IchluchternerZeitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
: -___- Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".____________________
Erscheint Mittwoch und Samstag - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 26.
Mittwoch, den 31. März 1909»
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auslage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Rr. 1755 K-A. Auf dem am 27. März er. stattgehabten Kreistage sind folgende Beschlüsse gefaßt worden:
1. Die Rechnungen der Kreiskommunalkaffe, Kreis- sparkafse und Kreiskrankenkaffe wurden abgehört und dem Rendanten Decharge erteilt.
Festgestellt wurden:
a) Die Kreiskommunalkassen-Rechnung
auf eine Einnahme von 164148 Mk. 41 Pfg.
„ „ Ausgabe „ 142 723 „ 68 ..
einen Bestand von 21 424 Mk. 73 Pfg. b) Die Kreissparkassen-Rechnung
auf eine Einnahme von 1 136 721 Mk. 84 Pfg. „ „ Ausgabe „ 1098 459 „ 96 „ einen Bestand von 38 261 Mk. 88 Pfg. c) Die Kreiskrankenkasfen-RAHnuug
auf eine Einnahme von 40 786 Mk. 83 Pfg. „ „ Ausgabe „ 34 635 „ 26 /
einen Bestand von 6 151 Mk. 57 Pfg.
2. Die Landwegebaulast wurde auf weitere 5 Jahre vom 1. Januar 1909 ab bezw. bis zum Eintritt einer anderweitigen gesetzlichen Regelung der Landwegeunter- Haltung auf den Kreis übernommen.
3. Es wurden wiedergewählt:
a) Die seitherigen Vertrauensmänner zur Auswahl der Schöffen und Geschworenen für 1910,
b) die seitherigen Mitglieder und Stellvertreter der Körungskommission,
c) die seitherigen Mitglieder und Stellvertreter der Kreis'Viehversichecungs-Kommission,
d) die seitherigen Kreisausschuß-Mitglieder Berta und Kohlhepp.
4. Der -Kreistag erklärte sich damit einverstanden, daß aus dem Erlöß von 2600 Mk. für die im Jahre 1907 in den Gemarkungen Schlüchtern und Steinau verkauften Grundstücke, ein Kreiskrankenhaus-Unter- Haltungsfonds gegründet wird, und daß diesem künftig alle außerordentlichen Zuwendungen auf dem Gebiete der Armenpflege zufließen.
5. Der Kreistag genehmigte eine neue Beamtenbesoldungsordnung mit der Modifikation, daß hinsichtlich des Wohnungsgeldzuschusses die durch Beschluß Nr. 4 vom 23. Juli 1902 aufgestellten Grundsätze in Geltung bleiben.
6. Der Kreishaushaltsetat wurde einstimmig auf eine Einnahme .und Ausgabe von 164400 Mk. festgesetzt.
Der Kreistag genehmigte dabei den Vorschlag des Kreis-Ausschusses, den Kreisgärtner als Beamten und zwar mit dem Titel „Obergärtner" anzustellen.
Ferner erklärte er sich damit einverstanden, daß an Stelle der Kosten für Unterbringung von Fürsorgezöglingen, ein Betrag für das Hebammenwesen alljährlich in den Etat eingestellt wird, ebenso daß die Volksschul- lehrer gegen die Haftpflicht, welche ihnen aus der beruflichen Tätigkeit erwachsen kann, auf Kreiskosten versichert werden.
Bei Titel XI 2 Ausgaben wurde beschlossen, den eingestellten Betrag von 850 Mk. anteilsweise an die Stadt Schlüchtern nur bis zu dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der neuen Wanderarbeitsstätten zu zahlen und dies auch nur unter der Voraussetzung, daß der Bezirksverband den seitherigen Zuschuß zu der Verpflegungsstation Schlüchtern bis dahin weiterzahlt.
7. Dem Kreistage wurde bekannt gegeben, daß der Kreiskrankenkassenvorstand beschlossen hat, den Kassenärzten vom 1. Oktober 1909 ab pro Mitglied und Jahr 3,00 Mk. zu zahlen.
8. Der Kreistag nahm von einer Eingabe der Gemeinden Heubach, Ultrichshausen, Oberkalbach und Oberzell, Kleinbahn betreffend, sowie von dem gegenwärtigen Stand der Nebenbahn- und Kleinbahnprojekte im Kreis« Kenntnis.
Schlüchtern, den 30. März 1909.
Der Kgl. Landrat: V a l e n t i n er.
Deutscher Reich.
