MüchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
___________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 48» Mittwoch, den 16. Juni 1909 60. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 6701. Herr Kreisarzt Dr. Cauer hierselbst ist vom 14. d. Mts. ab bis einschließlich 17. Juli d. Js. beurlaubt.
Mit seiner Vertretung ist Herr Kreisarzt, Medizinalrat Dr. Grau in Gelnhausen beauftragt worden.
Schlüchtern, den 12. Juni 1909.
Der Köngliche Landrat: Valentiner.
Bekanntmachung.
Durch das Gesetz, betreffend die Abänderung des Einkommensteuergesetzes und des Ergänzungssteuergesetzes, vom 26. Mai 1909 (Ges. S. S- 349) hat der § 19 Absatz 1 und 2 des Einkommensteuergesetzes die nachstehende Fassung erhalten:
„Gewährt ein Steuerpflichtiger, dessen Einkommen den Betrag von 6500 Mk. nicht über- steigt, Kindern oder anderen Familienangehörigen auf Grund gesetzlicher Verpflichtung (§§ 1601 bis 1615 Bürgerlichen Gesetzbuchs) Unterhalt, so werden die im § 17 vorgeschriebenen Steuersätze ermäßigt
um eine Stufe bei dem Vorhandensein von 2,
„ zwei Stufen „ „ „ „ 3 oder 4, drei „ „ „ „ „ 5 „ 6 derartigen Familienmitgliedern. Für je zwei weitere solcher Familienangehörigen tritt eine Ermäßigung um eine weitere Stufe ein.
Bei Einkommen von mehr als 6500 Mk., aber nicht mehr als 9500 Mk., wird der im § 17 vorgeschriebene Steuersatz ermäßigt
um eine Stufe, wenn der Steuerpflichtige 3,
„ zwei Stufen, „ „ „ 4 oder 5 Kindern oder andern Familienmitgliedern auf Grund gesetzlicher Verpflichtung Unterhalt gewährt. Für je zwei weitere solcher Familienangehörigen tritt eine Ermäßigung um eine weitere Stufe ein".
Diejenigen für das Steuerjahr 1909 bereits zur Einkommensteuer ^veranlagten Steuerpflichtigen, welche glauben, auf Grund dieser Bestimmungen auf eine Er- , Mäßigung des Steuersatzes Anspruch zu haben, fordere ich hierdurch auf, diese Ermäßigung spätestens bis zum 25. Juni 1909 bei mir schriftlich zu beantragen.
Später eingehende Anträge dürfen nach gesetzlicher Vorschrift nicht berücksichtigt werden.
Schlüchtern, den 14. Juni 1909.
Der Vorsitzende der Einkommensteuer-Veranlagungs-Kommission.
Valentiner.
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Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau. 36
„Geben Sie mir zwei Dinger zu fünfzig Mark," forderte Willi heiser vom unteren Tisch. Trotz des niedrigen Einsatzes hatte er bereits gegen vierhundert Mark verloren. Er kam nie heraus, nicht einmal mit dem kleinsten Gewinn, die Glücksgöttin schien ihm gegenüber völlig blind zu sein. Deshalb wollte er die Sache forcieren und mit einem Schlage alles wiedergewinnen.
Der Referendar spielte ebenfalls, wenn auch etwas widerwillig, mit, doch kaufte er nur eine Karte.
„Ich kann mich nicht so hereinstürzen, wie Ihr," erwiderte er auf Mahnungen, doch mehr zu nehmen, „der preußische Staat bezahlt leider seinen Referendaren noch zu geringes Gehalt."
Trotzdem gewann er, gewöhnlich in den letzten Ziehungen, und öfters auch das große Los, so daß bald ein stattlicher Goldberg vor ihm lag.
„Sie haben ja einen merkwürdigen Dusel, Hölzer," sagte ein anwesender Oberlehrer, Doktor Wißmann, verwundert, „man merkt, Fortuna ist eine Metze. Sie wollten von ihr nichts wissen, desto lebhafter drängt sie sich an Sie heran. Wenn das so weiter geht, brauchen Sie ein ganzes Jahr keinen Zuschuß."
Der Referendar lachte vergnügt.
„Wär' mir sehr angenehm. Doch ich glaube es nicht: wie gewonnen, so zerronnen, pflegt man zu sagen. Aber egal, ich kann mir ja auch mal 'ne Karte zu fünfzig Mark kaufen."
