ZchlWernerAUun g
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
_____Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________
Erscheint Mittwoch und Samstag -- Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 47.
Samstag, den 12. Juni 1909
60. Jahrgang.
Amtliches.
J.-N' 3322 K.-A. Die auf den 10. Juli in Sterbfritz anberaumte Bullenkörung findet
Samstag, den 3. Juli
vormittags 11 Uhr in Sterbfritz statt.
Schlüchtern, den 7. Juni 1909.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 3389 K. A. Die Herren Bürgermeister der Stadt- und Landgemeinden ersuche ich unter Bezugnahme auf die Kreisblatt-Verfügung vom 4. Mai 1905 — J.-N. 1354 K. A., — den am 1. Juni cr. festgestellten Bestand an Kühen, deckfähigen Rindern Lind sprungfähigen Bullen mir innerhalb 5 Tagenjmitzuteilen.
Schlüchtern, den 8. Juni 1909.
Der Köngliche Landrat: Valentine«
Zur Begegnung des Kaisers mit dem Zaren.
Die politische Arbeit erfordert einen steten Kampf gegen Irrtümer und Mißverständnisse, gutgläubige und böswillige. Dieser Teil der politischen Arbeit fällt hauptsächlich der Presse zu, wie es ja auch die Presse ist, die die meisten Irrtümer und Mißverständnisse stiftet oder verbreitet. Der Zar hat den deutschen Kaiser in sehr herzlichen Worten zu einer Begegnung aufgefordert — an und für sich eine einfache und nach den Beziehungen- der Herrscher und Nachbarländer zueinander auch natürliche Begebenheit, zumal wenn man berücksichtigt, daß der Zar im Laufe des Sommers Besuche auch in England und Frankreich, vielleicht auch in Italien machen will- Aber die einfachste Erklärung genügte den Bedürfnissen mancher Leute in Paris, London und selbst auch in Petersburg nicht. Die Initiative zu der Begegnung sollte durchaus von dem deutschen Kaiser ausgegangen sein, und der Zar sollte sich ihr nur aus Höflichkeit gefügt haben? Warum? Weil das so viel besser in die Vorstellungen paßte, die bisher über den engen Anschluß Rußlands an England und über die Drohungen erregt worden waren, durch die Deuischland die russische Politik zur Umkehr in der serbischen Frage genötigt haben sollte.
In der Tat ist in der freundlichen Einladung des Zaren ein Dementi jener Nachrichten enhalten, die besagten, daß sich Rußland nur einer scharfen Pression des deutschen Bundesgenossen Oesterreich-Ungarns gefügt habe. In Wirklichkeit hatte Deutschland gegen Ende der
Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau. 35
Er trat zu den an dem großen Gesellschaftstisch sitzenden Herren, meist adligen Gutsbesitzern und Akademi- kern, denen er freundschaftlich die Hand schüttelte. Wie er zu Willbert kam, ging er erst, als habe er ihn nie im Leben gesehen, an ihm vorüber, dann wandte er sich plötzlich zurück und sagte nachlässig, ohne ihm jedoch wie den übrigen die Hand zu reichen: „Ach so, Sie sind es. Ich glaubte, Sie wären in Königsberg; ’n Abend."
„Guten Abend, Herr Baron!"
, Es zuckte spöttisch um den Mund des Sprechers, wie er die Worte gebrauchte. Dabei kreuzten sich ihre Blicke gleich zwei Schwertklingen. Jeder wußte, daß er vor seinem ärgsten Feinde stand.
Niemand achtete auf diesen Zwischenfall, alles schaute zu dem Referendar hin, der sich wirklich in Rednerpositur gestellt hatte.
„Setzen Sie sich endlich Eistedt," rief er, „und hüpfen Sie nicht herum wie ein leichtfüßiger Satyr."
Der Angeredete nahmunterdem Gelächterderübrigen
Hölzer fuhr fort: „Meine Herren, bevor wir den Durackkluberöffnenunduns mit den verdammten Karten abmühen .. es ist jedenfalls die scheußlichste Erfindung, welche je einem Döskopf gelungen ist, man arbeitet sich dabei zu schänden, ohne etwas anderes zu erreichen, als sein Portemonnaie zu leeren, weshalb der Wahr- spruch unseres lieben Stadtkämmerers: „Beschäftigung muß jeder Mensch haben, Sie darf aber nicht in Arbeit ausarten!" hier mehr wie sonst am Platze ist. Ich bin ganz aus dem Text gekommen infolge meiner Entrüstung über die öde Kartenklopperei. Also, ehe wir an den üblichen Skat Herangehen, der jedenfalls doch wieder in „Gottes Segen" ausklingt, möchte ich Ihnen
serbischen Wirren nur eine vorsichtig vermittelnde Tätigkeit ausgeübt, und es wäre ein vergebliches Bemühen, den außerordentlichen diplomatischen Erfolg des Fürsten Bülow während des vergangenen Winters durch die Behauptung schmälern zu wollen, daß er nur mit Gewaltmitteln erreicht worden sei und in Rußland eine tiefe Verstimmung zurückgelassen habe.
