§ 8 Ziffer 2 der Grundsätze für die Besetzung der mittleren Kanzlei- und Unterbeamtenstellen bei den Kommunalbehörden usw. mit Militäranwärtern und Inhabern des Anstellungsscheines vom 20. Juni 19j7 ist die Berücksichtigung der Bewerbungen verabschiedeter Offiziere um die den Militäranwärtern vorbehaltenen Stellen nur eine fakultative. Indessen haben sich vor allem größere Kommunen vielfach bereit gezeigt, Offizieren verschiedene, und zwar auch den Militäranwärtern nicht vorbehaltene Stellen, z. B. die Stellen der Standes beamten, zu übertragen. Es würde nun zur Förderung des Unterkommens verabschiedeter Offiziere im Zivildienst erwünscht sein, wenn sich die Kommunen, und zwar in erster Linie die größeren Stadtgemeinden, zur Bezeichnung einzelner Stellen verständen, die sie für geeignet zur Besetzung mit verabschiedeten Offizieren halten, und die sie mit solchen zu besetzen im allgemeinen bereit wären. Es würde sich hierbei in keinem Falle um eine Bindung der betreffenden Gemeinden handeln, vielmehr soll aus diese Weise nur der Erfolg angestrebt werden, daß Offiziere mehr als bisher zu Bewerbungen um derartige Stellen ermutigt werden. Ueber die Berücksichtigung der Bewerbungen würden die Gemeinde- behörden die freie Entschließung behalten.
— Auf dem in Heilbronn tagenden Evangelischsozialen Kongreß ergriff auch der Württembergische Minister des Innern v. Pischek das Wort zu folgenden Ausführungen, die langanhaltenden Beifall fanden: Wo so überaus zahlreiche, in erster Linie gelehrte Gäste in der reinen hohen Idee des sittlichen Pflichtgefühls und der christlichen Nächstenliebe versammelt seien, dürfe auch die Regierung nicht fehlen. Württemberg sei auf dem Wege zur Beseitigung der Standesvorrechte schon ein gutes Stück vorausgeschritten, und der Klassen- dünkel finde in Württemberg keinen Platz. Im Kampfe des politischen Lebens um die Reichsfinanzreform würde die Württembergische Regierung mit aller Kraft eine energische Besteuerung des Vermögens der besitzenden Stände durch eine Erbanfall- oder Nachlaßsteuer, die sich auf Kinder und Ehegatten erstreckt, fördern. Daran halte sie auch heute mit aller Entschiedenheit fest. Diese Stellungnahme sei nicht nur durch die Einsicht in die finanzielle Notwendigkeit, sondern vor allen Dingen auch durch soziale Gesichtspunkte bestimmt worden.
— Die Fünfzigpfennigstücke der älteren Gepräge- formen mit der Wertangabe „50 Pfennig" gelten vom 1. Oktober 1909 ab nicht mehr als gesetzliches Zahlungs- mittel. Es ist von diesem Zeitpunkt ab außer den mit der Einlösung beauftragten Kassen niemand verpflichtet, diese Münzen in Zahlung zu nehmen. Die Fünfzigpfennigstücke der bezeichneten Formen werden bis zum 30, September 1910 bei den Reichs- und Landeskassen zu ihrem gesetzlichen Werte sowohl in Zahlung genommen als auch gegen Reichsmünzen umgetauscht. ~ Die Verpflichtung zur Annahme und zum Umtausche findet auf durchlöcherte und anders als durch den gewöhnlichen Umlauf im Gewichte verringerte sowie auf verfälschte Münzstücke keine Anwendung.
— Mit der Reinigung des Standes der Bauunternehmer von ungeeigneten Elementen befaßt sich ein jüngst ergangener Erlaß der preußischen Ressortminister, in dem auf die Handhaben hingewiesen wird, die in dieser Beziehung das Reichsgesetz vom 7. Januar 1907 bietet. Im Interesse der Sicherheit des Publikums und namentlich auch des Schutzes der auf den Bauten beschäftigten Arbeiter ist den beteiligten Behörden zur besonderen Pflicht gemacht worden, in allen dazu geeigneten Fällen auf Grund jenes Gesetzes gegen unzuverlässige Unternehmer und Bauleiter einzuschreiten.
