mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
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Die russische Balkanpolitik.
Die tiefere Ursache der fortdauernden Unsicherheit der europäischen Lage liegt ohne Zweifel darin, daß die russische Diplomatie eifrig bestrebt ist, sich ihre alte Protektorrolle bei den slawischen Völkerschaften am Balkan zu erhalten. Was ihr im Vergleich zur Zeit vor dem japanischen Kriege und der russischen Revolution an Machtmitteln hierzu fehlt, sucht sie durch Findigkeit in der diplomatischen Aktion zu ersetzen.
Nach den Umwälzungen in der Türkei begab sich der russische Minister Jswolski auf die Reise, um ein Programm für einen neuen Kongreß der Signatar- mäMe des Berliner Vertrages zustande zu bringen. Diese Bemühungen scheiterten daran, daß Oesterreich- Ungarn und Deutschland sich abgeneigt zeigten, eine Konferenz zu beschicken, bevor noch die wichtigsten Streitfragen unter den Nächstbeteiligten, nämlich Oesterreich-Ungarn, der Türkei, Bulgarien, Serbien und Montenegro, geordnet seien.
Der Streit zwischen dem Donaureich und der Türkei wegen Bosnien und der Herzegowina ist nunmehr beglichen. Nicht so der türkisch-bulgarische Konflikt, der sich darum dreht, welche Entschädigungen Bulgarien für den ostrumelischen Tribut und für die Vergewaltigung der Orientbahn zahlen soll. Hier griff Rußland mit dem Vorschlag ein, die bulgarische Schuld an die Türkei gegen einen Nachlaß an der türkischen Kriegskostenentschädigung von 1878 übernehmen zu wollen. Ein weiteres Mittel, um die Bulgaren in ihrem ) Unbequemen Selbständigkeitsdrang nicht den Dank an Rußland vergessen zu lassen, war die Zuer- kennung königlicher Ehren an den Fürsten Ferdinand, wodurch sich Rußland von der Auffassung der übrigen Mächte, namentlich Englands, trennte, die als Voraussetzung für die Anerkennung des Königreichs Bulgarien die Befriedigung der Forderungen der Pforte an Bulgarien betrachten.
Ebenso ging die russische Politik wieder ihre eigenen Wege, als es sich darum handelte, durch einen gemeinsamen Schritt aller Mächte Serbien zum Verzicht auf Territorialansprüche uno zur Einstellung seiner Rüstungen zu bestimmen. Jswolski kam den Mächten in Belgrad zuvor und suggerierte den Serben, zu erklären, daß sie Frieden gegenüber Oesterreich-Ungarn halten würden, aber von den Mächten eine Befriedigung ihrer Ansprüche erwarteten. Damit sucht Jswolski seine gescheiterte Konferenzidee wieder flott zu machen. Inzwischen setzt aber Serbien seine Rüstungen
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Der Totenfee.
Roman von Martin Wehrau.
