Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"-
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Konservative Mrsorge für Handwerk und Kleingewerbe.
„In der Tat lassen sich schon bis in die Anfänge des Reiches hinauf konservative Sympathien für die Lage des Handwerks in den Debatten des Reichstags wie in der Gesetzgebung verfolgen". So schreibt der Historiker Karl Lamprecht in dem zweiten Ergänzungsband seines Werkes „Zur jüngsten deutschen Vergangenheit", und er bestätigt damit die geschichtliche Tatsache, daß es von jeher seit dem Beginn des parlamentarischen Lebens in Preußen-Deutschland überhaupt die vornehmste und stete Aufgabe der konservativen Abgeordneten gewesen ist, durch Gesetzgebung und Verwaltung für eine Besserstellung der wirtschaftlichen Lage des Handwerker- und Kleingewerbestandes einzutreten. Auch in jüngster Zeit ist von konservativer Seite diese alt« gewohnte Fürsorge für Handwerk und Kleingewerbe ^geübt worden. So bei den Interpellationen im Reichs- und Landtag über die Arbeitslosigkeit, zu deren Linderung ein konservativer Antrag auf möglichst beschleunigte Vergebung der staatl. Arbeiten, besonders im Baugewerbe, im Abgeordnetenhause angenommen wurde; so im Reichstage bei den Debatten zur zweiten Beratung des Etats des Reichsamts des Innern, und vor allem im preußischen Abgeordnetenhause bei der zweiten Beratung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung. Vier konservative Redner, die zudem sämtlich durch ihren Beruf dem deutschen Handwerkerstände angehören, nämlich die Abgeordneten Buchdruckereibesitzer Malkewitz, Tischlermeister Rahardt, Malermeister Hammer und Bäckermeister Karow, haben bei diesem Etat ausführ» lich die Lage des Handwerks und Kleingewerbes erörtert.
Der Abgeordnete Malkewitz wies insbesondere auf die schwierige wirtschaftliche Lage hin, in der sich das deutsche Handwerk zurzeit befindet. Eine solche Lage sei nicht dazu angetan, neue Lasten sozialpolischer Natur den Arbeitgebern auszuerlegen. Ohne Zögern sei die konservative Partei den Bahnen der Kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 gefolgt, und die konservativen Abgeordneten hätten von Anfang an die sozialpolitische Gesetzgebung nach Kräften unterstützt und gefördert. Schwere Bedenken aber könnten gerade in der Gegenwart nicht unterdrückt werden inbezug auf die Gestaltung der einzelnen sozialpolitischen Gesetze, die in der nächsten Zeit zu erwarten sind. Das sind die Hinterbliebenenversicherung und die Reform der Krankenversicherung. Die Konservativen wenden sich
Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 25
Rolf stand still und horchte. Hatte das nicht wie ein Schrei geklungen? Auch der Hund spitzte die Ohren. Noch wartete er nicht lange, da vernahm er rasende Huftritte und bemerkte von weitem den Eistedter Goldfuchs, welchen Charlotte, wie er wußte, stets zu ihren Ausritten zu benutzen pflegte, in wahnsinnigem Galopp den Weg entlang rasen. Tatsächlich saß auf ihm die junge Dame, aber zügellos. Der Kandarezügel hing herunter und peitschte die Knie des Pferdes, während die Trense zerrissen war. Auf jeden Fall befand sich die Reiterin in einer höchst gefährlichen Situation.
Als das Pferd in vollster Karriere vorübersauste, sprang Rolf schnell zu und es gelang ihm, den Kandarezügel zu fassen. Durch den gewaltigen Ruck aber wurde er zuBoden geschleudert und eine erhebliche Strecke mitgeschleift. Dann erst stand dasTier zitternd undschweiß- bedeckt still.
Schnell sprang Charlotte ab und trat zu Rolf der sich eben erhob. Seine Kleider waren total zerfetzt und er blutete aus einerKopfwunde, die glücklicherweise nur leicht zu sein schien.
„Wie geht's Ihnen?" fragte sie besorgt. Da erkannte sie den Grafen. „Wieder Sie! Ich scheine dazu geschaffen zu sein,Ihnen Unglück zu bringen."
„O, nicht doch! Ich habe vielmehr das Glück, Ihnen ab und zu ein wenig zu helfen," sagte er lächelnd. Ernster werdend fügte er hinzu: „Ich stünde nicht vor Ihnen, würde es Ihnen, gnädiges Fräulein, damals nicht gelungen sein, mich den Armen des Wassergottes zu entreißen, der mich schon sicher in seiner Gewalt glaubte."