Willbert schlug um .. Hölzer besaß das große Los. Alle staunten ihn mit einem gewissen Neid an.
„Zum Kuckuck, wo sind Sie denn heute gewesen, Herr Referendar?" fragte der bezechte Gutsbesitzer. „Hat der Mensch mir nichts Dir nichts vierhundert Mark gewonnen. wenn man auch schon die künfzia Mark für
Zu der vorstehenden Bekanntmachung bemerke ich noch, daß bei denjenigen Steuerpflichtigen, welche Einspruch oder Berufung gegen ihre diesjährige Veranlagung erhoben haben, schon eine Berücksichtigung des § 19 in der neuen Fassung stattfindet. Ein von diesen Personen zu stellender Antrag ist daher nicht erforderlich.
Schlüchtern, den 14. Juni 1909.
Der Vorsitzende
der Einkommensteuer-Veranlagungs-Kommission: Valentiner.
l^jC3273^ Es beabsichtigen: ~
1. der Gastwirt Emil Diegelmann in Ut trichshaufen auf seinem in der Gemarkung Uttrichshausen gelegenen Grundstück Kartenblatt A I Parzelle N 242,
2. der Metzgermeister Heinrich Müller in Jossa auf seinem in der Gemarkung Jossa gelegenen Grundstück Kartenblatt A Parzelle N. 256/12 je ein Schlachthaus zu errichten.
Ich bringe diese Vorhaben zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dieselben binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in zwei Exemplaren anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesen Verfahren nicht mehr angebracht werden.
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht
Dienstag den 6. Juli d. 3s.
vormittags 11 Uhr,
vor dem Unterzeichneten an. Im Falle des Ausbleibens der Unternehmer oder ber| Widersprechenden wird gleichwohl mit Erörterung der Unternehmen bezw. der Einwendungen vorgegangen werden.
Zeichnungen und Beschreibungen der Anlagen können während der Dienststunden im Bureau des Kreis- Ausschusses eingesehen werden.
Schlüchtern, den 14, Juni 1909.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentiner.
J-N 3322 K.-A. Die aus den 10. Juli ln Sterbsritz anberaumte Bullenkörung findet
Samstag, den 3. Juli
vormittags 11 Uhr in Sterbfritz statt.
Schlüchtern, den 7. Juni 1909.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
die Pinke abzieht. Das bedeutet einen halben Waggon Roggen."
Willi Eistedt verlor permanent weiter. Er wechselte schon den zweiten Tausendmarkschein. Er sah, wie ihn Willbert dabei höhnisch anblinzelte. Erwürgen hätte er den Menschen können.
Immer höher schlugen die Wogen des Spiels und die Leidenschaft verzerrte die Gesichter der Teilnehmer. Hölzer allein saß ruhig da, als ob ihn die ganze Sache gar nichts anginge. Nur etwas verlegen blickte er um sich, er fürchtete sich fast vor den sich an ihn herandrängenden Geldmassen.
„Bei dem „Cohnen" kann man doch so recht die wahren Charaktere beobachten," sagte er sich, „die Spielwut reißt den verschiedenen Gentlemens die Kappe vom Gesicht."
In seiner elendsten Gestalt präsentierte sich ihm der doch angeblich Hunderttausende besitzende Agent Schlüpfer. Er kaufte stets zwei Karten, eine zu hundert und eine zu fünfzig Mark.
Kam nun die zu fünfzig Mark mit etwas Größerem heraus, so behauptete er, es wäre die zu hundert Mark gekaufte. Einigemal ließ sich der ja auch schon mit allen Hunden gehetzte Bankhalter bei dieser Prozedur übertölpeln, endlich aber merkte er doch den Betrug und beobachtete ihn nun genau.
Wie Schlüpfer von neuem Geld für die höhere Karte verlangte, trotzdem nur die Hälfte herausgekommen war, zahlte ihm Willbert wortlos das ihm Zukommende aus, sah ihn dabei aber scharf an. Mit scheuen Augen, aber ohne etwas zu bemerken, strich der Agent das Geld ein.
„Pfui!" entrang es sich den Lippen des entrüsteten Hölzer.
