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SchlüchternerÄitun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

Politischer Wochenbericht.

Der Reichstag hat sich bis zum 15. Juni vertagt, während seine Finanzkommission noch weiterarbeilet. Was von der deutschen Volksvertretung während der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten geleistet worden ist, war gesetzgeberische Kleinarbeit, die, wie die Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker und die Mühlen- umsatzsteuer, zwar vielfach» tief in das wirtschaftliche Leben einzelner Erwerbsstände eingreift, aber doch keine allgemeinpolitische Bedeutung besitzt. Ueber dem Schicksal des hochbedeutsamen Werkes der Reichsfinanzreform liegt leider noch immer tiefes Dunkel. Als Mindestmaß des Mehrbedarfs für eine durchgreifende Finanzreform sind 500 Millionen allgemein anerkannt, aber nur etwa 24o Millionen sind bisher in der Kommission bewilligt. Von den indirekten Steuern sind die Steuern auf Elek­trizität und Gas sowie auf Anzeigen vollständig gestrichen worden. Bei dem Branntwein wurden solche Abstriche vorgenommen, daß die Erträge nicht 100, sondern nur rund 85 Millionen betragen werden, beim Tabak statt 77 nur einige 30 Millionen, und anstelle der Weinsteuer wurde nur eine Schaumweinsteuer an­genommen, die vielleicht 5 Millionen bringen kann. Lediglich die Biersteuer kann nach den Beschlüssen der Kommission annähernd das bringen, was die Regierungs­vorlage vorschlägt. Noch unbefriedigender waren die Beschlüsse hinsichtlich der Besitzabgaben. Die rund 100 Millionen, die aus der Erbschaftssteuer einschließlich der Wehrsteuer und der Vorlage über das Erbrecht des Staates dem Reiche zufließen sollten, wurden bis auf letztere von den Kommissionen abgelehnt, so daß der gesamte Fehlbetrag nicht weniger als 240 Millionen Mark beträgt. Unter diesen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, wenn in weiten Kreisen des deutschen Volkes Beunruhigung Platz greift, und wenn je, so muß diesmal der Wunsch zum Ausdruck kommen, daß der Pfingstgeist die Reichsboten erleuchten möge, damit nach den Pfingstferien die Sanierung der deutschen Reichsfinanznot doch noch zu einem gedeihlichen Ende geführt wird.

Erfreulicher ist die vom preußischen Landtage ge­leistete Arbeit. Das sozial und politisch hochbedeutsame Werk einer allgemeinen Neuregelung der Gehälter der Staatsbeamten,Volksschullehrer undGeistlichen ist glücklich unter Dach und Fach gebracht, nachdem das Herrenhaus die Vorlage durch einstimmige en bloo-Annahme er­ledigt hat. Es steht nunmehr nichts im Wege, daß die preußische Beamten- und Lehrerschaft sowie die Geist-

Mittwoch, den 2. Juni 1909

60. Jahrgang.

lichkeit bereits am 1. Juli in deu Genuß der erhöhten Bezüge treten können. Es wird damit eine Aufbesserung für viele Tausende von Staatsbürgern in einem Um­fange und mit Aufwendung so bedeutender Staatsmittel in die Wege geleitet, wie es bisher wohl noch nie in Preußen und wohl überhaupt noch nicht in einem Staats­wesen der Fall gewesen ist. An der Beamten- und Lehrerschaft Preußens wird es nun sein, sich in Dank­barkeit, Ruhe und Zufriedenheit den Wohltaten der Be­soldungsreform zu erfreuen, und man darf wohl die Hoffnung hegen, daß von einerBeamtenbewegung", wie sie von unzufriedenen Elementen in letzter Zeit ver­sucht wurde, in Preußen nicht wieder die Rede sein werde.

Zu einem befriedigenden Ende ist auch die leidige Casablanca Angelegenheit geführt worden, nachdem das im Haag zusammengetretene Schiedsgericht die Ent­scheidung gefällt hat. Der Schiedsspruch bewegt sich auf einer mittleren Linie zwischen der deutschen uud der französischen Auffassung, so daß beide Teile zu ihrem Rechte kommen. Er nimmt an, daß, solange die An­gehörigen eines Okkupationskorps das von der Truppe unmittelbar, dauernd und tatsächlich wirksam okkupierte Gebiet nicht verlassen haben, der Militärgerichtsbarkeit der Vozug zukommt, und daß demgemäß die deutschen Deserteure von der Fremdenlegion innerhalb der be­festigten und von französischen Streitkräften besetzten und bewachten Stadt Casablanca unter außschließlich französischer Militärjurisdiktion verblieben seien. Bei der zweifelhaften Rechtslage sei es nicht zu tateln, wenn sie deutsche Konsularbehörde gleichwohl den deutschen Deserteuren den von ihnen nachgesuchten Schutz gewährt ^abe. Da dieser Schutz nicht offenbar unrechtmäßig war, hätte die französische Militärbehörde sich darauf beschränken müssen, die deutschen Deserteure an der Flucht zu verhindern und bis zur Lösung der Frage im Gewahrsam des deutschen Konsuls zu belassen, statt sich ihrer mit Gewalt zu bemächtigen. So ist der leidige Zwischenfall endgültig aus der Wsit geschafft. Wenn wir den Wunsch daran knüpfen, daß das unsittliche Institut der Fremdenlegion aufgehcben werden möge, wissen wir wohl, daß er nicht in Erfüllung gehen wird, aber wir glauben, daß dieser Wunsch von allen Franzosen geteilt wird, denen die unbefleckte Ehre ihrer Fahnen am Herzen liegt.

