Einzelbild herunterladen
 
  

Schllichterner^eitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

________________________Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".________________________

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

X 69.

Samstag, den 28. August 1909

60. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Reisedispositionen des Kaisers. Für die nächste Zeit sind die Reisedispositionen des Kaisers wie folgt festgesetzt: Nach den Empfangsfeierlichkeiten für den Grafen Zeppelin am Sonnabend reist der Kaiser Sonntag früh nach Swinemünde, um den Flotten­manövern und dem Scharfschießen der Flotte beizu- wohnen. Von dort begibt sich der Kaiser zur großen Herbstparage d.s Gardekorps nach Berlin zurück. Am 6. September erfolgt die Abreise nach Stuttgart zur Kaiserparade, von wo der Kaiser dann zu den öster­reichischen Kaisermanövern abreist. Schon am 11. Sept. nimmt dann der Kaiser die große Parade bei Karls­ruhe ab. Am 15., 16. und 17. September finden dann die Kaisermanöver des Württembergischen und badischen Armeekorps statt. Voraussichtlich wird dann der Kaiser auch den sächsischen Herbstmanövern bei­wohnen.

Das Reiseprogramm des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg steht nunmehr fest. Am 18. Sept. begibt sich der Kanzler im Gefolge des Kaisers nach München und stellt sich dort dem Prinzregenten Luitpold vor. Zwischen dem 20. und 30. Sept. wird der Kanz­ler dem Kaiser Franz Josef in Wien seine Aufwartung machen und gleichzeitig mit dem österreichisch-ungarischen Minister des Auswärtigen Grafen Aehrental in per­sönliche Beziehungen treten. Ferner wird sich der Kanzler auch in diesem Jahr noch vor dem Beginn der Reichstagsverhandlungen dem König von Italien Viktor Emanuel vorstellen. Die Zwischenzeit zwischen den einzelnen Besuchen wird Exzellenz von Bethmann Hollweg nicht in Berlin, sondern auf seinem G' . Hohenfinvw verleben.

Das Militärwochenblatt meldet: Prinz Walde- mar von Preußen, Leutnant im 1. Garderegiment, ist zum Oberleutnant nnd im Verhältnis a la suite der Marine ebenfalls zum Oberleutnant befördert worden.

Friedrichshafen. Das Luftschiff Zeppelin 3 ist am Mittwoch nachmittag 3 Uhr 25 Minuten zu einer kurzen Probefahrt aufgestiegen. Die Abfahrt nach Berlin erfolgte am Donnerstag abend.

Die Bevölkerung des Deutschen Reiches wird in dem neuen Statist. Jahrb. für das Deutsche Reich nach dem Stande um Mitte d. J. auf 63 886 000 Personen angegeben nach einer vorläufigen Schätzung auf Grund der bisherigen Bevölkerungszunahme. Für Mitte 1908 war die Bevölkerung auf 62982000 ge­schätzt, so daß im Laufe des letzten Jahres eine Zu-

nähme von 896 000 Köpfe stattgefunden haben würde, lach der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 hatte Reich 60641278 Einwohner, so daß seitdem die unahme 374 Millionen beträgt.

Die Anstellung von Militäranwärtern als Fleisch- beschauer und Trichinenbeschauer betrifft ein gemein­schaftlicher Erlaß des Landwirtschafts- und des Kultus­ministers. Da die Fleischbeschauer nicht Beamte im engeren Sinne sind, so waren die Stellen bisher Militäranwärtern nicht zugänglich. In Zukunft sollen offene Stellen jedoch vorzugsweise mit solchen Militär­anwärtern und Inhabern von Anstellungsscheinen besetzt werden, die den Anforderungen genügen und den von den Prüfungsvorschriften vorgeschriebenen Befähigungs­nachweis erbringen können.

Folgenschwerer Dampferzusammenstoß. Der argen­tinische DampferColumbia", der Passagiere nach Montevideo an Bord hatte, stieß mit einem deutschen Dampfer, der den lokalen Passagierverkehr ermittelt, am Eingang des Hafens von Montevideo zusammen und brächte ihn zum Sinken. Es sollen 150 bis 300 Personen, meistens Frauen und Kinder, ertrunken und nur wenige Passagiere gerettet sein. Der Kapitän versuchte, Selbstmord zu verüben, wurde aber daran verhindert.

Ein ständiger Postbeirat soll bei der Reichspost eingeführt werden. Diese Neuerung ist auf eine An­regung zurückzuführen, die an zuständiger Stelle von Handelskreisen vorgetragen worden ist. Es handelt sich darum, daß bei Post- und Telegraphie-Angelegen- Heiten ständig ein Postbeirat geschaffen wird, der aus VertreternvonHandel, Industrie, Landwirtschaft und Handwerk besteht. Diese Neuerung ist gerade für Post und Telegraphie von besonderer Bedeutung.

