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Deutsches Reich. !

Das preußische Herrenhaus nahm am Sonnabend sowohl die sämtlichen Besoldungsvorlagen wie alle mit ihnen im Zusammenhang stehenden Gesetze en bloc und einstimmig in der Fassung des Abgeordnetenhauses a>n Oberbürgermeister Rive (Halle) richtete an die Regierung die Frage, welche Stellung sie zu den unerhörten Be­schimpfungen des Herrenhanses in einer Lehrerver­sammlung einnehme. Ministerialdirektor.!). Schwartz- kopff erkannte die Pflicht der Regierung an, über die Disziplin der Lehrer zu wachen.; jedoch seien die Äußerungen, die in jener Versammlung gefallen seien, noch nicht authentische festgestellt. Auch hob er hervor, daß sowohl der Berliner wie der Preußische Lehrer­verein ausdrücklich sein Mißfallen über jene Taktlosig­keiten ausgesprochen habe. Am Montag begann die Etatsberatung. In der kurzen Generaldebatte sprachen die Redner fast alle über die mißliche wirtschaftliche Lage. Beim Kultusetat war namentlich eine Forderung des greisen Festmarschalls Grasen Häseler bemerkens» wert, der den obligatorischen Besuch der Fortbildungs­schulen nach der Entlassung aus der Elementarschule bis zum vollendeten 18. Lebensjahre verlangte. Er- will dieses Schulwesen der Unterrichtsverwaltung unter­stellt wissen. Ministerialdirektor D. Schwartzkopff er­kannte die Wichtigkeit der von dem Feldmarschall ange­regten Frage zwar an, ohne aber bindende Erklärungen dazu abgeben zu können. Nach längerer Debatte wurde der Anträge der Unterrichtskommission überwiesen und der Kultusetat erledigt.

Das preußische Abgeordnetenhaus beriet am Sonnabend die Stempelsteuernovelle in zweiter Lesung.

Die Debatte brächte keine neuen Gesichtspunkte. Die Rechte und das Zentrum erklärten sich für Ermäßigung des Stempels bei Jagdpachtungen, während die Linke die Mehrbelastung der Aktiengesellschaften und Gesell­schaften m.- b. H. bedauerte und auch gegen die Be­steuerung der Automaten Bedenken hatte. Am Montag wurde nach Erledigung einiger kleineren Vorlagen die Beratung fortgesetzt. Ein oom Abg. v. Tilly (kons.) begründeter Antrag, der Automalenstempelsteuer staffel- förnlig auszugestalten, wurde gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten angenommen. Eine längere Diskussion knüpfte sich an die Besteuerung der Errichtung von Fideikommiffen. Hierzu lag ein frei­sinniger Antrag auf Erhöhung des Stempels vor, der aber gegen Zentrum und Freisinn abgelehnt wurde. Dagegen wurde eine Steuer von 50 Ps. auf Radfahr­karten gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozial­demokraten angenommen.

Reue Uniformen für die Gardejäger werden in der nächsten Zeit erprobt werden. Es handelt sich um Röcke und Hosen, die aus hellgrauem Tuch gefertigt werden sollen. Als Gardeabzeichen erhalten sie weiße 81$^ melbet, soll die neue Uniform dem Kaiser bei der Parade im 5 uftgarten vorgeführt werden. __

Die Taufe der niederländischen Prinzeß Julianne ist vorläufig auf den 5. Juni festgesetzt und soll in der Wilhelmskirche stattfinden. Am 11. Juni will die königliche Familie nach Schloß Loo abreisen.

