SchlüchternerMm g
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
_________________ Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 23. Sainsatg, den 20. März 1909. 60. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 1501 K.-A. Dem Kreis stehen für 1909 einige Freistellen in der Kinderheilanstalt Orb zur Verfügung.
Anträge auf Gewährung einer Freistelle sind bis spätestens 1. April er. hierher einzureichen.
Schlüchtern, den 17. März 1909.
__Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.«Nr. 1346 K.-A. Dem bei dem Gastwirt L. Nau in Herolz in Dienst stehenden Dienstknecht Viktor Jöckel ist für langjährige treue Dienstzeit eine dritte Prämie von 25 Mk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 10. März 1909.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner. ___
J.-Nr. 1404 K. A. Die Termine für die Abhaltung der diesjährigen Lehrkurse in der Kreisbaumschule zur Ausbildung von Obstbaumwärtern sind wie folgt festgesetzt:
I. Hauptkursus:
Vom 29. März bis zum 17. April einschließlich. Veredelung und Aufzucht des jungen Baumes, Schnitt und Formieren, Behandlung älterer Bäume, Ausputzen, Pfropfen, Belehrung über Obstbaumkrankheiten, Schädlinge u. s. w.
n. Sommerkursus:
Vom 3. bis 8. August einschließlich. Sommerbehandlung der Bäume.
m. Herbstkursirs:
Vom 25. bis 31. Oktober einschließlich. Obsternten, Sortieren Verpacken, Herbst- und Winterbehandlung des Obstbaumes.
Die drei Kursabschnitte bilden einen zusammenhängenden Lehrgang. Sie sind sämtlich unentgelt lich. Ueberdies wird der Kreis auch in diesem Jahre jedem dem Arbeiterstand angehörenden Teilnehmer als Ersatz für entgangenen Arbeitsverdienst eine Beihülfe von 1 Mk. pro Tag zahlen, vorausgesetzt, daß die gleiche Summe von der zugehörigen Gemeinde gezahlt wird.
Da die Obstbaumpflege im Kreise noch recht viel zu wünschen übrig läßt und dies faßt ausnahmslos damit begründet wird, daß es an ausgebildeten Obstbaumwärtern fehle, darf ich wohl voraussetzen, daß die Gemeinden die günstige Gelegenheit benutzen und mindestens je einen geeigneten Mann an den diesjährigen Kursen in der Kreisbaumschule teilnehmen lassen.
Anmeldungen erbitte ich sofort, spätestens aber bis zum 23. d. Mts. Dabei ersuche ich anzugeben, ob die Teilnehmer mit den notwendigsten Geräten, wie:
Baumsäge, Veredelungsmesser, Baumschulschere, Hippe und Abziehstein versehen sind, oder ob Lieferung gegen Bezahlung gewünscht wird. Der Herr Kreisgärtner ist gern bereit, den Bezug der Geräte zu Fabrikpreisen zu vermitteln.
Ich bemerke noch, daß die Kursusteilnehmer stets so frühzeitig entlassen werden, daß sie jeden Tag nach Hause gehen können und daher eine mit Kosten verbundene Uebernachtung nicht nötig haben.
Schlüchtern, den 15. März 1909.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Das preußische Abgeordnetenhaus verabschiedete am Sonnabend nach unwesentlicher Beratung den Gesetzentwurf betreffend die Gebühren der Medizinalbeam- ten. Daün wurde die zweite Beratung des Forstetats fortgesetzt, bei der sich eine längere Debatte über die Erhaltung des Grunewalds bei Berlin entspann. Landwirtschaftsminister v. Arnim erklärte, mit dem Erlös der verkauften Parzellen sollten Oedländereien, namentlich im Osten Berlins erworben und aufgeforstet werden, der Grunewald solle im Hauptbestandteile erhalten bleiben, auch die veräußerten Teile sollten u. a. für das Stadion und die Parkstraße verwendet, also der allgemeinen Wohlfahrt nutzbar gemacht werden. Schließlich wurde der Forstetat bewilligt.
— Landung des Zeppelin I auf festem Boden. Am Dienstag Vormittag 9 Uhr erfolgte, wie uns aus Friedrichshafen telegraphirt wird, auf dem Gelände der Luftschiffbaugesellschaft die erste Landung des Reichsluftschisfes auf festem Boden in Gegenwart des Inspekteurs der Verkehrstruppen, Generalleutnant Freiherr v. Lynker, und des Majors Groß Dadurch ist die vielfach vertretene Meinung, daß dasIZeppeliusche Luftschiff bei seinen Landungen auf Wasserflächen angewiesen sei, glänzend widerlegt. Bei der Landung, welche sich im übrigen durchaus glatt vollzog, wurde das Hintere linke Höhensteuer in eine Baumkrone verwickelt und leicht beschädigt. Nach Entfernung des beschädigten Höhensteuers stieg das Schiff um 10 Uhr zwanzig Minuten wieder auf und landete um 11 Uhr glücklich bei Manzell bei der schwimmenden Halle.
