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mit amtlichem Arersblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
______________________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
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Politischer Wochenbericht.
Von den innerpolitischen Ereignissen der verflossenen Woche ist in erster Linie der nunmehr vollzogene Reichs- kanzlerwechsel zu nennen. Der vierte Kanzler des deutschen Reichs Fürst Bülow hat die Stätte langjähriger Mühe und Arbeit verlassen, und das Deutsche Reich hat in dem bisherigen Staatssekretär im Reichs- amt des Innern Dr. von Bethmann-Hollweg seinen fünften Kanzler erhalten. Fürst Bülow, der mit allen Zeichen der Huld und Gnade des Kaisers und unter dem aufrichtigen Bedauern aller Patrioten nunmehr aus dem Amte geschieden ist, kann auf eine von vielen innern und äußern Erfolgen begleitete, an wohlverdienten Auszeichnungen und hohen Ehren, aber auch an Mühe und Arbeit reiche amtliche Laufbahn zurückblicken. Mehr als ein Menschenalter hindurch hat er, der als schlichter Bernhard v. Bülow in den Staats dienst trat, im Jahre 1899 durch den Grafentitel und im Jahre 1905 durch die Fürstenwürde ausgezeichnet wurde ununterbrochen alle seine Zeit und alle seine Kraft dem Dienste fürs Vaterland gewidmet, und ;AJ er dem deutschen Vaterlande geleistet, wird unauslöschlich in den Büchern der Geschichte verzeichnet bleiben. Sein Nachfolger Herr von Bethmann-Hollweg ist der erste deutsche Reichskanzler, der aus dem Gebiete der inneren Verwaltung hervorgegangen ist. Aus seiner bisherigen Tätigkeit kennt und schätzt man ihn als einen Mann von scharfem Verstände, bedeutender Arbeitskraft und großem Fleiße. Auf dem Gebiete der inneren Politik sind ihm sicherlich alle Verhältnisse und Faktoren wohlvertraut, und wenn der Kaiser in ihn das Vertrauen setzt, daß er auf dem Gebiete der auswärtigen Politik in den Bahnen seines Vorgängers weiterschreiten wird, so kann auch die Nation dem
Mittwoch, den 21. Juli 1909
neuen Kanzler dieses Vertrauen nicht versagen. Voll Hoffnung und Zuversicht begrüßt daher das deutsche Volk des Reiches fünften Kanzler bei dem Antritt seines hohen und verantwortungsvollen Amtes.
Der Schluß des Reichstages, das ist das zweite bemerkenswerte Ereignis. Bis tief in die Sommerzeit hinein hat er getagt und sich gemüt, und wenn auch nicht alle Werke den Meister loben, so erfordert doch die Billigkeit, daß man dem gewaltigen Fleiß ein Loblied singe, den die Volksvertreter in all diesen Zeiten bewiesen haben. Die gründliche und rechzeitige Durcharbeitung des Etats, die Reichsfinanzreform mit ihren tausend und aber tausend Einzeilheiten, das Besoldungsgesetz, das noch im letzten Augenblick durch von einem Teile der Linken aus demagogischen Rücksichten gestellten Anträge und Bewilligung von Besoldungserhöhungen ohne Sorge für nötige Deckung gefährdet wurde, eine große Fülle weiterer Vorlagen, die erledigt wurden, das war eine anerkennenswerte Arbeit des Reichstages. So mancher der Reichsboten hat Tag für Tag, vom frühen Morgen bis zum späten Abend innerhalb der Mauern des Reichstagebäudes geweilt, um sich in Kommissionen und Plenum abzuquälen, die Klagen bedrohter Interessenten entgegenzunehmen, über Kompromisse zu brüten und all die Kleinarbeit zu verrichten, von bem der Draußenstehende kaum etwas wahrnimmt. Nach anstrengender Arbeit sind nunmehr die Reichsboten in die Sommerferien gegangen, und von Herzen ist ihnen die Ferienruhe zu gönnen.
Das für das Reich wichtigste und bedeutsamste Werk, das der nunmehr geschlossene Reichstag zum Abschlüsse gebracht hat, ist natürlich die Reichsfinanzreform, die acht Monate lang das deutsche Volk in steter Aufregung erhielt, aber das übliche „Ende gut, \i&2 gut" will doch nicht recht heraus. Die 500 Millionen liegen auf dem Tisch des Reiches, aber sie sind schwer erkauft mit dem Rücktritte des Reichskanzlers Fürsten Bülow, dem das Deutsche Reich und vor allem auch die deutsche Landwirtschaft soviel zu verdanken hat. Zudem ist die Finanzreform nur quantitativ genügend, nach ihrer Beschaffenheit aber doch mangelhaft ausgefallen; insbesondere ist die dringend erwünschte Abgrenzung der Finanzen des Reiches und der Einzelstaaten nicht erreicht worden, vielmehr besteht das Uebel der Matrikularbeiträge, des Rückgriffs auf die Leistungen der Bundesregierungen zur Bilanzierung des Reichshaushaltes, fort. Aber trotz alledem hat es keinen Zweck schlechter Laune zu sein und den Kopf
60. Jahrgang.
■;;W--<.fefeaK. «MIWUWMIWWMM!^ I hängen zu lassen, jetzt gilt es, weiterzuarbeiten, um die Regelung der Reichsfinanzreform auch nach ihrer Beschaffenheit, soweit dies möglich ist, noch zu verbessern.
