tenmMtung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
2 Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 65.
In der Kretafrage
sind die Mächte in zwei Gruppen geteilt: einmal die vier sogenannten Schutzmächte Rußland, England, Frankreich und Italien und dann die beiden Zentral- mächte Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Diese Trennung bedeutet keinen Gegensatz. Ursprünglich waren nach den Aufständen auf der Insel, den Kämpfen zwischen Türken und Griechen, Mohammedanern und Christen alle Signatarmächte des Berliner Vertrages angerufen worden, den Widerstreit zwischen dem Drängen der griechischen Kreter auf Einverleibung in das Mutter- land und den alten türkischen Hoheitsrechten über Kreta zu schlichten. Deutschland zog sich jedoch vor zehn Jahren, und mit ihm sein österreichisch-ungarischer Bundesgenosse, von dem Konzert der Mächte zurück und überließ die Lösung des sehr verwickelten kretischen Problems den andern näher interessierten Mächten.
Die Veränderung des Status puo auf der Balkanhalbinsel, die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina und die Unabhängigkeit des zum Königtum emporgekommenen Bulgariens spornten die alten Bestrebungen der Kreter auf Anschluß an Griechenland aufs neue an. Diese Bestrebungen wurden noch dadurch ermuntert, daß die Schutzmächte auf Verlangen Englands, vielleicht vorschnell, ihre Besatzungen von der Insel zurückzogen. Auf der anderen Seite abe verschärfte sich unter dem jungtürkischen Element in der Türkei der Widerstand gegen den Verlust der Hoheit über die Insel. Die Veränderungen am Balkan gingen noch auf Rechnung des alten Regiments. Die Behauptung Kretas aber gegenüber dem schwachen Griechenland wurde von den Jungtürken als nationale Ehrensache erklärt. Die Vorbereitungen zum Kriege gegen Griechenland sind schon weit gediehen. Das Verlangen an die Regierung in Athen, einen runden Verzicht auf alle Ansprüche auf Kreta zu erklären, hatte zwar nicht die Form eines Ultimatums, der Sache nach aber ist es nichts anderes.
Die deutsche Regierung war die erste, die in Konstantinopel und in Athen zur Mäßigung geraten hat. Obgleich die militärische Ueberlegenheit der Türkei gegenüber Griechenland vollkommen ist, so liegt doch der deutsche Rat ebenso im Interesse der Türkei selbst wie im allgemeinen Friedensinteresse. Das jungtürkische Regiment ist noch viel zu wenig gefestigt, darauf deuten schon die wiederholten Ministerwechsel und die fortgesetzten Einmischungen des Komitees in die Regierungsgeschäfte hin. In Kleinasien und Syrien herrscht viel-
HoMeber.
Roman von Lothar Mehnert. 1
(Nachdruck nicht gestattet.)
Frühlingseinzug in Rom ...
Warm haucht es von den blauen Sabiner Bergen herein in die ewige Stadt. Hohe, ernste Zypressen, dunkle Pinien mit ihren malerischenSchirmkronen, immergrüne Eichen, stolze Palmen wiegen sich im Lenzwind.
Auf den Straßen duftet es von Veilchen, von schwarzäugigen Blumenmädchen in mächtigen Körben herumgetragen. Große gelbe und rote Kelchblüten, der Schmelz aller Farben leuchtet einem entgegen. Auf den breiten Treppen der Piazza di Spagna schimmert hochaufgeschich- tet die wundervolle Blumenpracht, und manche anmutige Verkäuferin im malerischen Kostüm erblüht dazwischen wie eine Frühlingsrose.
All diese Herrlichkeit reizt den Mann nicht, der in seinem luxuriös ausgestatteten Privatbureau in einem der vornehmsten Palazzi der Via Nazionale unmutig auf und ab geht.
Er hält einen Brief in der Hand, welcher den Poststempel „Kapstadt" trägt. Die stolze Ruhe, die gleichmütige Ueberlegenheit, welche denBankier William Hel- borne sonst, wenigstens in den Augen der Welt nicht verläßt, scheint für den Augenblick gewichen zu sein. Seine schmalen Lippen sind zusammengepreßt; zwischen die starken Augenbrauen gräbt sich eine Falte.
„Romano Perafini!- Ich hatte den Jungen fast schon vergessen, und jetzt will er auf einmal herkommen, hierher nach Rom! Fatal!"
Eine bleiche Röte steigt in das blasse, scharfgeschnittene Gesicht. Doch nur einige Augenblicke währt diese Schwäche. Mit einer ärgerlichen Handbewegung fährt der Mann ein paarmal durch die Luft, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.
„Bah, mag er kommen! Was tuts!"
Er zerreißt den Brief in kleine Stückchen und wirft sie in den Papierkorb. Dann drückt er auf die elektrische Klingel.
„Anspanpen!" befiehlt er kurz dem geräuschlos eintretenden Diener. „Ist Fernando noch nicht dagewesen?"