— Der Reichstag führte am Dienstag die zweite Lesung des Militäretats zu Ende. Fast alle Kapitel wurden debattelos erledigt, selbst das Kapitel von den
60. Jahrgang.
WMVWLMSWVWMö
militärischen Werkstätten, bei dem sonst gewöhnlich sehr ausführlich über die Arbeiterverhältnisse gesprochen wird ging ohne große Debatten vorüber. Nur beim allerletzten Kapitel, das die dritte Rate für die Freilegung Kölns enthält, hielt Abg. Trimborn (Z.) eine humorvolle Rede, in der er um den Schutz der historischen Kunstschätze Kölns bat, Kriegsminister v. Einem antwortete ebenso launig und versprach den Kölnern möglichste Berücksichtigung. — Am Mittwoch brächte die zweite Beratung des Marine-Etats die große Ueber» raschung, daß derselbe fast ohne Debatte angenommen wurde, was eine elementare Kundgebung bedeutet, die in Deutschland und im Auslande zweifellos richtig verstanden werden wird. — Am Freitag wurde nach unwesentlicher Debatte mehrere Kapitel aus verschiedenen Etats, die an die Budgetkommission zurückverwiesen worden waren, erledigt. Bei den Etats des Allgemeinen Pensions- und des Rerchs-Jnvalidenfonds wurde nach kurzer Beratung eine Reihe von Resolutionen angenommen, welche die Grundsätze für die Besetzung der mittleren und Unterbeamten mit Militäranwärtern enthalten. Als letzter Punkt der Tagesordnung wurde die zweite Lesung des Automobil-Haftpflichtgesetzes vorgenommen. In der Debatte, die sonst nichts Bemerkenswertes brächte, wandte sich Prinz Schönaich-Carolath (natl.) energisch gegen die Auswüchse des Automobilismus, und die Vorlage wurde schließlich angenommen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus hatte am Dienstag nur eine kurze Sitzung, in welcher der Eisen- bahnetar, dieser fast unerschöpfliche Born aller möglichen lokalen Wünsche und Interessen, schnell erledigt wurde. Dann folgten Wahlprüfungen, von denen die meisten ohne Debatte nach den Beschlüssen der Kommission erledigt wurden. Ferner wurde eine Reihe kleinerer Vorlagen die vom Herrenhause überwiesen waren, und schließlich eine Anzahl Petitionen in aller Geschwindigkeit erledigt. — Am Freitag wurde nach kurzer Beratung den Etat der Staatsarchive, der Oberrechnuügs- kammer erledigt und verabschiedete darauf auch in zweiter Lesung den Gesetzentwurf über die Erweiterung des Stadtkreises Linden. Sodann trat das Haus in die zweite Beratung des Gesetzes betr. Haftung des Staates und anderer Verbände für Amtspflichtverletzungen von Beamten bei Ausübung der öffentlichen Gewalt ein. Im großen und ganzen wurde die Notwendigkeit dieses Gesetzes von allen Parteien anerkannt. Justizminister Dr. Beseler betonte, daß die Staatsregierung hohen Wert auf das Zustandekommen des
Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 12
Charlotte hörte ein kurzes, abscheuliches Lachen, das sie erbeben ließ, um so mehr als sie, angestrengt lauschend, noch die direkt am Fenster geflüsterten Worte vernahm: „Nun kommt meine Zeit, ich habe auch lange genug gewartet."
Reiche! erhob seine scharfe, mißtönende Stimme: „Sie sollen mit mir zufrieden sein, gnädigster Herr Baron. Zwei linke Füß' will ich kriegen, wenn ich ihn nicht so in die Enge treibe, daß er selbst noch das Wasser deS Totensees als eine Erlösung ansieht."
„Ich weiß, ich weiß," versetzte der andere mit leisem Hohn. „Sie kennen Ihr Geschäft in dieser Beziehung. Ich kalkuliere, Sie werden mehr als einem den Revolver in die Hand gedrückt haben, weil er Ihre zartgemeinten Forderungen nicht erfüllen konnte."
Der Wucherer schien gekränkt; er sprach mit einem gewissen Pathos, als er antwortete: „Was kann ich dafür, wenn ich ein so gutmütiges Herz habe. Kommt so ein junger Herr zu mir, wehklagend und mit bleichem Gesicht, Ueber Gott, so muß ich ihm helfen. Daß ich mich durch einige Prozent mehr gegen alle möglichen Fälle sichern muß, werden der gnädige Herr Baron doch einsehen. Wie gesagt, ich hab' ein zu gutes Herz."
„Ihres guten HerzenS wegen hat sich wohl auch der kleine Rundel erhoffen?" kam er beißend aus dem Munde EistedtS.
»Ich bitt' Sie, gnädigster Herr, erinnern Sie mich nicht an den gemeinen Menschen. Bin ich doch überzeugt, daß er sich nur, um mich zu ärgern, eine Kugel durch den Kopf gejagt hat. Das ganze Geld hab' ich an dem Mann verloren, mein schönes, schönes Geld!" wehklagte er laut.
