mit amtlichem Kreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum W Pfg.
Samstag, den 26. Juni 1909
60. Jahrgang. ■■■■■■
Die im 60. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
HT „ ■ TT 1 _ ’L __ _ _ __ ( . daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
P j | 11h wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
I j Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
Miuuiiuuy daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Juli ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
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die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Erbanfallsteuer und Landwirtschaft.
Ueber die Vorlage einer Erbanfallsteuer herrscht noch in weiten, besonders bäuerlichen Kreisen eine erstaunliche Unkenntnis. Vielfach wird noch immer befürchtet, daß ein solches Gesetz überaus schwere Schädigungen, vielleicht sogar den Untergang für die Landwirtschaft im Gefolge haben könnte. Mit Recht hat der preußische Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben in seiner Reichtagsrede am Donnerstag ausgeführt, daß die Leute, die solche Behauptungen aufstellen, das Gesetz gar nicht gelesen haben und vor allem die Schutzbestimmungen nicht kennen, die die Regierung im Interesse der Landwirtschaft ausgenommen hat.
Aber auch die schädlichen Wirkungen, die eine Kotierungssteuer nicht etwa bloß auf die Börse, sondern auch auf den mittleren kleinen Mann haben müßte, scheinen noch lange nicht in ihrem vollen Umfange bekannt zu sein. Die Regierung hat, wie Freiherr von Rheinbaben ausführte, gegen diese Steuer zunächst das prinzipielle Bedenken, daß es sich hier um eine partielle Reichsvermögenssteuer handelt. Die Steuer würde ungleichmäßig verteilt, denn die Besitzer von Hypotheken blieben frei. Vor allem aber würde die Steuer erhoben werden ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit, denn der Besitz von Wertpapieren, insbesondere auch von Aktien ist keineswegs lediglich in den Händen wohlhabender Leute. Die Verteilung von Wertpapieren, insbesondere von Aktien, geht weit in die Kreise unseres Mittelstandes hinein. Der Minister erörterte dann die Wirkung für die Belastung der Aktiengesellschaften. Deren Angaben würden unter Umständen auf 25 bis 30 Prozent steigen können.
Noch wichtiger indes find zwei Gesichtspunkte allgemein wirtschaftlicher Bedeutung, die Verteuerung des Hypo- thekenkredils und die Schädigungen, die darin für den ganzen Landbesitz und für den städtischen Hausbesitz liegen. Die preußische Zentral-Boden-Kreditgesellschaft, die jetzt 350000 Mk. Steuern bezahlt, würde künftig 1
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Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 39
Neues Wagenrollen ließ sich vernehmen. Es war die Jlmenausche Equipage, in welcher Graf Helmbach saß, der heute des landwirtschaftlichen Vereins wegen an und für sich nach der Stadt kommen mußte und gleichzeitig die Gelegenheit benutzen wollte, wegen der zu leihenden dreiundzwanzigtausend Mark mit dem Kaufmann zu verhandeln.
SeinGesicht schien vonSorgen durchfurcht, denn der Weg wurde ihm, dem bisher mit derartigen Geschäften durchaus nicht Vertrauten, recht schwer.
Bei Faustmann ließ sich die Sache jedenfalls anders an, denn dieser stand zu ihm in einem so engen Verhältnis, daß man sich schon eher eine ähnliche Bitte erlauben durfte.
Hier dagegen kam der Graf als völlig Fremder. Abgesehen davon, daß Ganzer seine Bitte rundweg ablehnen konnte .. er hätte es ihm garnicht verdacht, denn wer leiht eine so hohe Summe einem völlig Unbekannten • • so sträubte sich auch sein ganzer Stolz dagegen, demselben mit einem Bittgesuch zu nahen.
Aber er konnte nicht anders in Anbetracht des zwingenden Gebotes der Not.
Der Graf wußte genau, Schlüpfer kannte keine Milde, nachdem er sein absurdes Heiratsangebot zurückgewie- sen hatte.
Zwar hatte ihm sein Verwalter, der alte Iahn, so und soviel mal versichert, die Geschichte werde glatt vonstatten gehen, daß er schließlich selber daran glaubte, und doch lag es auf seiner Brust wie ein drückender Alp.
Zögernd stieg er vom Wagen und sah sich suchend um. Der alte Ganzer erhob sich sofort, wie er das elegante Fuhrwerk bemerkte und lüftete vor dem Näher- ttetenden seine einfache Mütze.
