Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
mit amtlichem Rreisblatt.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mit Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg. . iwinniu ■Wm’'i-ri>-mM«.»t.f--Km«.u».r«MHMHiMr:ja»a-.-.' .»iaiti.a3aMifflCB-' :-sas^.T- ■ - accäkc iw ................................................ i i »■!■■ mwmj'wmzjViM.iUMmAr.Mi-m*- ■lw>ii—~"—m>iwimii m mi1» ■Mnmnn»i»ii» um »niwanmuwniaitiJ.lluaBa1*.
M 64
Mittwoch, den 11. August 1909
60. Jahrgang.
Amtliches.
Für die am 28. Februar 1888 zu Steinau geborene Marm Hohmann ist um Erteilung eines Reisepasses nach Amerika nachgesucht worden.
Schlüchtern, den 10. August 1909.
Der Kgl. Landrat: I. V. Schultheis.
Politischer Wochenbericht.
Unter den innerpolitischen Vorgängen der verflossenen Woche ist am bemerkenswertesten die Reichstagstichwahl im Kreise Neustadt Landau, in welcher der Sozialdemo- krat Huber den Sieg davon getragen hat. Dadurch ist ein Wahlkreis an die Sozialdemokratie verloren gegangen, der seit der Gründung des Reiches im Besitze einer bürgerlichen Partei gewesen ist. Diesen Sieg ~ hat die Sozialdemokratie nur dem Zentrum zu der« . danken. Durch das Ergebnis der Hauptwahl sollte ' . der nationalliberale Kandidat. Dr. Oehlert zugleich derjenige aller bürgerlichen Wähler überhaupt geworden sein; denn er stand einem Sozialdemokraten gegenüber. Der Bund der Landwirte hatte, was besondere Anerkennung verdient, seine Anhänger zum Eintreien für den Nationalliberalen aufgefordert, das Zentrum aber hat sich zu einer gleichen Selbstüberwindung'nicht entschließen können und hat den sozialdemokratischen Sieg, den die Sozialdemokratie aus eigener Kraft niemals errungen hätte, auf den: Gewissen. Zwar ist nach der Zahl der abgegebenen Stimmen die sozialdemokratische Wählerschaft gewachsen, aber auch der größere Teil der Zentrumsstimmen ist dem Sozial- demokraten zugefallen. Es bestätigt sich also wieder die alte Erfahrung, daß der bürgerliche und natk.sL Gedanke bei den Konservativen und Anhängern des Bundes der Landwirte im entscheidenden Augenblick immer noch im Vordergründe steht, um die Gegensätze zu den anderen bürgerlichen Parteien auch nach dem erregtesten Wahlkampf zu überwinden. Das Zentrum aber trägt selten oder nie Bedenken, sich mit seinen grundsätzlichsten Gegnern, den Sozialdemokraten, zu verbinden, wenn es seinen Parteiinteressen dienlich ist. . ' Und das ist tief bedauerlich.
In der auswärtigen Pvliiik sind vor allem die Besuchsreisen des Zaren nach Frankreich und England zu erwähnen. Von Deutschland aus hat er sie angetreten ; denn zuvor hat er dem Prinzen Heinrich auf dessen Sommersitze in der Bucht von Eckernförde einen Besuch abgestattet. Zwar trug dieser Besuch nach den offiziellen Berichten einen rein familiären Charakter;
es galt, liebe Verwandte, unter ihnen das großherzogliche Paar von Hessen, wiederzusehen, aber es scheint doch, daß bei diesem Besuche auch der Wunsch mir- gewirkt hat, zu zeigen, daß die Fahrt nach Frankreich und England nicht den Charakter deutschfeindlicher Demonstrationen hatte, was auch daraus hervorgeht, daß die Jarenreisen mit einer abermaligen Zusammenkunft mit Kaiser Wilhelm beschlossen werden sollen. Sie .stehen also im Zeichen eines freundschaftlichen Ver- Hältnisfes zu Deutschland, was auch durch die in Cher- bourg und Cowes gewechselten Trinksprüche und durch eine Aeußerung des russischen Ministers'Jswolski einem Vertreter des Pariser „Matin" gegenüber bestätigt wird, zu dem er von den herzlichen Beziehungen sprach, die Rußland, mit Deutschland unterhalte und unterhalten müsse. Diese Aeußerung ist ganz gewiß nicht ohne besondere Absicht gefallen, sie war eine wohlüberlegte Absage an alle, die etwa versuchen sollten, aus den Begegnungen in Cherbourg und Cowes Kapital gegen Deutschland zu schlagen.