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„Schließlich kam ich zu der Ueberzeugung," so lautete es bann in dem Schriftstück weiter, „daß das Geld in den Kriegszeiten des Jahres 1807 verloren gegangen sei, um so mehr, als auch unsere ganzen Familienjuwelen, die mindestens die gleiche Summe repräsentierten, seit der Zeit wie vom Erdboden verschwunden blieben. Nach und nach dachten wir jedoch ruhiger über die Sache, trotzdem es uns naturgemäß tief schmerzte, einen Teil unseres Landbesitzes hingeben zu müssen, um zu Gelde zu kommen. Doch hätte sich das schließlich noch verwinden lassen. Leider blieben auch mir, der ich nach des Vaters Tode das Majorat übernahm, die Verhältnisse ungünstig. Ich mußte weitere Schulden kontrahieren, und was lag wohl näher, als daß ich mich dabei an den wandte, der schon meinem Vater aus der Not geholfen hätte, an den alten Rühmann. Der gab bereitwillig, soviel ich nur haben wollte, er verlangte nur, daß das Geld auf einige unserer Güter eingetragen würde. Es sei nur eine reine Formalität, meinte er, als ich ihn unruhig ansah. Wäre ich nur damals der inneren Stimme gefolgt, die mir riet, lieber mehr Prozente zu zahlen, als sich diesem Manne in die Hände zu geben, so hätte die Sache sich vielleicht noch arrangieren lassen. Jetzt aber war unser Schicksal besiegelt. So zuvorkommend er bei meinem Anliegen an ihn gewesen war, so brutal handelte er später, ein paar Jahre darauf. Eines Tages kündigte er mir sämtliche Hypotheken, er brauche das Geld, sagte er lakonisch. Als ich ihn darauf von Himmel zu Erde bat, mich nicht unglücklich zu machen, rückte er mit seinen wahren Absichten heraus, er zeigte sich jetzt ganz als Wucherer. Nur wenn ich ihm für das Darlehen einen übermäßig hohen Zinsfuß, zwanzig Prozent, zahlte, wollte er für einige Zeit von feinem Vorsatz, die Güter
Samstag, den 13. März 1909
60. Jahrgang.
fort, und es kann Oesterreich-Ungarn nicht zugemutet werden, dem serbischen Treiben so lange ruhig zuzu- sehen, bis etwa eine Konferenz nach voraussichtlich langen Diskussionen zu friedlichen Beschlüssen kommt.
Wenn in einzelnen Blättern viel von einer „Teilung" der serbischen Forderungen die Rede ist, wonach nur die Donau-Adriabahn und die Vertretung Serbiens in der Donaukommission international geregelt werden soll, so wurde damit an der augenblicklichen Lage nicht viel gebessert. In beiden Punkten hat sich Oesterreich-Ungarn längst schon zu Zugeständnissen bereit erklärt. Das Bedrohliche liegt in den serbischen Rüstungen und in der Weigerung der Belgrader Regierung, klar und bündig die Annexion Bosniens und der Herzegowina als unabänderliche Tatsache anzuerkennen. Mag sich auch die Haltung der russischen Regierung aus der Rücksicht auf die panslawistischen Bestrebungen im russischen Volke erklären, so können doch keine diplomatischen Künste darüber hinwegtäuschen, daß Rußland nur unzweideutig und fest auf Serbien zu drücken brauchte, um der gefährlichen Lage ein Ende, zu machen — ohne Konferenz und ohne Blutvergießen.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag setzte am Sonnabend die zweite Lesung des Postetats fort. Die Abgg. Linz (Rp.) und Pauli (kons.) sprachen sich gegen die Fernsprechgebühren- ordnung in ihrer jetzigen Gestalt aus, während sich die Abgg. Herzog (wirtsch.) Vg. und Graf Oriola (natl.) auf den Boden der Vorlage stellten. Im weiteren Verlauf der Debatte kamen allerlei postalische Wünsche und Beschwerden zur Sprache, worauf das
Gehalt Montag Postetat erledigt, nur der
des Staatssekretärs bewilligt wurde. — Am wurde die Einzelberatung fortgesetzt und der zum größten Teil ohne wesentliche Debatte Auch bei dem Titel „Ostmarkenzulage" sprach
Abg. von Trzcinski (Pole) gegen die Position, die darauf genehmigt wurde.
-- Das preußische Abgeordnetenhaus hatte am Sonnabend bei der Beratung des Handels- und Gewerbeetats eine sozialpolitische Debatte. Der Abg. Malkewitz (kons.) führte aus, daß es vor allen Dingen darauf ankomme, den inneren Markt zu heben, und verwahrte sich namens seiner Freunde dagegen, daß den Handwerkern neue Lasten aus sozialpolitischen Gesetzen auferlegt würden. Ihm erwiderte der Abg. Trimborn (Z.), der ausgiebig die Zollpolitik des Reiches verteidigte. Dr. Crüger Hagen '(fr. Vg.)