Zu der Neuregelung der preußischen Lehrer­gehälter schreibt dieNord. Allg. Ztg.": Nachdem bereits Ende Juni der preußische Kultusminister im Einverständnis mit dem Finanzminister genehmigt hatte, daß in den Fällen, in denen es keinem Zweifel unterliegt, daß sich die Lehrer und Lehrerinnen den Bestimmungen des neuen Lehrerbesoldungsgesetzes unterwerfen, sogleich die erhöhten Alterszulagen für das Rechnungsjahr 1908 vorbehaltlich der demnächstigen endgültigen Regelung des Diensteinkommens aus der Alterszulagenkasse gezahlt und die erforderlichen Mittel aus der Staatskasse vorgeschoben werden, sind nunmehr die Regierungen ermächtigt worden, in den genannten Fällen auch die erhöhten Alterszulagen für das

Rechnungsjahr 1909, soweit sie fällig sind, alsbald zur Auszahlung zu bringen. Die Lehrer und Lehrerinnen werden also demnächst einen wesentlichen Teil ihrer durch das Lehrerbesoldungsgesetz bewilligten Gehalts­aufbesserung erhalten.

Ueber die Verschuldungsgrenze für land- und forstwirtschaftlich genutzte Grundstücke in Westpreußen und Posen, die in dem Gesetz vom 28. August 1906 festgesetzt ist, ist im Anschluß an die Verordnung vom 16. Juni d. I., die das Gesetz auf ganz Westpreußen und Posen erweitert, eine allgemeine Verfügung des Justizministers ergangen. Danach dürfen in der west- preußischen Landschaft beliehen werden die ehemals adligen Güter der Erbprovinz Westpreußen, wie sie zur Zeit der Gründung der Landschaft 1787 bestanden haben, und unadlige, Kölmische, Freigüter oder mit adligen Gütern in Verbindung stehende Bauernhöfe, falls der Besitzer eines adligen Gutes sie zum Eigentum oder in Erbpacht oder in Erbzinz übernommen hat. Von der Westpreußischen wie der Posener Landschaft dürfen im allgemeinen die landschaftlich benutzten Grund­stücke beliehen werden, wenn ihr Taxwert mindestens 3oOO Mk. beträgt.

Ausland.

Zur Gedenkfeier auf den Schlachtfeldern von Mars-la-Tour erfahren wir eine bemerkenswerte fran­zösische Stimme. Der PariserRadical", der nicht ohne Beziehungen zu französischen Staatsmännern ist, bespricht in einem für Deutschland achtungsvollen Ton die jüngsten deutsch-französischen Gedächtnisfeiern bei Borny und bei Gravelotte. Diese Feiern hätten Deutsche und Franzosen einmütig gefimLsuD^r_..Radical ------ hebt hervor, haß dleffranzösischen Behörden den Feiern keine Hindernisse in den Weg gelegt, vielmehr das Ihrige zu einem würdigen Verlauf der Feiern getan hätten. Auf beiden Seiten habe sich dieselbe Trauer, dieselbe Achtung, ja man dürfe sagen dieselbe Sympathie kundgegeben. DerRadical" wünscht, daß von solchen Feiern eine nützliche Wirkung ausgehen möge für die deutsch-französischen Beziehungen und für einen ehren­vollen, mannhaften Frieden.

Für den bevorstehenden Zarenbesuch in Rom stellten sich schon russische Terroristen ein. Nach einer Meldung des PariserJournal" aus Rom ist die dortige Polizei von der Petersburger Polizei verständigt worden, daß mehrere berüchtigte russische Terroristen plötzlich Rußland verlassen hätten, um sich nach Italien zu begeben. Man habe Grund zu fürchten, daß die

-. -L.±_U.........

Holdsteöer.

Roman von Lothar Mehnert. 7

Er war ganz sicher, sollte einmal ein Unglück über ihn kommen und ihn zum armen Manne machen, keine Hand würde sich rühren, um ihn von dem Abgrunde des Verderbens zurückzuhalten. Im Gegenteil, freuen würde man sich und schadenfroh lachen und ihm sein Mißgeschick von Herzen gönnen.

Doch dies kümmerte ihn bisher wenig. Ihm waren die Menschen nur Mittel zum Zweck, zum einzigen Zweck, sein Vermögen zu vergrößern. Ob darunter sich jemand befand, dessen Herz warm für ihn schlug oder nicht, war ihm ziemlich gleichgültig. Hatte doch bis vor kurzem, bis er Angelika Brandissi kennen lernte, in seiner eige­nen Brust noch niemals ein wärmeres Gefühl fürirgend einen Menschen Platz gefunden, so lange er denken konnte.

Niemals? Doch, einmal vor einer Reihe von Jah­ren. Und dieser einzige Mensch, dem William Helborne in seiner Weise zugetan war, war derjenige, den er be­trogen, dem er seine Millionen zu danken hatte: Romano Perasim.

Ich wünschte, es wäre das Geld eines anderen ge­wesen, das den Grundstein zu meinem Vermögen legte," sagte er sich in den ersten Jahren oft.Aber was hilfts? Anderes Geld stand mir nicht zur Verfügung; jeder ist sich immer selbst der Nächste."

