die Gewährung der von der Kommission gestrichenen Zulagen. Auch Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben und Ministerialdirektor D. Schwartzkopfs sprachen sich in diesem Sinne aus. Sie wandten sich weiter gegen die Gewährung von Staatszuschüssen an große leistungsfähige Gemeinden und führten aus, daß ein Rechtsanspruch auf diese Zuschüsse überhaupt nicht bestehe. Zu einer Abstimmung kam es noch nicht. — Am Donnerstag wurde die Beratung des Lehrerbesoldungsgesetzes fortgesetzt Mit großer Majorität hielt es nach allen Richtungen an den Beschlüssen seiner Kommission fest und lehnte alle Anträge, die entweder auf eine Wiederherstellung der Fassung des Abgeordnetenhauses hinaus- liefen, oder dieser Fassung wenigstens entgegenkamen, ab, so daß das Lehrerbesoldungsgesetz nunmehr an das Abgeordnetenhaus zurückgehen muß. An der Novelle zu den Einkommen- und Ergänzungssteuergesetzen wurde eine unwesentliche Aenderung vorgekommen. — Am Freitag wurde über das sogenannte Mantelgesetz ver- handell, in dem die zur Ausbesserung der Dienstbezüge der Beamten notwendigen Mittel bereitgestellt werden. Unter Ablehnung verschiedener Anträge wurde das Mantelgesetz angenommen, ebenso wurde das Lehrerbesoldungsgesetz unter Streichung der rückwirkenden Kraft der Mietsentschädigungen angenommen. Das Gesetz um die Umzugskosten der evangelischen Geistlichen der älteren Provinzen wurde der Finanzkommission überwiesen. Das Gesetz über das Höferecht in der Provinz Hannover, das nach dem Anträge der Agrar- kommission am 1. Oktober 1909 in Kraft treten soll, wurde nach mehrfachen Ausführungen des Oberbürgermeisters Struckmann angenommen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Dienstag die Beratung des Kultusetats fort. Dem Abg. Hoff (fr. Vg.), der eine Fülle von Wünschen und Bedenken an die Regierung richtete, erwiderte Ministerialdirektor D. Schwartzkopfs, daß die Schuldeputation ein staatliches Aussichtsorgan sei und nach der ständigen Praxis der Regierung in solchen Aussichtsorganen Sozialdemokraten nicht geduldet würden. Der Abg. Hoffmann (Soz.) erging sich in den wildesten Tiraden und zog gegen den Religionsunterricht in der Schule zu Felde, wobei er des öfteren auf dem Gebieie der Grammatik entgleiste, so daß sich das Haus manchmal vor Lachen schüttelte. Ministerialdirektor D. Schwartz- kopff cheschränkte sich darauf, unter lebhaftem Beifall des Hauses zu erklären, daß er wohl in der Lage sei, den Vorredner sachlich vollständig zu widerlegen, daß es ihm aber widerstrebe, auf die lediglich in agitatorischer Absicht vorgebrachten Ausführungen des Vorredners auch nur ein Wort zu erwidern. Dazu sei ihm die ganze Sache zu ernst. — Am Mittwoch wurden die Kapitel „Ministergehalt und Ministerium", „Evangel- ischer Oberkirchenrat, evangelische Konsistorien, Geistliche und Kirchen" bewilligt. Beim Kapitel „Kunst und Wissenschaft" erklärte Abg. v. Arnim-Züsedom (kons.), daß seine Parteifreunde gegen den Bau eines zweiten Museums „für Völkerkunde in Dahlem bei der augenblicklichen Finanzlage Bedenken hätten. Die neue Stelle für den Dr. Couwentz in Danzig (Erhaltung der Naturdenkmäler) würden seine politischen Freunde bewilligen, nicht aber weitere Mehrausgaben. Die Abgg. Eickhoff (fr. Vp.) und Roscnow (fr. Vp.) befürworteten die baldige Inangriffnahme des Baues. — Am Donnerstag wurde die Beratung des Kultusetats fortgesetzt. Die Kapitel „Kunst und Wissenschaft", „Technisches Unterrichtswesen", „Kultus und Unterricht gemeinsam" wurden ohne erhebliche Debatte erledigt. Beim Kapitel „Medizinalwesen" wurden verschiedenerlei Wünsche und Klage vorgebracht, namentlich auch über zu scharfe Maßnahmen der Kreisärzte, worauf Ministerialdirektor Förster erwiderte, daß seit Inkrafttreten des Kreisarztgesetzes die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer auf dem Lande erheblich zurückgegangen sei. — Am Freitag drehte sich die Debatte vorwiegend um die Nahrungsmittelkontrolle. Beim Kapitel „Provinzialschulkollegium" kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Abgeordneten Dr. v. Campe (natl.) und mehreren Zentrumsabgeordneten, als Dr. v. Campe eine Beschwerde des Evangelischen Bundes darüber vorbrachte, daß mit der Prüfung der Schülerinnen der Hildes- heimer höheren Mädchenschule und des Lehrerinnen- seminars in Deutsch, Pädagogik und Geschichte dre katholische Examinatoren betraut seien. Ein Regierungs- kommiffar verwies dieser Beschwerde gegenüber darauf, daß diese Zusammensetzung durch den Charakter der Schule gerechtfertigt sei. Gegen Schluß der Sitzung brächte der Abg. Dr. Friedberg (natl.) den Fall des Professors Kuhlenbeck-Lausanne zur Sprache.