Wie der zweite Poststreik, so ist auch der geplante Generalstreik in Frankreich mißglückt, und die Streik­regisseure haben eine klägliche Niederlage erlitten. Eine Schar Führer, wohl als Streber, die nur ihren eigenen

Vorteil verfolgen, faßte mit einem Häuflein revolutionärer Arbeiter", die nichts zu verlieren haben, aber viel zu gewinnen hofften, hochtrabende Beschlüsse, die an allen Straßenecken angeheftet wurden, die jeder las, aber niemand befolgte. Die Arbeiter hatten keine Lust, mit- zumachen, aber nicht nur die Arbeiter lehnten die Soli­darität mit den Beamten ab, sondern auch die Post­beamten wollten mit den revolutionären Syndikalisten nichts zu tun haben und setzten ihnen den Stuhl vor die Tür. So blieb der Solidaritätsstreik nichts als eine revolutionäre Phrase und kam über die Anfangs­stadien nicht hinaus. Wie soll auch Solidarität, d. h. opferwillige Hingabe für fremde Interessen zu finden sein in einer Bewegung, deren treibendes Motiv der krasseste Egoismuß ist?

Die englische Furcht vor einer deutschen Invasion zu Wasser und durch die Luft wirkt nachgerade lächerlich. Es fehlt nur noch, daß die Herren Engländer erküren, ihre eigene Flotte sei altes Eisen, und die Deutschen seien im Besitz eines Mittels, durch das man alle Welt zunächst um den Verstand und dann um ihre nationale und staatliche Selbständigkeit bringen kann. Daß Deutsch­land seine Flotte nicht zu Angriffszwecken, sondern zum Schutze seines Handels und seiner Kolonien ausbaut, ist bereits zum Ueberdruß unsern englischen Vettern er­klärt worden, und diesen Zweck hat auch Italien, dessen Regierung von der Deputiertenkammer 440 Millionen zum Ausbau der italienischen Flotte fordert, im Auge. Alle Besuche und Gegenbesuche, die dem Zwecke dienen sollen, zwischen dem englischen und dem deutschen Volke ein besseres gegenseitiges Verständnis anzubahnen, sind nutzlos, wenn ein gewisser Teil der englischen Presse fortfährt, ihren Lesern solche Märchen wie das von einem nächtlicherweile über England dahinbrausenden deutschen Luftschiffe oder der ganz im stillen betriebenen Anträge eines Tunnels unter der Nordsee aufzubinden.

Deutsches Reich.

Am Samstag hielt der Kaiser aus dem Tempel- Hofer Feld die Frühjahrsparade über die Garnisonen von Berlin, Charlottenburg, Spandau und Groß-Lichter- felde ab. Das Wetter war trübe, klärte sich aber später auf. Unter den zahlreichen Zuschauern bemerkte man viele Mitglieder der Diplomatie. Die Aufstellung der Truppen war die übliche in zwei Treffen. Im ersten stand die Infanterie, im zweiten Kavallerie, Artillerie und Train. General von Kessel kommandierte die Parade. Am Steuerhäuschen hatten sich die Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses eingefunden,

Der Hotensee.

Roman von Martin Wehrau. 32

Dieser drehte sich jetzt langsam um.Ach so, Sie sind es. Ich dachte, ein Hund bellte. Sehen Sie, mit dem Alter kommen die Gebrechen, das werden Sie wohl auch schon gemerkt haben, Herr Schröpfer, nicht? Als Sie so riefen, kam es mir wirklich vor, als ob Ihre Stimme die unseres Hofköters sei. Nein, wie man sich irren kann."

Der Agent barst fast vor Wut. Doch versuchte er noch weiter, sein Gesicht in freundliche Linien zu zwin­gen, was ihm jedoch nur das Aussehen eines gemiß­handelten Katers verlieh.

Noch bin ich nicht Herr," kalkulierte er bei sich, darum ist Vorsicht besser wie Nachsicht, aber später, später..."

Und er reichte dem unschuldsvoll blickenden Iahn seine Rechte, welche dreser jedoch vollständig übersah, ebenso wie die ihm freundschaftlich entgegengestreckte Hand desPferdekoppschellers."

