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WüchtemerZeltun g

mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". ______

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg. _____ Mittwoch, den :IllUrz 1909?..... 60. Jahrgang.

Krieg?

Die augenblickliche sehr kritische Lage zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien enthält die beste Recht­fertigung des Vorschlags der deutschen Regierung, daß sämtliche Großmächte in Europa außer Oesterreich- Ungarn gemeinsame Vorstellungen in Belgrad machen sollten. Inhalt und Ziel der Vorstellungen sollte sein, daß die Serben, wenn sie ihre Forderung auf eine Gebietserweiterung aufrecht erhielten und nicht alsbald die Mobilisierung ihres Heeres einstellten, auf keinerlei Unterstützung von außen zu rechnen und allein die Folgen eines kriegerischen Konflikts mit Oesterreich- Ungarn zu tragen hätten. Die französische Regierung zeigte sich bereit, diesen Vorschlag zu verwirklichen und und übernahm es, Rußland dafür zu gewinnen, nach­dem England erklärt hatte, sich von einem solchen gemeinsamen Schritt nicht ausschließen zu wollen. Die Aktion wurde jedoch dadurch durchkreuzt, daß der russische Minister Jswolski alsbald in separato fried­liche Vorstellungen in Belgrad machte.

Die serbische Antwort ist unbefriedigend; sie knüpft die Zusicherung, auf territoriale Kompensationen für jetzt zu verzichten, an die Bedingung, daß die Mächte Serbien die politische und ökonomische Unabhängigkeit garantieren sollen, d. h. Serbien will nicht direkt mit Wien verhandeln,sondern die anderen Mächte dazwischen schieben. Oesterreich-Ungarn kann darauf nicht ein­gehen. Es ist kein unter internationaler Garantie stehendes Recht Serbiens verletzt worden. Vielmehr hat sich Oesterreich-Ungarn freiwillig bereit erklärt, an Serbien gewisse ökonomische Vorteile zu gewähren Wie die Türkei, für die mit der Annexion Bosniens und der Herzegowina ein formales Recht verletzt war sich mit Oeperreich-Ungarn direkt verständigt hat, so muß sich erst recht serbien, das nur über zerstörte Hoffnungen auf Gebietserwerb klagen kann, direkt mit Wien auseinandersetzen, um Erleichterungen für die eingeengte Lage seines Wirtschaftsgebietes zu erlangen. Der wahrscheinlich insgeheim von Rußland unterstützte Versuch, eine Konferenz über den serbisch-österreichisch- ungarischen Streit beraten und beschließen zu lassen, ist völlig aussichtslos, da es für eine Großmacht unmög­lich ist, sich in solchem Falle einer Konferenz zu unter­werfen.

Das Ausspringen Rußlands aus dem Kreis der Mächte hat also den Eigensinn der Serben eher er­mutigt als gedämpft und damit die Lage verschlechtert. In Wien hat man bisher zwar die Ruhe bewahrt,

aber die Donaumonarchie hat doch das größte Inter­esse daran, den kostspieligen Kriegsvorbereitungen so oder so ein Ende zu machen. So unerträglich der Gedanke ist, wegen unberechtigter Ansprüche Serbiens die Ruhe Europas stören zu lassen, so wird es doch schwer sein, jetzt noch mit Erfolg einen gemeinsamen Schritt der Mächte in Belgrad herbeizuführen.________

Deutsches Reich.

- DieDeutschland" mit dem Kaiser an Bord und den Begleitschiffen ist in Helgoland am Donners» tag kurz nach 2 Uhr eingetroffen. Das Wetter war schön. Der Kaiser, Prinz Heinrich und Gefolge trafen nachmittags 2'/s Uhr an der Marinemole ein. Die Herrschaften besichtigten zuerst die Hafenbauten und dann die Felsschutzbauten. Gegen 5 Uhr erfolgte die Rückkehr nach derDeutschland".

Bremerhaven. DieDeutschland" mit dein Kaiser an Bord, die während der Nacht in der Nähe des LeuchtturmsBremen" geankert hatte, setzte am Freitag vormittag 11 Uhr 25 Min. ihre Fahrt fort und traf um 123A Uhr begleitet von dem Stations­schiff Carmen und den Begleitschiffen bei der Lloyd- Halle in Bremerhaven ein, wo das Geschwader Anker warf. Es herrschte heftiges Schneegestöber. Später klärte sich das Wetter auf. Beim Passieren des Forts feuerte die dort aufgestellte Malrosenartillerie den Kaisersalut und die Mannschaften brachten ein drei­faches Hurra aus.

Der Reichstag setzte am Donnerstag die zweite Lesung des Postetats fort, und zwar drehte sich die Debatte fast ausschließlich um die neue Fernsprechge» bührenordnung. Die Redner fast aller Parteien äußerten im großen und ganzen ihre Zustimmung zu der Reform, selbst der Abg. Singer (Soz.) stimmte ihr im Prinzip zu. Am Freitag bekämpfte Abg. Kärnpf (fr. Vp.) die neue Fernsprechgebührenordnung. Die Beschwerden des Abg. Struve (fr. Vg.), duß die Postverwaltung sich um die politische Haltung der Postbeamten kümmere, wurden vom Staatssekretär Kraetke scharf, aber treffend zurückgewiesen. Die Abgg. Dr Böhme (Wirtsch. Vg.) und Werner (Resp.) bil­ligten die neue Fernsprechgebührenordnung und brachten im übrigen verschiedene postalische Wünsche vor.