„Na, streiten wir nicht darüber, mir ist es recht, daß Sie so sind. Tun Sie nur in diesem FalleJhre Schul
digkeit und es wird Ihr Schaden nicht sein. Wenn es ihm schließlich so geht, wie dem kleinen Rundel, was geht das uns an. Kein Mensch kann uns verdenken, wenn wir zu unserem Gelde zu kommen suchen. Wann werden Sie also nach Ilmenau fahren?"
Der' Gefragte überlegte. „Heute haben wir Mittwoch. Morgen muß ich nach Königsberg in Geschäften, übermorgen ist Viehmarkt, da hab' ich keine Zeit, den nächsten Tag bin ich auch verhindert, nun, sagen wir Montag."
„Nun gut, Montag also. Kommen Sie dann sofort zu mir. Ich möchte gern wissen, wie er die Nachricht ausgenommen hat."
„Machen wir, wird besorgt. Sonst noch etwas, gnädigster Herr?"
„Nein, Sie können gehen."
Charlotte war oben ihrer Sinne kaum mehr mächtig. Was sie da gehört, hätte sie nimmermehr für möglich gehalten. Ihr Vater, den sie ja nicht gerade übermäßig liebte, zu dem sie aber trotzdem bisher in kindlicher Ehrfurcht aufgesehen hatte, als Teilhaber bei einer direkten Schurkerei! Denn als solche kennzeichnete sie ja das ganze Unternehmen. Sie konnte es nicht fassen. Was mochte der Grund zu dem glühenden Haß sein, mit dem ihr Vater den Grafen verfolgte? Zwar war ihr schon manches in dieser Beziehung ausgefallen, eine Handlungsweise aber wie diese noch nie.
Im ersten Augenblick wollte sie hinuntereilen zu dem Alten und, seine Knie umklammernd, ihn bitten, abzulassen von seinem furchtbaren Vorhaben. Dann jedoch überlegte sie. Wer weiß, ob das Erfolg hatte, und dann wäre ihr Interesse, das sie an dem Grafen nahm, verraten gewesen. Nein, sie wollte auch ferner heimlich über ihn wachen und zu verhindern suchen, daß ihn noch Schwereres traf.
Plötzlich fielen ihr Reichels Worte ein von der Erlösung, als welche der Jlmenauer noch den Totensee begrüßen würde. War er nicht schon einmal in diesem
Gewässer, an das sie sonst so gern ging, beinahe ertrunken. Sollte.. Sie überlegte nicht weiter, sondern stürzte zur Klingel. Dem eintretenden Dienstmädchen befahl sie: „Meinen Fuchs, ich will ausreiten."
Kaum zehn Minuten später trat sie im Reitkleid auf den Hof, wo ein Stallknecht das edle Tier schon auf- und abführte. Als sie Reichel bemerkte, der eben über den Hof schlich, flammte es in ihrem Gesicht auf.
Dem Pferd einen heftigen Peitschenhieb versetzend, jagte sie in Karriere auf den die Gefahr bemerkenden und ganz versteinert dastehenden Wucherer zu, so daß es aussah, als gehe der Fuchs mit ihr durch. Der Bedrohte wurde bei dem Zusammenstoß mit großer Gewalt in eine sich daneben befindliche Jauchen- pfütze geschleudert. Dabei entrang sich den zusam- mengepreßtenLippen der jungen Dame das Wort: „Ka-
Reiche! hatte es zwar nicht gehört, aber er ahnte, daß das Durchgehen nicht so ganz zufällig war. Vergalt das Fräulein von Eistedt seine überfreundliche Höflichkeit doch stets mit der eisigsten Verachtung. Unter dem Gelächter der ihm nichts weniger als gutgesinnten Knechte erhob er sich schmutztriefend von der Unfallstelle und sandte Charlotte einen bösen Blick nach. Dann ging er zu seinem Wagen, um die Heimfahrt anzutreten.
Die Reiterin aber zügelte, nachdem sie dem allgemeinen Gesichtskreis entrückt war, ihr Pferd und bog bald darauf in den nach Ilmenau führenden Weg ein. Hätte der alte Eistedt dabei den Gesichtsausdruck seiner Tochter erblicken können, er würde sehr nachdenklich geworden sein.
c *
*
" „Guten Abend, alle miteinander!" 160,18
Mit diesen Worten betrat am späten Abend ein junger, anscheinend bezechter Mann das in Königsberg am Steindamm gelegene Cafe Drescher, in allen eingeweihten Kreisen nur als „Bommel-Cafe" bezeichnet.