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mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 12.
Deutsches Reich.
— Der englische Besuch. Das genaue Programm für den Besuch des englischen Königspaares in der deutschen Reichshauptstadt ist jetzt endgültig festgestcllt. Wie schon mitgeteilt, erfolgt die Ankunft am 9. Februar vormittags. Am 10. Februar mittags besucht König Eduard das Rathaus, wo festliche Tafel stattfindet und für die Masse der Gäste Büfetts aufgestellt werden. Es ist dies das erstemal, daß ein fremder Monarch die Gastfreundschaft der Reichshauptstadt genießt. Um 1 Uhr frühstücken der König und die Königin dann beim englischen Botschafter und nehmen von der englischen Kolonie eine Adresse entgegen. Abends findet im Weißen Saal ein Ball statt. Am Morgen des 11. Februar wird König Eduard im Offizierkasino des 1. Garde-Dragoner-Regiments frühstücken. Nachmittags will das Königspaar das Mansoleum in Potsdam besuchen, und abends ist Festvorstellung im Opernhaus. Am Morgen des 12. wird die Rückreise nach London angetreten.
— Die Kronprinzessin traf am Montag mittag 12 Uhr 56 Min. aus Schwerin wieder in Berlin ein.
— Prinz : und Prinzessin Heinrich von Preußen sind am Sonntag nachmittag von Kiel nach Berlin ab gereist.
— Fürst Max Egon Fürstenberg, der gegenwärtig in Petersburg weilt, kommt wie der „L.-A." meldet, zum Besuch des Kaisers nach Berlin und wird während des Aufenthalts des Königs von England dort verweilen.
— Zum Ehrendienst beim König von England, ist auch der Oberwerftdirektor Vizeadmiral von Usedom befohlen worden.
— Das Kaiserpaar in Frankfurt a. M. Wie das „Neue Stuttg. Tagbl." zu melden weiß, hat zu dem diesjährigen deutschen Männergesang-Wettstrni um den Kaiserpreis das Kaiserpaar seine Anwesenheit zugesagt. Im Gegensatz zu den Vorjahren soll jedoch auf Wunsch des Kaisers von besonderen Festlichkeiten abgesehen werden.
— Der Reichstag begann am Donnerstag die zweite Lesung des Etats für das Reichsamt des Innern. Die Abgg. Trimborn (Z.) und Bassermann (natl.) trugen allerlei sozialpolitische Wünsche vor, Abg. Pauli (kons.) trat zwar für eine Fortführung der Sozialpolitik ein, klagte aber über die den Arbeitgebern, namentlich den Handwerkern auferlegten zu hohen Lasten. Der
Künstlerölut.
Roman von Vera v. Baratowski. 62
„Nein, heute tauge ich wenig in lustige Gesellschaft. Gehen Sie ohne mich."
„Der Kuckuck soll mich holen, wenn ich's tue und einen Freund in so trüber Stimmung allein lasse. Mich werden Sie nicht los. Kaprizieren Sie sich darauf, daheim zu bleiben, nun gut, dann bin ich auch nicht fort zu bringen, sondern mache es mir hier bequem. Oder ist es Ihre Absicht, mich direkt vor die Tür zu setzen?"
„Das natürlich nicht, aber Sie dürften Ihren Entschluß mit einigen Stunden der furchtbarsten Langeweile büßen."
„Daraufhin will ich's wagen! Es wäre das erstemal, daß ich mich mitJhnen gelangweilt hätte. Was meinen Sie, wenn wir als Dritteim Bunde Göttin Fortuna einladen und ein Spielchen machen würden?"
„Diese Idee gefällt mir! Eine Aufregung verdrängt dann die andere."
Sudowsky klingelte und befahl dem Diener, im Salon Licht zu machen.
„Aber weshalb denn so viel Umstände? Hier ist es vielgemütlicher!"protestierte Glasneck. „Wenn Sie nichts dagegen haben, so ziehe ich vor, in diesem Zimmer, nach welchem ich mir mein eigenes möblieren möchte, zu bleiben."
„Der Gast hat natürlich zu bestimmen. Also, Thomas, hierher die Karten, einen kleinen Imbiß, Wein und Zigarren! Aber schnell! Du fängst ja seit einiger Zeit an, wie eine Schildkröte zu kriechen!"
