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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und SamStag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen tosten die kleine Zeile oder deren Raum 1U Pfg.
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Samstag, den 27. Februar 1909
Amtliches.
J.-Nr. 945 K. A. Dem Schäfer Johannes Spähn in Neuengronau ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 25 Mk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 18. Februar 1909.
Der Vorsitzende des Kreisausschuffes:
Valentiner.
J.-Nr. 946 K. A. Dem bei dem Gutsbesitzer Walther zu Elisaberhenhof in Dienst stehenden Knecht Friedrich Lauer ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mk aus Kreismitteln bewilligt worden
Schlüchtern, den 18. Februar 1909.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.
Ver Kommunallandtag des Regierungsbezirks Cassel.
— Der Kommunallandtag genehmigte in seiner vierten Sitzung am Donnerstag die Voranschläge der Korrektionsanstalt zu Breitenau, des Landarmenverbandes, der Landesbibliotheken, des Leihhauses in Cassel und der Taubstummenanstalt zu Cassel. Der Reinüberschuß betrug im abgelaufenen Jahre 375 000 M., 75000 Mk. wurden dem Stammvermögen, Mk. 300 000 Mk. dem Bezirksverbande überwiesen. Referent wünscht Ersparnisse bei der Verwaltung eingeführt zu sehen, welchem Sinne entsprechend das Haus beschließt. Die Voranschläge des Leih- und Pfandhauses zu Fulda, der Leihbank zu Hanau und der Landesrentereien wurden genehmigt. Der Brandsteuersatz wird auf 14 Pfg. wie im Vorjahre belassen, sodaß die Sranbf.a.r in Bauartklasse 1: 0,70, 2; 0,98, 3: 1,26, 4: 1,54, 5; 1,96 Mk. pro 1000 Mk. Versicherungskapital beträgt. — Der Landstraßen- und Landwege-Etat sieht infolge der erhöhten Preise eine Mehrausgabe von 45 000 Mk. vor. — Für das Landkrankenhaus zu Cassel werden die Mittel zu einer Centralwarmwasfer- versorgung genehmigt. — Der Entwurf einer neuen Dienstordnung für die Beamten des Bezirksverbandes wird genehmigt. Derselbe enthält die Bestimmung, daß Beamten, welche länger als 6 Wochen beurlaubt sind, bis zu einem halben Jahre für die Zwischenzeit das Gehalt nur zur Hälfte, für jede Weitere Urlaubs« zeit gar nicht erhalten. Weiter soll es verboten sein, sich bei Eingaben und Beschwerden, welche bei dem nächsten Vorgesetzten einzureichen sind, an einzelne Mitglieder des Kommunallandtages zu wenden. —
Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau.
(Nachdruck nicht gestattet.)
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Zitternd brachen sich die Sonnenstrahlen indem grünen Blättermeer des alten Laubwaldes. Es war kühl in dem weiten Naturdom; man merkte fast nichts von der sengenden Hitze, welche trotz des frühen Julitages die Menschen draußen schwerer'atmen ließ. In den Bäumen saßen Tausende von Singvögeln und ließen aus vollster Brust ihre Lieder hinausklingen in die Weite. Ab und zu hüpfte ein Hase über den aus weißem, mehl- artigen Sande bestehenden Fahrweg. Fiel einmal von den vereinzelt vorkommenden Nadelhölzern ein Tannenzapfen mit dumpfem Geräusch zur Erde, so stutzte er vorerst ein wenig, machte Männchen und sprang dann ängstlich davon, um in dem dichten Unterholz eine sichere Zufluchtsstätte zu suchen. Die mehrfach angelegten Birkenschonungen dienten Rudeln von Rehen als Quartier. Sie lagen versteckt in dem hohen Riedgrase und verzehrten die jungen Schößlinge, sehr zum Schaden des Waldbestandes, mit Appetit. Ein Sum- men und Brummen zog durch die grauen Stämme, heroorgerufen durch diezahlreichen Jusektenarten, welchen der Wald als Heimat diente. Bienen flogen von Blume zu Blume, sie ihres leckeren Inhalts beraubend, und in harter Arbeit schafften die großen braunen Waldameisen an derVervollkommnung ihrer kunstvollen Wohnung. An direkt von der Sonne beschienenen Weg- stellen wärmte sich die zierliche Eidechse, dabei ihre lebhaften Augen unruhig hin und her schweifen lassend oder aber es lag zu dem gleichen Zweck die giftgeschwollene Kreuzotter zusammengerollt in den Wagenfurchen. Wehe dem, der sie unbedacht zu stören wagte.
Eine prachtvolle Sommerwohnung hatte sich ein flinker Eichkater auserkoren. Sie befand sich an der Spitze einer riesigen am Wege stehenden Eiche, welche ihre
Dem Entwürfe betr. die Heranbildung der Beamten für den Bureau- und Kassendienst des Bezirksverbandes wurde en bloc zugestimmt. Die Dauer des Vorbe« reitungsdienstes wird für alle Anwärter aus 3 Jahre festgelegt, dann wird der Anwärter zur Sekretärprüfung zugelaffen und nach zweijähriger Sekretärdienstzeit darf die Zulassung zur Landessekretärprüfung nachgesucht werden. •
Deutsches Reich.
