SchlüchternerZeitung
mit amtlichem Arersblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
____________Vierteljährliche Beilager „Unsere Heimat^.________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Amtliches.
Der Kreisausschuß hat den nachstehenden Personen für langjährige treue Dienste bei ein und derselben Herrschaft folgende Prämien bewilligt:
1) Ruppert, Katharina, Köchin bei der Freiherrlich von Stumm'sche Verwaltung« Ramholz 25 Mk.
2) Glock, Eleonora, Dienstmagd bei dem Bürgermeister Kohlhepp Ultrichshausen 10 „
3) Sperzel, Johann Georg, Schäfer der Gemeinde Mottgers 20 „
4) Faust, Johannes, Schäfer der Gemeinde Heubach 20 „
5) Herbert, Adam, Schäfer der Gemeinde Weiperz 20 „
Schlüchtern, den 7. Mai 1909.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.
Bekanntmachung.
J.-N. 2769 K.-A. Der Gastwirt Joh Adam Eigenbrod in Weichersbach beabsichtigt auf seinem in der Gemarkung Weichersbach gelegenen Grundstück Kartenblatt D. Parzelle Nr. 579/88 ein Schlachthaus zu errichten.
Ich bringe dieses Vorhaben zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in zwei Exemplaren anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesem Verfahren nicht mehr angebracht werden. - -
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht
Freitag, den % 3uni d. Jsv vormittags U Uhr
vor dem Unterzeichneten an. Im Falle des Aus« bleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden wird gleichwohl mit Erörterung des Unternehmens bezw. der Einwendungen vorgegangen werden.
Zeichnungen und Beschreibungen der Anlage können während der Dienststunden im Bureau des Kreis-Ausschusses eingesehen werden.
Schlüchtern, den 11. Mai 1909.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
Valentiner.
Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 27
„Das freut mich aufrichtig, Willi. Ich wußte ja, Du bist nur ein wenig leichtsinnig, aber im Grunde genommen ein guter, lieber Mensch."
Willi schämte sich doch ein wenig vor seiner Schwester. Wenn die geahnt hätte, wie toll er es in Königsberg getrieben. Das aber sollte jetzt anders werden. Wenn nur erst die Angelegenheit mit dem Gelde aus der Welt geschafft wäre.
„So ein guter, lieber Mensch bin ich nun gerade nicht, zu dem mich Deine schwesterliche Liebe stempeln möchte," sagte er, „wenigstens bisher nicht. Du sollst aber in Zukunft mit mir zufrieden sein, ich werde mich jedenfalls höllisch zusammennehmen."
Der junge Eistedt meinte es dabei wirklich aufrichtig, nur bedachte er nicht, daß der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist.
Der Schwester jedoch hatte er mit seinem Versprechen sehr wohlgetan. Sie ließ das Pferd allein in den Stall laufen, ergriff den Arm ihres Bruders und führte ihn ins Haus zurück, wobei sie bemerkte: „Ich habe oben etwas über dreitausend Mark liegen. Sie sind mühsam zusanlmengesvart, und eigentlich waren sie zu etwas anderem bestimmt. Doch ich werde auch mit einem Drittel der Summe auskommen, die übrigen zwei Drittel sind Dein. Benutze sie dazu, einige Deiner Schulden abzuzahlen. Ich gebe sie Dir gern, seit ich weiß, daß es mit Dir anders wird."
Leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf und ließ ihren Bruder betreten zurück. Das gute Mädchen! Sie, welche schon soviel für ihn hingegeben hatte, wollte ihm noch das Letzte opfern.
Sollte er es annehmen? Alles in ihm sträubte sich dagegen. Handelte er dadurch nicht ebenso gewissenlos wie Willbert? •
Samstag, den 15. Mai 1909
Deutsche und englische Arbeiter.
Die englischen Parlamentsmitglieder Barnes und Henderson waren von der dortigen „Arbeiterpartei" nach Deutschland entsandt worden, um hier die Arbeitslosigkeit, ihre Folgen und die Mittel zu ihrer Abhilfe zu erforschen. Das Ergebnis dieser Studienreise liegt nun in einem von den beiden Parlamentariern erstatteten Berichte vor. Das „Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften" gibt hieraus einige Auszüge, die wiederum bestätigen, daß in der Tal die deutschen Arbeiter eine wesentlich bessere Fürsorge genießen als die englischen. So wird festgestellt, daß die Zahl der Arbeitslosen und der Grad der Armut in den von der Depntation untersuchten deutschen Städten (Berlin, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Köln und Straßburg) nicht eine derart akute Stufe erreicht hat, wie das in England der Fall ist.