Ausland.
— Die Begegnung des englischen mit dem italienischen Königspaare fand in Bajae statt.
— Castro klagte gegen die französische Regierung auf Ersatz der Krankheitskosten, die ihm durch die Verschlimmerung seines Zustandes infolge der unfreiwilligen Reise von 'Martinique verursacht wurden.
— Unter reger Teilnahme der deutschen Kolonie hat die feierliche Eröffnung der Kaiser Wilhelm-Schule in Amsterdam, die sich aus bescheidenen Anfängen zu einem stattlichen Institut entwickelt hat, stattgefunden. Die Deutsche Schulvereinigung ist Besitzerin der Schule, Der Kaiserliche Generalkonsul von Rienaecker leitete
die Feier und sandte nach Korsu an den Deutschen Kaiser, der für die Schule vor Jahren 20 000 Mk. gespendet hatte, ein Begrüßungs- und Danklelegramm. Amsterdam zählt jetzt unter seiner Bevölkerung von 660 000 ^Einwohnern 30 000 Deutsche. Die Schule erhielt den Namen Kaiser Wilhelm-Schule.
— Die Anerkennung der Unabhängigkeit Bulgariens ist nunmehr durch Oesterreich-Ungarn erfolgt. Kaiser Franz Josef richtete an König Ferdinand ein überaus herzliches Telegramm, in dem es u. a. heißt: „Mögen die freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen uns und unseren Staaten aufrecht erhalten worden sind, während der neuen Geschichtsperiode, die Bulgarien soeben inauguriert, an Intimität gewinnen". Auch seitens Italiens ist die Anerkennung erfolgt.
— Aus dem Haag wird das freudige Ereignis der Geburt einer holländischen Thronerbin gemeldet. Durch die Geburt der Prinzessin ist nun die Thronfolge in den Niederlanden gesichert; denn nach dem niederländischen Erbfolgegesetz geht die Regierung stets auf den ältesten Sohn des Königs oder dessen männliche Nachkommen, in Ermangelung der letzteren auf die Brüder des Königs und deren Deszendenten nah dem Rechte der Erstgeburt und in Ermangelung dieser auf die Töchter des letzten Königs nach dem Rechte der Erstgeburt über.
— Die Lage in Persien wird immer verwickelter. Petersburger Blätter melden von einer beginnenden ruffenfeindlichen Volksbewegung in Nordpersien infolge des russischen Einmarsches. Fünfundzwanzig Werft südlich Dschulfa sei eine Kosakenabteilung von persischen Reitern beschossen worden. In Rescht und Giljan hätten große Protestoersammlungen gegen den Einmarsch der Russen stattgefunden. Es sei beschlossen worden, den Russen, bis zum letzten Blutstropfen Widerstand zu leisten, auch die Frage des heiligen Krieges sei erwogen worden.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 4 Mai 1909.
