 166er (Reservebataillon) in Höchelheim und Höresheim ein. Die 42. Infanterie- Brigade hatte ein Nachtgefecht zwischen Klein-Linden, Wetzlar und Rechtenbach.
— Nach Beendigung der Flottenmanöver ist der Chef der Hochseeflotte Admiral Prinz Heinrich von Preußen vom Kaiser zum Großadmiral befördert worden. Der Kaiser ließ dessen Großadmiralsflagge durch die gesamte Flotte salutieren.
— Aus Schierke im Harz kommt die Trauerkunde von dem Tod des Berliner Polizeipräsidenten v. Stuben- rauch, der einem elsmonatlichen schweren Leiden im Aller von 56 Jahren erlegen ist. Ernst v. Stuben, rauchs Lebensgang birgt eine Fülle zielbewußter Arbeit und tüchtiger Erfolge, die ja auch die Allerhöchste Würdigung und Anerkennung gefunden hatte. Derl Verewigte ha! als Landrat des Kreises Teltow seines! Amtes »iit großer Tatkraft gewaltet. Mit großer Um
sicht wußte er besonders das Interesse des Kreises zu! wahren gegenüber den zu Städten heranreifenden Ber-I liner Vororten. Nicht weniger energisch bezeugte er sich, allen Schwierigkeiten zum Trotze, in der Durch führung des Baues des Teltowkanals. Er war der populärste Mann in seinem Kreise, wie er auch in Berlin sich der Volkstümlichkeit erfreute. So wurde auch seine Ernennung zum Polizeipräsidenten von Berlin von allen politischen Parteien gutgeheißen. Leider blieb es dem wackeren Manne versagt, in dieser Stellung längere Jahre zu verweilen und seine erprobte Tatkraft zu betätigen. Sein Andenken wird vor allem im Kreise Teltow unverlöschlich in Ehren gehalten werden.
— Gegen das Verbot der polnischen Sprache auf bem Breslauer Katholikentag hatte sich die Versammlung in der schärfsten Weise ausgesprochen. Die „Norddeutsche Allgem. Ztg." wendet sich jetzt in ihrem Rückblick gegen diese katholischen Auslassungen; sie schreibt folgendes: „Ein Wort der Erwiderung erheischen nur die wiederholten Angriffe gegen die Entscheidung des Breslauer Regierungspräsidenten, wonach der Gebrauch der polnischen Sprache auf dem Katholikentage verboten wurde. Hier ist der Standpunkt des Vertreters der Staatsregierung klar und unanfechtbar, daß die Zulassung einer fremden Sprache in einer deutschen Stadt wie Breslau nicht gestattet werden konnte . . . Preußische Staatsangehörige polnischer Abkunft mögen die Sprache ihres Staates lernen, dann wird ihnen das Verbot der polnischen Sprache nicht mehr unbequem werden! — Jeder nationaldenkende deutsche Staatsbürger wird sich diesen Worten voll anschließen.
— In Kattowitz hat der Deutsche Tag des Ost- markenvereins stattgefunden. Auf ein an den Kaiser abgesandtes Huldigungstelegramm ist folgende telegraphische Antwort eingegangen: „In dankbarer Anerkennung der Bestrebungen des deutschen Ostmarken- Vereins, das Deutschtum auch in der Provinz Schlesien zu kräftigen und zu fördern, spreche ich allen zu dem Deutschen Tage dort vereinten Patrioten für die freundliche Begrüßung meinen wärmsten Dank aus: möge der für die Zukunft und die Größe des deutschen Vaterlandes so bedeutungsvollen Arbeit Gottes Schutz und Segen in reichem Maße beschieden sein! Wilhelm I. R."
Ausland.
— Der Bund der Deutschen in Böhmen beschloß die Gründung einer deutschen Landes- unb _ Gewerbebank zur Erhaltung des deutschen Grundbesitzers und Handwerkes in Böhmen.
— Der Massenstreik in Schweden, an dem nur Industriearbeiter teilgenommen haben, ist mit einer vollständigen Niederlage der Arbeiter beendet worden. Die Haltung der landwirtschaftlichen Arbeiter hat den geplanten Erntestreik verhindert, und die Zufuhr von Lebensmitteln war so reichlich, daß keine Preissteigerung bemerkbar war. Die Straßenbahnangestellten in Stockholm verlieren in vielen Fällen ihre Stellungen, da andere Leute schon angestellt sind. Am schlimmsten werden die schwedischen Buchdrucker getroffen, die ihre Anstellungen nur zurückbekommen, wenn sie noch unbesetzt sind, und außerdem werden sie noch eine große Summe wegen Vertragsbruch zahlen müssen. In vielen Arbeiterfamilien sieht man dem herannahenden Winter mit großer Besorgnis entgegen.
