MWernerMtung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 53.
«maM^
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
SchMchternrr Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
Iraeoaefinden in der Schlüchterner
O Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat seine diesjährige Nordlandreise aufgehoben.
— Einer halbamtlichen ErAarung zufolge ist der Entschluß des Fürsten v. Bülow, alsbald nach Erledigung der Finanzreform aus dem Amte zu scheiden, unwiderruflich.
— Ueber den bevorstehenden Rücktritt des Reichskanzlers Fürsten Bülow schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": „Der Reichskanzler hat den Kaiser um sofortige Entlassung gebeten. Seine Majestät hat sich zur sofortigen Erfüllung dieses Wunsches nicht zu entschließen vermocht ^mrdba^dei^Reichskanzler unter warmer Betonung zwökMhriger Ministertätigkeil der Krone und dem Lande geleisteten Dienste dringend gebeten, sein Amt noch so lange zu führen, bis die Reichs- finanzreform, deren Erledigung eine nationale Notwendigkeit sei, zustande gebracht wäre. Der Kaiser hat sich dabei von der Ueberzeugung leiten lassen, daß es am allerersten dem Fürsten Bülow gelingen werde, das Werk unter Abweisung der dem Gesamtinteresfe schädlichen und daher für die verbündeten Regierungen unannehmbaren Steuervorschläge zu Ende zu führen. Dem Ersuchen des Kaisers hat sich der Reichskanzler nicht entziehen wollen. Jedoch ist er mit Rücksicht auf die politische Entwicklung, die durch die Abstimmung über die Erbschaftssteuer ihren Ausdruck gefunden hat, unwiderruflich entschlossen, alsbald nach Erledigung der Finanzreform aus dem Amte zu scheiden."
— In den allgemeinen Grundsätzen über die An- siedlung von Arbeitern in Westpreußen und Posen ist von besonderer Wichtigkeit die Entscheidung, die hinsichtlich der Besiedlung gewerblicher Arbeiter durch Gesellschaften getroffen wurden. Nach dem bestehenden Gesetz ist der
Samstag, den 3. Juli 1909
Zweifel berechtigt, ob auch gewerbliche Arbeiter aus dem 75 Millionenfonds des Enteignungsgesetzes von 1908 den bekanntlich bewilligten Zuschuß von 800 Mk. pro Hektar und je 10 Mk. pro Hektar erhalten sollen. Man hat nun in den allgemeinen Grundsätzen das Prinzip aufgestellt, die gesetzlichen Vorschriften in möglichst weitherzigster Weise auszulegen, und dementsprechend bestimmt, daß auch bei der Besiedlung gewerblicher Arbeiter der in Aussicht gestellten Zuschüsse in Kraft treten.
— Das dreiste Vordringen des Polentums im rheinischen Jndustriebezirk beweisen wieder einmal folgende Tatsachen zur Genüge. Die wenigen Polen der deutschen Gemeinden Bruckhausen und Neumühl haben den Antrag gestellt, es möge ihnen die Hälfte aller Sitze in der Kirchengemeindevertretung gutwillig abgetreten werden. Bescheidener sind die Polen von Hamborn, die nur mit einem Drittel Stimmrechts im Kirchenrat vertreten sein wollen. Den nationalpolnischen Bestrebungen des „Wiarus Polski" ist es zuzuschreiben, daß in der deutschen Gemeinde Stoppenberg ein Sokolverein begründet worden ist. Der „Dziennik Bydgodsk" meldet mit sichtlicher Freude die Begründung eines nationalpolnischen Gesangvereins.
— .Der Unterrichtsausschuß des preußischen Abgeordnetenhauses hat die Maßregelung eines deutschfeindlichen Lehrers durch seine Vorgesetzte Behörde rückhaltlos gebilligt. Es handelt sich um den durch seine Tätigkeit bei dem Dänenblatt „Heimdal" bekannten ehemaligen Lehrer Möller in Apenrade, der gegen die auf dem Disziplinarwege erfolgte Entziehung seiner Pension beim Abgeordnetenhause Protest eingelegt hat. Der Unterrichtsausschuß des Abgeordnetenhauses wies die Bittschrift Möllers unter folgender Begründung ab: „Ein Lehrer ^at die besondere Pflicht, die ihm anvertrauten Kinder mit Liebe zum Staate, dem sie angehören, und zu dessen Einrichtungen zu erfüllen, und muß deshalb nicht nur selbst eine vaterländische Gesinnung haben, sondern den Kindern in der Betätigung einer solchen Gesinnung als Vorbild dienen. Der Petent hat aber durch sein Verhalten die Bestrebungen der dänischen Protestpartei zu fördern gesucht, welche letzten Endes auf eine Lostrennung Nord-Schleswigs vom preußischen Staate hinarbeitet, zum mindesten aber notorisch dänische Sprache, dänische Sitte und Art auf Kosten des Deutschtums zu stärken sucht. Mit der Förderung dieser Bestrebungen hat er einen großen Mangel an vaterländischer Gesinnung gezeigt und so seine Amtspflichten auf das gröblichste verletzt. Durch sein ganzes pflichtwidriges
60. Jahrgang.
Verhalten hat er jeden Anspruch auf Pension oder Unter' stützung verwirkt."