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versteigern zu lassen, absehen. Du kannst Dir denken, wie schweren Herzens ich mich zu diesem Pakt entschloß. Aber es ging nicht anders. Wer hätte mir auf einmal eine solch hohe Summe, mit denen unsere Güter nunmehr belastet waren, geliehen? Es waren schon Gerüchte über meine Verlegenheit im Umlauf, die ich leider durch noch größeren Aufwand zu unterdrücken suchte. Ueber- haupt erforderte unser Haushalt unglaubliche Summen, und so kam es schließlich, daß nach und nach alle Güter überschuldet waren, nur Ilmenau hielt ich frei. Vor elf Jahren starb, wie Du Dich erinnern wirst, der alte Rühmann. Statt daß jedoch der Sohn, der sich später adeln ließ und sich nach unserem ehemaligen Gute von Eistedt nannte, die Schuld übernahm, kündigte er sofort die Hypotheken. Da ich außer stände war, zu zahlen, ließ er die Besitzungen gerichtlich versteigern. So ist es gekommen, daß ich Dir nur noch das Stammgut, Gott sei Dank, schuldenfrei werde hinterlassen können. Alles übrige hat Rühmann, wie ich allerdings sagen muß, zu solch hohem Preise erstanden, daß mir noch ein kleines Kapital für die Bewirtschaftung von Ilmenau übrig bleibt. Aber mit der Repräsentation nach außen hin ist es vorderhand vorbei. Doch Deine gute Mutter ist jaschonseit Jahren tot und mir ist es gleich, wie ich meine letzten Jahre verlebe. All die Schicksalsschläge haben meine Tatkraft gelähmt. Vielleicht findest Du hier ein gutes, braves Weib, mit dem vereint Du dem Geschlecht der Grafen Helmbach wieder zu neuem Glänze verhelfen kannst. Jedenfalls setze ich auf Dich jetzt mein ganzes Vertrauen. Im Innern, ganz geheim, ich will es Dir nur offenbaren, brennt noch ein Hoffnungsfunke, der vielleicht einmal zur Flamme werden kann, ich meine die Angelegenheit wegen des verschwundenen Familienvermögens. Ich habe oft in den vielen schlaflosen Rächten, in denen ich auf Rettung sann, daran denken müssen. Ist es denn überhaupt möglich, daß das viele, viele Geld nebst den kostbaren Juwelen von ein paar räuberischen Marodeuren gestohlen worden sein kann,
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erklärte, daß die Freisinnigen die Sozialpolitik energisch fortsetzen würden. Er brächte dann Anregungen zur Besserung der^Lage des Handwerks vor, die zum Teil^auch bei den andern Parteien mit Beifall ausgenommen wurden. — Am Montag wurden zunächst einige Wahlprüfungen erledigt und dann die Beratung des Handels- und Gewerbeetats fortgesetzt. Handelsminister Dr. Delbrück antwortete auf die zahlreichen vorgebrachten Wünsche. Er bekannte sich zunächst ^zur Schutzzollpolitik des Reiches und stellte als ihre Konsequenz eine verständige Mittelstandspolitik hin. Er verbreitete sich dann eingehend über die verschiedenen sozialpolitischen Maßnahmen. Eine milde Ausführung der Bäckereiverordnung sicherte er zu. Er erklärte ferner, daß dem Hause im Herbst ein Wohnungsgesetz zugehen solle. Außerdem erörterte er Maßnahmen zur Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs in den Bergwerken. Es fand noch eine Abendsitzung statt.
