mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 16.
Amtliches.
J.-Nr. 108 I. Die neuerbaute Heil- und Pflegeanstalt „Philippstift" zu Jmmenhausen, Kreis Hof- geismar, soll am 1. Mai d. Js. eröffnet werden. Die Anstalt soll ausschließlich zur Aufnahme von Jnvalidenrentenempfängern dienen, welche an*fd)roeren tuberkulösen- oder Krebs-Krankheiten leiden.
Die Rentenempfänger werden dort auf Kosten der Landesversicherungsanstalt dauernd verpflegt, sofern sie auf Aden Weiterbezug der Invalidenrente ausdrücklich verzichten.
Die Herrn Bürgermeister ersuche ich mir etwa in Betracht kommende Personen umgehend namhaft zu machen und eine entsprechende schriftliche Erklärung der betreffenden Rentenempfänger mitvorzulegen.
Schlüchtern, den 20. Februar 1909.
Der Kgl. Landrat: Valentine r.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag beendete am Donnerstag die erste Lesung der Bankgesetznovelle. Reichsbankpräsident Havenstein gab seiner Genugtuung über die im allgemeinen wohlwollende Aufnahme der Novelle Ausdruck, wiedersprach einer Verstaatlichung der Reichsbank mit Entschiedenheit und verteidigte die Diskontopolitik der Reichsbank. Der Abg. Dr. Frank (Soz) hatte an der Vorlage natürlich viel zu nörgeln. Schließlich wurde die Novelle an eine besondere Kommission verwiesen. — Am Freilag war Schwerinslag. Es wurde die bereits zweimal vertagte Debatte über den sozialdemokratischen Antrag wegen Einführung des Koalitionsrechts der Landarbeiter zu Ende geführt, der schließlich einer besonderen Kommission überwiesen wurde. Es ist noch ein Antrag der Polen, der die Freiheit des Grundeigenlums-Erwerbes fordert, und den Abg. v. Dziembowski eingehend begründete. Auch Graf Praschma (Z.), sowie die Abgg. Goihein (fr. Vg.) und Stadt- Hagen (Soz) traten für den polnischen Antrag ein. Dann vertagte sich das Haus bis Mittwoch.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete am Donnerstag die zweite Beratung des Bergetats. Dem Abg. Leinert (Soz ), der über Terrorismus der Bergverwaltung gegen die Bergarbeiter klagte, erwiderte Handelsminister Dr. Delbrück, daß der Fiskus sich eine politische Agitation auf seinen Werken nicht gefallen lassen könne, wenngleich er sich um die politische Gesinnung seiner einzelnen Angestellten nicht kümmere Durch viele Verbesserungen und Neuerungen sei viel
Mittwoch, den 24. Februar
für die Arbeiter getan worden. Schließlich wurde der Etat nach Ablehnung mehrerer Anträge genehmigt. Dann folgte die dritte Lesung der Pfarrerbesoldungsgesetze, von denen nach einer stundenlangen Rede des Abg. Hoffmann (Soz.), der für die Kirche überhaupt keinen Pfennig bewilligen will, das Gesetz für die evangelischen Geistlichen angenommen wurde. — Am Freitag wurde nach unerheblicher Debatte das Besoldungsgesetz für die katholischen Geistlichen in dritter Lesung unverändert angenommen. Dann wurden die sogenannten Deckungsgesetze beraten. In der Debatte dankte Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben der Kommission für die Einmütigkeit, die sich, wie bei den Besoldungsfragen, auch bei der Deckungsfrage geltend gemacht habe, hielt es aber für wünschenswert, daß die Steuerzuschläge für 1908 nachgezahlt werden, da sich sonst das Defizit für 1908 von 165 auf 195 Millionen Mk. erhöhen würde. Die sonstige Debatte brächte keine neuen Gesichtspunkte.
— Eine deutschnationale Jugendbewegung ist in Berlin als Gegengewicht gegen die sozialdemokratischen Jugendorganisationen ins Leben gerufen worden. Der „Deutschnationale Jugendbund" bezweckt die Fördemng der geistigen und körperlichen Ausbildung der jungen Leute, die Bekämpfung der Schundlueraiur, die Vertiefung vaterländischer Gesinnung usw. Für die Verwaltung sind ausschließlich junge Leute berufen, welche unter Aufsicht von älteren selbst zu allen Arbeiten herangezogen werden. Der Monatsbeirrag beträgt 20 Pfg. In der ersten öffentlichen Versammlung des Bundes, die in Berlin stattfand, wurde mitgeteilt, daß die Organisation auf das ganze Deutsche Reich ausgedehnt werden und in ständiger Fühlung mit den auf denselben Grundgedanken fußenden studentischen und sportlichen Organisation bleiben soll. — Man kann nur hoffen und wünschen, daß dieser Versuch die besten Erfolge haben möge.