Die Zündholzsteuer. Ueber die als Ersatzsteuer in der Reichsfinanzreform in Aussicht genommene Zünd- Holzsteuer schreibt man von unterrichteter Seit: Fast alle europäischen Staaten haben die Zündholzfabrikation zu einer fiskalischen Einnahmequelle gemacht, teils aus Monopel, teils als Objekt der Besteuerung. Für Deutschland kann bei der Abneigung des Reichstages gegen Monopole nur eine Steuer in Frage kommen. Da es sich hierbei um eine Konsumsteuer handelt, die in gleichem Maße die besitzenden wie die unbemittelten Kreise trifft, muß die Belastung so bemessen sein, daß sie auch von den letzteren nicht als drückend empfunden wird. Nimmt man als zulässige Grenze hierfür eine Belastung von 4050 Pf. pro Jahr und Kopf der Bevölkerung an, so würde sich ein Steuerertrag von 25 30 Mill. Mk. ergeben, bei dem die Verteuerung der Zündhölzer nur eine minimale wäre. Zum Ver­gleich fei daraus hingewiesen, daß Frankreich aus seinem Monopel einen Jahresertrag von 27 Millionen Mk. erzielt, wobei aber der Preis der Zündhölzer etwa den acht- bis zehnfachen Betrag erreicht, wie in Deutschland. Die Form der Besteuerung ist in den einzelnen Staaten sehr verschieden, es überwiege die Banderole und die Steuermarke. Da bei uns die Fabrikation sich auf eine sehr geringe Zahl von Betrieben beschränkt, die infolge ihrer Konzessionspflicht leicht kontrollierbar sind, so erscheint eine Niederlage-Besteuerung nach Art des Zuckers sehr wohl durchführbar und erheblich billiger. Ein bleibender Konsumrückgang als Folge der Steuer wird auch in den Kreisen der beteiligten Industrie uicht angenommen. Die außerordentlich billigen Preise, die in Deutschland im Gegensatz zu fast allen Ländern für Zündhölzer herrschen sind auch von der erzeugenden Industrie als nachteilig empfunden; man kann daher kaum annehmen, daß sich dort ein erheblicher Wider­spruch gegen eine mäßige Steuer, die einen weiteren Preisrückang aufznhalten geeignet ist, erheben wird.

Nach der Denkschrift über die Entwickelung der nebeubahuähnlichcu Kleinbahnen in Preußen, die dem Abgeordnetenhaufe zugegangen ist, betrug die Strecken­länge der genel mißten Bahnen am 31. März 1908 8730,85 km (im Vorjahre 8351 km). Im Betrieb

waren 8124,37 km, davon entfielen auf Pommern 1405, i auf Brandenburg 740, auf Posen 706, auf Ostpreußen 700, auf Schleswig-Holstein 738 km. Die Einnahmen sämtlicher Bahnen betrug 1907 32975527 Mk.

Ausland.

Der Zustand der Königin von Italien gibt An­laß zu großer Besorgnis, sie leidet seit kurzer Zeit an Nervenschmerzen. Die Königinmutter pflegt die Königin mit großer Hingabe; die Königin erhält häufig Ein­spritzungen zur Linderung der Schmerzen. Ob das Leiden eine Folge des Stoßes gegen die Brust ist, den die Königin bei ihren Rettungsbemühungen nach dem sizilianischen Erdbeben erlitt, wird nicht gesagt.

Königin Wilhelmina übernahm am 20. d. M. wieder die Leitung der Regierungsgeschäfte. Die Regent­schaft wurde mit diesem Tage aufgehoben. Die Gesamt­zahl der aus dem Königreich für die Thronerbin ein­gegangenen Geschenke beträgt 1470 im Gesamtwert von annähernd 7 000000 Mk.

Entgegen allen Dementis steht es doch fest, daß die Skupschtina zum Herbst cinberufen wird, um die Abdankung des Prinzen Georg wieder rückgängig zu machen.

Messina. Ein neuer Erdstoß. Am Montag abend wurde wieder ein heftiger, von unterirdischem Getöse begleiteter Erdstoß verspürt, der die Bevölkerung in Schrecken setzte.

In derLüderitzbuchter Ztg." werden die schon seit einiger Zeit umlaufenden Gerüchte über Vorkommen von Gold in Deutsch-Südwestafrika, etwa 50 Kilometer südlich Seeheim, bestätigt. Dort hat in unmittelbarer Nähe der Kalkfontein-Bahn die SchürfgesellschaftSee­heim" vor etwa 3 Monaten begonnen, zu schürfen und zu sprengen. Proben aus den oberen Quarzschichten gingen nach Swakopmund zur Analyse. Diese ergab, daß die Tonne 2,8 Gramm Gold enthielt. Die Arbeiten sollen jetzt kräftig in die Hand genommen werden, da die Ader sich über 150 Schürffelder erstreckt und die Annahme einer reicheren Ausbeute in der Tiefe äußerst wahrscheinlich ist. Die Gesellschaft besitzt 150 Schürf­felder und hat sich mit einem Kapital von 30 Mille gebildet.

Der Schiedsspruch in der Casablanca-Angelegen- heit ist vom Schiedsgerichtshof im Haag abgegeben worden. Das Urteil erklärt, daß der Sekretär des deutschen Konsulats in ungerechtfertigter Weise und in­folge eines schweren unfreiwilligen Irrtums versucht hat, Deserteure der französischen Fremdenlegion auf einen deutschen Dampfer überzuführen, daß aber auch die französischen Militärbehörden die Tatsache, daß die Deserteure in Schutz genommen wurden, der sie soweit als möglich hätten Rechnung tragen müssen, in unge­rechtfertigter Weise nicht respektiert haben.

