mit amtlichem Kreisblatt Monalsbeilage: Landwirtschaftlicher
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". -
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder ^un Raum lu Vsg.
Mittwoch, den 17. März 1909,
60. Jahrgang.
Politischer Wochenbericht.
Unser heutiger Bericht vermag erfreulicherweise wenigstens einen kleinen Fortschritt in Sachen der Reichsfinanzreform zu verzeichnen; es ist in der Finanzkommission nach mancherlei mühevollen Versuchen zu einer vorläufigen Einigung der blockparteilichen Vertreter auf einen Antrag der Reichspartei gekommen- Dieser Antrag fordert eine bundesstaatliche Besitzsteuer, die bis 1914 den Betrag von 100 Millionen Mark nicht überschreiten soll. Staatssekretär Sydow erklärte, eine Stellungnahme der Reichsregierung zu diesem Kompromiß sei zurzeit nicht möglich, da der Bundesrat hierüber noch keinen Beschluß gefaßt habe, doch sehe er selbst in der Stellungnahme der Blockparteien die Absicht, vorwärts zu kommen. In der Tat ist denn auch die vorläufige Einigung wesentlich unter psychologischem Gesichtspunk zu werten und zu begrüßen. Es ist üa= mit für das endgültige Zustandekommen der Finanz- reform noch wenig erreicht, aber es läßt sich dem provisorischen Kompromisse der Blockparteien mit Sicherheit der Schluß entnehmen, daß in diesen Parteien der Wille zur Tat vorhanden ist und sich durchzusetzen ringt und das ist immerhin etwas. Hoffen wir aber, daß aus dem Willen alsbald eine Tat hervorgehen möge, die geeignet erscheint, sich des ungeteilten Beifalls und der einstimmigen Anerkennung aller vaterlandsliebenden Volkskreise zu erfreuen.
Für die Reichstagersatzwahlen der letzten Zeit gilt die populäre Weisheit, daß es immer anders kommt, als man denkt. So wurde in Siegen statt des Christlich-Sozialen Mumm der Nationalliberale Vogel, in Bingen-Alzey statt des Freisinnigen Korell der Zentrumsmann Uebel gewählt, und diesen unerwarteten Wahlausgängen hat sich nun während der Berichts- Woche in Syke-Hoya-Verden ein drittes derartiges Resultat mit der Wahl des Welsen v. Dannenberg hinzugesellt. Auch dieses Ergebnis entspricht nicht den Er- wartungen, da man vielmehr allgemein mit dem Siege des Nationaliberalen in der Stichwahl gerechnet hatte. Die Blockparteien haben hier also ein Mandat eingebüßt, und dies sowie das zutage getretene Wachstum der welfischen Stimmen sind gewiß höchst unerfreuliche Erscheinungen. Schuld an dem Mandatsverluste trägt in erster Linie zweifelsohne der leidige Parteiegoismus und Parteifanalismus, der nun einmal das alte Erd- übel der Deutschen ist. Die kleinliche Rachsucht der Freisinnigen wegen Bingen-Alzey sowie die bis zur Siedehitze gesteigerte Erbitterung zwischen National- Liberalen und Bund der Landwirte — sie haben dem
Deutsches Reich.
— Der Kaiser wohnte dem Vortrag Sven Hedins bei und verlieh dem Forschungsreisenden am Schluß
Welsen, also dem Vertreter einer antinationalen Richtung zum Siege geholfen. Wann endlich wird unser Volk aus solchen Erfahrungen lernen? Zeit dazu wäre es wirklich nachgerade.
In den Balkanwirren ist und bleibt Serbien der Herd der Beunruhigung und Kriegsgefahr. Hinter Serbien aber steht leider die russische Politik, Indem der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands Js- wolkski den Serben suggerierte, zu erklären, daß sie Frieden gegenüber Oesterreich-Ungarn halten würden, aber von den Mächten eine Befriedigung ihrer Ansprüche erwarteten, sucht er damit seine gescheiterte Konferenzidee, wieder flott zu machen. Deutschland steht dem Gedanken einer Kanferenz an sich keineswegs von vornherein ablehnend gegenüber. Vorbedingung einer solchen Konferenz aber ist die Klärung aller Streitfragen zwischen den nächstbeteiligten Siaaten, und an einer solchen Klärung fehlt es im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien zurzeit noch durchaus. Wir wünschen eine Konferenz an der Oesterreich aus freiem Entschlüsse und nach eigenem Willen teilnimmt, nicht aber eine Konferenz, die dem befreundeten und verbündeten Donaureiche gegenüber gewissermaßen die Rolle eines vorladenden und aburteilenden Gerichtshofes spielt. Im übrigen wird man es Oesterreich-Ungarn nicht verargen können, wenn es das ganze Spiel mit der Konferenzidee nur als ein Mannöver ansieht, um Serbien Zeit zur Vermehrung seiner Rüstungen zu verschaffen, und wenn ihm darüber endlich der Geduldsfaden reißt.