— Die Ostmarkenfahrt süddeutscher Parlamentarier und Journalisten hat auch durch den süddeutschen demokratischen Reichstagsabgeordneten Storz-Heidenheim, der selbst an der Fahrt teilnahm, im Stuttgarter „Neuen Tageblatt" eine kritische Würdigung gefunden. Storz schildert die „wertvollen Eindrücke" und faßt dann sein Urteil üb« die preußische Ostmarkenpolilik in folgenden Sätzen zusammen: „Jeder Deutsche, der wünscht, daß die Reichsgrenzen nicht zurückgesteckt werden, muß den Entschluß der preußischen Regierung, das Deutschtum in den Ostmarken zu erhalten und zu stärken, begrüßen. Gerade vom Standpunkte des Liberalismus aus hat man allen Grund, die verzeitige preußische Ansiedelungspolitik zu unterstützen. Die freisinnigen Abgeordneten, die für den viel angefochtenen Sprachenparagraphen zum Vereinsgesetz stimmten, haben gut daran getan. Nicht eine Germanisierung der Polen, wohl aber ein Verständnis der Polen für deutsche Kultur und deutsche Sprache kann und soll erreicht werden. Dann wird allmählich auch das großpolnische Phantom, das dem Frieden gefährlich ist, verschwinden."
— Im Künstlerhause in Leipzig fand eine Tagung von Vertretern der sächsischen Mittelstandskorporationen statt. Es wurden eine Resolution für die Erbanfall- steuer und eine Resolution gegen den Hansabund angenommen. Nachmittags trat der Landesvorstand der sächsischen Mittelstandsvereinigung zusammen. Es wurde beschlossen, die Schaffung einer sächsischen Zentralstelle für das Submissionswesen in die Wege zu leiten.
— Das Reichsluftschiff „Z. I" hat auf seinem Fluge nach Metz heute früh 4 Uhr bei Biberach wegen ungünstiger Witterung eine Zwischenlandung unternommen.
Ausland.
— Nach glaubwürdigen Berichten sind bei Spencer Bay in Deutsch-Südwestafrika auf bisher noch freiem Schürfgebiet neue Diamantenfelder entdeckt worden: über ihren Umfang und ihren Reichtum ist noch nichts Zuverlässiges bekannt.
— Das Ende des Streiks der französischen Seeleute ist nunmehr herbeigeführt worden. Ueber 4000 eingeschriebene Seeleute hielten in Marseille eine Versammlung ab, in der mitgeteilt wurde, daß in 11 Punkten eine Verständigung r.it den Reedern erfolgt sei, und daß nur noch die Frage des wöchentlichen Ruhetages der schiedsgerichtlichen Entscheidung harre. Die Ver-
Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 42
Charlotte errötete lebhaft. Ohne die Frage zu beantworten, fiel sie ihm um den Hals und flüsterte: „Du lieber, lieber Willi!"
Dann eilte sie flüchtigen Schrittes davon. Sieschämte sich vor ihrem Bruder, der ihr verwundert nachschaute.
„Was fehlt denn der Göre? Sie tat so eigentümlich. Sie wird doch nicht etwa in Helmbach rerschossen sein, das liebe Ding? Aha," sagte er lachend, jetzt geht mir ein Seifensieder auf. Auch er faselte ja soviel von Charlotte, was ich erst verstehe, wenn wirklich was dahinter steckt. Schaut nur den Schwörender. Kaum ist er angelangt, so fliegen ihm auch hier Me Frauen- herzen zu. Na, meinetwegen, mir kann's recht sein, er ist ein prächtiger Kerl, und Charlotte hct ja genug Geld, um sein etwas verblaßtes Wappenschild neu zu vergolden."
Pfeifend betrat er das Speisezimmer, wo er dem bereits anwesenden Vater „Guten Abend" bet. Während des Essens sah die sonst nicht scheue Charlitte gar nicht von ihrem Teller auf, seit sie das feine, verständnisvolle Lächeln wahrgenommen hatte, das ifres Bruders Mund umzog.
Plötzlich meinteWilli: „Sag' 'malPapa, wie kommt es eigentlich, daß wir nie mit unserem nichsten Nachbar, dem Grafen Helmbach verkehren? E: ist doch ein so liebenswürdiger Mensch. Ich traf ihn leute in Burghof und habe ihn zu mir geladen."