— Die in Berlin auf Anregung des Deutschen Ost- markenvereins gegründete Ostmärkische Grundstücks- erwerbs-Genossenschaft, welche den Zweck verfolgt, den im Handwerk und Gewerbe tätigen Mitgliedern den Erwerb von Grundstücken zu erleichtern, hierzu auch selbst Grundstücke zu erwerben, sowie den Mitgliedern zur Niederlassung und zum besseren Fortkommen Darlehen zu gewähren, hat sich bisher gut entwickelt. Bei ihrer Gründung zählte sie 20 Mitglieder mit 52 Anteilen, am 31. Dezember v. I. bereits 101 Mitglieder mit 218 Anteilen; zur Zeit beträgt die Zahl der Mitglieder 127, die der Anteile 255. In der kurzen Zeit ihres Bestehens konnte die Genossenschaft bereits einer Anzahl deutscher Gewerbetreibenden beim Ankauf von Grundstücken behilflich sein und sie hierdurch seßhaft machen. In mehreren anderen Fällen schweben die Verhandlungen noch. Am Ende des ersten Geschäftsjahres konnten 4 v. H. Dividende verteilt werden.
— Der Papst empfing gestern, an seinem Geburtstage, der zwar nicht gefeiert wurde, da nach altem Brauche der Vatikan den Namenstag feiert, gleichwohl Glückwunschtelegramme von vielen Souveränen, Staatsoberhäuptern, hochgestellten Persönlichkeiten, Erzbischöfen, Prälaten sowie katholischen Vereinigungen und Instituten der ganzen Welt.
— Die 12o englischen Geistlichen, die Deutschland besuchen, reisen am Montag ab und kommen am Mittwoch in Hamburg, am Freitag in Berlin an, wo abends großer Empfang in der Philharmonie statifindet. Sie werden auch wieder, ebenso wie früher die englischen Journalisten und Stadtverordneten — der englische König mußte wegen der rauhen Winterwitterung den angekündigten Besuch unterlassen — die Stadt Pots
dam besuchen und matt wird ihnen dort die gleiche freundliche Gastfreundschaft bieten, wie ihren Vorgängern.
- - Worms, 3. Juni. Wie die „Wormser Zlg." berichtet, soll in Worms nach Rücksprache mit dem Grafen Zeppelin ein Landungsplatz für Zeppelinsche Luftschiffe für die Strecke Basel-Düsseldorf errichtet werden.
Ausland.
— Prinz Max von Sachsen, gegenwärtig Universitätsprofessor in Freiburg in der Schweiz, soll zum Rektor des Priesterkollegiums dell’ anima in Rom ausersehen sein.
— Zur Erinnerung an die Proklamierung Bulgariens zum Königre:ch hat König Ferdinand einen neuen Orden gestiftet.
— Die Taufe der Kronprinzessin Juliana hat am Sonnabend, den 6. Juni, in der Haager Hofkirche, der Willemskerk, im Beisein zahlreicher Fürstlichkeiten, statt- gefunden. Das „Köningskindje", wie die Holländer die Stammhalterin des oranischen Königshauses nennen, hatte zwei Taufpaten und vier Taufpatinnen, nämlich die beiden Brüder des Prinzen Heinrich der Niederlande, die Herzoge Johann Albrecht, Regent von Braun- schweig, und Adolf Friedrich von Mecklenburg-Schwerin, dann die Königin-Mutter Emma, die Erzherzogin Luise von Baden, die Großherzogin-Witwe Marie von Mecklenburg-Schwerin und die Fürstin von Erbach und Schöneburg, eine jüngere Schwester der Königin-Mutter. Die der Taufe folgenden Tage bringen die offizielle Feier, die in Empfängen der diplomatischen Korps, Galadiners und sonstigen höfischen Veranstaltungen besteht. Königin Wilhelmine und ihre Tochter befinden sich wohl.
— Die englischen Flottenmanöver sollen in diesem Jahre nicht in der Nordsee, sondern im Atlantischen Ozean stattfinden.
— Wie Londoner Blätter aus Schanghai melden, hat das Provinzialeisenbahnamt bekannt gemacht, daß bezüglich der öffentlichen Ausschreibung zur Lieferung von Lokomotiven für die Schanghai—Hankau—Ningpo- Bahn der Wettbewerb auf deutsche Fabrikanten beschränkt sei.
— Die Togo—Dahomey-Grenzkommission hat, wie das Amtsblatt für Togo mitteilt, ihre bisherige Aufgabe, die Festlegung der Ostgrenze bis zum neunten Breitengrade, beendigt. Inzwischen ist eine Vereinbarung zwischen der deutschen und der französischen Regierung dahin erzielt worden, daß die Grenzkommission ihre Arbeiten weiter nördlich fortgesetzt, um sämtliche bezüglich der deutsch-französischen Grenze noch bestehenden Streitpunkte zu beseitigen. Die deutsche Abteilung der Grenzkommission hat sich in Kjirkjiri (Bezirk Sokode) gesammelt und wartet dort weitere Befehle ab.