. — Wegen Beleidigung der Verwaltung der Zeche Radbod ist der verantwortliche Redakteur der „Dortmunder Arbeiter-Zeitung" zu 500 Mark Geldstrafe und zur Tragung der Kosten verurteilt worden. Wohl nur dem Umstände, daß der Angeklagte noch nicht vorbestraft war, rettete ihn vor dem Gefängnis. Die Beweisaufnahme ergab die völlige Haltlosigkeit der von der „Arbeiter-Zeitung" erhobenen Anschuldigung.
— In der „Schles. Ztg." sucht ein praktischer Landwirt das Widerstreben mancher Kreise des Landbesitzes gegen die Nachlaßsteuer durch rigorose Aus«
>9. 60. Jahrgang. führung des Erbschaftssteuergesetzes zu erklären. Schließlich meint aber der Verfasfer, jeder mit dem Reich wohlmeinende Deutsche wünsche unbedingt, daß die Finanreform zustande komme und dürfte sich auch mit der in Aussicht genommenen Nachlaßsteuer zufrieden geben, wenn der Entwurf des Gesetzes in Entwurf des Gesetzes in großzügiger Weise eine Besteuerung des ländlichen und städtischen Grundbesitzes nach dem mittleren Wert regele.
— Die Kaiserin hat dem Vaterländischen Frauen- verein der Provinz Sachsen 1000 Mark für die Ueber» schwemmten überweisen lassen.
— Die schriftliche Form bei Lohnzahlungen wurde am Donnerstag in der Reichstagskonimission für die große Gewerbenovelle sehr eingehend erörtert. Es handelt sich bekanntlich um die Einführung der schriftlichen Abrechnung bezw. der Lohndüten bei Lohnzahlungen für alle Arbeiter in Betrieben mit mehr als 2o Arbeitern. Die Beratungen endigten mit einem Beschlusse in dieser Richtung. In Fabrikbetrieben soll ausnahmslos die Lohnzahlung innerhalb der Arbeitszeit erfolgen.
Anslanö.
— Die Amerikaner beabsichtigen, in Schanghai eine Universität größten Stils zu errichten. Die dazu nötigen Mittel sollen von Rockefeller stammen.
— Die Gendarmerie in Brüx ist einer weitverzweigten tschechischen antimilitaristischen Propaganda in den Kasernen, betrieben durch aktive Unteroffiziere tschechischer Regimenter, auf die Spur gekommen. Der Sitz der Bewegung ist Schlau, wo, wie erst jetzt bekannt wird, vor etwa drei Wochen eine geheime Ver> samaFung, in der 30 tschechische Unteroffiziere aus Prag teilnahmen, überrascht und aufgehoben wurde. Beteiligt sind die Präger Regimenter Nr. 11 und 75. Die antimilitaristische und hochverräterische Propaganda der tschechischen Naiionalsozialisten in den Kasernen war den Behörden schon seit längerem bekannt.
— Die Anerkennung Bulgariens als Königreich soll nach einer amtlichen bulgarischen Meldung seitens Rußlands, Frankreichs und Englands nunmehr erfolgt sein. König Ferdinand ist zum Begräbnisse des Großfürsten Wladimir nach Peiersburg abgereist, wo er mit königlichen Ehren empfangen werden wird. Die Nachricht hat in bulgarischen politischen Kreisen eine freudige Ueberraschung hervorgerufen'
— Die Kämpfe zwischen Revisionisten und Radikalen haben zur Spaltung der holländischen Sozialdemokratie
Künstlerblut.
Roman von Vera v. Baratowski. 66
„Da kam jener Abend, an welchem ich sie bei Zol- lers traf ... Meißner behandelte das Weib, zu dessen Füßen ich alles, was mein war, hingelegt hatte, roh. Sie bat mich, ihren Wagen vorfahren zu lassen. Ich tat es. Dann ersuchte sie mich, das Flacon, welches Meißner bewahrte, zurückzufordern. .. Auch das geschah .. aber als ich die Treppe Hinabstieg, schwirrten mir seltsame, peinliche Gedanken durch den Kopf. Ich zögerte, die Phiole abzugeben. Meine Cousine, die sehr erregt aussah, gestattete mir, sie nach Hause zu begleiten. Da versuchte ich noch einmal, sie meinen Wünschen geneigt zu machen. Aber sie hing an Hugo mit allen Fasern ihrer Seele und forderte, daß ich mich ihr nie wieder nähere... Da ergriff der Dämon Besitz von mir. Ich erwiderte: „Gut, Du sollst mich heute zum letztenmal gesehen haben!" und reichte ihr das Flacon mit dem tödlichen Gift.. .O Gott, tausend Leben hätte ich ja mit Freuden für Klothilde hingegeben, aber Meißner sollte die kostbare Perle nicht länger mit Füßen treten! An ihm wollte ich mich rächen, nicht an ihr. Wäre mir der letzte Wunsch, Hugo verurteilt zu wissen, erfüllt worden, so würde ich beglückt von der Welt geschieden sein... Aber das Schicksal gönnte mir auch diese Genugtuung nicht. Ein elender Polizeispion entlockte mir mein Geheimnis."