Ueber die Prügelstrafe in England hat das englische Ministerium des Innern eine Statistik für das Jahr 1908 veröffentlicht. Danach sind im Jahre 1908 22 Angeklagte zu Prügelstrafen verurteilt worden, sämtlich wegen gewalrsamen Raubes. Von den Ver­urteilten waren die meisten jungen Leute; das Alter der 22 Delinquenten schwankte zwischen 17 und 48 Jahren, und die Anzahl der ihnen verabreichten Stock­schläge oder Peitschenhiebe zwischen sechs und achtzehn.

Wieder einmal ist eine Revolution im Negerstaat Haiti ausgebrochen. Die Revolutionäre besetzten die Städte Gayubin und Dojabon. Es ist zu Kämpfen zwischen Revolutionären und Regierungstruppen ge­kommen.

Man schreibt uns aus Südfrankreich:

In ganz Frankreich, besonders in französischen Handelskreisen, bricht sich von Jahr zu Jahr der Ge­danke Bahn, daß Sprachenkenntnisse unbedingt not­wendig sind. Um dieses Ziel möglichst bequem zu erreichen, ohne sich von seinen Kindern zu trennen, inseriert man in deutschen Zeitungen, um Deutsche als Lehrerinnen, Erzieherinnen, Gouvernanten, Kinder­gärtnerinnen usw möglichstan pair" also ohne Be­zahlung oder für fast nichts zu engagieren. Ganze Scharen melden sich auf solche Annoncen, und so kommt es, daß heute in Frankreich überall auf dem Lande, auf den Gütern, in Dorf und Stadt, deutsche Mädchen zu finden sind. Nun sind aber diese Stellungen vielfach höchst unwürdig und entsprechen, da von einem Familienanschluß nur in seltenen Fällen die Rede ist, nicht den Erwartungen; es sind nach deutschen Begriffen oft nichts weiter als Dienstboten- stellungen. Von allen denen, die alljährlich nach Frank­reich kommen, hat die Mehrzahl nur den einen Wunsch, möglichst bald die französische Sprache zu erlernen, um albdann in ihre Heimat zurückzukehren, woselbst sie nach einem Aufenthalt in Frankreich bessere Stellen zu finden hoffen, nur wenige denken daran, vorher Auskunft einzuholen und genaue Bedingungen zu stellen, die große Mehrzahl geht auf gut Glück und vertraut sich blindlings den btr. Familien an, die sie enga­giert haben. Nur zu häufig wird ihnen später klar, wohin sie gekommen; sie sind bitter enttäuscht, wenn man ihnen sagt, daß sie sich vorher hätten erkundigen müssen; sie meinen, daß über Familien, die ihre Annoncen mit Frau Pastor so und so unterzeichnen, Auslonft einzufordern, wohl unnötig sei. Aber gerade traurige Erfahrungen stammen aus einer Pastoren­

familie. Aus einer solchen flüchtete sich vor einigen Jahren eine junge Deutsche in eine deutsche Familie, weil der Herr des Hauses ihr nachstellte; eine zweite Deutsche wurde aus derselben Familie mit 2 franks 60 cts. in der Tasche, auf die Straße gesetzt. Als sie nach manchen Irrfahrten in Toulouse angekommen war, hat ein Luxemburger Student, der der deutschen Sprache mächtig war, sie auf der Straße aufgelesen, sich ihrer angenommen und sie mit Hilfe von Freunden in die Heimat befördert. Eine dritte Deutsche aus Württemberg hatte zwei Jahre in derselben Familie zubringen müssen, da ihr sonst die Rückreise nicht ver­gütet worden wäre. Ihr Nachfolgerin, eine vierte Deutsche (Ostpreußin), mußte ebenfalls durch unwür­dige Behandlung gezwungen, diese Familie verlassen und ist dann mit Hilfe mitleidiger Deutscher, diej sich ihrer angenommen haben, in die Heimat geschafft worden. In einem benachbarten Orte führte eine junge Deutsche aus dem Elsaß mit ihrer ehemaligen Herrschaft einen Prozeß, weil diese ihr eine kleine Summe Geldes vorenthält, die ihr testamentarisch ver­macht wurde; in entern anderen Nachbarorte befanden sich zwei junge Deutsche, Schwestern, in öffentlichen Häusern, vermutlich sind sie auch einst unter günstigem Anerbieten ins Ausland gegangen, dort ihrem Schick­sal überlassen und so von Stufe zu Stufe gefallen.