„Nein, Herr Helborne."
JWenn er kommt, führe ihn sofort herein!"
Der Bankier setzte sich an seinen Schreibtisch und beginnt in dem großen Hauptbuche zu blättern, doch sind seine Gedanken nicht bei der Sache. Immer wieder stützt er den Kopf in die Hand und blickt nachdenklich vor sich hin.
Die altgoldfarbenen Seidenvorhänge an den hohen Bogenfenstern sind zugezogen. Voll wirft die leuchtende siidliche Sonne ihre Strahlen durch die breiten Spiegelscheiben auf die in schweren Falten niederrieselnde goldige Pracht, das ganze Zimmer mit seiner goldgemu- sterten Tapete und dem dicken persischen Teppich von der Farbe alten Goldes „wie in Gold" tauchend.
Ein Klopfen an der Tür ertönt.
Ein stämmiger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren erscheint auf den Ruf des Bankiers auf der Schwelle.
„Ah, Fernando!" ruft der Bankier erfreut. „Nun, wie steht es mit Kleopatra?"
„Sie gehört Ihnen, Herr Helborne."
„Wirklich? Zu welchem Preis?"
„Zwölftausend Lire."
„So, so! Also noch ein paar Tausend mehr als ich glaubte?" (
„Es ging nicht anders, Herr Helborne. Die Herren waren rein wie versessen darauf. Graf Venosta bot schon elftausendfünfhundert..."
„Schon gut. Es kommt nicht darauf an... Ich überlasse Dir nun die Stute. Reite sie ein! Trainiere sie! Das übrige wird sich finden."
Eine entlassende Handbewegung .. der Bankier ist wieder allein.
Etwas wie Triumph zuckte über sein Gesicht. Er ist
Samstag, den 14. August
fach noch der alte Geist. Ein Krieg, selbst ein erfolgreicher, kann darin nichts bessern, würde sogar wahrscheinlich die islamitischen Leidenschaften aufs neue entfachen. Die deutsche und die österreichische Regierung sind mit ihren Ratschlägen in Konstantinopel und Athen zur friedlichen Verständigung nicht aus ihrer bisherigen Zurückhaltung-gegenüber der Lage auf Kreta herausgetreten, sie haben nur gezeigt, daß sie nichts unterstützen wollen, was einen Kriegsbrand entfachen könnte. In das Konzert der Schutzmächte zur Regelung der Kretafrage einzutreten, liegt für sie um so weniger Grund vor, als in diesem Konzert nicht alles stimmt.
Deutsches Reich.
— In Eleve fand in Gegenwart des Kaiserpaares die Feier der dreihundertjährigen Zugehörigkeit des Herzogtums Eleve zu Preußen statt. Es wurde ein Denkmal des großen Kurfürsten enthüllt. Der Kaiser hielt eine Ansprache, in der er auf die Geschichte des Herzogtums Eleve einging und mit den Worten schloß: , Heute sind die Träume vergangener Zeiten erfüllt. Aus den zerstreuten und zerrissenen Landen, dem Tummelplatz fremder Völker, ist ein Achtung gebietendes, einiges Deutsches Reich geworden. Der viel umstrittene, sagenumwobene Rhein ist unveräußerliches Gemeingut aller Deutschen, und nur in feinen pocsie- vollen Liedern, die den deutschen Rebensaft als Quell" deutscher Heldenkraft preisen, streiten sich in friedlicher Wettbewerb, wie jüngst in Frankfurt am Main, im: den sangeskundigen Rheinländern die Sänger der übrigen deutschen Gauen. Und wie in meinem Wappen die goldenen Lilienstäbe des Herzogtums Eleve mit dem brandenburgischen Adler und den anderen Landesemblemen ein harmonisches Ganze bilden, so werden auch für alle Zukunft die treuen Söhne des Niederrheins Seite an Seite mit den übrigen Landeskindern fest zusammenstehen, wenn es gilt, Vaterland, Thron und Altar zu schützen. In dieser Zuversicht ergreife ich den erinnerungsreichen Ehrenbrecher des gastfreien Eleve und trinke den deutschen Wein auf das Wohl des Herzogtums Eleve."
— Berlin. Der preußische Kriegsminster von Einem Amtsmüde. General der Kavallerie von Einem ist auf seinen Wunsch von seiner Stellung als Kriegsminister entbunden und mit der Vertretung des beurlaubten kommandierenden Generals des 7. Armeekorps beauftragt.
)9 60. Jahrgang. ä^^^W.^Hil^^
— Wilhelmshaven. Huldigungsfahrt zum Fürsten Bülow. Die durch die Presse verbreitete Nachricht, daß am vergangenen Sonntag eine Huldigungsfahrt zu dem Fürsten Bülow in Norderney stattgefunden habe, ist unzutreffend; es handelte sich nm eine Vergnügungsfahrt, die die vereinigten Reedereien veranstaltet hatten. Es findet aber am morigen Sonntag, wie verlautet, eine Huldigungsfahrt statt.
