SchlilchternerMun g
mit amtlichem Kreisblatt, ZHonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._______
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 25.
Samstag, den 27. März 1909.
60. Jahrgang.
Die im 60. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
nfA3- T Tn + n Till nnnLn daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
I I wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Vostamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
II U1 hlllu UllLul Uu lUUU Postabonnenten, welche bis spätestens 28. März, unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
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U U ^d ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post" geltest
nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nunimern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10
ert wird. Wer später bestellt, muß
. _ . . , , 1 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. April 1909 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
______________ die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
J.-Nr. 1404. K.A. Die Termine für die Abhaltung der diesjährigen Lehrkurse in der Kreisbaum- sehule zur Ausbildung von Obstbaumwärtern sind wie
folgt festgesetzt:
l. Hauptkursus:
Vom 31. März bis zum 19. April einschließl. Veredelung und Aufzucht des jungen Baumes, Schnitt und Formieren, Behandlung älterer Bäume, Ausputzen, Pfropfen, Belehrung über Obstbaumkrankheiten, Schädlinge u. s, w.
II. Sommerkursus:
Vom 3. bis 8. August einschließlich. Sommerbehandlung der Bäume.
III. Herbstkursus
Vom 25. bis 31. Oktober einschließlich. Obsternten, Sortieren, Verpacken, Herbst- und Winterbehandlung des Obstbaumes.
Die drei Kursabschnitte bilden einen zusammenhängenden Lehrgang. Sie sind sämtlich unentgeltlich. Ueberdies wird der Kreis auch in diesem Jahre jedem dem Arbeiterstand angehörenden Teilnehmer als Ersatz für entgangenen Arbeitsverdienst eine Beihülfe von 1 Mk. pro Tag zahlen, vorausgesetzt, daß die gleiche Summe von der zugehörigen Gemeinde gezahlt wird.
Da die Obstbaumpflege im Kreise noch recht viel zu wünschen übrig läßt und dies fast ausnahmslos damit begründet wird, daß es an ausgebildeten Obstbaumwärtern fehle, darf ich wohl voraussetzen, daß die Gemeinden die günstige Gelegenheit benutzen und mindestens je einen geeigneten Mann an den diesjährigen Kursen in der Kreisbaumschule teilnehmen lassen.
Anmeldungen erbitte ich sofort, spätestens aber bis zum 30. ds. Mts. Dabei bitte ich anzugeben, ob die Teilnehmer mit den notwendigen Geräten, wie: Baumsäge, Veredelungsmesser, Baumschulschere, Hippe und Abziehstein
versehen sind, oder ob Lieferung gegen Bezahlung gewünscht wird. Der Herr Kreisgärtner ist gern bereit, den Bezug der Geräte zu Fabrikpreisen zu vermitteln.
Ich bemerke noch, daß die Kursusteilnehmer stets so frühzeitig entlassen werden, daß sie jeden Tag nach Hause gehen können und daher eine mit Kosten verbundene Uebernachtung nicht nötig haben.
Schlächtern, den 15. März 1909.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser im Landwirtschaftsministerium Wie der „Information" von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, beabsichtigt der Kaiser in nächster Zeit auch dem Minister v. Arnim im Landwirtschaftsministerium einen Besuch abzustatten, der in ähnlicher Weise wie der in den Ministerien verlaufen wird, die der Monarch vor kurzem besuchte. Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers im Ministerium soll auch ein fachmännischer Vortrag stattfinden, der das Thema von der ländlichen Arbeiter- ansiedlung in Preußen behandeln wird.
— Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der gegenwärtig im Polizeireferat des Menisteriums des Innern tätig ist, wird diese Tätigkei bereits Ende April beschließen. Vom 1. Mai ab wird der Prinz wieder bei einer Behörde der Provinz Schlesien Dienst versehen, um sich weiter in der inneren Verwaltung aus« zubilden. Einer Aeußerung des Prinzen ist zu entnehmen, daß er sich auf den Posten eines Landrates vorbereitet.
— Der Erzbischof Abert im Bamberg hat einen Schlagansall erlitten. Sein Bruder, Landgerichtsdirektor Abert ist telegraphisch nach Gries bei Bozen berufen worden.