In Spanien ist es dem energischen Eingreifen der Regierung gelungen, den revolutionären Brand in Barcelona, dem Herde des Aufruhrs, zu ersticken, noch ehe er das ganze Land in Flammen zu setzen vermochte. Es scheint auch, als ob die revolutionäre Bewegung sich selbst durch unglaubliche Roheiten und anarchistische Gewaltakte in Mißkredit gebracht hat; es sind z. B. in Barcelona und anderen Orten Klöster Mnd Kirchen zerstört und Geistliche und Nonnen zu 'Tode gemartert und verbrannt worden. Demgegenüber konnte die Regierung gar nicht anders, als mit schärfster Rücksichtslosigkeit durchzugreifen und der brutalen Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Ob aber die jetzt wiederhergestellte Ruhe von Bestand sein wird, muß die Zukunft lehren. Jedenfalls ist die Besorgnis nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß dem blutigen Vorspiel noch eine Tragödie innerer Wirren folgen wird, umsomehr als es nicht abzusehen ist, welchen Ausgang die Kämpfe mit den Riffkabylen in Marokko nehmen werden.
Zum Schlüsse sei noch eines Ereignisses gedacht, das in Deutschland mit großer Befriedigung ausgenommen worden ist: die Begnadigung der deutschen Deserteure von Casablanca durch den französischen Präsidenten Falliöres. Diesen Entschluß wird man in Deutschland als einen freundlichen Akt der französischen Regierung auffassen und würdigen. Nach dem Spruche des Haager Schiedsgerichts war die Verurteilung der
Deserteure zu Recht erfolgt, aber gerade deshalb darf die hochherzige Haltung des Präsidenten, durch die er einigen armen deutschen Sträflingen ihr hartes Los milderte in Deutschland auf besondere Anerkennung und Würdigung rechnen.____
Deutsches Reich.
— Kiel. Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord und die Begleitschiffe sind am vergangenen Freitag nachmittag 3 Uhr 15 Min. unter dem Salut der Kriegsschiffe in den Kieler Hafen eingelaufen. Die Mannschaften der Hochseeflotte begrüßten den Kaiser mit einem dreifachen Hurra.
- Zwischen dem Zaren und Kaiser Wilhelm fand eine Begegnung im Gebiet des Kaiser Wilhelm-Kanals fPtt.
— Berlin. Seine Maijestät der Kaiser ist Sonntag früh 7 Uhr 35 Minuten auf dem Lehrter Bahn« Hof eingetroffen.
— Der Besuch des Reichskanzlers von Bethmann- Hollweg in Wien dürfte, wie gemeldet wird, in der Zeit zwischen dem 20. und 30. September stattfinden, da um diese Zeit sowohl der Kaiser Franz Josef als auch Baron Aehrenthal in Wien anwesend sind. Ebenso dürfte der Reichskanzler auch noch vor dem Beginn der Reichstagsverhandlungen einen Antrittsbesuch in Rom abstatten. Außerdem sind für die nächsten Monate Besuche att deutschen Fürstenhöfen in Aussicht genommen.
— Die Kündigung des deutsch-amerikanischen Handelsprovisoriums seintens Deutschlands steht bevor.
— Monarchenreisen und Monarchenbegegnung. Der Kaiser reiste nach seinem kurzen Beisammensein mit der Zarenfamilie nach Berlin, dort verweilte der Monarch wahrend des Sonntags und begab sich alsdann zur Jubiläumsfeier nach Eleve. Da das russische Geschwader infolge dichten Nebels anfangs langsame Fahrt hatte, so fuhr ihm unser Kaiser durch den Kaiser Wilhelm- Kanal entgegen und bestieg abends um 6 Uhr die von deutschen Torpedobooten umgebene Zarenjacht „Standart". Die Begrüßung, das Zusammensein und der Abschied waren außerordemlich herzlich. Mit dein Kaiser begrüßten auch Prinz und Prinzessin Heinrich sowie das hessische Großherzogspaar die russische Kaiserfamilie.
— Der Besuch des „Zeppelin III" in Berlin finde", entgegen den bisherigen Meldungen, nicht am 26., sondern am Sonnabend, den 28. d. M., statt. Letzteres geschieht, wie die „Kölnische Zeitung" meldet, auf besonderen Wunsch des Kaisers, damit die Schuljugend
Jer Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 55
„Doch ganz egal, ich habe gsspieltund verloren. Wenn Sie dieseZeilen erhalten, hatmichschonlängstderTotensee. Man sagt, daß er seine Beitte niemals wieder herausgebe. Mir ist es recht so. So kann ich wenigstens in der Nähe der Frau schlafen, für deren Liebe ich alles hingegeben hätte. Mein ganzes mir nbriggebliebenes Vermögen habe ♦ ich urkundlich bereits der Stadt Burghof überwiesen. Mit ihm soll eine Charlotte-Stiftung errichtet werden, aus deren Zinsen alljährlich unbemittelten Mädchen ein kleines Heiratsgut zu bewilligen ist. Ich wäre zu Ende. Doch habe ich noch eine Bitte, die nämlich, falls : Sie sich einmal meiner erinnern, nicht zu verächtlich von mir denken zu wollen. Ich war eigentlich nicht schlecht, ich bin nur einem Verhängnis zum Opfer gefallen. Bernhard Willbert"
Unbemerkt von Charlotte gab der Gutsherr einigen Leuten sofort den Befehl, mit Netzen den Totensee zu befahren, um vielleicht wenigstens den Leichnam Will- berts zu bergen. Wie vorauszusehen, war dies vergeblich. Der Ertrunkene hatte ganz recht, der See gab die Opfer, welche er erst einmal fest in seinen Krallen hielt, niemals wieder.