„Ihr Unfall geschah doch nur infolge Ihres Bestrebens, mir zu helfen. Ich bin es also, welche Ihnen M danken hat und.. den ich um Verzeihung bitten
Samstag, den 8. Mai 1909
energisch dagegen, daß bei diesen zu erwartenden Gesetzen wieder den Arbeitgebern neue größere Lasten auferlegt werden, sie erwarten und verlangen, daß die Kosten dieser Gesetzgebung als Gesamtlast des Reiches angesprochen werden. Erfordern doch, wie der Abg. Rahardt nachwies, schon die bisherigen sozialen Gesetze von den deutschen Handwerkskammern alljährlich Ausgaben in Höhe von rund 24 Millionen Mark. Dieselben Bedenken sind von konservativer Seite auch geltend zu machen gegen die neue sozialpolitische Organisation, welche man in den einzelnen Kreisen losgelöst von den bisher im Kreise waltenden Kräften, schaffen will. Seitens der konservativen Partei wird aber ferner entschieden verlangt, daß man dem Handwerk und Kleingewerbe überall da Förderung und Unterstützung zuteil werden läßt, wo diese nur möglich und ausführbar sind. Leider stehen in dieser Beziehung die Dinge auch vielfach nicht am besten. So droht dem Bäckereigewerbe eine schwere Schädigung durch die Bäckerewerordnung vom 1. Januar 1908, bei deren strenger Durchführung allein in Berlin 384 Bäckereien zu schließen wären. Die beteiligten Bäckermeister und Hausbesitzer klagen sehr über die rigorose Durchführung dieser Verordnung, die namentlich von einigen Gewerbeinspektoren ausgeht, während man in anderen Fällen, so bei einer Warenhausfirma in Görlitz, viel milder verfahren ist. Der Bückereiver- ordnung muß unter allen Umständen die rückwirkende Kraft genommen werden. Auch die Unterstützung der handwerkerlichen Genossenschaften seitens der einzelner staatlichen Verwaltungen durch Zuweisung von Aufträgen und Lieferungen läßt trotz aller Verordnungen der Minister noch zu wünschen übrig. Klagen in dieser Hinsicht richten sich nicht nur gegen militärische Bekleidungsämter und Eisenbahninspektionen, sondern auch gegen Provinzialbehörden und Kreisverwaltungen, die ihre Arbeiten, namentlich Bauausführungen, an Strafanstalten oder Generalunternehmer vergeben und den Handwerkern nichts zukommen lassen. Ebenso schädigt die Vergebung sämtlichen Arbeiten an einem Gebäude in einem Lose schwer die beteiligten Handwerkerkreise. In dieser Beziehung kehrt sich, wie Abg. Hammer betonte, offenbar ein großer Teil der Königl. Bauinspeklionen nicht an die vom Minister erlassenen Submissionsvorschriften.
Dazu kommt die illoyale Konkurrenz der Gefängnisarbeit, die in vielfacher Weise dem soliden deutschen Handwerkerstände und seinen einzelnen Gewerbszweigen Schaden verursacht. Hierüber ist schon bei den Jnter-
muß. Nicht wahr, Herr Graf, Sie werden mir die dummen Worte vergeben, welche ich mir damals in so törichter Weise entschlüpfen ließ. Uebrigens waren sie wirklich nicht böse gemeint."
„Das weiß ich. Sie kannten mich ja auch gar nicht."
„Um so mehr fühlte ich mich schuldig. Wie konnte ich nur einem mir durchaus fremden Menschen gegenüber, den ich noch dazu für einen Angestellten von Ilmenau halten nmßte, so etwas über seinen Herrn sagen? Ich habe es hinterher auch sehr bereut.
Zu meiner Entschuldigung ließen sich höchstens nur die so eigentümlich liegenden Verhältnisse anführen, welche der Unfall mit sich brächte. Sie müssen mir die Zunge gelöst haben. Ich bin sonst nicht so und spreche nichts Uebles von jemand, der es nicht zu hören vermag und sich deshalb nicht verteidigen kann."
Rolf betührten diese Worte Charlottes seltsam freudig. Ihre Wangen hatten sich gerötet und sie schaute ihn mit tränenumschleierten Augen so eigenartig an.
„Sie wissen gar nicht, gnädiges Fräulein, was für eine Wohltat Sie mir damals mit Ihren Worten erwiesen. Sie haben mich aufgerüttelt und energisch gemacht. Daß ich heute nicht noch so trübselig gestimmt bin, wie bei unserer ersten Begegnung, das verdanke ich Ihnen."
Das reizende Gesicht der jungen Dame verklärte sich förmlich. „Wirklich? Nein, wie mich das freut! Da bleibt mir nur noch übrig, Ihnen von Herzen für Ihre heutige Hilfe zu danken." Sie bemerkte jetzt erst dieKopf- wunde Rolfs. „Mein Gott, Sie sind verletzt! Und ich schwatze hier alles mögliche Zeug zusammen, statt Ihnen zu helfen. Ist es schlimm?"
„Im Gegenteil, ich habe es bisher noch garnicht gespürt. Ein Heftpflaster wird genügen. Uebrigens, wie kam es, daß der Fuchs mit Ihnen in die Binsen ging?" fragte er, um das Gespräch auf andere Bahnen zu lenken.