— * Unter Anwesenheit des Herrn Superintendenten Orth, des Königl. Landrats Herrn Valeminer, Schlüchtern, des Ortspfarrers, Herrn Frankenberg (Marjoß), Herrn Pfarrers Kienzler, Neuengronau, vieler Gäste aus Nachbargemeinden und aller wohlgesinnten Mitglieder des Dorfes Jossa, wurde am vergangenen Sonntag Jubilate, nachmittags 3 Uhr in Jossa der Grundstein zu einer evangelischen Kirche gelegt. Eine verlötete Blechschachtel mit Urkunde, Tageszeitungen aus kirchl. Gebiet, Münzen rc. wurde in einen Quaderstein eingefügt, mit einem anderen überdeckt, worauf nach Schriftverlesung und trefflicher Ansprache, seitens des Herrn Superintendentenden, Verlesung der Grundsteins-Urkunde durch den Orts- psarrer, unter Glockengeläute, Gebet und Gesang, die üblichen 3 Hammerschläge erfolgten. Die Kirche kommt inmitten des Dorfes, auf die linke Seite der Hauptstraße, auf eine kleine Anhöhe zu stehen, wird darum von allen Seven sofort sichtbar, dem Orte zur Zierde gereichen und soll noch im Spätherbst d. I. eingeweiht werden.
—* Der öffentliche Wetterdienst wird wie in den Vorjahren am 1. Mai wieder ausgenommen; er umfaßt wie bisher die telegraphische Verbreitung von Wettervorhersagen an sämtliche Telegraphenanstalten, sowie die Herausgabe einer einfachen Wetterkarte mit Witterungsübersicht und Vorhersage, die zum Preise von monatlich 50 Pfg. im Wege des Zeitungsabonnements bezogen werden kann. Die Wetterkarten enthalten das wichtigste Nachrichtenmaterial, welches der Wetterdienststelle zugegangen ist, in übersichtlicher und leicht verständlicher Form; sie geben Aufschluß über Luftdruck, Windrichtung, Windstärke, Bewölkung und Niederschläge. Personen, welche die Wetterkarten täglich genau durchsehen, werden bald in der Lage sein, das künftige Wetter im voraus zu beurteilen und den Zusammenhang zwischen dem örtlichen Wetter und der allgemeinen europäischen Wetterlage zu erkennen. Ein Abonnement auf die Wetterkarte kann daher nur angelegentlichst empfohlen werden Es besteht ferner die Einrichtung, Interessenten auf Verlangen die Wetterprognose gegen eine Einzelgebühr von 10 Pfg. zuzusprechen. Hierdurch soll dem Publikum, welchem die Gelegenheit fehlt, die bei der nächsten Telegraphenanstalt ausgehängte Wettervoraussage einzusehen, die Möglichkeit gegeben werden, sich über die voraussichtliche Witterung zu unterrichten.
— * Unserer heutigen Gesamt-Auflage liegt der Eisenbahn-Fahrplan für das Sommerhalbjahr 1909 bei, worauf wir die geehrten Leser besonders darauf aufmerksam machen.
—* Internationale Ballonfahrt. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag, den 5., 6 und 7. Mai, finden in den Morgenstunden internationale wissenschaftliche Ballonaufstiege statt. Es steigen Drachen, bemannte und unbemannte Ballons in den meisten Hauptstädten Europas auf. Der Finder eines jeden unbemannten Ballons erhält eine Belohnung, wenn er den jedem Ballon beigegebenen Instruktionen gemäß den Ballon und die Instrumente sorgfältig birgt und an die angegebene Adresse sofort telegraphisch Nach-, richt sendet.
* Frankfurt a. M. Am Freitag mittag stürzte
infolge eines plötzlich einsetzenden schweren Sturweß auf dem Ausstellungsgelände der Internationalen Luftschiffahrtsgesellschaft die zur Aufnahme des Parse< val-Ballons bestimmte Halle in sich zusammen. Eine größere Anzahl Arbeiter wurden leicht verletzt, drei schwer.
* Die den Mainzer Volksschulen von Zeit zu Zeit zugewiesenen Kinder „fahrender" Leute genießen meist eine sehr vielseitige Schulbildung. Kürzlich meldete sich ein solcher 13jähriger Schüler, der nach seinen, Zeugnisbuch bereits 179 Schulen in Deutschland und Oesterreich besucht hatte.
Uermischtes.
— Der, Kaiser in China zahlt seinen Leibärzten fürstlichen Gehalt, — solange er gesund ist: solange er krank ist bekommen sie keinen Pfennig. Das ist zweifellos eine sehr praktische Einrichtung, die sich freilich ein gewöhnlicher Sterblicher nicht leisten kann. Es gibt aber glücklicher Weise noch andere und weniger kostspielige Mittel und Wege zur Erhaltung der Gesundheit. Zu diesen gehört in erster Linie auch ein unschädliches wohlbekömmliches alltägliches Hausgetränk, das die körperliche und geistige Tätigkeit in keiner Weise stört und hemmt. Dem in unserer Zeit immer stärker hervortretenden Bedürfnisse nach einem solchen guten gesunden Tränke ist die Entstehung von Ka- threiners Malzkaffee zu verdanken, den seine drei Hauptvorzüge — Zuträglichkeit, Wohlgeschmack und Billigkeit zu einem wahrhaft modernen Getränke stempeln.