„Was ist los?" fragte ein neben ihm sitzender Fabrikbesitzer. ,
nichts, mir ist nur ein Stuck Tabak in einen
Der Schreiner Adain Kreile zu Steinau hat für sich und seine Familie um Ausstellung eines Reisepasses zwecks Reise nach Amerika nachgesucht.
Schlüchtern, den 15. Juni 1909.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Bekanntmachung.
Der Korb- und Schirmacher (Zigeuner) Friedrich Ebender aus Usenborn, Kreis Büdingen, geboren in Butzbach — Oberhessen — am 28. Mai 1885, ist durch rechtskräftiges Urteil des Schwurgerichts zu Hanau vom 27. November 1908 wegen Mordes, begangen in der Nähe von Rom- merz, Kreis Fulda, l n dem Gendarmerie- Wachtmeister Johannes Schenk aus Flieden, zum Tode verurteilt worden. Das Urteil ist heute Morgen im Hofe des hiesigen Gerichtsgefängnisses durch Enthauptung vollstreckt worden.
Hanau, den 15. Juni 1909.
Der Königliche Erste Staatsanwalt: Lehmann.
Politischer Wochenbericht.
Mit aufrichtigem Bedauern hat jeder Patriot zweifelsohne von den Zwistigkeiten Kenntnis genommen, die seinerzeit in unserm größten nationalen Verein, dem trefflich organisierten und aufs erfolgreichste für die Hebung des vaterländischen Bewußtseins wirkenden Deutschen Flottenverein, eingerissen waren. Umso größer wird daher auch die Befriedigung über den Verlauf der diesjährigen, inKielabgehaltenenHauptversammlungdes genannten Vereins sein. Der Geist des Friedens und vollster Einmütigkeit beherrschte von Anbeginn bis Ende die Verhandlungen, und man muß dem neuen Präsidium das Zeugnis ausstellen, daß es ihm in der kurzen Zeit seiner Amtsführung bereits glänzend gelungen ist, die Reihen im Flottenverein wieder fest zu schließen und jegliche Zwietracht aus seiner Mitte zu bannen. Unter den auf der Tagung gehaltenen Reden war wohl die bemerkenswerteste diejenige des geschäftsführenden Vorsitzenden des Vereins, Konteradmirals Weber. Seine
hohlen Zahn geraten," erwiderte der Referendar mit verzogenem Munde.
Willi saß damit fieberhaft glänzenden Wangen. Er sprach gleich den meisten anderen dem Sekt unmäßig zu. Trotzdem berauschte ihn dieser nicht, im Gegenteil schien er ihn: nur noch mehr Waghalsigkeit einzuflößen. In letzter Zeit hatte er mehrere Gewinne gemacht, darunter einmal das große Los, und so glaubte er, mehr anwenden zu können.
„Verkaufen Sie auch über hundertMark?" fragte er den Bauunternehmer, wobei er alle Feindschaft vergaß.
„Bis zu zweihundert Mark, das ist aber die Grenze," erwiderte jener, indem er fast unwillkürlich nach der Seitentasche faßte und ein unangenehmes Lächeln sein Gesicht umspielte.
Es mußte ihn wohl ein ähnliches Empfinden durchziehen, wie es eine Spinne haben mag, wenn sie eine unvorsichtige Fliege in ihren Netzen gefangen hält. Westen und Seitentaschen waren voll von Banknoten.Willbert wußte selbst nicht, wieviel Tausende er schon gewonnen hatte.
Willi zählte auf die erhaltene Antwort hin seine Kasse. Er besaß noch etwas über tausend Mark, da konnte er ja noch einen großen Schlag riskieren. Daß es das ersparte Geld seiner Schwester war, welche es ihm zu einem ganz anderen Zweck überreicht hatte, kam ihm gar nicht zum Bewußtsein.
„Geben Sie mir also drei Karten zu zweihundert Mark," forderte er, zögernd sechs blaue Scheine dem Bankier hinschiebend.
Als Gegenleistung erhielt er drei schon unsauber gewordene Karten.
Er kam nicht heraus, auch nicht mit der geringsten Ziehung. Ganz bleich ergriff er den Rest seines Geldes und warf es mit zitternden Händen Willbert zu.
„Noch drei! Zum Kuckuck, einmal muß es doch einschlagen!" , . 160,18