— Zur Ausführung des Vereinszollgesetzes. Der Bundesrat hat beschlossen, daß dem ersten Satze der Vorschrift in Ziffer 32 IV der Anweisung zur Aus» führung des Vereinszollgesetzes folgende Fassung ge» geben wird : Nach der Bestimmung der obersten Landesfinanzbehörde darf auch den nicht zur Klasse der Hauptämter gehörigen Zollstellen, bei denen ein Bedürfnis hierfür vorhanden ist, die Befugnis beigelegt werden, diejenigen Eisenbahnfrachtstücke, die aus dem freien Verkehr des Zollgebiets irrtümlich in das Ausland befördert oder sonst in das Ausland versandt, aber nicht in die Hände des Empfängers gelangt, sondern im Ausland im Gewahrsam der Eisenbahn-, Zoll-, Post-, Gerichts- oder Polizeibehörde geblieben sind, beim Wiedereingang selbständig aus Billigkeitsrücksichten vom Eingangszoll freizulassen, wenn diesen Eisenbahnfrachtstücken eine Eisenbahnamtliche Bescheinigung darüber beigegeben wird, daß sie während ihrer Beförderung sich ununterbrochen im Gewahrsam der Eisenbahn-, Zoll-, Post-, Gerichts- oder Polizeibehörde befunden haben.
— Der landwirtschaftlich Unterricht im Heere. Die vor einigen Tagen an die Truppenteile ausgegebenen „Leitsätze für die versuchsweise Einführung des landwirtschaftlichen Unterrichts im Heere" betonen, daß auch Offiziere, die mit landwirtschaftlichen Verhältnissen vertraut sind, zum Erteilen dieses Unterrichts herangezogen, bezw. zu diesem Unterricht vorgebildet werden sollen. Hierzu sollen sie, wie auch die Unteroffiziere, dem Unterricht beiwohnen, der von landwirtschaftlichen Lehrern in erster Linie erteilt wird. Nicht nur die aus landwirtschaftlichen Verhältnissen, sondern auch die aus Städten stammenden Mannschaften sollen am Unterricht teilnehmen, damit auch sie Verständnis für diesen wichtigen Erwerbszweig erhalten.
— Der hiesige amerikanische Botschafter hat dem Auswärtigen Amt eine Note übermittelt, durch welche das deutsch-amerikanische Handelsabkommen von 22. April (2. Mai) 1907 zum 7. Februar 1910 gekündigt wird.
kein großer Pferdeliebhaber, noch weniger ein Pferdekenner. Aber er weiß, daß alle römischen Sportsmänner sich auf das ungewöhnlich schöne Tier Hoffnung machten .. ein hinreichender Grund für William Helborne, Kleopatra um jeden Preis zu kaufen. Und jetzt ist sie sein! Wieder einmal hat sein Geldbeutel den Sieg da. vongetragen.
Es klopft. -
„Es ist angespannt, Herr Helborne."
Rasch machte der Bankier im Nebenzimmer noch ein wenig Toilette. Dann schreitet er mit lässiger Eleganz die breiten Marmorstufen seines Palazzo hinab und rollt gleich darauf in seinem prunkhaften, mit zwei feurigen Rappen bespannten Wagen dem Monte Pincio zu.
Es ist nachmittags vier Uhr, die Zeit, wo „ganz Rom" sich auf dem Monte Pincio einfindet, um bei den fröhlichen Weisen einer gutgeschulten Kapelle sich zu ergehen, zu lachen, zu scherzen, zu kokettieren. Alles, was die Ewige Stadt an Schönheit, Reichtum und Titeln aufzuweisen hat, hier gibt es sich ein Stelldichein.
Inmitten der endlos langen Reihe, der sich allmählich die palmenumsäumte Straße emporschlängelnden Wagen befindet sich William Helbornes Karosse. Der Bankier schaut nicht viel um sich. Fast aus jedem Wagen lachen ihm Bekannte entgegen, fliegtihm ein höfliches Wort zu, grüßen ihn schöne Frauenaugen und das beständige Danken wird ihm zu viel. William Helborne ist eine bekannte und gewichtige Persönlichkeit.
Jetzt hat der Wagen das Plateau des Monte Pincio erreicht. Eingezwängt in einen wahren Wirrwarr von Wagen, Reitern und Fußgängern, kann er nicht weiter. Der Bankier runzelt die Stirne ob des Aufenthaltes. Suchend fliegt sein scharfer Blick in die Runde, bis seine Augen plötzlich aufleuchten. 161,18
Er hebt die Hand zum Gruß, verläßt rasch seinen Wagen und drängt sich durch den lebenden Knäuel hindurch zu einem Einspänner, worin zwei Damen sitzen.