Sehr lobendend sprachen sich die englischen Arbeiterführer über die öffentlichen Arbeitsnachweisbureaus aus. Ebenso günstig äußern sie sich über die deutschen Städte- Verwaltungery die ein wirkliches Selbstverwaltungsrecht besäßen, nach einigem Ermessen Arbeiten von öffentlicher und hygienischer Nützlichkeit in Anspruch nähmen und Geldmittel zur Unterstützung der Arbeitslosen verausgaben könnten, lauter Dinge, die „bekanntlich" im demokratischen England noch fromme Wünsche seien. Der Gesamteindruck, den man beim Lesen des Berichts erhält, ist, wie das „Korrespondenzblatt" schreibt, etwa folgender: „Die Arbeitslosigkeit und deren Folgen sind in Deutschland geringer als in England, da in Deutschland die Munizipalitäten und die Unternehmer harmonisch mit den Organisationen der Arbeiter zusammengehen, um den sozialen Uebel nach Möglichkeit zu steuern."
Auch eine Abordnung englischer Textilarbeiter aus Dorkshire hat vor einiger Zeit Deutschland besucht, um über die wirtschaftliche Lage der deutschen Textilarbeiter Studien anzustellen. Die Eindrücke welche die Abordnung durch den Besuch der Textilfabriken in Niederschönweide, Forst, Kottbus und Crimmitschau gewonnen hat, sind in einem offiziellen Bericht niedergelegt worden. Die Abordnung ist zu dem Ergebnis gekommen, daß die wirtschaftliche Lage des deutschen Textilarbeiters, was die Lohnhöhe, die Arbeitsbedingungen, die Kosten des Unterhalts, die Mieten und Steuern anlangt, keineswegs schlechter, zum Teil sogar besser als die Lage des englischen Arbeiters sei. Interessant sind auch die Auslassungen, die ein englischer, in Deutschland lebender Arbeiter in der Zeitung „The
Dann aber fielen ihm wieder die fünfzehntausend Mark ein, die er in kurzem zu beschaffen hatte, wollte er nicht, daß seinem Vater die Wechsel präsentiert wurden, und es kam ihm, wie er glaubte, ein guter Gedanke. Er wußte, daß fast alle Tage bei Tannapfel, dem ersten Restaurant von Burghof, stark gefeut wurde. Was ließe sich nicht mit zweitausend Mark Einsatz alles gewinnen, vielleicht sogar die fünfzehntausend Mark. Es überrann ihn siedendheiß. Ja, das wollte er tun. Zwar brauchte es nicht heute oder morgen zu sein. Er wußte auch nicht genau, an welchem Tage gewöhnlich eine Zusammenkunft stattfand. Aber das lief ja nicht weg.
„Heute ist heut," sagte er endlich nach längerem Nachsinnen. „Der heutige Tag soll allein Charlotte gehören, denn Dankbarkeit muß sein. Trotz ihrer etwas männlichen Allüren futtert sie doch gern, wie alle Mädel, Kirschkuchen mit Schlagsahne. Ich will deshalb heut nachmittag mit ihr nach Burghof fahren, da mag sie sich meinetwegen bei Maßberg den Magen vollstopfen, bis sie nicht mehr kann."
So beruhigte er notdürftig sein bohrendes Gewissen und nahm später von seiner Schwester die zweitausend Mark mit einer Miene in Empfang, als ob er ihr dadurch einen großen Gefallen täte, weil er sie von deren Verwaltung befreite.
Wie er vorausgesehen hatte, war Charlotte sofort zu einem kleinen Nachmittagsbummel nach Burghof bereit. Welches junge Mädchen zeigt sich nicht gern an der Seite eines hübschen Kürassieroffiziers, und wenn dieser auch nur der eigene Bruder ist.
Kurz nach dem Mittagessen fuhr also der gelblackierte Jagdwagen vor und bald darauf lenkte Kurt die prächtigen Jucker durch den weidenumsäumten Landweg gegen die nahegelegene Chaussee.