Während das Deutsche Reich am Ziele seiner Finanzreform angelangt ist, sieht es in dieser Beziehung in England noch sehr böse aus. Und das kann nicht Wunder nehmen; denn unsere lieben Vettern jenseits des Kanals haben viel nachzuholen. Sie haben weder die allgemeine Wehrpflicht noch eine Arbeiterversorgung, die bei uns schon längst aus den Kinderschuhen heraus ist und unsern Arbeitern jährlich über 400 Millionen Mark zukommen läßt; alle diese Probleme drängen jetzt auch in England zur Lösung. Dazu gehört aber vor allem Geld, Geld und nochmals Geld. Was aber das Deutsche Reich kann, muß doch das britische Reich auch fertig bringen. Bis jetzt ist noch keins dieser Probleme auch nur annähernd so in Angriff genommen, daß auf die Lösung in absehbarer Zeit zu rechnen ist. Die von der liberalen Regierung vorgeschlagene Finanzbill, die auch vor allem eine Landbesteuerung vorsieht, dürste die energischste Bekämpfung durch die Konservativen erfahren und auf starken Widerstand in Oberhaus stoßen. Von einer schnellen und glatten Erledigung der britischen Finanzreform dürfte daher so bald nicht die Rede sein.
Die Revolution in Persien hat dahin geführt, was man nach den letzten Niederlagen der Truppen des Schahs mit Sicherheit erwarten konnte, zur Erstürmung der Hauptstadt Teheran durch die Revolutionäre. Daß die Dinge in Persien soweit gediehen sind, ist zweifellos in erster Linie die Schuld des persischen Herrschers, der durch seine verfassungsfeindliche Haltung nicht nur den Aufruhr im eigenen Lande entflammt, sondern als weitere Folge der inneren Unruhen die Russen zum Einschreiten veranlaßt hat. So befindet sich das persische Rercy je£t in einer sehr schwierigen Lage; im Innern blutiger Bürgerkrieg, und von außen schreitet eine Macht ein, welche die Gelegenheit benutzt, um aus den inneren Unruhen Vorteile zu ziehen. Vielleicht stehen wir heute am Anfang der Auflösung des persischen Reiches. Denn man muß damit rechnen, daß die Russen die besetzten Teile von Persien in Besitz behalten. Wahrscheinlich wird dann auch England nicht zögern, aktiv in Persien einzugreifen, das ihm durch den russisch-englischen Vertrag über Mittelasien als Interessensphäre zuerkannt ist. Jedenfalls muß man dem weiteren Verlaufe der Dinge mit Spannung entgegensehen.
Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 48
Wie die wilde Jagd rasselte jetzt das Gefährt dem Walde zu. Noch viele Jahre dachten die Insassen an diese Fahrt zurück. Niemand glaubte, daß sie noch mit heilen Gliedern nach Hause kommen würden, so trieb Willi die Gäule an.
Der Lärm drang bis in Charlottes Zimmer hinauf und veranlaßte sie, hinabzugehen. Sie kam gerade. zu- recht, um das von ihrem Bruder gelenkte Gefährt verschwinden zu sehen. Einen der verstört herumlaufenden Knechte am Arm ergreifend, fragte sie besorgt: „Was ist denn nur eigentlich los, Jonat?"
Dieser erzählte mit schreckensbleichen Mienen, soviel er selber wußte. Charlotte verstand ihn im ersten Augenblick nicht, dann aber begann die Ahnung von etwas Schrecklichem in ihr aufzudämmern. Willi hatte vielleicht gar auf der Jagd statt einen Rehbock aus Versehen einen Menschen angeschossen. Ihr flimmerte vor den Augen bei demGedanken.
„Meinen Fuchs!" befahl sie heiser.
Doch kein Mensch achtete in dem allgemeinen Tumult auf ihren Befehl. Als sie selbst in den Stall trat, um ihr Leibpferd anmschirren, war es verschwunden. Es befandstch aufdemWegezum Doktor Kanth. So wartete sie denn mitklopfenden Pulsen.
Nach etwa einer Viertelstunde sah sie das Gefährt sich langsam dem Gute zu bewegen. Ihr Bruder saß im Wagen und beschäftigte sich mit einer sich dort befindenden, lang auf dem Stroh ausgestreckten Gestalt.