Einen Augenblick blieb es still. Die ^schreckten Geschwister konnten währenddessen beobachten, eine wie entsetzliche Veränderung nachWillis Wollen mit ihrem Vater vor sich ging. Die Gesichtsfarbe rühm eine blaurote Schattierung an, die Stirnabern treten hervor, als wollte das Blut die schwache Hülle sprengen und die Au- sen traten aus den Höhlen.
Dabei richtete er sich straff auf und keuchte, die Fäuste ballend, mit überschnappender Stimme: „Wen . . wen hast Du e-ngeladen, den Jlmenauer? Bist Du denn wahnsinnig geworden? Ich soll den Enkel des Mannes hier empfangen, den ich haßte, wie den Teufel; bei dessen Namensnennung ich schon hätte einenMordbe- gehen können: dessen Nachkommen ich geschworen, von der Erde zu vertilgen. Ich sage Euch, wer von Euch noch einmal den Namen jenes Menschen in den Mund nimmt und gar wagt, mit ihm zu verkehren, der ist mein Kind nicht mehr, den verfl. .."
„Vater, Vater!" schrie das in seinem Innersten getroffene Mädchen, „Vater, nur nicht das . .."
Der Alte war in seinen Sessel zurückgefallen und saß nun da, wie ein Toter; die ungeheure Aufregung mußte ihn überwältigt haben. Endlich schien er sich doch zu besinnen, was er gesprochen hatte. Er streichelte der vor ihm knienden Charlotte das weiche Haar und flüsterte gebrochen: „Verzeiht Kinder, wenn ich Euch erschreckt habe, aber jener Name bedeutet für mich die Erinnerung an die schmachvollste Stunde meines Lebens. Nicht wahr, Ihr versprecht mir, nie, niemals wieder von etwas dergleichen zu reden? Ich hätte es schon früher fordern sollen, dann wäre das heute nicht geschehen." Er erhob sich jetzt und wankte nach seinem Zimmer, dessen Tür er hinter sich abschloß.
Willi aber legte seinen Arm um die noch immer am Lehnstuhl knieende herzbrechend weinende Schwester und redete ihr tröstend zu: „Weine nicht, Kleine. Wer weiß, was der längstverstorbene alte Helmbach einmal mit unserem alten Herrn gehabt hat. Jedenfalls aber kann doch Rolf nichts dafür. Warten wir nur ab, die Zeit wird Papas Ansichten schon mildern."
Charlotte glaubte es nicht. Der heutige Abend hatte ihr Klarheit gebracht über so vieles, was sie bisher nicht verstanden hatte. Ihr kam die Einsicht, daß sieihre Hoffnung wegen eines zukünftigen häuslichen Glückes
auf lockeren Sand gebaut, und mit blutendem Herzen mußte sie zusehen, wie ihre holden Träume untergingen in einem Meer von Haß.
Ein immer heftiger werdendes verzweislungsvolles Schluchzen erschütterte bei dieser Erkenntnis den jungfräulichen Körper.
*
In dem festlich geschmückten großen Remter und dem darannegenden sogenannten „gelben Saal" des eine Sterbe von Burghof bildenden Ordensschlosses, fluteten Tausende von Menschen: der Basar hatte begonnen. Wahrend man an der schmalen Westseite eine große Buhne aufgeführt hatte, befanden sich an den übrigen Wanden zahlreiche Buden, wo alle nur möglichen Sachen zum Verkauf bereit lagen. Unaufhörlich klapperte das Geld auf den Zahltellern, so daß die erste Vorstands- dame, Frau Gerichtsrat Thebestus, sichdieHände reibend zu ihrer Kollegin, der Frau Rechnungsrat Elster sagte- Ein hervorragender Tag, verehrte Rätin, und eine schone Ernte! Das wird ein brillantes Geschäft."
Auch einVergnügungssaal, mit Kaspertheater, Schießbude, Wage, Wachsfigurenkabinett und dergleichen war m einem kleinen Nebensaal eingerichtet und dem Referendar Hölzer die Oberaufsicht über das Ganze übertragen worden. Jetzt stand er an dem Eingang mit gelben, grünpassepolierten Beinkleidern, weißer Weste und rotem Frack, auf dem Haupt einen uralten, grauen Zylinder. Seinen Hals umgab ein ungeheurer Vatermörder und in sein linkes Auge eingeklemmt trug er an einem breiten lilafarbenen Bande ein schwarz eingefaßtes Monocle. In der Rechten hielt er eine mächtige Ausruferglocke, welche er permanent in Bewegung setzte, wobei er, die Linke hoch emporgestreckt, schrie: „Jm- mer herem, meine Herrschaften! Hier ist zu sehen, wie der Frosch ins Wasser springt und dabei sein Leben riskiert. Außerdem viele andere herrliche Sachen. Also nur immer herein!" 1W 1§