— Der Reichstag beendete am Sonnabend die Generaldebatte über den Militäretat. Wieder kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen dem Ab. Frank (Soz.) der die Sozialdemokratie weiß zu waschen ver
suchte und wiederholt preußische Könige als angebliche Brecher der Verfassung in die Debatte zog, und dem Kriegsminister v. Einem, der den Genossen Frank sehr energisch abfertigte, so daß die Genossen tobten und lärmten, während der Minister stürmischen Beifall der bürgerlichen Parteien erntete. Das Gehalt des Kriegsministers wurde bewilligt und in vorgerückter Stunde mit der Spezialdebaite begonnen. — Am Montag wurde bei den einzelnen Titeln eine Fülle von Wün« schen und Beschwerden vorgetragen, die meist nach kurzer und unwesentlicher Debatte Erledigung fanden. Etwas ausgedehnter war die Diskussion über das reitende Feldjägerchor, dessen Aufhebung die Budgetkommission vorschlug, während ein konservativer Antrag für seine Erhaltung eintrat. Dieser Antrag fand auch Annahme da der Staatssekretär v. Schoen erklärte, daß das Auswärtige Amt ein großes Interesse an der Erhal- tnng dieses Korps habe.
~ — Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnaben die Beratung des Eisenbahnetats fort, bei der lediglich über Arbeiterfragen verhandelt wurde. Gege-- .Schluß der Sitzung kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Leinert (Soz.) und dem Eiscnbahnminister v. Breitenbach über das Verhalten der Eisenbahnverwaltung gegenüber den sozialdemokratischen Verbänden, wobei der Minister erklärte, daß bei uns nie Zustände einreißen könnten, wie sie jetzt in Paris herrschten. Er werde selbst die sozialdemokrati- schen Ideen vom Eindringen in seine Arbeiterschaft fern zu halten wissen. — Am Montag wurden zunächst noch einige Wünsche zum Besten der Arbeiter vorgebracht, die eine entgegenkommende Antwort des Eisenbahnministers fanden. In der weiteren Verhandlung wurden eine Reihe lokaler Wünsche zum Ausdruck gebracht. Eine längere Debatte rief ein Antrag des Abg. von Brandenstein (kons.) hervor, der verlangt, daß das Verfahren bei der Erwerbung von Grundstücken für die Eisenbahnverwaltung eine grundsätzliche Aenderung in der Art erfahre, daß an die Stelle der Bestim-
Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau. 10
Ich würde Dich kaum wieder belästigt haben, da jedoch Herr Willbert augenblicklich, wie er schreibt, nicht bei Kasse ist, er hat mir in der letzten Zeit leider öfters aushelfen müssen, dafür führe ich ihn bei seinem Aufenthalt in Königsberg . . er ist übrigens ziemlich oft hier .. in unserem Kreise ein und da kommt es ihm auf einen blauen Lappen nicht an .. so muß ich zu meinem Bedauern Deine Güte wieder in Anspruch nehmen.
Hast Du nichts mehr von Deinem Nadelgelde übrig, so kannst Du vielleicht Papa anbohren, der gibt Dir ja alles, was Du haben willst. Schicke den Mammon, wenigstens zweitausend Mark, umgehend, ich brauche ihn notwendig, um die unverschämten Manichäer zu befriedigen."
Empört ließ sie den Brief sinken. „Unerhört!" sagte sie laut, indem sich eine scharfe Falte zwischen ihre Augenbrauen grub. „Unerhört, dieser Brief. Habe ich ihm nicht erst vor vierzehn Tagen dreiviertel meines Taschengeldes gesandt? Er muß die Geldstücke förmlich zum Fenster hinauswerfen. Das ist ja, als wenn man Wassertropfen auf glühendes Eisen schüttet. Aber ich werde ihm eine Antwort schreiben, die er sich nicht hinter den Spiegel stecken wird. Geld erhält er natürlich auf keinen Fall.
Dann setzte sie sich hin und begann: „Mein lieber Willi! Mir sind Deine letzten Zeilen direkt unverständlich. Du brauchst Geld! Ja, wo hast Du denn alles gelassen? Du erhältst pro Monat tausend Mark Zuschuß zuDeinem Leutnantsgehaltvon etwa hundert Mark, das sind im Jahre dreizehntausend Mark. Rechne dazu, was ich Dir geschickt habe, so repräsentiert Dein Jahreseinkommen ein Kapital von mindestens zwanzigtau- fend, sage und schreibe zwanzigtausend Mark. Und das
soll nicht reichen? Dazu machst Du noch Schulden, wie man aus jeder Deiner Zeilen herauslesen kann, Schulden bei einem Einkommen, das man in Anbetracht einer einzelnen Person geradezu fürstlich nennen muß. Ich finde in der Tat kein genügend kräftiges Wort, um Deinen horrenden Leichtsinn zu kennzeichnen. Zwanzigtausend Mark und außerdem noch Schulden. Wenn das ! der Vater wüßte! Selbstverständlich werde ich von ihm keinen Pfennig mehr für Dich verlangen, da alle weiteren Summen doch nur dazu dienen würden, Dein wüstes Leben, von dem mir selbst hier manches zu Ohren gekommen ist, fortzusetzen. Du hast doch früher mit Deinem Gelde Hausgehalten, warum jetzt nicht!"