— In Berlin ist eine Diamantengesellschaft für Deutschsüdwestafrika unter der Mitwirkung der Metal
lurgischen Gesellschaft, Aktiengesellschaft in Frankfurt a. M., als Vertreterin des Südwestafrikanischen Minen- syndikats unter der Firma „Deutsche Diamantengesell- schaft m. b. H." mit einem Kapital von 2‘/2 Millionen Mark begründet worden. Die neue Gesellschaft soll unter Uebernahnie der betreffenden Gerechtsame der deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika den Diamantenbergbau im südwestafrikanischen Schutzgebiet in umfangreicher Weise betrieben.
— Abermals ist die Verurteilung eines Dresdener Straßendemonstranten erfolgt. Der Jnstrumentenmacher Stenzel, der einer der Führer bei den blutigen Straßen- kämpfen am 17. Januar in der Dresdener Schloßstraße gewesen war, wurde wegen Aufruhrs zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
— Der energischen Bekämpfung der Schund- und Schmutzlitteratur widmet der preußische Kultusminister seine besondere Aufmerksamkeit. Er hat den Regierung-- präsidenten Mitteilung davon gemacht, daß in Pankow bei Berlin der Gemeindevorstand und die Jugendschrif- tenkommission des Lehrervereins wirksame Flugblätter gegen die Schund- und Schmutzlitteraiur herausgegeben haben. Der Minister spricht seine Freude über dies Vorgehen aus und hegt, indem er die Flugblätter den Regierungen übersendet, die Erwartung, daß anderswo die Ortsbehörden und die Bürgerschaft in ähnlicher Weise vorgehen werden.
— Die Regierung widmet der Regelung des Lehrlingswesens die größte Aufmerksamkeit. Minister Del- brück hat das vom Vorort des deutschen Handwerksund Gewerbekammertages den Handwerks-Kammern übersandte Lehrvertragsmuster einer gründlichen Durchsicht unterzogen. Er ersuchte, einer Anmerkung folgende sehr beachtenswerte Fassung zu geben: „Die Mutter ist, sofern ihr die elterliche Gewalt über den Sohn zusteht, in gleicher We se wie der Vater zur Vollziehung des Lehrvertrags befugt. Ist der Mutter jedoch für den Sohn ein Beistand bestellt, so ist der Lehrvertrag, wenn er für längere Zeit als ein Jahr geschlossen wird, von der Mutier und dem Beistand zu unterzeichnen. Der Vormund bedarf zu einem Lehr- vertrage, der für längere Zeit als ein Jahr geschlossen wird, der Genehmigung des Vormunds chaflsgerichts."
— München. Prinzregent Luitpold von Bayern vollendete am Samstag sein 88. Lebensjahr. In seltener Rüstigkeit waltet er immer noch seines Amtes. Schlicht und einfach wie er ist, hat die Liebe zu ihm im bayerischen Volke gar tiefe Wurzeln geschlagen und ist an seinem Ehrentage allerorten lebendig geworden,
Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau. 8
„Durch Ihre Schuld? Das kaun ich auf keinen Fall zugeben," protestierte Iahn, „Sie haben eben gelebt, wie es einem Grafen Helmbach zukommt. Daß die Verhältnisse gegen Sie waren, dafür können Sie doch nichts. Jetzt allerdings," er wurde kleinlaut, „werden wir uns etwas einschränken müssen."
„Und das sehr sogar, bester Iahn: Sie sollen sehen, daß ich nicht nur Geld auszugeben verstehe, sondern auch solches zu erwerben. Im übrigen danke ich Ihnen sehr für Ihre gute Meinung. Sie glauben gar nicht, wie wohlmirJhrefreundlichen Worte getan haben. Nun aber wollen wir wieder an die Arbeit gehen. Wegen der Wechsel sprechen wir noch. Ich werde nachdenken, vielleicht findet sich ein Ausweg."
Mit tiefer Verbeugung empfahl sich der Verwalter; er machte ein fast freudiges Gesicht als er aus der Bibliothek heraustrat. Leise murmelte er in seinen weißen Bart: „Gott sei Dank. Jetzt wird alles gut werden, die bessereZeit bricht an. Wer so spricht, hat Grundsätze und einen festen Willen. Dieser ist es gerade, was wir hier nötig haben, das meint auch Fräulein Charlotte. Herr Gott, nein, wäre das eine Frau für unseren gnädigen Herrn. Aber daran ist ja gar nicht zu denken. Man merkt, die Freude bringt mich alten Knaben auf Abwege, und doch brauche ich fortan einen klaren Kopf noch mehr wie je."
