SchlüchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt» Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
eM 38. Mittwoch, den 12. Mai 1909 60. Jahrgang.
Amtliches,
I 8015. Der auf Donnerstag, den 13. Mai d. Js. in hiesiger Stadt angesetzte Viehmarkt wird unter den seither bekanntgegebenen Bestimmungen ab- gehalten. Mit dem Auftrieb darf um 6 Uhr morgens begonnen werden.
Nach § 1 der Polizeiverordnung vom 25. April 1904 ist das Handeln mit Vieh und das Mustern von Vieh zwecks Handelns innerhalb des Stadtbezirkes vor und während der Dauer des Marktes verboten. Fulda, den 6 Mai 1909.
Der Kgl. Landrat: I. V. Köhler.
Krauen und Mädchen für unsere Kolonien.
Die vielfach geäußerte Annahme, daß nach dem Er« löschen des Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika auch eine größere Anzahl von Frauen und Mädchen ihren Angehörigen dorthin folgen werde, hat sich bestätigt. Während im Jahre 1905 56 Personen die Uebersiedelung nach Deutsch-Südwestafrika durch Bewilligung freier Ueberfahrt seitens der deutschen Kolonialgeschäft ermöglicht wurde, stieg diese Zahl im folgenden Jahre auf 108, dann auf 165. Dabei ist zu bemerken, daß sich im Schutzgebiete das Bedürfnis nach weiblichen Dienstboten in verstärktem Maße geltend gemacht hat. Unter den von der Gesellschaft unterstützten 108 Personen befanden sich 23 junge Mädchen, die dort in Dienst- stellung getreten sind. Bestimmungsgemäß werden nur solche jungen Mädchen hinausgeschickt, denen eine be- « stimmte Stellung vertraglich gesichert ist. Der Gouverneur von Südwestafrika hat für die erneute Bereitstellung von Mitteln zur Unterstützung der Uebersiedelung be:.- Frauen und Mädchen seinem Danke Ausdruck gegeben und dazu folgendes bemerkt: „Ich bin der festen Ueberzeugung, daß hierdurch dem Schutzgebiet ein nicht hoch genug einzuschätzender Vorteil gebracht wird; denn gerade jetzt, wo die Besiedelung tn so erfreulicher Zunahme begriffen ist, macht sich das Fehlen von Frauen ganz hervorragend fühlbar. Durch jedes herüberkommende Mädchen wird die Gefahr, daß ein Ansiedler sich einem Bastard- oder Eingeborenenweibe anschließt Und dadurch dem Deutschtum und der Kultur mehr oder minder verloren geht, verringert. Nur durch deutsche Frauen wird der Bestand deutschen Lebens hier gewährleistet. Es wird mein Bestreben sein, für die herüberkommenden Mädchen nach Möglichkeit zu sorgen und sie Familien zu überweisen, die in jeder Beziehung zuverlässig sind.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag setzte am Dienstag die Besprechung der sozialdemokratischen Interpellation über die Rechtsverhältnisse bei den von Unternehmern gegründeten Pensionskassen fort. Der Abg. Hengsbach (Saz.) nannte die Kassen eine Wohlfahrtsplage, Abg. Huö (Soz.) behauptete, jdie Regierung denke nicht daran, den Arbeitern zu helfen, sie habe mit der Bundesratsverordnung über die Walzwerke den Reichstag geradezu verhöhnt, was ihm einen Ordnungsruf einbrachte. Die Abgg. Dr. Arendt (Rp) und Werner (Resp.) verteidigten die Pensionskassen, und Staatssekretär v. Bethmann-Holl- weg legte nochmals dar, daß die Regierung in diese privaten Verhältnisse nicht mit Zwangsmaßregeln eingreifen könne, weil damit nichts erreicht würde. Damit war die Besprechung erledigt. — Am Mittwoch wurde die erste Lesung des Gesetzentwurfs über die Haftung des Staates für Ueberschreitungen seiner Beamten begonnen, der nach kurzer Debatte der Justizkommission überwiesen wurde. Bei der dritten Lesung über die Zivilprozeßnovelle wurde besonders über einen Antrag Schmidt-Warburg (Z.) auf Ausdehnung der Gewährung des Armenrechts diskutiert, wogegen aber die Regierung Bedenken äußerte. Der Antrag wurde schließlich abgelehnt. — Der Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag bei fast leerem Hause mit einem vom Abg. Speck (3-) begründeten Antrag auf Einführung einer staffel- förmigen Umsatzsteuer für größere Mühlenbetriebe, der vom Abg. Dr. Roesicke (kons.) unterstützt, vom Abg. Kämpf (fr. Vp.) aber bekämpft wurde. Ministerialdirektor Kühn teilte eine Statistik mit, aus der hervor- ging, daß der Rückgang bei ben kleinen und mittleren Betrieben kein so großer sei, wie behauptet wurde. Nachdem noch der Abg. Stauffer (wirtsch. Vg.) für den Antrag Speck eingetreten war, wurde die Fortsetzung der Beratung auf Mittwoch vertagt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus fuhr am Dienstag in der Beratung des Kultusetats fort. Abg. Eickhoff (fr. Bp.) trat für die Reformgymnasien ein, die sich sehr gut bewährt hätten. Abg. Ströbel (Soz.) förderte die Einheitsschule und Beseitigung der Vorschulen. Die höheren Schulen wären vornehmlich auf die bemittelten Klassen zugeschnitten. Daß der Patriotismus auf ihnen gepflegt wird, ist ihm ein Dorn im Auge. Abg. Cassel (fr. Vg.) erklärte, daß der Vorredner ein Zerrbild unserer heutigen höheren Schulen gegeben habe. Es wären keine Standesschulen; ein erheblicher Teil der Abiturienten wären Söhne armer
Eltern. Abg. Dr. Maurer (natl) wandle sich ebenfalls mit großer Schärfe gegen die Ströbelschen Ausführungen. — Am Mittwoch wurde von verschiedenen Abgeordneten die Einführung eines obligatorischen Spielnachmittags angeregt. Ministerialdirektor D. Schwartz« köpf stand dem Gedanken an sich sympathisch gegenüber er setzte seiner Durchführung nur das Bedenken entgegen, daß sie eine Vermehrung der Pflichtstundenzahl veranlassen würde. Beim Kapitel „Elementarunterrichtswesen" wurden eine Reihe von Anträgen auf stärkere Beschäftigung von Lehrerinnen gestellt, worauf Geheimrat Altmann erwiderte, daß für die Vermehrung der Zahl der Lehrerinnen genügend gesorgt werde. Der Abg. Dr. Heß (Z) machte einen heftigen Ausfall gegen die liberale Lehrerschaft, insbesondere die Bremer Lehrer und den Lehrer Tews, den er als Feind der christlichen Kirche bezeichnet. — Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Donnerstag die Beratung des Kultusetats bei dem Kapitel „Elementarschulwesen" fort. Dabei nahm Ministerialdirektor D. Schwartzkopf Gelegenheit, die sozialdemokratische Jugendverhetzung und die Agitation in den sozialdemokratischen Turnvereinen zu beleuchten. Er verlas dabei eine große Reihe von Stellen aus sozialdemokratischen Liederbüchern, die mit einer Fülle roher Berhöhnung heiligster Empfindungen durchsetzt waren. Gegen Schluß der Sitzung brächte der Abg. Ernst (fr. Vg), die Maßregelung verschiedener freisinniger Lehrer zur Sprache, worauf Ministerialdirektor D. Schwartzkopf betonte, daß diese Behauptung mit den Tatsachen absolut im Widerspruch stände, die Unter« richtsverwaltung denke gar nicht daran, freisinnige Lehrer irgendwie zu maßregeln. Gegen Lehrer aber, die mit der Sozialdemokratie liebäugelten, werde die Unterrichtsverwaltung auch ferner vorgehen, da ein solches Verhalten für einen Lehrer, der die Pflichten eines Staatsbeamten hat, nnzulässig sei. — In der Abendsitzung wurde zunächst über einen Antrag Schiffer (natl.) auf Zulassung der Lehrer zum Schöffenamt beraten, der aber nach kurzer Debatte wieder zurückgezogen wurde. Die weitere Debatte brächte nichts Bemerkenswertes. Die Weiterberatung wurde auf Sonnabend vertagt.
— Der Reichskanzler und der Ostmarkenverein. Auf ein warmes Glückwunschtelegramm an den Fürsten Bülow gelegentlich seines 60. Geburtstages seitens des Deutschen Ostmarkenvereins durch dessen Vorsitzenden, Herrn v. Tiedemann-Seeheim, ist diesem folgende Antwort zugegangen: „Dem Ostmarkenverein und seinem
Ier Hotensee.
Roman von Martin Wehran. 26
„Uebrigens, Papa, was denkst Du über den Ban- unternehmer Willbert?"
„Gar nichts."
„Wie meinst Du, gar nichts?"
„Nun der Mann ist mir im höchsten Grade un- sympathisch. Wenn ich ihn ansehe, kommt er mir immer vor, wie ein bösartiger Köter, welcher gerade im Begriff ist, jemand ein Stück Fleisch zu entwenden."
Man befand sich in dem Wohnzimmer von Eiftedt und Willi sondierte eben mit möglichster Vorsicht, ob es sich verlohne, wegen der Willbertschen Wechselunterschrift an ihn heranzutreten.
Dieser saß behaglich in seinem bequemen Lehnstuhl und blies aus seiner kurzen Pfeife leichte Rauchwolken gegen die Zimmerdecke. Trotzdem die hohe Gestalt infolge des vorgeschrittenen Alters, er hatte erst spät geheiratet, etwas gebeugt erschien, blickten seine grauen Augen scharf unter den weißen buschigen grauen Augenbrauen hervor. Der Kopf war fast kahl, nur an Kinn und Oberlippe wucherte spärlich ein sorgsam gepflegter Henriquatre-Bart.