Die italienischen Wahlen haben das Bild der Zusammensetzung des Parlaments in Italien nicht bedeutend geändert, vielmehr bleibt es im großen und ganzen alles beim alten. Das Charakteristische an der diesmaligen Wahlbewegnug war die starke Beteiligung der Klerikalen, die sich bei früheren Wahlen im wesentlichen passiv verhalten hatten. Ihnen gegenüber griffen die Radikalen und Sozialisten zu den unfreiheit- lichsten Mitteln und schreckten auch vor dem brutalsten Terrorismus nicht zurück. Es ist immer dasselbe Bild, diejenigen, die fortwährend mit den Phrasen von Freiheit und Duldsamkeit hausieren gehen, sind in Wirklichkeit die ärgsten Feinde aller Freiheit und Duldung. Kein Despotismus der Erde reicht an den Despotismus des demokratisch-sozialistischen Jakobinertunis heran
die große goldene Medaille für Wissenschaft. Die Berliner Gesellschaft für Erdkunde verlieh Sven Hedin die Humbold-Medaille.
— Der Reichstag begann am Dienstag die zweite Lesung des Weingesetzes. Trotz des Beschlusses der Kommission, neue Anträge nicht einzubringen, um die Verabschiedung des Gesetzes nicht zu verzögen, waren eine Reihe Abänderungsanträge eingebracht. Die Debatte erstreckte sich besonders auf den § 6 b der Vorlage, der nach den Beschlüssen der Kommission bestimmt daß ein mit ausländischem Wein verschnittener deutscher Wein nicht mehr den deutschen Namen führen dürfe. Diese Vorschrift erklärten die Staatssekretäre v. Beth- mann-Hollweg und v. Echoen für unannehmbar, weil sie den bestehenden Handelsverträgen, namentlich den italienischen, widerspreche. Ein Antrag Hormann (fr. Vp.), die Frist für die Zuckerung statt bis zum 31. Dezember bis zum 31. Januar zu erstrecken, wurde vom Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg unterstützt, fand jedoch nicht die Zustimmung der Nationalliberalen und der Rechten. — Mittwoch fand keine Sitzung statt. — Am Donnerstag wurde in zweiter Lesung das Weingesetz nach den Beschlüssen der Kommission angenommen, also unter Einschluß des von der Regierung abgelehnten Deklarationszwanges. In der Abstimmung vorangegangenen Debatte waren keine bemerkenswerten neuen Gesichtspunkte vorgebracht worden. Ferner wurde das Gesetz über die Beseitigung der Doppelbesteuerung der Beamten in zweiter Lesung genehmigt. — Nächste Sitzung Dienstag.
— Das preußische Abgeordnetenhaus genehmigte am Dienstag die Beschlüsse der* Kommission über das Ges .tz betreffend den Wohnungsgeldzuschuß und das Mantelgesetz zu den Besoldungsvorlagen nach kurzer Debatte. Dann wurde mit der Beratung des Gesetzes über die Beseitigung des Kommunalsteuerprivilegs der Beamten begonnen. Die Beratung wurde nicht zu Ende geführt, nur ein konservativer Antrag auf Beibehaltung des Steuerprivilegs der Geistlichen ßwurde angenommen. In einer am Montag abgehaltenen Abendsitzung war d.er Handels- und Gewerbe-Etat genehmigt worden. — Am Mittwoch wurde die Beratung zu Ende geführt und die Vorlage in der Kommissionsfassung angenommen, nach der die neue Kommunal- steuerpflicht nur für diejenigen Beaniten, Elementarlehrer unb linieren Kirchendiener gelten soll, die nach dem 3J. März 1909 in das Amtsverhältnis eingetreten sind. Hinsichtlich der schon vor dem 1. April 1909 angestelllen Beamten usw. sowie hinsichtlich der Militär-
Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau. 7
„Leider, leider, Herr Graf," erwiderte der alte Mann bekümmert. „Es wird Jahre und Jahre kosten und große Enthaltsamkeit, um Herrenhof, Grünfeld und Louisental wieder so weit zu bringen, daß Sie aus seinen Erträgnissen einigermaßen standesgemäß leben können."
„Sie glauben also, ein Sequester werde sich vermeiden lassen?" fragte Rolf in wiedererwachter Hoffnung.
„Was, ein Sequester!" Der alte Iahn wurde fast böse. „Das hätte gerade noch gefehlt! Verzeihen Sie, gnädiger Herr, daß mich so ein Zornpackt. Aber der Sequester ist mir gründlich in die Beine gefahren. Nein, Herr Graf, so weit sind wir denn doch noch nicht. Ich habe Ihnen allerdings, und das werden Sie einem altenManne, derschon unter Ihrem verstorbenen Herrn Vater Verwalter war, sicher nicht übelnehmen, ich habe Ihnen also in meinen Briefen, um Sie zum Heimkommen zu veranlassen, die Lage schlechter geschildert, als sie eigentlich ist, und eine ganz genaue Durchsicht der Bücher wird Sie davon überzeugen; nur muß die nächste Zeit überstanden sein. Doch vor dieser habe ich höllische Angst. Da ist der Pferdekoppscheller Reiche! aus Festenberg und der Agent Schröpfer aus Burghof, die mir in den nächsten Tagen ihre Wechsel zur Bezahlung präsentieren werden. Der eine lautet, wie Sie wissen, über fünfzehntausend und der andere gar über dreiund- zwanzigtausend Mark. Dann zirkulieren noch ein paar kleinere im Betrage von etwa vierzehntausend Mark, doch die kommen nicht in Betracht."