— Wie aus London gemeldet wird, hat der Lord- Mayor von London an den Vorsitzenden des Festkomitees für den Besuch der Berliner Stadtverordneten einen Dankbrief gerichtet, in dem er u. a. sagt, der Oberbürgermeister von Berlin und seine Begleiter seien eins in ihrem Lobe der Herzlichkeit ihrer Begrüßung. Ich bin voll Hoffnung, so schließt der Lord Mayor, daß der Besuch der Stadtvertretung eine Vermehrung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zeitigen wird.
— In der türkischen Deputiertenkammer brach bei der weiteren Beratung des Pensiongesetzes für entlassene Beamte zwischen der Kammer und dem Senat bezüglich der Höchstgrenze der festzusetzenden Pensionen ein neuer Konflikt aus. Nach lebhafter Debatte, in der heftige Angriffe gegen den Senat gerichtet wurden, beschloß die Kammer einstimmig, an dem ursprünglichen Beschluß festzuhalten und den Gesetzentwurf an den Senat zurückgehen zu lassen.
— Aus der Türkei wird gemeldet: Die geflüchteten Anhänger des alten Regimes, die eine lebhafte Tätigkeit in Aegypten entfalten, sollen beabsichtigen, eine Bewegung zugunsten einer Unabhängigkeitserklärung Arabiens zu organisieren. Zeitungsnachrichten zufolge bereisen in ihrem Auftrage zahlreiche, mit bedeutenden Geldmitteln versehene Agenten Syrien, Arabien und Jemen. Die Regierung trifft Gegenmaßnahmen.
— Wie aus Marseille gemeldet wird, beschlossen die Kapitäne der Handelsschiffe in einer Versammlung, sich dem Ausstande der eingeschriebenen Seeleute nicht anzuschließen, sondern die Streikenden aufzufordern, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sie erklären sich bereit, zwischen den Streikenden und den Rhedern zu vermitteln und letztere zur Annahme einzelner Forderungen der eingeschriebenen Seeleute zu bewegen.
— Auf Weisung des Cefs des Armeesignalkorps sind Pläne für die Verteidigung der Vereinigten Staaten durch Luftfahrzeuge ausgearbeitet worden. Wenn der Kongreß eine halbe Million Dollar für diesen Zweck bewilligt, sollen Stationen für Lenkballons und Flugapparate in Washington, New Pork und Philadelphia errichtet werden.
— In den russischen Volksschulen steht die Einführung militärischen Turn- und Exerzierunterrichts durch verabschiedete und Reserveunteroffiziere bevor. Durch einen kaiserlichen Erlaß ist eine Kommission aus den interessierten Ministerien mit den Vorarbeiten beauftragt worden. Die erforderlichen Geldmittel sollen im Wege der Gesetzgebung beschafft werden.
— Wie ein englisches Morgenblatt aus Durban
erfährt, wird der Premierminister bet Transvaalkolonke Louis Boiha demnächst eine Reise nach Europa antreten, um sich dort in ärztliche Behandlung zu begeben. Er wird Deutschland besuchen, ehe er sich zur Reichsver- teidigungskonferenz nach London begibt.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8 Juni 1909.
—* Gestern nachmittag erblickte man über unserer Stadt in größeren Zwischenräumen 5 Militärluftballons, die anscheinend alle bemannt waren. Sie schlugen die Richtung nach Osten ein.
—* Das diesjährige Kreis- Kriegerverbandsfest findet am 18. und 19. Juli in Sterbfritz statt. In Verbindung mit demselben wird der 12. Abgeordnetentag gehalten, an welchem u. a. der Verbandsvorsitzende über „Kirchhain" und „Eisenach" berichten wird. Die Festmusik stellt der Steinauer Musikverein.