— Der Kaiser wird nach den bisherigen Dispositionen auf der Rückkehr von der Marinerekrutenvereidigung in Wilhelmshaven, über Helgoland kommend, am 6. März morgens mit dem Linienschiff „Deutschland" in Bremerhaven eintreffen. Von dort aus gedenkt der Monarch um 11 Uhr 40 Minuten vormittags nach Bremen weiter zu reifen, um der Stadt seinen hergebrachten Besuch abzustatten. Im Anschluß hieran wird mittels Hofzuges die Rückreise nach Berlin bezw. Potsdam angetreten.
— An den deutschen Kronprinzen beschloß eine Bergarbeiter-Versammlung in Hamm die Absendung eines Telegrammes, worin diesem mitgeteilt wird, die Verteilung seiner Spende von 300 000 Mark an die Hinterbliebenen der Radbod-Katastrophe sei noch nicht erfolgt. Es wird um schnellste Verteilung an die Witwen und Waisen und an die brodlos gewordenen Bergleute ersucht.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm , am Sonnabend den Gesetzentwurf über Abänderung des Einkommensteuergesetzes un.^ Ergänzungssteuergesetzes im wesentlichen nach den Kommissionsbeschlüssen mitsamt dem Anträge Hennigs (kons.) betreffend Ermäßigung der Zuschläge für Gesellschaften mit beschränkter Hapftpflicht an. Auch beschloß das Haus, einer Rückwirkung des Steuerzuschlages auf 1908 nicht Folge zu geben, während eine Resolution betr. Erhöhung der Stempelsteuer angenommen wurde. Das Gesellschafts- steuergesetz wurde ohne Debatte abgelehnt. Tann wurde die zweite Lesung des Spezialetats der landwirtschaftlichen Verwaltung fortgesetzt, wobei Landwirtschafts- minister von Arnim sich auch über den Stand der Ueberschwemmungen äußerte. — Am Montag sprach Abg. v. Pappenheim (kons.) die Hoffnung aus, daß trotz der noch anhaltenden Landflucht unter der jüngeren Bevölkerung die Landwirtschaft doch hoffnungsvolleren Zeiten entgegensehen könne, und daß es voraussichtlich gelingen werde, eine dauernde Fesselung der Arbeiterschaft an das Land herbeizuführen. Der Abg. Leinert
zahlreichen Aeste sehnend nach allen Seiten ausspannte, gleichsam als wolle sie alte Waldesöewohuer einladen in ihr gastliches Haus. Der braune Geselle aber schien den Aufenthalt in den schützenden Zweigen als sein alleiniges Vorrecht zu betrachten. Gewiß hätte er jedem Eindringling gegenüber dasselbe mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft verteidigt. Und wie bequem war es, seinen verwöhnten Gaumen zu befriedigen. Ein starker Ast führte zu einem größeren Haselstrauch, an welchem Nüsse genug hingen, um ihn niemals Not leiden zu lassen. Was wollte er also mehr?
Sehr zufrieden saß er denn auch heute vor seiner Vil- leggiatur und knackte eine Nuß nach der andern, worauf er den reifen Kern mit Wohlbehagen verzehrte, die harten Schalen aber verächtlich hinunterschleuderte. Plötzlich stutzte er, ihm schien es, als höre er verdächtiges Geräusch. Er ließ sich auf die Vorderpfoten nieder und schaute vorsichtig durch eine Blätterlücke. Was er sah, mußte sein größtes Entsetzen erregen, denn er verschwand mit einem kurzen Schrecklaut in der dunklen Höhlung.
Den Weg entlang schritt ein junger Mann in Jägerkleidung, grüner Jagdjoppe, manchesternen gleichfarbigen Beinkleidern, hohen Juchtenstiefeln, auf dem Haupte eine Spessartmütze und mit umgehängter Jagdtasche und Gewehr. Ein brauner Hühnerhund mit un- gemein klugen Augen lief vor ihm her, indem er mit seiner feinen Nase aufmerksam den Boden prüfte.
Der Vorwärtsschreitende war schön, sogar sehr schön zu nennen. Aus der hohen, schlanken, wohlproportionierten Figur saß ein wundervoll gezeichneter Kopf, nicht mager, eher ein wenig voll, aber mit einem Ebenmaß des' Schnittes, wie es nur selten anzutreffen ist. Das blonde Haar trug er kurzgeschoren und unter der schmalen, etwas gebogenen Nase reckte ein nicht zu großer, gut gepflegter Schnurrbart von derselben Farbe seine Spitzen in die Höhe. Das Gesicht zeigte sich, trotzdem man das bei einem Jäger hätte vermuten können,
(Soz.) habe entweder ohne Kenntnis des Etats oder wider besseres Wissen gesprochen. Das sei ein Mißbrauch der Rednertribüne und diene nur dazu, die Bevölkerung zu verhetzen. Minister v. Arnim erklärte, daß die Behauptung des Abg. Leinert (Soz.) daß der Großgrundbesitz von der Regierung bevorzugt werde, völlig haltlos sei. Dann wurde die allgemeine Besprechung geschlossen und die Einzelberatung begonnen, bei der mehrfache Wünsche geäußert wurden. Ein Antrag Ecker (natl.), in den Etat von 1910 besondere Mittel zur Förderung des Unterrichts schulentlassener Mädchen vom Lande einzustellen, wurde angenommen.