— Bauernregeln für den Mai. Am 1. Wenn es am Philippi- und Jacobitage regnet, so soll ein fruchtbares Jahr folgen. — Am 12. Pankranz- und Urbanitag ohne Regen versprechen reichen Weinsegen. — Am 13., 14. und 23. Die drei ins ohne Regen sind für den Winzer großer Segen. — Am 25. Wenn 2t. Urban lacht, so tun die Trauben weinen, weint St. Urban, so giebts der Trauben nur ganz kleinen. Mai kühl und naß, füllt dem Bauer Scheuer und Faß. — Wie das Wetter am Himmelfahrtstag, so auch der ganze Herbst sein mag. — Maienthau macht grüne Au; Maienfröste, unnütze Gäste. — Nasse Pfingsten, fette Weihnachten. — Auf nassen Mai kommt trockener Juni herbei. — Ein Bienenschwarm im Juli, der lohnet kaum der Müh. — Regen im Mai gibt fürs ganze Jahr Brot und Heu.
— In München ist der Simplicissimusverleger Albert Langen, 40 Jahre alt, gestorben.
— Newyork. Der Schnelldampfer Kaiser Wilhelm II. kollodierte mit dem Dampfer Friedrich Wilhelm. -Beide Dampfer wurden beschädigt?
— Das Bauamt in Newyork gestattete die Errichtung eines einunddreißigstöckigen Hotelgebäudes.
— Der Bau der ersten deutsch-evangelischen Kirche in Rom soll demnächst erfolgen. Das erforderliche Kirchengrundstück ist schon in das Eigentum des evangelischen Kirchenausschusses übergegangen, j
— Ueber das Erdbeben in Kamerun wird amtlich gemeldet: Nach einer am Dienstag in Duala aufgegebenen Meldung an das Reichskolonialamt wurde um 7 Uhr eine starke Eruption des großen Kamerunberges beobachtet. Am Berg fiel feiner Steinschlag. Der Ausbruch erfolgte auf der nordwestlichen Seite mit großem Feuerschein. Der Lavastrom nimmt von Duala gesehen, die Richtung von Nord 58 Grad 8 Min. West. In Buea war die Lage bis zum 28. d. Mts. abends unverändert. Die dort befindlichen Steinhäuser, namentlich das Gouvernementsgebäude, zeigen durchgehende Risse. Der Sicherheitsdienst in Buea wird aufrecht erhalten und bleibt alarmbereit. Schwache Stöße werden andauernd bemerkt. Der Ausbruch des Vulkans dauert fort.
— Als eine Einwohnerin in Büdesheim mit ihren beiden Kindern das Haus eines Metzgermeisters betrat, um Fleisch zu holen, stürzte sich dessen großer Metzgerhund auf das eine der Kinder, ein Mädchen von 3 Jahren, und biß ihm die untere Lippe, sowie einen Teil des Kinns ab. Das Tier wurde von dem Besitzer auf der Stelle getötet. Da der Hund das abge- biffene Fleisch sofort verschluckte, wird das arme Kind zeitlebens im Gesicht furchtbar verstümmelt bleiben.
— Ein herrenloser Bernhardinerhund richtete unter einer bei Elberfeld weidenden Schafherde ein furchtbares Blutbad an. Das anscheinend von Tollwut befallene Tier zersteischte 35 Schafe.
— In Wolfsberg wurde der zu einem Pferde hingespannte dreijährige Stier des Klausmüllers plötzlich wild, ging auf das Pferd los und spießte es auf, so daß die Gedärme herausdrangen. Man hatte alle Mühe, den Stier zu überwältigeu.
— Der Nachtwächter als Einbrecher. In Heideck in Mittelfranken wurde der Nachtwächter ertappt, der in ein Haus eingestiegen eine Truhe aufbrechen wollte, und dann unter das Bett gekrochen war, wo ihn seine hervorreichendeN Beine den hinzugekommenen Leuten verrieten.
— Ein gewaltiger Waldbrand hat im Sachsenwald 100 Morgen Forst vernichtet.
— Um den Verkehr mit Magervieh zu erleichtern, sind durch die Ostpreußische Landwirtschaftskammer in Ostpreußen neue große Magerviehmärkte eingeführt worden.