Sudowskys Kräfte waren erschöpft. Er versank in schwere Bewußtlosigkeit, die ihn bis zu seinem Ende gefangen hielt.
Hugo Meißner, in Freiheit gesetzt, wurde mit Kundgebungen aufrichtiger Teilnahme überhäuft, aber er war um viele .. viele Jahre gealtert und verfiel in lebensgefährliche Krankheit.
Professor Ernst Winter entriß den ehemaligen Freund mit unsagbarer Mühe und Aufopferung dem Tode.
Hugo erholte sich langsam.
„Ich möchte etwas von Flora hören," waren seine ersten Worte, als er wieder frei und klar zu denken vermochte.
„Sie ist meine Braut," erwiderte Ernst ruhig.
„Deine Braut?.. Gott segne Euch beide! Du hast den besten Teil erwählt."
„Auch Dir wird das Glück wieder lächeln."
„Mir nicht mehr! Ich verstand nie, es zu erkennen und festzuhalten. Deshalb entschwebte es mir... Ich denke jetzt oft an jenes Lied, das die arme, von mir so schwer verkannte Klothilde, mit besonderer Vorliebe sang, an jenes Lied von den beiden jungen Gesellen, dieauszo- gen, um das Glück zu suchen. Du bist der eine, der nach der schönen Wirklichkeit strebte, und ich jener Verblendete, den Sirenen lockten und riefen, und von dem es heißt:
„Und als er aufwacht vom Schlummer,
Da war er müde und alt.
Sem Schifflein lag auf dem Grunde, .
So still war's rings in der Runde,
Und über den Wassern war's kalt."
„Mich friert.. ich muß nach dem Süden. Grüße Flora!"
„Willst Du nicht Abschied von ihr nehmen?"
„Wozu denn? Was einst zwischen uns war, ist tot und begraben."
*
Meißners Name erlangte immer größere Bedeutung. Mehrere Werke des nun im Aus lande weilenden Künstlers machten Aufsehen; dann hörte man lange nichts mehr von ihm, und endlich kam die Nachricht, er sei in Venedig gestorben."
„Der mfide Erdenwanderer hat nun Ruhe gefunden," sagte Ernst zu seiner jungen Frau, an deren Wimpern Tränen schimmerten.
Sie schmiegte sich innig an ihn und flüsterte; „Ich
kann ihm mein tiefstes Mitleid nicht versagen, wenn ich bedenke, wie einsam und freudlos er starb .. und welche Fülle wonnigen Glückes diese Welt doch zu spenden vermag."
— Ende. —
Eine Range. Schusterlehrling (den der Meister tüchtig verprügelt): „Meester, det war heute Jlanz- wichse!"
Mildernder Umstand. Richter: „Sie haben dem Huberbauer eine Ohrfeige gegeben, daß er gegen den Porzellanschrank gepflogen ist?" — Angeklagter: „Ja, aber es ist nichts dabei zerbrochen!"
Zeitgemäßer Rat. „Was machen wir bloß mit unserem blinden Hektor. Ihn zu vergiften, kann ich mich nimmer entschließen." — „WeißtDuwas! Wir setzen ihn auf die Straße und lassen ihn von Radfahrern überfahren: dann kriegen wir noch Entschädigung."
Verkehrte Welt. Dienstmädchen (empört zur Madame) : „Das sage ich Ihnen, wenn Sie das Nachtkontrollieren nicht lassen, sind Sie bei mir die längste Zeit gnädige Frau gewesen."
Malice. Herr: „Morgen sehen wir uns nicht, ich feiere die silberne Hochzeit!" — Freund: „Das heißt, Deine Frau ihr Regierungsjubiläum!"
Netter Schwiegersohn. Frau: „Denke Dir, meine Mutter schreibt mir, sie habe ein Bein gebrochen." — Mann: „Krieg' ich eben einen Schreck, ich dachte schon, sie schreibt, daß sie uns besuchen will!"
Hinausgeschmissen. Herr: „Haben Sie auch die schönen Bodenteppiche im Treppenhause und auf den Stiegen des Herrn Kommerzienrats gesehen?" — Reisender: „Ja, aber ich habe sie nur flüchtig überflogen."
Drastischer Vergleich. „Sie, Herr Förster, haben Sie unseren jungen Baron schon zu Pferde gesehen?" — „Jawohl! Der sitzt ja auf dem Gaul wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel!" 155,18