Das preußische Abgeordnetenhaus führte am Donnerstag die Beratungen über den Etat des Mi­nisteriums des Jnnetn zu Ende. Der Abg. Ströbel (Soz) suchte wieder einmal die sozialdemokratischen Straßendemonstrationen zu verteidigen, wobei er immer

nur vonWilhelm dem Zweiten" sprach, was den Präsidenten v. Kröcher veranlaßte, ihn aufzufordern, wenn er den Kaiser einmal in die Debatte ziehe, ihn wenigstens mit seinem Titel zu nennen. Ströbels Ausführungen wurden von den Abgg. v. Armin (kons.) und ©troff er (kons.) scharf zurückgewiesen. Beim Kapital der Strafanstaltsverwaltung kam eine Reihe von Wünschen der Gerichtsärzte zur Sprache, worauf Geheimrat Krohne antwortete, daß die Bezüge der Gerichtsärzte neu geregelt werden würden und dabei eine nicht unbeträchtliche Erhöhung erfahren sollten. Der Etat wurde genehmigt. Am Freitag wurde der Kommissionsantrag, Strafantrag gegen den sozial- demokratischen Agitator Helbig aus Leipzig wegen Beleidigung des Abgeordnetenhauses zu stellen, ange­nommen. Zwei Initiativanträge wegen schärferer Besteuerung der Filialen und anderweitiger Vertretung der Detaillisten in den Handelskammern wurden einer Kommission überwiesen. In vorgerückter Stunde wurde schließlich noch mit der zweiten Lesung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung begonnen.

Die Angelegenheit des Leutnants v. Bismarck, der früher dem 3. Garde-Feldartillerie-Regiment an­gehörte und wegen seines Rcnkonters mit dem Jour­nalisten Richard Becker im Februar v. I. mit schlichtem Abschied entlassen worden war, hat nunmehr auf Ver­anlassung des Kaisers eine günstige Lösung gefunden. Vor einigen Tagen wurde Leutnant v. Bismarck zum Generalkommando gebeten und ihm hier mitgeteilt, daß durch Kaiserliche Order sein schlichter Abschied in einen ehrenvollen Abschied umgewandelt sei, sich nach Ablauf des Jahres als Reserveoffizier wieder bei einem aktiven Truppenteil zu melden.

- Ein Schülerselbstmord vor dem Reichsgericht. Wegen Körperverletzung in zwei Fällen wurde von der Strafkammer 1 der Oberlehrer Hermann Faubel zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt. F. hatte als Lehrer des städtischen Sophien-Realgymnasiums zu Berlin am 23. und 27. September 1907 einen Untersekundaner namens Matthäus aus geringfügigen Ursachen geohr­feigt. Der junge Mann nahm sich die Züchtigung so zu Herzen, daß er sich kurze Zeit darauf erschoß. Gegen die Verurtiilung legte Faubel Revision bei dem Reichs« gerietst ein; er behauptete, zur Züchtigung berechtigt gewesen zu sein. Da in Preußen hierüber keine be­sondere Verfügung bestände, müsse die Verordnung für die Volksschule auch auf die Gymnasien ange- wendet werden.. Das Reichsgericht jedoch erkannte

Der Totensee.

Roman von Martin Wehrau. 5

Ich finde mich allein, bin ich doch über meine Ver­hältnissehinaus selbständig, wie man mir mehr wie ein­mal vorwirft. Für Sie wäre es übrigens auch an der Zeit, sich umzuziehen, schön sehen Sie nicht aus."

Damit ging sie nach kurzem Gruß, kräftig ausschrei­tend, durch das Feld einem in der Nähe befindlichen Häuschen zu und ließ Rolfin ganz eigenartiger Gemüts­verfassung zurück.

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Das Bibliothekzimmer von Jlmenan bildete einen der gemütlichsten Räume des ganzen schloßartigen Hau­ses. Wände und Decke waren mit von der Zeit ver­dunkelter, geschnitzter Eichentäfelung bedeckt, und in den großen Bücherschränken befanden sich neben alten Schriften auch moderne Werke. Rolf hatte dafür gesorgt, daß ihm bei etwaigen kurzen Besuchen des Eltern­hauses, die allerdings seit des Vaters Tode unter­blieben waren, in dieser Beziehung alles zur Verfü­gung stand. Während zwei der Fenster buntfarbige Vor­hänge verdeckten, so daß das Licht, schon an und für sich etwas abgedämpft durch die Baumriesen des Par­kes, an den das Zimmer stieß, nur mild seinen Einzug halten konnte, waren sie heute von dem dritten Fen­ster entfernt. An demselben stand ein mächtiger Schreib­tisch, dessen einzelne Wandungen vor Hunderten von Jahren eine Künstlerhand mit Darstellungen aus der biblischen Geschichte geschmückt hatte. Auf ihm lagen eine Unzahl von Papieren und Dokumenten, die an­scheinend aus dem hinter dem Tische sich befindenden, jetzt geöffneten eisernen Wandschrank stammten.