— Friedrichshaven. Am Dienstag vormittag kurz nach 9 Uhr verließ das Reichsluftschiff Zeppelin 1 die Halle, fuhr bei scharfem Nordostwind in ungefähr 100 Metern Höhe nach dein königlichen Schloß und von dort das Schweizer Ufer entlang bis über die Höhe von Jmmenstaad. Nach verschiedenen wohlgelungenen Manövern landete Zeppelin 1 kurz vor 10 Uhr wieder bei der Halle. Um 11 ’/a Uhr fuhr das Luftschiff zum zweiten Mal über die Stadt hinweg. An der Fahrt nahmen teil Graf Zeppelin und sein Neffe mit mehreren Ingenieuren und Monteuren, sowie Major Sperling und Hauptman v. Jena.
— Dresden ist bekanntlich eine alljährlich von vielen Ausländern besuchte Stadt; darum entschloß sich die Königl. Polizeidirektion, eine größere Anzahl Gendarmen in der französischen, englischen und russischen Sprache so weit ausbilden zu lassen, daß sie die eine oder andere dieser Sprachen genügend beherrschen und imstande sind, Fremden auf der Straße Rede und Anwort zu stehen. Um diese Beamten äußerlich den der deutschen Sprache Unkundigen kenntlich zu machen, ist man jetzt auf die ganz praktische Idee verfallen, ihnen auf den linken Oberarm ihrer Uniformen kleine Flaggen in den französischen oder englisch-amerikanischen oder russischen Nationalfarben einzusticken. Sogar Gendarme, die des Esperantos mächtig sind, gibt es. Diese tragen auf dem linken Aermel ihrer Uniform einen grünen fünfzackigen Stern.
— Nach der vorläufigen Mitteilung des kaiserlichen Statistischen Amts zur Konkursstatistik gelangtem im 4 Vierteljahr 1908 im Deutschen Reich 2972 neue
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ohne daß es auffiel? Ich halte das für ausgeschlossen. Eher nehme ich an, daß mein Großvater wegen der Kriegszeiten den Schatz irgendwo versteckte und es ihm infolge seines schnellen Ablebens nicht mehr möglich war, seinen Sohn von dem Versteck zu benachrichtigen. In dieser Meinung bestärkte mich auch ein Fund, den ich vor kurzem machte und der..." Hier brach das Schreiben ab.
Rolf saß da mit erloschenen Augen und erbleichten Wangen. Er war aufs tiefste erschüttert und merkte nunmehr, wie nahe seine sündhafte Liebe, die, wenn auch verborgen in seinem Herzen gelodert, ihn an einen furchtbaren Abgrund gedrängt. Hätte er damals nach des Vaters Tode nur einige Tage einer gründlicheren Durchsicht der Papiere gewidmet, alles wäre anders gekommen. Zwar blieb ihm dann nur das Majorat, doch es war schuldenfrei imd hätte ihm bei seiner Größe ein mehr als standesgemäßes Auskommen gesichert.
So aber lockte ihn seine Leidenschaft wieder von neuem nach der Fremde, wo er, wenn auch eigentlich unbewußt, systematisch auf seinen Ruin losarbeitete. Er erinnerte sich, daß er so manchen ihm vom Verwalter zugeschickten Wechsel unterschrieben hatte, in der Hoffnung, derselbe würde selbstverständlich in kurzer Zeit durch die großen Gutseinnahmen gedeckt werden. Er verstand ja so wenig von Geschäftssachen.
Waren diese Papierschulden aber überhaupt bezahlt? In den Büchern stand nichts darüber. Vielleicht konnte ihm der Verwalter näheren Aufschluß geben.
Auf sein Klingeln erschien der Diener in einfach er Livree. „Ich lasse Herrn Iahn einen Augenblick hierher bitten."
Dieser ein kleiner, hagerer Mann mit weißem Bart und ehrlichen Augen, trat bald ein. „Herr Graf befehlen?"
„Mein lieber Iahn, ich habe Sie rufen lassen, um über verschiedene Punkte von Ihnen Aufklärung zu erbitten. Ich sah eben die Bücher nach, welche Sie übrigens tadellos führten, und da fand ich denn: Es steht sehr schlecht mit mir." 160,1&