„Sie sind erst später fällig und ich werde mit ihnen schon fertig werden. Aber die großen, welche sich im Besitz der beiden Hauptgurgelabschneider, verzeihen der Herr Graf schon diesen Ausdruck, aber mir platzt jedesmal die Galle, wenn ich an die beiden denke, also
welche sich im Besitz von Reiche! und Schröpfer befinden, die machen mir große Sorge.
Wo das Geld hernehmen und nicht stehlen. Mit dem, was da war, habe ich die laufenden Zinsen bezahlt, und so ist in der Kasse kein gebogener Pfennig. Die Kerls würden vielleicht noch warten, falls man ihnen eine hübsche Provision verspricht, doch in diesem Falle dürfte das unnütz sein. Ich fürchte nämlich, die Wechsel, die ja auch gar nicht an die Wucherer ausgestellt waren, sind von diesen mit Aufschlag für Rechnung unseres Nachbars angekauft, des Herrn Baron von Eistedt, wie er sich schimpfen läßt, und daß der kein Erbarmen kennt, werden Sie wohl wissen." Zornig schüttelte er das Haupt.
Der junge Gutsherr dachte kurze Zeit angestrengt nach. „Könnte man nicht vielleicht," schlug er endlich vor, „das Geld bei irgend einem reellen Kaufmann auf einige Zeit beschaffen?"
„Nichts, nichts, Herr Graf. Ich habe mir schon wegen der Frage meinen Kopf zerbrochen, daß er aus- einanderzuplatzen droht, wie ein alter Blumentopf. Doch ich finde nirgends einen Ausweg. Kein Mensch borgt uns in Anbetracht der Lage etwas über Nacht. Sie wissen alle so gut wie ich, wie die Karre läuft und haben deshalb riesige Angst vor dem Eistedter, von dem sie ja auch alle mehr oder weniger abhängen. Mit dem mag's keiner verderben. Ja, wenn der so wäre, wie die Tochter, das Fräulein Charlotte, dann .. ."
„Kennen Sie die Dame, Iahn?" fragte Rolf gespannt.
„Und ob, es ist das vernünftigste Frauenzimmer weit und breit und hat das Herz auf dem rechten Fleck," versicherte dieser zur inneren Genugtuung des Fragestellers. Dabei strahlten die Augen des alten Mannes in eigenartigem Glänze,er mußte das Mädchen tief ins Herz geschlossen haben.
„Sie kennt Ilmenau besser als ich und sie war es auch, welche mich so lange malträtierte, bis ich Ihnen die Briefe schrieh, in welchen ich Sie dringend bat,
! nach Hause zu kommen. Manch guten Wink hat sie i mir gegeben, der sich immer als richtig erwies, ja, ich kann wohl sagen, es stünde noch schlechterum uns, wenn sie nicht gewesen wäre."
„Also wieder sie," dachte Rolf, „wieder sie." Doch er sagte nichts.
Unterdessen fuhr der Verwalter, den es sichtlich freute, sich die Seele freireden zu können, fort: „Den alten Eistedt kennen Sie ja, nur ist er mit den Jahren vielleicht noch finsterer und verschlossener geworden."
„Merkwürdig, wie der Mann eine solche Tochter haben kann! Was aber den Jungen anbetrifft, so ist das ein Zierbengel ersten Ranges, dabei in der Umgegend und in seiner Garnison, er steht in Königsberg bei den Kürassieren, als notorischer Wüstling verschrien. Der wirb die Millionen des Alten schon unter die Leute bringen. Zwar bekommt er von zu Hause einen respektablen Zuschuß, aber damit reicht er nicht. Und schließlich, dem reichen Erben wird ja gepumpt. Jetzt hat er Freundschaft mit einem Bahnbau-Unternehmer geschlossen. Der wirft das Geld mit vollen Händen hinaus und erzählt überall, er sei Reserve-Offizier bei den Garde-Pionieren. Der und Reserveoffizier, er steht gerade danach aus. Uebrigens, Willbert heißt der Mann ..Herrgott ja, dabin ichjaganzvonunseremThema ab= gekommen. Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, aber ich bin nun leider einmal wie alle alten Leute, ein bißchen Schwätzer." 160,18
„Nicht doch, mein lieber Iahn, Ihre Mitteilungen haben mich in manchen Punkten sehr interessiert. Jedenfalls danke ich Ihnen von Herzen für Ihre meinem Hause durch die langen Jahre bewiesene Liebe und Treue," er schüttelte die Hand des gerührten Verwalters, „und hoffe, Sie werden noch viele Jahre mit ■ mir zusammen arbeiten, und die Wolken vertreiben helfen, welche sich leider über uns zusammengezogen haben, zum Teil durch meine Schuld," gestand er traurig.