Million mehr bezahlen müssen. Das wäre 30 v. H. des Gewinnes als Steuer! Noch bedenklicher wäre die Rückwirkung der Kotierungssteuer auf den Kredit der Provinzen, Kreise und Gemeinden. Innerhalb 12 Jahren sind von diesen Verbänden nicht weniger wie 4,355 Milliarden Schulden kontrahiert worden. Bei einem Satz von 1 pro Mille würden sie in dieser Zeit eine Jahressteuer von 4 355 000 Mk. zu zahlen gehabt haben. Auch die Provinzialhilfskassen nehmen Anleihen in größtem Stiele auf. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften sind in ihrem Kredit größtenteils auf diese Kassen angewiesen. Wird also diesen Provinzialhilfskassen der Kredit verteuert, so sind wiederum die mittleren und kleineren Teile der produzierten Bevölkerung in Stadt und Land und namentlich die landwirtschaftlichen Genossenschaften die Leidtragenden. Auch die Wirkungen auf die Börse selber, auf die der Minister nur kurz zu sprechen kam, sind höchst bedenkliche für unsere wirtschaftliche wie nationale Entwicklung, insbesondere wies Freiherr v. Rheinbaben mit erhobener Stimme auf die Bedeutung hin, welche eine leistungsfähige Börse im Ernstfälle besitzt. So bestehen gegen die Konerungssteuer seitens der verbündeten Regierungen schwere und nicht überwindbare Bedenken.
Hierauf wandle sich der Finanzminister der Erbanfallsteuer zu, indem er vor allem die Behauptung widerlegte, daß der Landwirtschaft schwere Schäden aus der Erbanfallsteuer erwachsen würden. In Preußen haben unter 1,3 Millionen selbständiger Lanowirte nur 10 v. H. ein Vermögen von mehr als 30000 Mk. Also fallen 90 o. H. der selbständigen Land! >rte überhaupt nicht unter die Erbanfallsteuer. Ferner ist zu konstatieren, daß von den ergänzungssteuerpfl.ch, gen Vermögen ebenfalls 65 v. H. vollständig freibleiben. Man kann also sagen, daß nicht nur die Landwirtschaft, sondern die mittleren und kleineren Existenzen bei der Erbanfall- ' fteuer durchaus geschont werden. Für die Landwirtschaft ist ferner durch Zugrundelegung des zwanzigfachen Ertragswertes eine äußerst günstige Berechnungsweise ge<
„Habe ich das Vergnügen, Herrn Kaufmann Ganzer zu sprechen?" fragte Rolf.
„Ja, ich heiße Ganzer."
„Graf Helmbach ist mein Name. Entschuldigen Sie, wenn ich störe, aber mich führt eine dringende geschäftliche Angelegenheit zu Ihnen."
„Ach, ich weiß, ich weiß." Ganzers ernste Mienen hellten sich auf, wie er den Namen des Jlmenauers hörte. „Unser Haus steht ja mit dem Ihren schon seit vielen Jahren in lebhafter Geschäftsverbindung. Haben Sie die Güte, sich nach meinem Privatkontor zu bemühen."
Der freundliche Empfang tat Rolf wohl. Es war ihm, als habe er bereits den Berg überschritten, der ihm vorher als unübersteiglich erschien.
Drinnen brächte er sofort seine Bitte vor. Er zog einen kurzen Bücherauszug heraus und erläuterte an der Hand dessen seinen augenblicklichen Vermögensstand.
„Sie sehen," schloß er, „Sie brauchen nicht allzu viel Furcht haben, daß Sie das Geliehene nicht wiedererhalten. Jedenfalls will ich allemeineKräfte anspannen, um das Guthaben baldigst zurückzuerstatten und Sie werden die Erfahrung machen, daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen schenkten."
Der Alte hatte aufmerksam zugehört. „Dreiundzwanzigtausend Mark ist viel Geld, sehr viel," sagte er, „und es kostet Millionen von Schweißtropfen, um sie zu verdienen. Doch Sie sollen sie haben." In seiner ruhigen Weise wehrte er die Dankesbezeigungen des übergliick- lich aufspringenden Grafen ab und fuhr fort: „Wie gesagt, Sie sollen die Summe haben, und zwar nur auf einen bloßen Schuldschein hin, natürlich zu den üblichen gesetzlichen Zinsen. Doch das sage ich Ihnen, Herr Graf, verzeihen Sie, wenn ich ganz offen rede, obwohl ich, seit Sie zurück sind, nur das allerbeste von Ihnen hörte, ich hätte weder Ihnen noch Ihrem Verwalter das Bewußte vorgestreckt, die Geschichte ist
schaffen. Der Finanzminister selber hat im Bundesrat einen Antrag eingebracht und befürwortet, auf Grund dessen die Schätzungen des Grundstückswertes niemals die Taxe einer öffentlichen Behörde überschreiten dürfen. Unter vielen anderen Erleichterungen für die Landwirtschaft ist ferner besonders wichtig die Bestimmung, daß bei land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken eine Entrichtung der Steuer in Kapital nicht gefordert werden darf, sondern daß der Erbe berechtigt sein soll, diese Erbschaftssteuer in einer zwanzigjährigen Rente abzu- zahlen.