Seiner Frau erzählte Rolf nichts vondemSchreiben des Verschollenen. Nur einmal, als bei der Bekanntgabe der Stiftung Willberts bei Tisch die Rede «uf diesen kam, sagte er: „Er war nicht so, wie man ihn sich eigentlich umstellte, sondern besaß im Grunde ein gutes Herz."
„Du hast recht, das beweist ja auch die wohltätige Stiftung, die merkwürdigerweise meinen Namen trägt. Wo mag sich der Mann nur jetzt aufhalten und weshalb kann er verzogen sein?"
Rolf zuckte die Achseln.' Er vermochte auch nicht an- deMungswHe etwas über den Brief lautbar werden zu
lassen. In der Tat wußte niemand etivas von dein Verbleib Willberts.
Er hatte in seiner Geschenkurkunde angegeben, er wolle nach dem Ausland auswandern, was vermutlich auch geschehen ist. Ihm bleibe noch genug übrig, um die geschenkte Summe leicht verschmerzen zu können. Man wunderte sich zwar über die merkwürdige Wohl- tätigkeitsanwandlung des Bauunternehmers, doch machte man sich betreffs der Annahme keine Kopfschmerzen.
Als der Referendar Hölzer einmal den jungen Eistedt traf, meinte er in Bezug auf den Verschollenen: „Es tut mir leid, daß ich den Mann öfters so schroff behandelt habe. Er scheint doch ein anständiger Kerl gewesen zu sein."
Auf diese Weise war es dem Unglückseligen, wahrscheinlich ohne daß er es gewollt hatte, gelungen, die Gunst der Menschen, um welche er zu Lebzeiten so oft vergeblich gebuhlt, wenigstens nach seinem Tode zu erringen. Jedenfalls gab es nach einiger Zeit eine Reihe von jungen Familien, die ihm ihr Glück verdankten und deshalb seiner nur mit Segenssprüchen gedachten.
Der alte Herr von Eistedt erlebte noch die Freude, Enkel auf seinen Knien schaukeln zu können, und er starb eines leichten Todes, versöhnt mit sich und der Welt.
Nach seinem Ableben überraschte Willi die Angehörigen mit einer seltsamen Handlung: er zog den Soldatenrock aus und verlobte sich mit einem bürgerlichen Mädchen, Fräulein Edith Lichtner, der bildschönen Tochter einer Lehrerswitwe. Niemand, weder Schwa- ger noch Schwester, hatten etwas gegen seine Wahl einzuwenden, nur wollten sie gern wissen, wie er eigentlich ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Doch hüllte er sich über diesen Punkt völlig in Schweigen.
Er habe sie eben in Königsberg-kennen und lieben gelernt, sagte er nur.
So kam es, daß diejenige, welcher er einst gewiss^r- maßen in unlauterer Absicht nach gestellt hatte, nunmehr
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als Guts Herrin in Eistedt einzog. Er hat seine Wahl nie zu bereuen gehabt.
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Jetzt bilden die beiden Familien eine sich innig liebende kleine Gemeinde und ihr Glück ist sprichwörtlich geworden in der ganzen Provinz.
Besonders auch Rolf lebt mit Charlotte in trautester Harmonie. Nur in einem Punkt stimmt er nicht mit ihr überein, in ihrer Vorliebe für den Totensee, gegen den er eine sonderbare Antipathie entwickelt. Sein Abscheu vor dem Gewässer ist so groß, daß er selbst die prachtvollsten Fische, die in dem See gefangen werden, verschmäht.
Auf ihre diesbezüglichen Vorhaltungen antwortete er einmal: „Es ist mir unmöglich, die Dinger zu genießen, die sich vielleicht an dem verwesenden Körper eines Ertrunkenen genährt haben."
„Pfui," hatte da Charlotte geantwortet, die als Ehefrau ihre ehemalige Wildheit völlig abgelegt und eine fleißige, sorgsame Hausfrau geworden war, „wie kann man nur solch häßliche Dinge denken. Wo sollen die Leichen Herkommen! Das von dem französischen Offizier, der da von dem eifersüchtigen Jagdgehilfen versenkt worden sein soll, ist doch nur eine Fabel. Alfa nimm ein Stück von dem Brathecht. Sieh nur, wie delikat er zubereitet ist."
m Rolf schüttelte sich jedoch und wehrte mit beiden Händen ab; immer mußte er an den denken, welcher, ohne daß er es geahnt, sein Nebenbuhler gewesen und welcher vielleicht sein Grab gefunden hatte in dem Totenfee.
— Ende. —
Das ändert die Sache. Heiratskandidat: „Ich schaue hauptsächlich darauf, in eine Familie zu kommen mit makellosem Ruf."— Vermittler: „Dann würde allerdings diese Dame nicht passen, man'munkelt, der Vater habe seine Gläubiger um mehr als 100000 Mark betrogen." — Heiratskandidat: „Und wieviel davon gibt er der Töchter mit?" 160,18-