— Von jetzt ab wird es keine polnischen Schulen mehr in Rußland geben. Die russische Regierung hat alle Filialen des polnischen Schulvereins aufgelöst. Alle polnischen Schulen sind dadurch unmöglich gemacht.
— Der sinnlosen Spionenfurcht in Frankreich wird jetzt von offizieller Seite entgegengetreten. Das französische Kriegsministerium veröffentlichte nämlich zwei Noten. In der einen Note wird das in mehreren Blättern verbreitete Gerücht über den Diebstahl eines elektrischen Entladers für Minen auf einem Fort bei Saint-Cyr für vollständig unbegründet erklärt. Die zweite Note bezeichnet den Diebstahl eines Schrankes auf der Citadelle von Amiens als völlig bedeutungslos.
— Nach einer halbamtlichen Mitteilung ist bestimmt, daß die türkischen Manöver der beiden Armeekorps von Adrianopel und Saloniki vom General v. d. Goltz Pascha geleitet werden. Außer ihm werden noch fünf andere höhere deutsche Offiziere den Manövern beiwohnen. Ebenso viele türkische Offiziere werden den General Schewket Pascha nach Deutschland begleiten, der bekanntlich von Kaiser Wilhelm zur Teilnahme an den squtschen Manövern eingeladen wurde.
— Die Kämpfe der Spanier in Marokko dauern fort. Wie amtlich bekannt gegeben wird, wurde General Aguilcia, der sich zur Unterstützung des Detachements in Cabo bei Agua und zur Beobachtung des Feindes mit einer halben Brigade von Suk el Arba nach Mulay Ali Scheris begeben hatte, auf dem Rückmarsch von Rifleuten angegriffen. Die spanischen Truppen setzten ihren Marsch fort, indem sie das feindliche Feuer lebhaft erwiderten. Die Feinde wurden von Verstärkungen, die aus dem Lager ausrückten, zurückgeworfen. Der Madrider „Jmperial" meldet, daß die zwölfte spanische Division in einer Stärke von 11000 Mann unter dem Kommando des Generals Sotomayor nach Melilla abgehen wird.
— Die italienische „Jrredenta" arbeitet ganz nach dem Muster der russischen Terroristen. Ein Einbruch in eine Trientiner Bank, der zu verschiedenen Haus« suchungen Anlaß gab, hat zu dem unerwarteten Er
gebnis geführt, daß viele angesehene Herren als geheime Jrreöentisten bloßgestellt wurden. Die Sache läuft auf eine Hochverratsangelegenheit hinaus. Zu den Unte. suchungen sind mehrere Generalstabsoffizsire aus Innsbruck zugezogen worden. Die gesamte Lokalpresse gibt zu, daß die Behörden durch die wegen des großen Bankraubes eingeleitete umfassende Untersuchung einer weitverzweigten politischen Verschwörung auf die Spur gekommen sind. In einem Geschäftshause entdeckte man einen unterirdischen Gang, der zu dem Keller des Bankgebäudes führte und mit kompromittierenden Schriften und andern verdächtigen Gegenständen angefüllt war, so daß man glauben könnte, die Schuldig n hätten dort geheime Zusammenkünfte veranstaltet. Inzwischen dauern die Haussuchungen und Verhaftungen fort._______________________________
Males und Provinzielles.
Schlüchtern, 10. September 1909.
—* Wir machen darauf aufmerksam, daß am 13., 14., 15. und 16. September d. Js. in Nürnberg die 26. Jahresversammlung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke stattfindet, wozu alle Mitglieder und Freunde des Vereins eingeladen sind. — Programme können von der Geschäftsstelle des Vereins, Berlin W. 15, kostenfrei bezogen werden.