Schließlich wies der Minister an einer Reihe von Beispielen nach, daß die wirkliche Belastung des land- und forstwirtschaftlichen Besitzes sich in äußerst engen Grenzen hält. Diese Darlegung beweisen schlagend, daß die Beunruhigung, die im Lande Platz gegriffen hat, unbegründet ist und zum größten Teil auf weitgehender Unkenntnis des Gesetzes beruht. Man darf hoffen, daß auf Grund dieser Rede die Wahrheit über die Erbanfallsteuer, insbesondere, was ihre Wirkung auf die Land- w-rffchaft betrifft, zu ihrem Recht kommen und ihren Eindruck auf die noch abseits sich haltenden Parteien nicht verfehlen wird.
Deutsches Reich.
— Die „Wiranga", glänzend illuminiert, mit Sr. Majestät dem Kaiser an Bord, ist unter dem Salut der Forts am Montag um 9.30 Uhr hier eingetroffen und hat am Quai festgelegt. Auch die Landungsstelle ist festlich erleuchtet. Zahlreiches Publikum brächte dem Kaiser, der sich an Deck zeigte, lebhafte Hochrufe dar. Die „Hohenzollern" ist aus Kiel hier eingetroffen und liegt ebenfalls am Quai. Das Wetter ist regnerisch.
— Der Kaiser siedelte am Dienstag vormittag von der Dpiranga auf die Hohenzollern über und begab sich alsbald an Bord des Meteor. Um 12 Uhr begann bei gutem Segelwind und schönem Wetter die Segel- wettfahrt des Norddeutschen Regattavereins auf der
trotz allem immerhin sehr riskant. Aber Sie haben einen Gönner gehabt, und auf dessen Fürsprache hin hätte ich Ihnen auch ebenso gern das Doppelte oder Dreifache gegeben, wenn Sie mich darum gebeten hätten. Dieser Ihr Gönner hat mich, oder eigentlich meinen Sohn, das ist ja ganz dasselbe, überzeugt, daß ich Ihnen vertrauen kann. Das genügte, um Ihnen in jeder Weise entgegenzukommen."
„Ich habe also Freunde?" brächte Rolf nach einer Weile ganz erstaunt hervor. „Wollen Sie mir nicht sagen, wer dieselben mir selbst unbekannten sind 9"
„Eigentlich soll ich das nicht, doch ich sehe nicht ein, warum ich es Ihnen verschweigen soll. Es ist eine Dame deren Fürsprache bei mir gewirkt hat. Sie müssen Sie ja kennen, das Fräulein von Eistedt."
Rolfs Augen leuchteten bei dieser Auskunft. „Wieder sie, kam es leise von seinen Lippen.
„Ich weiß allerdings nicht, was die junge Dame zu ihrem Eintreten für Sie veranlaßte, HerrGraf," begann der alte Ganzer von neuem, „sie tat es, nebenbei bemerkt, David, das ist mein Sohn, gegenüber in höchst energischer Weise .. mir genügte, daß sie es getan hat. Damit ist für mich die Sache erledigt. Uebrigens, Sie gehen doch zum landwirtschaftlichen Verein, Herr Graf?"
„Ja, ich hatte die Absicht," erwiderte Rolf.
„Dann werde ich Ihnen die Banknoten dorthin brin- gen lassen, durch einen meinerSöhne. Ich habe natur gemäß soviel nicht in bar liegen, ich muß es erst von der Bank abholen. Als Zinsen müßte ich," er sah den Börsenbericht nach, „müßte ich fünfeinhalb Prozent berechnen. So, jetzt hätten wir das Geschäft erledigt, zu Ihrer Zufriedenheit, hoffeich," sagte der Alre lächelnd.
„Sie glauben gar nicht, welchen Dienst Sie mir mit dem Darlehen des Geldes erwiesen haben," versetzte Rolf warm. Er ergriff die Hand des ehrlichen Alten und schüttelte sie herzlich. „Meiner.unbegrenzten Dankbarkeit können Sie gewiß fein," igQ ig