— * Verhaltungsmaßregeln für Schwindsüchtige. Ein amerikanischer Arzt Dr. L. Steffen faßt das was für die an Schwindsucht Leidenden zu wissen notwendig ist, wie folgt zusammen: Den Husten hat einen wohltätigen Zweck Deshalb ist Medizin gegen denselben nicht immer am Platze. Verschlucke nie deinen Auswurf. Huste nie in Rückenlage. Sprich nicht viel, weil Sprechen den Husten verschlimmert. Nimm keine Leibesübungen vor, außer ärztlich verordnete. Noch ehe sie dich ermüden, höre auf. Hüte dich vor dem Heben und Dehnen. Benutze jede verfügbare Minute zum Aufenthalt in der freien Luft. — Nachtluft schadet dir nicht. Scheint die Sonne, so schütze deinen Kopf vor ihren Strahlen. Meide Staub. Meide Zugluft. Hast du dich erkältet, so befrage den Arzt. Hast du einen guten Magen, so nähre dich kräftig. Bedenke aber, daß der Mensch nicht von dem lebt, was er genießt, sondern von dem, was er verdaut. Vermeide Näschereien. Die meisten Kranken können nicht genug Medizin bekommen. Man muß sie zurückhalten, namentlich damit sie sich auf diese Weise nicht den Magen verderben. Dann magern sie ab. Und das ist schlimm. Kleide dich warm. Aber namentlich die Unterkeidung muß sich dem Bedürfnis des Patienten anpassen. Also dich nicht zu warm halten und dich nicht frieren lassen! Trage poröses Schuhwerk, aber keinen Respiratore. Hüte dich vor dem Alkoholgenuß. Viele Spezialärzte für Lungenkranke haben ihn längst über Bord geworfen. Laß auch das Rauchen. Es reizt die obern Luftwege und verursacht Rachenkatarrh.
— * Die unkündbare Anstellung des Herrn Dr. phil. Grambow als Syndikus der Handelskammer in Hanau wurde bis zum 1. Oktober 1916 verlängert.
" —* Ergänzungswahlen zur Handelskammer m^-. Hanau. Ende 1909 haben Ergänzungswahlen für folgende, turnusgemäß ausscheidende 9 Handelskammer- mitglieder stattzufinden: Bracker, Deines, Gustine, Treusch in Hanau, Eickenscheidt in Fulda, Brendle in Gelnhausen, Fenner in Schlüchtern, Aha, in Hünfeld, Schüßler in Gersfeld. Die Handelskammer bestellte für diese Wahlen, welche Ende d. Js. stattfinden sollen, zu Wahlkommissaren die Herren Kommerzienrat Canthal (Hanau), Neitzert (Fulda, Hünfeld und Gersfeld), Meles (Gelnhausen) und Fenner (Schlüchtern).
* Sterbsritz. In der am 28. Mai stattgehabten Gesellschafter-Versammlung der Sterbfritzer Chamotte- und Tonwerke m. b. H. in Sterbfritz wurde beschlossen, um die Rente der bestehenden Anlagen zu erhöhen, dem Bau einer Portland-Zementfabrik näher zu treten. Die Gesellschaft besitzt bereits ausgedehntes Terrain, in welchem vorzüglich geeignetes Rohmaterial vorhanden ist. Direktor Karl Weber in Würzburg wird beauftragt, sofort die nötigen Unterlagen zu beschaffen und einer demnächst anzuberaumenden Versammlung zu unterbreiten
* Der Obstbauverein für den Regierungsbezirk Cassel verunstaltet bekanntlich seine diesjährige Bezirksausstellung in Gelnhausen. Dürfte dieser Anlaß bereits die hiesigen Obstzüchter dazu anspornen, ihren Obstanlagen in diesem Jahre gesteigerte Aufmerksamkeit zuzuwenden, so wird eine Neueinrichtung des Obstbau- vereins für den Regierungsbezirk Cassel, welche in diesem Jahre zum ersten Male gehandhabt werden soll, ein weiterer Ansporn für die Obstzüchter des Kreises bilden. Der Obstbauherein wird eine Auszeichnung bestehender Obstanlagen einführen und wenn sich diese j bewährt, damit in den künftigen Jahren fortfahren. Zum Wettbewerb werden die Mitglieder der dem Obstbauverein angeschlossenen Vereine zugelassen, und zwar jedesmal in einer bestimmten Anzahl von Kreisen. Für dieses Jahr kommen die Kreise Gelnhausen, Hanau (Stadt und Land), Schlüchtern, Fulda und Gersseld in Betracht. Die Anmeldungen, welche sowohl von Gemeinden als auch von Privatpersonen geschehen können, treten aus jedem Kreise unter sich in Wettbewerb. Es soll weniger auf die Größe, als auf zweckmäßige Anordnung, sorgfältige Pflege und gute Unterhaltung aukommen. Als Min- destbaumzahl kommen 25 Hoch- oder Halbhochstämnie und eine Fläche von mindestens 7, Hektar (1 Morgen) in Betracht. Die Pflanzungen müssen mindestens st Jahre alt oder mindestens so lange im Besitz des Züchters sein. Die Anmeldungen, zu welchen bei der Geschäftsstelle des Obstbauvereins Formulare zu haben sind, müssen spätestens am 15. Juli erfolgt sein. Als