Auf einem der reichsten Güter in hiesiger Gegend wurde eine junge Deutsche aus einer Stadt an der Saale, geschlechtlich erkrankt, in ihre Heimat zurück- gesandt; ihre Vorgängerin, eine Württembergerin wurde in Abwesenheit der Herrschaft den Dienern überlassen, kam hier in andere Umstände und wurde mit großer Heimlichkeit von einer benachbarten Station nach Deutschland zurückgeschickt; man glaubte damit zu verhindern, daß die Sache bekannt würde.

Neberaus groß ist die Zahl derer, die sich wegen nicht Jnnehaltens der vereinbarten Bedingungen be­klagen! noch mehr reisen, wenn sie die Mittel auf­bringen können, einfach wieder ab. Mit Prozessen ist nichts zu erreichen, denn die Mehrzahl der Mädchen unterzeichnet in ihrer Unvernunft Kontrakte, nonach ihnen die Rückreise oder gar Hin- und Rückreise erst nach Ablauf der vereinbarten Jahre vergütet wird; die Mädchen sind somit vollständig gebunden und der unwürdigsten Behandlung ausgesetzt.

Die deutschen Blätter und Zeitschriften sollten es für eine Ehrenpflicht halten, wenn sie derartige Annoncen ausländischer Familien aufnehmen, an anderer Stelle ihres zu warnen, ins Ausland zu gehen, ebne vorherige Erkundigung und genaue Festsetzung der Bedingungen.

So gehen jahrein jahraus viele Hunderte von jungen Mädchen ohne Sinn und Verstand unter den schlimmsten Verhälsten ins Ausland, die dort kaum anderes erreichen als dem deutschen Nanien Unehre zu machen; denn, wenn sie auch nicht direkt für die erwähnten, peinlichen Vorfälle verantwortlich gemacht werden können, so ist es doch indirekt ihre Schuld, weil sie sich nicht erkundigt hatten, und der Fremde, der nur nach bem Aeußern urteilt, geht achselzuckend darüber hinweg und sagt:une Allemande dans la misere11.

DerInternationale Verein der Freundinnen junger Mädchen" in Berlin und Neuchätel, der unter dem Protektorat der Kaiserin steht, hat viel getan und manches Mädchen abgehalten, ohne vorherige Erkun­digung ins Ausland zu gehen oder ihm Auskunft verschafft die allerwenigsten aber kennen oder wenden sich an den Verein. Eilte bekannte Schriftstellerin, Frau Eleonore NießenDeiters in Lübeck, hat im Jahre 1907 einen Ausruf erlassen, der in vielen deutschen und österreichischen Zeitungen veröffentlicht wurde, worin sie in scharfen Worten das Vorgehen ihrer deutschen Schwestern geiselt.

Daß diesen unhaltbaren Zuständen in irgend einer Weise ein Ende gemacht werde, erfordert die Ehre des deutschen Namens. Manches ließe sich vielleicht er­reichen, wenn man die Geistlichkeit, die Direktoren und die Schulnotstände aller Lehrerinnenseminare, der Volks­und höheren Mädchenschulen, ganz besonders aber die deutsche Presse immer wieder darauf aufmerksam machte, die ins Ausland gehenden Mädchen zu ermähnen, sich vorher zu erkundigen und nur solche Kontrakte zu unterzeichnen, die freie Hin- und Rückreise gewähren, selbst für den Fall, daß die Engagierten vor der ver­einbarten Zeit aus irgend welchen Gründen fortgeschickt werden. Daß gerade gebildete deutsche Mädchen aus ordentlichen Familien in der Fremde zur Kammerzofe und zum Dienstmädchen herabgedrückt werden und sittlichen Schaden leiden, ist leider etwas alltägliches und des deutschen Namens wahrlich nicht würdig.

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern, 28. Mai 1909.

* Bei den Arbeiten im Tunnel ist man auf eine starke Schicht Braunkohlen gestoßen.

* Am Mittwoch nach Pfingsten, 2. Juni d. Js., nachm. 21/3 Uhr soll in dem Lokale der Kleinkinder­schule zu Schlächtern (Kaiserstraße) die diesjährige Generalversammlung des Vaterländischen Frauenvereins für den Kreis Schlächtern stattfinden. Herr Bürger­meister a. D. Berta-Soden wird einen Vertrag über die Entstehungs- und Entwickelungsgeschichte des Roten