„Ich will Dir den Grund sagen: Derwiderliche Mensch, den Du Dir zum größten Erstaunen aller anständigen Leute als Busenfreund ausgesucht hast, Willbert nämlich, ist es, der Dich in seinen Krallen hält und Dich in der denkbar schlechtesten Gesellschaft das Geld verpraffen läßt. Gib ihn auf, ich bitte Dich! Hat er es dazu, seinen lasterhaften Neigungen nachzugehen, meinetwegen, mich geht der Mensch nichts an. Aber Du, mein Bruder, sollst es nicht tun. Was würde Papa sagen, wenn er Dein Leben je erführe! Du wärest die längste Zeit Offizier gewesen, Du weißt, er kennt in dieser Beziehung keine Rücksicht. Nun noch einmal, gib den Mann auf und ich will sehen, ob sich Deine verfahrene Angelegenheit nicht arrangieren läßt. Charlotte."
„So, jetzt mag er tun, was er will," sagte sie, das Papier in ein Kuvert steckend, das sie dann mit der Adresse versah. „Meine Meinung kennt er, möge ihm der scharfe Ton zum besten gereichen. Ich gehe ja sowieso aus und kann deshalb den Brief gleich selbst in Kan- ditten in den Postkasten werfen."
Als sie dem Dorfe zuschritt, konnte sie die Landwirte in ihrer vollsten Erntetätigkeit beobachten. Während auf einzelnen Feldern der Roggen erst gemäht wurde, stand er auf anderen bereits zu Hocken zusammengesetzt und erwartete die vierspännigen Leiterwagen, die
ihn zum Ausdreschen nach der Scheuer bringen sollten.
Die Julisonne färbte Gesicht und Arme der Arbeiter braunrot und hüllte den ganzen Körper in klebrigen Schweiß.
Trotzdem war es ein lustiges Schaffen, denn der Himmel hatte den hoffenden Bauern ein fruchtbäres Jahr gegeben und den Erntesegen in Fülle über ihre Fluren verteilt.
Kohlweißlinge schwebten über dem noch grünen Erb- fenfelde, wo kleine, braungebrannte Kinder sich an den jungen Schoten delektierten, wobei sie nach den Faltern haschten. Dabei sprach ein pausbäckiger Bengel eine Beschwörungsformel, die, wie er meinte, die Schmetterlinge ihm ins Garn treiben mußte: „Schibbamolk, Schibbamolk, setzDech, da Vogel kommt und freßtDech!"
Doch sie kamen nicht, und vergeblich blieb alles Bemühen des kleinen Mannes.
Ein Hütejunge schnitt sich von einem nahen Busch eine Weidenrute ab und klopfte mit einem alten Taschenmesser die Rinde los, um sie zur Pfeife oder zum Blasinstrument zu gestalten. Sein Köter lag dabei und schaute ihm mit klugen Augen zu. Der Hirt schien der Fröhlichkeit, mit der er erfüllt war, keinen anderen Ausdruck geben zu können, als durch den im stärksten Stac- cato gesungenen Volksreim: „Lott eß dood, Lott eß dood." Zum Schluß schwenkte er das Pfeifenholz und stieß einen Jauchzer aus, daß der Hund verwundert die Ohren spitzte.
Auf dem Erntefelde tummelten sich unzählige Spatzen, welche die den Aehren entfallenen Körner aufpickten und mit Wohlbehagen verzehrten. Jauchzend stieg die Lerche in denblauen Aether und schmetterte aus voller Brust ihr Liebeslied auf die entzückte Zuhörerin.
Denn sie war eine große Naturfreundin, Fräulein Charlotte von Eistedt, und vergaß bei all den sich darbietenden Schönheiten fast die Angelegenheit, die sie zur Postagentur führte, wo sie nach etwa einer halben Stunde eintraf. 160,18