— * Der deutsche Apothekertag in Berlin hat einstimmig die Resolution seines Vorstandes angenommen, wonach eine Erhöhung der Arzneitaxe, namentlich der Arbeitspreise, erforderlich ist, wenn dem Apotheker die gesicherte Lebenshaltung fernerhin verbürgt werden soll. Ferner wurde ein Antrag angenommen, der Vorstand solle erneut dahin wirken, daß die Nachttaxe von 9 Uhr abends bis 7 Uhr früh gewährt wird. Endlich einigte man sich über eine Resolution, der zufolge auch die Abiturienten der Oberrealschulen trotz der fehlenden lateinischen Kenntnisse zum Apothekerberuf zugelassen werden sollen. >
—* Kursus für Bauhandwerker. Der fachtheoretische Kursus zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung im Maurer- und Zimmerhandwerk soll im November d. I. eröffnet werden. In dem Kursus wird gelehrt: Statik und Festigkeitslehre, Baukonstruktionslehre, Baukunde, Veranschlagen, Entwerfen, Physik, Flächen- und Körperberechnung, Gewerbehygiene usw. An dem Kursus können Maurer und Zimmerer, selbständige und Poliere, über 28 Jahre teilnehmen, welche eine gute Volksschulbildung, namentlich eine gewisse Fertigkeit im Rechnen und Zeichnen besitzen. Die.Anmeldung zum Kursus hat schriftlich bei der Handwerks« kammer, Jordanstraße 12, zu erfolgen, von welcher auch die näheren Bedingungen zu beziehen sind. Der Kursus wird jedenfalls der einzige seiner Art sein. Es empfiehlt sich daher rechtzeitige Anmeldung. Jede weitere Auskunft erteilt die Handwerkskammer.
—* Die diesjährigen Herbstgesellenprüfungen finden mit Rücksicht darauf, daß an einer ganzen Reihe derselben, ein Vertreter des Landesgewerbeamts in Berlin, teilnimmt, in der Zeit vom 27. September bis incl. 3. Oktober statt. Derselben haben sich alle Lehrlinge, die seit dem 1. Juli 1909 bis 1. Januar 1910 die Lehre beenden zu unterziehen. Die Anmeldung hat bis zum 20. September bei den zuständigen Prüfungsausschüssen zu erfolgen. Den Lehrmeistern liegt gemäß § 131c Abs. 1 R. G. O. die Pflicht ob, ihre Lehrlinge zur Ablegung der Prüfung anzuhalten Zuwiderhandlung ist nach § 148 Ziffer 9 R. G. O. mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft bis zu 4 Wochen bedroht. Im Wiederholungsfälle kann ihnen das Recht der Lehrlingsanleitung entzogen werden. (§ 126a R. G. O.) Desgleichen kann der Lehrling, wenn er sich nicht der Gesellenprüfung unterwirft, nach § 17 und § 20 der Vorschriften zur Regelung des Lehrlingswesens mit einer Geldstrafe bis zu 20 M. belegt werden. Auch sonstige Nachteile, hinsichtlich des Rechts zur Anleitung von Lehrlingen und der Zulassung zur Meisterprüfung, sind an die Nichtablegung der Gesellenprüfung geknüpft.
* Hanau. Der Kreistag des Landkreises Hanau wählte den ersten Kreis jdeputierten Hofmarschall v. Strahl zu Schloß Philippsruhe zum Kommunal-Land- tags-Abgeordneten für den seitherigenLandrat v. Beckerath der nach Hannover versetzt worden ist.
* Hanau. In Seeligenstadt äscherte Großfeuer 6 Wohnhäuser mit mehreren Nebengebäuden ein.
* Frankfurt. Das Luftschiff Z III wird am Sonnabend die Reise von Friedrichshafen nach Frankfurt a.
M. zur „Jla" antreten. Er soll am Sonntag früh in Frankfurt eintreffen. Z III wird mindestens 14 Tage in der Ausstellung bleiben und eine Reihe von Aufstiegen unternehmen.
* Die Leitung der Internationalen Luftschiffahrt- Ausstellung in Frankfurt a. M hat beschlossen, in der Zeit vom 3. bis 10. Oktober einen Wettbewerb für Flugmaschinen zu veranstalten. Der Preis von Frankfurt ist durch Zuwendung von der Ausstellungsleitung auf 40000 Mark erhöht worden. Ein zweiter Preis für den längsten Flug ist in Höhe von 10000 M- ebenfalls gesichert. Sämtliche Preise, die in der Welt- bewerbswoche zur Verteilung kommen sollen, belaufen sich auf 120000 Mark. Außerdem wird die Ausstellungsleitung den Aviatikern, die nach Frankfurt kommen, eine Entschädigung und Garantie für die Reise und den Aufenthalt in Frankurt gewähren. Für