. , Händereibend begab er sich auf den Hof.
Inzwischen forschte Rolf weiter in den hinterlassenen Schriften. Wenn auch noch nicht alle Sorge aus seinen Zügen verschwunden war, so hatte ihn doch die Unterredung mit Iahn bedeutend zuversichtlicher gestimmt. Gar so schlimm, wie es ihm in dem ersten Augenblick erschient war es also nicht, wenn auch noch
gerade schlimm genug. Doch brauchte er vorläufig die Flinte nicht ins Korn zu werfen, falls er nur fest zu- griff bei der Arbeit und mit seinem bisherigen Leben abschloß. Und das wollte er. Er mußte der erste sein auf dem Felde und der letzte im Bett, ein aneiferndes Beispiel für alle, die unter ihm dienten. Für ihn hieß es jetzt schaffen aus aller Kraft, indem er dem un- heildrohenden Geschick trotzig die Stirn bot. Es mußte und würde zurückweichen vor seinem unbeugsamen Willen, er hoffte es wenigstens aus ganzer Seele. Und wenn Ilmenau erst wieder auf dem Standpunkt war, wie es ihm sein Vater hinterlassen hatte, schuldenfrei und so gestellt, daß alle mit Achtung auf dasselbe blickten, dann würde wohl auch der Verblichene von oben freundlich auf seinen Einzigen schauen, dem es gelungen war, dem Namen Helmbach, der es durch eigenes Verschulden in Nichtachtung gebracht, wieder zu Ehren zu verhelfen.
Er erhob sich und trat vor das lebensgroße Oel- bild des alten Grafen Helmbach, das in goldverzier- tem Rahmen an der einen Längswand befestigt war und freundlich auf den Beschauer herabsah. Lange betrachtete er das edle Gesicht und wiederholte leise das eben getane Gelübde, das strahlende Engel oben ein- trugen im goldenen Buche des Lebens.
Bis in den. späten Nachmittag hinein ordnete er die Papiere und machte dann einen Gang durch die Felder. Der Roggen stand mannshoch und zeigte einen vorzüglichen Körneransatz, desgleichen waren Weizen und Gerste zufriedenstellend. Nur der Hafer erschien etwas kümmerlich, doch das ließ sich verschmerzen. Heiterer, wie er seit langer Zeit gewesen, trat er den Heimweg an.
Wären nur die Wechsel nicht gewesen. Wo aber sollte er sich Geld dazu verschaffen, wenn sich schon der mit allen Verhältnissen genau vertraute Verwalter vergeblich deshalb den Kopf zerbrochen hatte. Die Aussichten, solches zu erlangen, lagen jedenfalls nicht besonders günstio'
Plötzlich fielen ihm die Aufzeichnungen seines Vaters betreffs des verschwundenen Familienvermögens ein. Falls dieses wirklich nicht geraubt, sondern nur versteckt war und somit die Möglichkeit gegeben wurde, dasselbe wiederzuerlangen .. so hätte alle Not dann mit einem Schlage ein Ende.
Siedendheiß überrann es ihn, wie er daran dachte Er erinnerte sich wieder der Andeutung in dem aufgefundenen Schriftstücke des alten Herrn, worin von einem Fund die Rede war. Was konnte das sein? Leider hatte der schnelle Tod die weiteren Aufzeichnungen verhindert.
„Ich will einmal nachsehen," sagte er aufgeregt zu sich, „vielleicht hat Papa seinen Fund im Doku- mentenkasten deponiert."
Schnell öffnete er, in der Bibliothek angelangt, von neuem den eisernen Wandschrank und in diesem wieder ein weiteres Abteil, in welchem eine nicht besonders große, aber sehr starke, mit Eisen beschlagene Truhe sich befand. Zwar hatte er sie schon einmal in der Hand gehabt und nichts Bemerkenswertes gefunden. Man konnte jedoch nicht wissen.
Ein Stück nach dem anderen nahm er heraus, entfaltete jedes und legte es sodann sorgfältig beiseite. Schon war er fast am Ende, da erblickte er ein etwa handgroßes, durch Alter gelb gewordenes Stück Papier, das anscheinend nicht hineingehörte, waren doch beide Seiten leer. Er warf es also auf den Schreibtisch. Dabei kam es in die Abendsonne zu liegen, wobei es Rolf vorkam, als zeigten sich Schriftzeichen auf dem Blatt. 160,18
Sollte dies etwa gar der angezeigteFund sein?
Mit bebender Hand griff er noch einmal danach. In der Tat! Während es auf den ersten Blick leer erschien, war es dies dennoch nicht, denn scharfe Augen vermochten in der Mitte mit einiger Mühe große, Don fester Hand hingemalte Buchstaben zu erkennen.