,Ein Wespe jedenfalls. Ich hatte die Zügel fahren
60. Jahrgang. pellationen über die Arbeitslosigkeit vom Abg. Malkewitz lebhafte Klage geführt worden, namentlich wurde von ihm die Buchbinderarbeit im Gefängnis zu Breslau ernsthaft gerügt. Neuerdings will man nun zwar diese Gefängnisarbeit im früheren Umfange nicht mehr aufrechterhalten, verlangt aber von den Buchbindermeistern, daß sie die Arbeiten zu Gefängnissätzen liefern, was für reelle Gewerbetreibende nicht möglich ist.
- Das Handwerk muß sich aber auch energisch wehren gegen alle Unternehmungen von privater Seite, nämlich den Händlerkreisen, es immer mehr in Abhängigkeit von sich zu bringen, wie das in letzter Zeit z" B. seitens des Vereins der Berliner Möbelhändler den Tischlermeistern gegenüber geschehen ist, indem dieser Verein einen Beschluß faßte, aller Tischlermeister zu boykoltieren, welche Möbel für Privatkundschaft arbeiteten bezw. verkauften. Die Tischlermeister sollten sich ferner verpflichten, bei der Ablieferung von Möbeln an die Händler nur Transportwagen ohne Firmenbezeichnung^ des Tischlers zu benutzen. Es ist erfreulich, daß die Berliner Tischlerinnung sich entschieden gegen derartige Forderungen gewandt hat.
Dringend zu wünschen ist eine weitere staatliche Unterstützung an die Handwerkskammern, welche sich in umfangreichen Maße der Fürsorge der Heranwachsenden Jugend widmen durch Errichtung von Lehrlingsheimen, Uuterhaltungsabenden usw. Einer baldigen gesetzgeberischen Regelung bedarf auch die Frage der Unterscheidung von Fabrik und Handwerk, über die namentlich Abg. Rahardt sich äußerte: auch wird eine übersichtlichere und klarere Fassung der Gewerbeordnung, zu der seit ihrem Erlaß im Jahre 1869 allein 67 neue Novellen erschienen sind, immer notwendiger.
Nachdem im übrigen nun die Frage der Beamtengehaltserhöhung einer Lösung zugeführt worden ist, dürfte es angebracht sein, wie besonders Abg. Hammer hervorhob, daß der Handelsminister den Beamten empfiehlt, keine Konsumvereine mehr zu gründen, und die Leitung solcher Vereine nicht mehr zu übernehmen. Vor allem aber dürfen keine staatlichen Gebäude mehr zu Geschäftsräumen für solche Vereine hergegeben werden. Auch die Frage der Schaufensterverhängung bedarf einer ministeriellen Verordnung. Dringend zu wünschen ist ferner, daß bei der zu erwartenden Regelung der Sonntagsruhe in den kaufmännischen Geschäften eine Differenzierung zwischen den Groß-, den Provinzial- und Landstädten und dem platten Lande vorgenommen wird.
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lassen und machte mir eine Eintragung in mein kleines Taschenmerkbuch, da nahm der Gaul plötzlich den Kopf zwischen die Beine und jagte fort. Es gelang mir nur, die Trense zu fassen, doch diese zerriß, als ich scharf zu- griff. Es ist übrigens das erstemal, daß er auf diese Weise mit mir durchzugehen versuchte. Wären Sie nichi gekommen und der Durchgänger in die Bäume gegangen, wer weiß, ob mein Kopf noch heil wäre."
Rolf und Charlotte hatten bisher auf das Pferd nicht mehr geachtet. Als sie sich umschauten, gewahrten sie es einige Schritte abseits stehend. Es sah völlig beruhigt aus und beschnupperte den Hühnerhund, welcher, völlig verstehend worauf es ankam, die Kandaren- zügel zwischen den Zähnen hielt und aufmerksam das Paar musterte, das sich zu seinem Mißvergnügen gar nicht um ihn bekümmerte.
„Ein prachtvolles Tier und so klug," sagte Charlotte bewundernd.
„Ja, ich kaufte ihn von einem russischen Fürsten. Er ist treu wie Gold und würde es mit einem Tiger aufnehmen, wenn er mich dadurch gefährdet hielt."
Rolf brächte hierauf die zerissene Trense mit einem Stück Bindfaden, das .er in der Jagdtasche mitführte, einigermaßen in Ordnung. Dann fühlte er nach seiner Wunde, sie begann bereits zu verharrschen.
Wie alte Freunde schritten beide durch den weiten Blätterdom, jene zwei Menschenkinder, welche geboren waren, sich zu hassen, und die das Geschick ganz andere Bahnen wandeln ließ. Charlotte führte ihr Pferd am Zügel und Rolf erzählte von seinen Reisen, indem er als gewandterPIaudererder entzückten Zuhörerin kaleidoskopartige Bilder vonwunderbarer Schönheit vor Augen zau-- berte.
Als sie sich trennten, hatte zwar keines ein Wort von Liebe gesprochen, und doch wußten sie, daß sie zusammengehörten fürs ganze Leben.
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