-- Im Zirkus Busch zu Berlin hat die diesjährige Generalversammlung des Bundes der Landwirte statt« gesunden. Es sprachen Dr. Roesicke, Dr. Hahn, von Podbielski, Dr. Oertel u. a. Gegen Schluß wurde die Drahtantwort des Kaisers auf das Huldigungs- telegr imm, die mit außerordentlicher Beschleunigung eingetroffen war, verlesen. Sie lautete: „Der Generalversammlung des Bundes der Landwirte spreche ich für den Huldigungsgruß meinen wärmsten Dank aus. Wilhelm 3. R."
— Im Kampf gegen die Schmutzliteratur hat die Universitätsstadt Göttingen einen großen Erfolg erreicht. Dort ist eine große Anzahl angesehener Bürger zusammengetreten und hat eine öffentliche Erklärung erlassen, wonach sich jeder verpflichtet fühlt, Einkäufe nur in solchen Geschäften zu machen, in welchen die durch die Polizei von der Straße verwiesenen Drucksachen, Bilder, Ansichtspostkarten und Witzblätter nicht geführt werden. Die unanständigen Schriften sind dort aus den Geschäften wie Spreu verflogen; man war' es nicht mehr, sie auszulegen. weil man nicht dem Boykott verfallen will. Jetzt hat nun Hamburg das Beispiel Götlingens nachgeahmt. Allerdings ist ein so schneller und vor allem so allgemeiner Erfolg in einer Großstadt nicht zu erwarten. Gleichwohl wird sich auch in Hamburg viel erreichen lassen, um so mehr, als gerade der Zusammenhalt der besseren Kreise und damit das gesellschaftliche Beispiel eine ganz erhebliche Rolle spielt.
— Die sozialdemokratische Arbeitslosenzählung in Berlin ist ein tendenziöser Humbug ärgster Sorte. Man könnte nur wünschen, daß eine behördliche Nachprüfung der Hauslisten ins Werk gesetzt werden möchte. Vermutlich würde man dann ähnliche-Ergebnisse erzielen wie bei der famosen Massenpedition gegen den „B>-otwucher" mit ihren Millionen — fragwürdiger
- Unterschriften. In einem Falle ist bereits Von*ber
durchaus nicht verbrannt, sondern wies vielmehr einen etwas bleichen Teint auf.
Jetzt bewegte er sich in gebückter Haltung und war in solch tiefes Nachdenken versunken, daß er gar nicht merkte, was um ihn her vorging. Mehr als' einmal stöberte der Hund ein Stück Wild auf, bem er einige Schritte laut jagend nachlief. Doch mußte er immer wieder zurückkehren, weil sein Herr durchaus keine Miene machte, bie Waffe zu gebrauchen.
Der Jäger bog bald in einen Seitenpfad ein, welcher nach dem sogenannten Totensee führte.
Seinen Namen führte das Gewässer nach einem Vorkommnis aus der unglücklichen Zeit des Krieges 1807. Ein französischer Offizier verliebte sich in dieBraut eines Waldwärts, die den raffinierten Verführungs- künsten des hübschen jungen Mannes schließlich erlag. Kurze Zeit darauf war der Verführer spurlos verschwunden. Mehrere Leute wollten in der Nähe des Sees einen Schuß gehört haben, und so nahm man an, daß der erbitterte Bräutigam den Franzosen dort stellte und über den Haufen schoß. Ein an die Füße des Toten gebundener Stein ließ denselben dann wahrscheinlich auf immer im Wasser verschwinden. Der See war ungemein tief, er gab die Opfer, die er einmal erfaßte, selten wieder zurück.
Unter der etwas abergläubischen Bevölkerung hatte sich um den Ermordeten ein wahrer Legendenkreis gebildet. Manche, die nachts den Wald in der Nähe des Gewässers passierten, wollten herzzerreißende, klagende Laute und jammervolles Stöhnen vernommen haben. So mied man denn ängstlich die Stelle, wenn die Sonne das Firmament verlassen hatte.
Als ber Jäger aus den Bäumen hervortrat, bot sich ihm ein reizvoller Anblick dar. Von drei Seiten mit Wald umgeben, lag vor ihm der durch eine üppige Wiese umgrenzte See. Ein leichter Wind bewegte die fast schwarz gefärbten Fluten und zauberte kleine Wellen- kämme hervor. 160,18