In einem Wiener Blatte wurde kürzlich, anscheinend aus französischer Quelle, berichtet, scr dortige Botschafter der Republik Crozier habe seiner Zeit dringend seiner Regierung empfohlen, dem russisch n Minister Jswolski zum Einlenken zu raten; leider sei man darauf in Paris nicht eingegangen, sondern habe es Deutschland überlassen, Rußland diesen guten Dienst zu leisten. Daran ist jedenfalls so viel wahr, daß sich die deutsche Diplomatie als die überlegene erwiesen hat, ohne an der maßgebendsten Stelle in Rußland selbst, wie der herzliche Brief des Zaren an Kaiser Wilhelm zeigt, unfreundliche Gefühle hervorzurufen.
Deutsches Reich.
— Laut Mitteilung der Ausstellungsleitung hat der Kaiser der Internationalen Luftschiffahrts-Ausstellung in Frankfurt a. M. 1909 einen Preis zur Verfügung gestellt.
— Die Reise des Kronprinzen nach England die lediglich familiären Charakter trägt, wird voraussichtlich erst in der zweiten Hälfte des Juni oder Anfang Juli erfolgen. Voraussichtlich wird der Kronprinz mit der Kronprinzessin zunächst nach Schloß Windsor reisen.
— Die österreichischen Kaisermanöver werden zwischen dem 8. und 11. September stattsinden. Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef werden im Schlosse des Grafen Harrach bei Groß-Meseritz Aufenthalt nehmen.
— Mit großer Bestimmtheit verlautet, daß eine Zusammenkunft des Kaisers mit dem Zaren nahe bevorsteht. Kaiser Wilhelm soll am 8. Juni in Kiel eintreffen und am 11. Juni mit der „Hohenzollern" dem Kreuzer „Hamburg" und dem Depeschenboot „Sleipner" Kiel verlassen, um in der Ostsee mit dem Zaren zusammen- zutreffen. Als Ort der Zusammenkunft wird der Hafen von Reval genannt. Die bis zum 14. Juni beurlaubten Mannschaften der „Hamburg" haben bereits telegraphisch Order erhalten, am 9. Juni in Kiel zu sein.
— Zur Zwei-Kaiser-Begegnung. Wie aus Petersburg gemeldet wird, sind Ort, Tag und Stunde der Zweikaiserbegegnung im Baltischen Meere nunmehr festgesetzt. Sie werden aber aus naheliegenden Gründen
einen musikalischen Hochgenuß verschaffen. Fein, fein, sage ich Ihnen."
Er schritt zur Tür und rief etwas hinaus. Bald darauf erschien eine vierköpfige Harfenspielergesellschaft: zwei Männer mit Geigen und zwei Frauen, die Gitarre und Harfe trugen, welch letztere von einem unförmig dicken Weib bearbeitet wurde. Begeistert wurden die Bänkelsänger begrüßt. Das war etwas Neues in dem ewigen Einerlei des Alltagslebens.
„Bravo, bravo!" quiekte ein magerer Herr, „es lebe das Hölzersche Orchester!"
Dieser dankte gönnerhaft, dann schrie er: „Silentium für das Wunder der Neuzeit, die Drähte klauende Harfenjule!"
Er besah sich mit komischen Grinsen von der Seite die dicke Spielerin, worauf von neuem ein Heiterkeitssturm ausbrach. Dann begannen die Harfenisten mit bem Couplet: „O, Du liebes kleines Dickerchen ..."
Die Geigen quietschten und den ausgeschrienen Kehlen der beiden Sängerinnen entrangen sich steinerweichende Töne, begleitet von den beiden anderen Musikmarterinstrumenten.
Die Stimmung wurde immer aufgeräumter. Nach einer Viertelstunde gröhlten alle mit: „Mausi, sei süß, Ma-ma-ma-ma-ma-ma-mausi..."
Willi verhielt sich sehr reserviert, ihn störte die ganze Szene, die denmeisten der nicht verwöhnten Anwesenden riesiges Vergnügen zu bereiten schien. Er sah ein, wenn das so weiter ging, kam man überhaupt nicht zu den Karten.
Die Leute waren ja ganz vernarrt in die Straßen- musikanten. Lebhaft protestierte er deshalb, als sie durch mehrfache Geldgaben zu immer weiteren Vorträgen angespornt wurden und ein langer, dünner, durch Genuß des Gerstensaftes stark bezechter Gutsbesitzer aus- rief: „Hallo, Ihr Bande, ich zahl"n Taler, spielt mal was Anständiges." (
Man wurde nach und nach doch gewahr, daß die
nicht bekannt gegeben. Doch bleibt bestehen, wie wir schon mitgeteilt haben, daß die Zusammenkunft, sehr bald nach dem 15. Juni stattsinden wird.