Mißmutig kaute Willi an seiner Zigarette. Es wollte ihm nichts einfallen, was geeignet erschien, den Vater von seiner schlechten Meinung über den Bauunternehmer abzubringen. Es ist eben schwer, jemand eine Ansicht einzuflößen, die man selbst nicht besitzt. Wie er den Menschen haßte, der ihn in alle die Ungelegenheiten gebracht. Aber er sah keinen Ausweg und wußte ganz genau, daß es um seine Offizierslaufbahn geschehen war, wenn Willbert dem Vater seine ominösen Wechsel präsentierte. Und er fühlte sich doch so glücklich als Soldat.
Wohl ^atte er versucht, bei anderen Halsabschneidern, wie er sie nannte, Geld zu den unmöglichsten Zinsen aufzunehmen, nur um seinen ehemaligen Freund
zu befriedigen. Alle jedoch verhielten sich sehr reserviert und schienen um seine Verlegenheit schon zu wissen. So mußte er wenigstens den Versuch machen, die Unterschrift zu erlangen.
„Ich verstehe gar nicht, Papa, was Du gegen Herrn Willbert hast. Er ist doch ein so liebenswürdiger Mann und soll immens reich sein."
„Soll, soll! Mir hat er noch keine Einsicht in seine Vermögensverhältnisse gestattet. Und wenn er es auch wäre, mir gefällt der Mann einmal nicht, und das genügt für meines Vaters Sohn, um ihn links liegen zu lassen. Was mich wunder nimmt, ist, daß Du Dich für ihn so ins Zeug legst. Ich habe leider gehört, daß Du Dich mit ihm unnötig viel einläßt."
„Er ist doch Reserveoffizier," verteidigte sich Willi verlegen.
„Ach was, Reserveoffizier! Da könntest Du ja schließlich auch mit unserem Oberinspektor intime Freundschaft schließen, der ist es auch. Uebrigens wäre mir das noch lieber, da lerntest Du wenigstens was von der Landwirtschaft. Was nun aber jenen dunklen Ehrenmann, den Willbert betrifft, so möchte ich Dir doch raten, Dich nicht zuviel mit ihm einzulassen, das würde eventuell Deiner Karriere schaden. Ich habe einiges läuten hören." Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. „Du hast doch keinen Bären angebunden bei ihm?"
„Aber wo denkst Du hin, Papa?"
„Das wäre auch nur Dein eigener Schaden. Schließlich sind die tausend Mark, welche Du monatlich von mir als Zuschuß erhältst, eine horrende Summe. Damit kann eine vielköpfige Familie brillant leben und Du bist ein einzelner Mensch."
„Du hast ja recht Papa, aber das Leben bei einem so teuren Regiment kostet so ungeheuer viel."
„Deshalb habe ich Dir auch monatlich tausend Mark ausgesetzt. Das ist sicher selbst für den Anspruchvollsten genug."
Damit hielt er das Thema für erledigt und kam
auf Wirtschaftsangelegenheiten zu sprechen. Willi hörte gar nicht zu, in ihm herrschte nur die eine Frage vor: Wo soll ich das Geld hernehmen, um die Wechsel zu bezahlen, die ich dummerweise ausstellte. Endlich erhob er sich und verabschiedete sich von dem alten Herrn, vielleicht kam ihm an der frischen Luft ein guter Gedanke.
Auf dem Hofe traf er seine Schwester, welche eben ihr Pferd in den Stall führte.
,,'n Morgen, Du wilde Lotte. Eigentlich sollte ich riesig borstig auf Dich sein, wegen Deines bockigen Briefes nämlich. Man kann doch aber unmöglich seiner einzigen Schwester alles mit Gleichem vergelten. Uebrigens, Wildfang, Du siehst ja aus, als habe Dir jemand hunderttausend Taler geschenkt!"
In der Tat verklärte Charlottes Antlitz ein strahlendes Lächeln. Das heutige Zusammentreffen mit Rolf Helmbach wirkte noch zu mächtig in ihr. Verflogen waren alle Sorgen, die sie je um den Bruder wie auch um den heimlich Geliebten gehabt, sie mußten vor ihrem jungen Glück weichen, wie die trüben Wolken vor der siegreich durchdringenden Sonne.
„Nur hunderttausend Taler," sagte sie fröhlich lachend. „Millionen hat man mir geschenkt, Du unartiger Willi!"
Erstaunt sah sie ihr Bruder an. So hatte er sie noch nie gesehen. „Na, wenn man Dir soviel dedi- ziert hat, dann könntest Du mir wenigstens ein paar Tausend abgeben. Ich hätt's wirklich nötig." 160,18
„Du bist ein Verschwender, Willi. Ich bin aber heute in einer merkwürdig guten Laune, da soll es mir auf ein paar Blaue nicht ankommen, wenn Du mir versprichst, daß Du nun vernünftig werden wirst."
„Sicher verspreche ich das. Nebenbei bemerkt, Du hast mit Deinem Brief nicht so ganz unrecht, und es tut mir leid, daß ich Dir nicht schon früher gefolgt bin Unter uns gesagt, Willbert ist wirklich ein Schuft, und ich habe mit ihm vor einigen Tagen gebrochen."
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