Wenige Tage nach den vorhin geschilderten Ereig­nissen saß in diesem Zimmer der junge Gutsherr vor- gebeugt in seinem Schreibstuhl, das Gesicht in sorgen­

volle Falten verzogen, und las nun schon zum dritten­mal einige Papiere, die ihm bei dem Suchen nach den verschwundenen Kapitalien ganz zufällig in die Hände geraten waren.

Sie lagen in der Familienchronik und rührten von seinem Vater her, der ihren Inhalt einen Tag vor seinem Tode an ihn richtete. Es mußte ihn schon bei der Ab­fassung der Zeilen ein Unwohlsein befallen haben, denn der Brief war nicht zu Ende geführt und auch seine Lage in der Chronik bewies, daß dieser nur als vorläufiger Aufenthaltsort dienen sollte. An der Fortführung des Schreibens hatte den alten Herrn der Tod mit rauher Hand gehindert.

Das Schriftstück lautete:Ilmenau, 2. Mai 1879. Mein armer Sohn! Denn das wirst Du in jeder Bezie­hung sein, wenn Dich diese Zeilen erreichen. Du, dessen Reiselust und Reisefreude ich kenne, wirst nicht mehr Gottes Wundergarten durchstreifen können und auch der Hof, an dem, wie Du mir mehr als einmal versichertest, Du so glückliche Stunden verlebtest, muß Dir fortan ein fremder sein. Ich kann das Geld nicht mehr be­schaffen, das dies Leben kostet, darum rufe ich Dich zurück. Es ist endlich an der Zeit, Dich genauer mit dem bekannt zu machen, was Du leider nur ahnen moch­test und was ich Dir möglichst lange vorenthalten wollte, bedeutet es doch mein Unglück wie das Unglück für unsere ganze Familie. Kurz gesagt, ich bin am Ende. Wir sind einer Jntrige zum Opfer gefallen. Wie Du weißt, gingen schon einige unserer Güter unter Deinem Großvater verloren. Sich ständig wiederholende Miß­ernten beraubten ihn aller Barmittel, so daß er in den Verkauf von Eistedt und Koselwitz willigte, um das übrige zu erhalten, um so mehr, als ihm ein äußerst an­ständiger Preis geboten wurde. Käufer war der aus Schlesien hergezogene Glasbläser Paul Rühmann, dem seine Arbeit im Verlauf weniger Jahre zu großem Reich­tum verhalf. Zwar zweifle ich, daß es das Geschäft allein

war, aus dem ihm die Gelderzuflossen. Man munkelte stark, er sei ein Krawattenmacher schlimmster Sorte. Mei­nem Vater aber kam er in geradezu kriechender Weise entgegen, was um so mehr auffallen mußte, als die- fer ihnsowohlwieseinen Sohn, da er sie kurz nach ihrem Anzüge einmal beim Wildern in unserem Forst ertappte, windelweich geprügelt. Sie weideten damals gerade eine Rehkitze aus, und das empörte Deinen Großvater, wie wir ja alle große Jäger waren, weshalb er auch das Wild sorgsam hegte, so, daß er sich zu Tätlichkei­ten hinreißen ließ, statt die Wildschützen den Gerich­ten anzuzeigen. Beide hatten, wie mir der Vater spä­ter erzählte, lautlos die Züchtigung hingenommen,fitzn aber mit solch haßerfüllten Augen angeblickt, daß ein anderer wohl von Furcht erfüllt worden wäre. Dein Großvater aber kannte ein solches Gefühl nicht, er lachte nur, wenn man ihn vor dem Rühmann warnte. Als der Alte nun gar, da er von unseren prekären Ver­hältnissen erfuhr, ihm das Kaufangebot machte, weil er die Güter zur Erweiterung seiner Fabrik brauche, wie erversicherte, sagte er vergnügt zu mir:Es gibt doch manchmal recht eigenartige Charaktere. Diesen Menschen haben die Prügel mir anscheinend zum Freunde ge­macht." Nachdenkend fügte er hinzu:Und doch ver­ächtlich ist dies Niederducken immerhin, ich hätte es nicht fertig gebracht.. aber man merkt eben die Krämerseele." Mir erschien es seinerzeit vorerst sehr merkwürdig, daß wir aus Geldmangel die Güter verkaufen sollten, da noch mein Urgroßvater seinem Sohne, als er 1803 starb, laut Aufzeichnungen in unserem Familienarchiv 490 000 Taler in bar hinterlassen hatte. Wo aber war diese, selbst für unsere heutigen Verhältnisse ungeheure Summe geblieben? Mein Großvater starb bereits fünf Jahre später, in dieser Zeit konnte unmöglich das Rie­senvermögen aufgezehrt sein. Es ließ sich aber nichts von ihm entdecken, obgleich sowohl mein Vater und später auch ich uns die Augen förmlich aus dem Kopf gesucht haben." . 160,18