So lullte er die hier und da auftauchenden Gewissens­bisse ein. Sein zuerst noch ziemlich reger Briefverkehr wit dem Freunde da unten in Südafrika wurde lässiger und schlief dann völlig ein. Schließlich vergaß er Ro­mano Perasim und die mitihmzusammenhängenden Er- I eignisse ganz.

: Und nun traf plötzlich jener Brief des ehemaligen Freundes ein, worin er ihm mitteilte, daß das Unglück rhn in Kapstadt verfolgte und er demnächst nach Rom kommen würde, um hier sein Glück zu versuchen.

Diese Nachricht berührte ihn sehr unangenehm. Nicht etwa, daß neue Gewissensbisse sich in ihm regten, nein, sein Gewissen war vollständig eingeschläfert. Aber seinem aufgeblähten Stolze widerstrebte es, einem Menschen ge- genüberzutreten, vor dem er eigentlich die Augen nie­derschlagen müßte.

Doch der Bankier hatte ein wunderbares, nie ver­sagendes Mittel gegen jeden Aerger, jede Unannehmlich­keit, die an ihn herantrat: seine Schatzkammer. Täglich sonnte er sich an dem Gefunkel des dort aufgespeicherten Goldes. Die inmitten dieser kalten Pracht verlebte Zeit betrachtete er als die herrlichsten Stunden seines Daseins.

Armer reicher Mann!

* *

*

In einem der ältesten und düstersten Paläste Roms, dem Palazzo Brandissis auf dem Corso Umberto, hauste die verwitweteMarchesa Jsolina Brandissi mit ihrer ein­zigen Tochter Angelika.

Als der Marchese vor einigen Jahren gestorben war, hatte er seiner Frau und Tochter nichts weiter hinterlas­sen, als seinen alten Namen, den grauen Palastund eine Masse Schulden. Die Marchesa wollte zuerst schier ver­zweifeln, als man ihr ihre trübe Lage klar machte; doch ihre achtzehnjährige Tochter Angelika, ein stolzes, ent­schlossenes Mädchen, eine echte Römerin, richtete die Mut­ter bald wieder auf. Sie gab es auch nicht zu, daß der alte Palast verkauft-werde, um damit die Schulden des verstorbenen Vaters zu bezahlen; durch ihrer Hände Ar­beit, durch ihr hervorragendes Maltalent wollte sie die­selben nach und nach begleichen.

Schon seit Jahren trieb Angelika die Malerei zum Vergnügen. Tagtäglich fast konnte man die hohe, ge­wöhnlich schwarzgekleidete Mädchengestalt in irgend einer der vielen Gemäldegalerien sehen, wie sie eifrig mit Pa­lette und Pinsel hantierte und manche Kopie der wun­dersamen Kunstwerke getreulich auf die Leinwand zau­berte. . . _ _ ,

Was das halbwüchsige Mädchen ehedem aus reinem Vergnügen und Heller Kunstbegeisterung getan, wurde jetzt zur Notwendigkeit. Ihrem alten, hochgeachteten Na­men sowie ihrer Beliebtheit in der Gesellschaft verdankte sie es, daß ein paar ihrer Bilder rasch Abnehmer fanden und weit über den Wert bezahlt wurden. Man rechnete es ihr hoch an, daß sie, um den alten Palast ihrer Vor­fahren nicht in fremde Hände übergehen zu lassen, sich selbst jedes Vergnügen versagte und immer nur arbeitete.

Bald zählte ihr Name zu den geachtetsten in der rö­mischen Künstlerwelt. Ihre Bilder, besonders ihre künst­lerisch vollendeten Kopien der herrlichen Gemälde des Vatikans, wie: Raphaels Krönung, Mariä, Murillos Martyrium und Guido Renis Kreuzigung Petri, erziel­ten ganz bedeutende Summen.

Dieser große Erfolg spornte Angelika Brandissi zu rastloser Tätigkeit an. Nach vier Jahren hatte sie die Schul­den ihres Vaters so ziemlich beglichen. Trotzdem arbei­tete sie weiter. Sie lebte fast nur ihrer Kunst und strebte nach immer größerer Vervollkommnung in derselben.

Vor zwei Jahren lernte William Helborne Angelika auf einem Wohltätigkeitsfest kennen. Zwar fesselte ihn auf, den ersten Blick die wundersame, edle Schönheit des ernsten Mädchens, das, im Gegensatz zu den übrigen in leuchtende Farben gekleideten Damen, ganz weiß er­schien. Ihr loses Faltengewand war in der Mitte durch einen silbernen Gürtel zusammengefaßt, silberne Span­gen zierten die feingeformten Arme und ein silberner Pfeilhielt den dicken glänzend schwarzen Haarknotenim Nacken. Doch sein Herz schlug bei ihrem Anblick genau so ruhig wie vorher, wenn auch sein Blick immer wie­der zu der schlanken Gestalt und bem vornehmen Ant­litz mit den dunklen samtweichen Augen, den stolzge­schwungenen Lippen und demmarmorgleichen Teint, den kaum ein Hauch von Röte färbte, zurückkehrte.

Sein Interesse nahm erst zu, als Angelika sich nicht im geringsten um ihn kümmerte. 161,18