Was wünschen die Herren? Unser Getreide ist lei­der schon alles an Ganzer verkauft. Sie wissen, wir konnten nicht warten. Ja, man braucht Geld, denn die Zinsen, .. o, ich sage Ihnen, es ist schrecklich, wenn man so viele Zinsen zu zahlen hat," seufzte er, indem er schalk­haft mit den Augen blinzelte.

Es machte ihm offenbar Spaß, die beiden zu nas­führen.

Diese standen dann auch da und lauschten mit halb­offenem Munde. Er hatte sich also noch nichts besor­gen können, um die Wechsel zu decken.

Er ist geliefert," jubelte Reiche! innerlich, an den ihnen von Eistedt versprochenen Anteil denkend.

, ,Er ist geliefert," jauchzte es in Schröpfer, der al­

lerdings an ein anderes Geschäft dachte, als sein wür­diger Begleiter.

Jedenfalls war es jetzt an der Zeit, mit der An- fachung des Fegefeuers, das ihr Auftraggeber dem Gra­fen Helmbach zugedacht hatte, zu beginnen.

Was, Sie haben kein Geld?" fragte der Agent, sich' künstlich aufregend,wie werden Sie denn unsere bei­den Wechsel decken? Es wird Ihnen bekannt sein, daß der eine von fünfzehntausend Mark in ein paar Tagen und der andere von dreiundzwanzigtausend Mark in etwa drei Wochen fällig ist."

Herr Gott, die Wechsel!" log Iahn, in gemachtem Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, an die habe ich tatsächlich garnicht mehr gedacht! Das sind ja fast vierzigtausend Mark."

Wo sollichdieinderkurzenZeithernehmen. Aber, nicht wahr, meine Herren, Sie werden prolongieren, auf drei Jahre oder auf zwei, oder doch wenigstens auf eins, was? Herr Gott, nein, haben Sie mir einen Schrecken eingejagt!" Sich überwindend, klopfte er dem Agenten Schröpfer vertraulich auf die Schulter.

Aha, jetzt kann er schmeicheln," sagte sich Schröpfer befriedigt.Es ist also wirklich nichts da, sonst würde sich der arrogante Lümmel, der nichts besitzt und der doch so tut, als hätte er Millionen im Sack, nicht so vertraulich zeigen."

Achselzuckend entgegnete er:Prolongieren! So was gibt's jetzt nicht mehr. Wir brauchen unser Geld, nicht, Reichet?"

Dieser nickte lebhaft.Sehr nötig sogar. Auch mcht eine Minute länger können mir das Geld lassen!"

Aber, meine Herren," rief der alte Mann schein­bar verzweifelt,Sie werden uns doch nicht ins Un­glück stürzen. Warten Sie doch noch einige Zeit, ich bitte Sie um alles in der Welt. Es läßt sich jetzt alles so schön an. Der Herr Graf weilt zu Hause und braucht nicht mehr dasselbe Geld wie früher, wenn auch noch

gerade genug," meinte er, bekümmert den Kopf hän­gen lassend, wobei ihm zu seinem geheimen Vergnü­gen der befriedigende Blick nicht entging, den beide Agenten sich zuwarfen.

Ja, und dann ist auch das Getreide in diesem Jahre brillant, leider reicht es, wie^gesagt, gerade für die Zinsen und die sonstigen Ausgaben. Aber wir pla­nen Verbesserungen, da werden Sie im nächsten Jahr sicher Ihr Geld zurückkriegen. Was meinen Sie, wenn wir Ihnen bis dahin höhere Prozente, sagen wir zwei Prozent mehr, also im ganzen acht bewilligen. Das ist doch ein feines Anerbieten."

Nichts da, so was gibt's jetzt nicht mehr," erklärte Schröpfer,wir brauchen unser Geld und damit basta 1 Uebrigens, ich möchte darüber doch noch mit dem Gra­sen selbst sprechen."

Dem gegenüber werden Sie doch gewiß etwas zu­vorkommender sein?" fragte Iahn argwöhnisch. Der Wunsch des Agenten, den Grafen selber zu sprechen, gab ihm zu denken.

Verwundert spitzte auch Reiche! die Ohren, als fein Kumpan erwiderte:Immerhin möglich! Kann ich ihn also jetzt sprechen?"

Ich weiß nicht, er weilt in seinem Arbeitszimmer. Doch ich will mal nachsehen."

Nachdenklich betrat er das Haus.

Schröpfer beantwortete inzwischen die aufgeregte a Reichels mit den Worten:Schweigen Sie vor- Es wird Ihr Schaden nicht sein."

Rolf stand, als der Verwalter gemeldet wurde, an dem einen Fenster des Bibliothekzimmers und blickte sinnend auf die leichtbewegten Blätter der Gartenbäume. Welche Wandlung war in den paar Wochen, die er nun zu Hause weilte, nicht mit ihm vorgegangen. Alles, was ihn in der Fremde gefesselt hatte, erschien ihm heute, da er es von weitem betrachtete, in ganz anderem Lichte. 160,18