— Fürst Bülow und die Monarchen-Zusammen- kunft. Der Reichskanzler Fürst Bülow hat sich, wie verlautet, nunmehr dahin entschieden, den Kaiser nicht zu der Zusammenkunft mit dem Zaren zu begleiten, da er am 16. Juni im Reichstage zu sprechen beabsichtigt. Der deutsche Botschafter in Petersburg Graf Pourtales wird dagegen an der Reise teilnehmen; er wurde am Sonnabend vom Reichskanzler zu längerer Besprechung empfangen.
— Ein Gegenbesuch des Zaren? Kaiser Nicolaus gedenkt angeblich bei Gelegenheit seiner großen Auslandsreise im Laufe des Sommers den Besuch unseres Kaisers zu erwidern. Als Ort der Zusammenkunft soll Kiel in Aussicht genommen worden sein, wo der Zar auf seiner Jacht „Standard" in Begleitung mehrerer Kriegsschiffe auf seiner Besuchsfahrt nach Frankreich und England zwei Tage Aufenthalt nehmen soll. Um einen Gegenbesuch kann es sich dabei nicht handeln, da die auf Einladung des Zaren in den nächsten Tagen stattfindende Begegnung auf der Ostsee als ein Gegenbesuch unseres Kaisers auf den vor 2 Jahren erfolgten Besuch des Zaren in Swinemünde sich darstellt.
— An den Kaisermanövern in Württemberg nehmen fünf bayerische Divissionen teil. Der Prinzregent wird sich durch den Prinzen Ludwig vertreten lassen.
— Der Unterrichtsminister hat in einer vor kurzem an X^ Provinzialschulkollegien gerichteten Verfügung gestattet, daß Volsschullehrerinnen, welche die Befähigung für das Lehramt an Mittel- und höheren Mädchenschulen erwerben wollen, auf ihren Wunsch noch bis Ostern 1912 zu der bisherigen Ergänzungsprüfung in Deutsch, Französisch, Englisch und Geschichte zugelassen werden dürfen.
— In Berlin tagte der Verband der größeren preußischen Landgemeinden.
— Bremerhaven. An Bord des Lloyddampfers „Main" trafen heute früh etwa 200 deutsch-amerikanische Schützen zum Besuch verschiedener deutscher Städte unter Teilnahme an dem in Hamburg stattfindenden 16. Deutschen Bundesschießen hier ein.
— Kirche und Schule. Aus verschiedenen Städten waren Gewerbetreibende angeklagt worden, weil sie ihre Lehrlinge unbefugt vom Besuch der Fortbildungsschule ferngehalten hatten. Das Kammergericht erachtete aber die in Rede stehenden Vorschriften nicht für rechts
Sache anfing, gemischt zu werden, deshalb entließ man in kurzem reich beschenkt die erfreuten Musiker.
„Aber ja nicht wieder das blöde Kartenspiel," meinte Hölzer, „ich denke, wir haben Gripps genug im Kopf, um uns auch ohne das unterhalten zu können.".
Dabei zog er mechanisch das eine der beiden auf dem Tisch liegenden Kartenpakete an sich und hob ab. Erstaunt schaute er sich um, als nun überall brausendes Gelächter ertönte. Er mußte mitlachen, wie er sah, was er in Gedanken angerichtet hatte.
„Na, denn man zu," schimpfte er resigniert, „ich sehe ein, an diesem Tisch hat der Satan sein Gebetbuch eifrig in Gebrauch. Aber wenigstens nur einen soliden Skat zum' halben Pfennig," fügte er bittend hinzu.
Doch keiner wollte darauf eingehen.
„Ach was, es ist schon zu spät, gehen wir deshalb zu besseren Sachen über," sagte ein Arzt, welcher als eifriger Vivisektor gern mit Kaninchen und Meerschweinchen hantierte und darum von den Intimen „Meerschweinchen-Otto" genannt wurde, „wer nimmt die Bank? .. Es ist gut, also Sie, Herr Willbert.. Los, geben Sie mir drei Karten zu fünfzig Pfennig!.. Uebri- gens, die Pinke, ein Neuntel vom großen Los, ist für die Getränke, der Rest wird verteilt, was?"
Alle waren einverstanden und in kurzer Zeit hielt jeder Karten in der Hand. Ununterbrochen klang die Stimme des Bankhalters, der zu neuen Einsätzen ein- lud: „Beginnen Sie Ihr Spiel, meine Herren!"
Die Gesichter glühten bedenklich und die Einsätze steigerten sich von Minute zu Minute.
„Wie hoch spielen Sie, Willbert?" fragte der „Meerschweinchen-Otto".
„So hoch Sie wollen, meine Herren, meinetwegen bis tausend, aber nur gleiche Sätze."
Nach einer Stunde schon kostete die Karte zehn Mark und auf dem Tische drängten sich Sektpullen. Trotzdem kam das große Los selten heraus, der Bankier war ersichtlich haushoch im Gewinnst. 160.18