„O Gott, meine Ahnung!" flüsterte sie.
Sie wollte hineilen, doch Willi war im letzten Augenblick eingefallen, in wie nahem Verhältnis der Schwerverwundete zu seiner Schwester stand.
Es ging nicht anders, er mußte die schwere Pflicht erfüllen, sie auf das Unglück vorzubereiten. Er stieg *lfo
vorher ab und der Heranschreitenden entgegen. Wie diese sein Gesicht sah, in dem sich Kummer, Schmerz und Mitleid widerspiegelten, stieg ein fürchterlicher Verdacht in ihr auf.
„Hast Du etwa gar Rolf angeschossen?" entrang es sich ihren Lippen. Sie war dabei leichenblaß geworden.
„Was? Angeschossen?" platzte Willi konsterniert heraus bei dieser Beschuldigung, indem er alle Vorsicht vergaß. „Wer hat etwas von Anschießen gesagt? Die Sache liegt anders; der liebe Kerl hat den Stich aufgefangen, den mir ein Wilderer zugedacht hatte. .. Hoffentlich kommt der Doktor bald," fügte er angstvoll hinzu.
Charlotte schien zu Stern verwandelt. Sie sprach kein Wort, sondern schritt automatenhaft nach dem Wagen hin, welcher den Geliebten trug. Scheu gingen die Männer zur Seite. Zwar wußten sie nichts Genaueres über das Verhältnis der beiden, doch man erzählte sich in den strohgedeckten Hütten mancherlei in dieser Beziehung. Dort stand es fest, daß der Graf Helmbach und das gnädige Fräulein „Liebesleut" waren und „miteinander gingen." Das ganze Benehmen der jungen Dame schien ja auch die gehabten Vermutungen zu bestätigen.
Wie von selbst hielt der traurige Zug, als Charlotte hinzutrat. Verzehrend hingen ihre Augen eine Weile an dem bleichen Gesicht, das aus der bereits eingetretenen Dunkelheit zuihr hinüberleuchtete, dann brach sie, welche doch sonst ein so starkmütiges Herz besaß, lautlos zusammen. Die Eistedter Leute, die ausgefahren waren, eine Person zu holen, muffen nun deren zwei nach Hause
Die Ohnmacht Charlottes war nicht von langer Dauer. Wie das Gefährt den Gutshof erreichte, saß sie schon wieder aufrecht und beobachtete mit unendlicher Angst den Geliebten, der fast einem Toten glich. Von diesem unterschied er sich nur durch die kurzen, schwachen Atemzüge, welche ab und zu leise seine schwerverletzte Brust hoben.
Endlich stand das Gefährt vor der Hofveranda des „Schlosses", wo der alte Eistedt schon wartete. Der erschreckte Diener hatte seinen Herrn von den Ereignissen in Kenntnis gesetzt.
„Was ist geschehen, und wen bringst Du mir da, Willi?" fragte er beunruhigt den herantretenden Sohn.
„Vater," entgegnete jener leise, um von den Leuten nicht gehört zu werden, „Vater, vor dem nahenden Tode schwindet jeder Haß. Weißt Du, wer es ist, der den tödlichen Stoß eines Wilderers von mir ablenkte, indem er ihn selber auffing und Dir damit den Sohn erhielt, der, wäre jener nicht dazwischen gekommen, jetzt tot im Waldeliegenwürde? Es ist Graf Helmbach!"
Wie von einem Keulenschlage getroffen, hatte es der alte Mann ausgerufen. In seinem Gesicht strit- ten Haß, Dankbarkeit, Liebe und Anerkennung um die Herrschaft. Schließlich nahmen seine Züge einen eigenartigen, rührenden Ausdruck an.
„Das hat er getan," murmelte er, „und auf der Jagd, sagst Du?" Plötzlich erblickte er seine Tochter, die sich jetzt mit ängstlicher Sorgfalt um den Kranken bemühte. „Doch wie kommt Charlotte dazu? .. Charlotte, was tust Du bei dem Manne dort?"
Das junge Mädchen zitterte, als es die Stimme des Vaters erkannte. Zögernd schritt sie zu ihm hin. Hier aber hielt sie sich nicht länger. Sie sank willenlos in die Knie und rief gebrochen und unter verzweifeltem Weinen, während sie die Knie des Alten umfaßte: „O Vater, ich liebe ihn, ich liebe ihn! Ich sterbe, wenn er mir genommen wird!"
„Auch das noch," entrang es sich den Lippen des aufs tiefste Erschütterten. Hierauf beugte er sich über seine Tochter und hob sie auf.
„Stehe auf, mein Kind, wir wollen jetzt nicht darüber sprechen. Pflege Du ihn nur immerhin, er hat es um uns verdient." _ 160,18