Burghof war einekleine, anmutig inmitten eines Tales gelegene Landstadt mit großen Erinnerungen, wovon noch die teilweise bestehenden alten Stadtmauern. sowie das einzige erhalten« Tor mit zwei hohen
60. Jahrgang.
News" veröffentlicht hat. Zunächst wird betont, aus dem Umstand, daß die Löhne in Deutschland Wohl im allgemeinen niedriger seien als in England, dürfe nicht auf eine schlechtere Lage des deutschen Arbeiters geschlossen werden; vielmehr sei diese mindestens so gut wie die des englischen Arbeiters, wenn nicht noch besser. Der Grund dafür sei zunächst in der größeren Billigkeit des Lebens zu sehen. Sodann erwähnt der Verfasser die Wohlfahrtseinrichtungen, welche die Arbeiter vielfach in der Fabriken genießen. Doch seien dies nur Nebensachen gegenüber den Wohltaten, welche die Arbeiter in der deutschen sozialpolitischen Gesetzgebung in ihren drei Zweigen genießen. Der Verfasser schildert eingehend diese Einrichtungen und rühmt besonders die liberale Anwendung dieser Gesetze. Er sagt u. a.: „Manche laufen zum Arzt, wenn ihnen nur der Daumen weh tut, eine Arbeiterfrau, die sich in den Wochen befindet, kann sechs Wochen Heilbehandlung beanspruchen. Alle diese Wohltaten sind sehr angenehme Dinge für die Arbeiter." Dann wird auf die liberale deutsche Landesgesetzgebung hingewiesen, die dem Arbeiter die Möglichkeit biete, sich auf einem Stück Land in der Umgebung Kartoffeln, Korn, Gemüse und Obst selbst zu bauen. Im ganzen kommt der Verfasser zu dem Schlüsse, er glaube nicht, daß der deutsche Arbeiter schlechter steht als der englische, wenn überhaupt nicht besser.
Diese Urteile engl. Arbeiter sind zweifellos sehr wertvoll. Als der preußische Kriegsminister im Reichstage bemerkte, nirgends werde für die Arbeiterschaft so gut gesorgt wie in Deutschland, schlugen die Sozialdemokraten ein höhnisches Gelächter an. Durch die obigen Urteile der englischen Arbeiter ist aber die Wahrheit dieses Aussplüches ltipp und klar festgestellt. Alle diese segensreichen sozialpolitischen Einrichtungen haben aber die deutschen Arbeiter lediglich den bürgerlichen Parteien zu verdanken; denn die Sozialdemokratie hat die Anfänge der Sozialreform auf das bitterste bekämpft.__________
Deutsches Reich.
— Die Finanzkommission des Reichstages hat die Weinsteuer mit 14 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde eine Erhöhung der Schaumweinsteuer einstimmig angenommen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete am Sonnabend die Beratung des Kultusetats. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Rede des Ministerialdirektors D. Schwartzkopf, der die Grundzüge und Grundsätze der Mädchenschulreform darlegte. Die ausführliche und mit bekannter rethorischer Gewandtheit
Rundtürmen und vor allem das mächtige, aus der Ordensritterzeit stämmende Schloß beredtes Zeugnis ab» legten.
Heute^ entwickelte sich in seinen Mauern ein reges, gewaltiges Leben, besonders seit das Bahnnetz die Stadt in seine eisernen Arme geschlossen hatte. Da infolge der weiten Entfernung von Königsberg alle umliegenden Großgrundbesitzer gezwungen wurden, ihre Einkäufe in Burghof zu decken, so waren die Kaufleute auch auf alles eingerichtet und konnten in der Tat mit ihren Auslagen mit denen manchen Geschäfts derGroß- stadt in Konkurrenz treten.
Mit Recht waren die Burghofer auf ihre Heimatstadt stolz, wenn auch die selbstbewußte Versicherung, Burghof sei eine Großstadt im Kleinen, etwas übertrieben klang. Breite, gerade Straßen durchzogen die Stadt nach allen Richtungen, und die zahlreichen Masten einer elektrischen Anlage zeigten, wie eifrig man sich alle modernen Erfindungen zunutze machte. Das Straßenpflaster befand sich zwar in einer nur mäßigen Beschaffenheit, doch sollte dieser Uebelstand in nächster Zeit gehoben werden, man plante nämlich die Anlage von Kanalisation und Wasserleitung. Bei dieser Gelegenheit würde dann gleichzeitig die notwendige Um- pflasterung der Wege und damit verbunden das Legen von Trottoir erfolgen.
Wie sich somit alles in aufstrebender Entwicklung befand, so war auch der Inhaber der ersten Konditorei, es gab deren zwei, vor dem Andrängen des Zeitgeistes nicht zurückgeblieben. Die Maßbergsche Konditorei nebst Cafe lag an einer Ecke des großen, von schön gebauten Häusern umgebenen Marktes. Im Vor- derzimmer befand sich die Kaffeestube. Auf dem hübsch ausstaffierten Verkaufstisch erblickte man eine große Auswahl von Kuchenmaterial, wie man sie wohl kein zweites' Mal in einer ähnlich kleinen Stadt wie Burghof antraf. 160,18