Des Polen nervöse Erregung mußte sich an irgend etwas austoben und so versetzte er dem Bedienten einen Stoß, daß dieser förmlich bei der Tür hinaustaumelte und sich kaum auf den Füßen halten konnte.
„Sie bezahlen den Menschen gewiß fürstlich?" fragte Glasneck trocken.
Mittwoch, den 10. Februar
Abg. Hoch (Soz.), der an der Arbeiterschutzgesetzgebung kein gutes Haar ließ, wurde vom Abg. Mugdan (fr. Vp.) gebührend abgeferligt, der wieder nachwies, daß Deutschland gerade in der Arbeiterfürsorge an der Spitze marschiere. — Am Freitag wurde der Regierung die Indemnität für die Etatsüberschreitungen bei den Vorarbeiten für die Eisenbahn Windhuk'Rehobot in namentlicher Abstimmung mit 190 gegen 122 Stimmen bewilligt. Dann wurde die Beratung des Etats des Reichamts des Innern fortgesetzt, wobei Staatssekretär von Bethmann-Hollweg Mitteilungen über die Vereinfachung der Versicherungsgesetzgebung machte. Die Forderung nach Erlaß spezieller Vorschriften für die schwere Eisenindustrie lehnte er ab und erklärte die gesetzliche Regelung des Tarifwesens für keine dringende Notwendigkeit. Die Erhebungen über die Sonntagsruhe seien im Gange, und auch die Enquete über den Mittelstand werde fortgesetzt. Dem Abg. Hoch (Soz.) wurde zum Schluß wegen einer beleidigenden Aeußerung ein Ordnungsruf zuteil.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Donnerstag in dritter Beratung, also endgültig, die Besoldungsordnung für die Staatsbeamten nach unerheblicher Debatte einstimmig an. Nachher verhandelte das Haus noch über die Elberegulierung, speziell die Tieferlegung des sogenannten Kohlbrandes, die Eisenbahnminister v. Breitenbach begründete. Die Debatte bot keine besonderen Momente, und die Vorlage wurde schließlich einer besonderen Kommission überwiesen. — Am Freitag wurde der Gesetzentwurf betreffend die Erhöhung des Grundkapitals der Zentralgenoffenschafts- kasse von 50 auf 75 Millionen Mark beraten. In Vertretung des Finanzministers begründete Unterstaatssekretär von Dombois die Vorlage mit den geschäftlichen Verhältnissen der Kasse und dem Ausbau des ländlichen und gewerblichen Genossenschaftswesens ; er sprach die Hoffnung aus, sie werde für den Mittelstand in Stadt und Land von Segen sein. Die Abgg. v. Brockhausen (kons.) Faßbender (Z.) und Dr. Friedberg (natl.) stimmten namens ihrer Parteien der Vorlage zu, während Dr. Cröger (fr. Vp.) in einstündiger Rede die Tätigkeit der Preußenklasse und die einzelnen Punkte der Vorlage einer scharfen Kritik unterwarf. Der Präsident der Preußenklasse Dr. Heiligenstadt trat ihm kräftig entgegen und rechtfertigte die Geschäftsführung des ihm unterstellten Instituts. Dann wurde die Vorlage der Budgetkommission überwiesen.
— In Düsseldorf sind wegen Mißhandlung von
„Warum meinen Sie das?"
„Weil er sich solche Behandlung sonst nicht gefallen ließe!"
„Ja, ich bezahle ihn reichlich und drücke auch die Augen zu, wenn er mich betrügt. Weshalb auch nicht? Er ist geschickt, gehorsam, ich kann ungehindert meineübleLaune an ihm auslassen, und .. bestehlen würde mich doch jeder andere ebenfalls."
„Und dabei ist Ihnen wahrscheinlich dieser Thomas auch noch so ergeben wie einHund, der sich wohl,wenn's angeht, unerlaubter Weise ein Stück Fleisch von der Brätenschüssel holt, aber seinen Herrn im Notfalle mit scharfen Zähnen verteidigen würde."
„Der mich verteidigen? Nein, da irren Sie denn doch gewaltig. Nie hat es eine elendere, käuflichere Bedientenseele gegeben! An den ersten besten, der ihn mehr des klingenden Lohnes böte, würde er mich verraten. Deshalb schlafe ich auch nie, ohne einen geladenen Revolver neben meinem Bett liegen zu haben."
„Ha, ha, es muß doch ein beseligendes Gefühl sein, sich so kampfgerüstet dem Schlummergott in die Arme zu werfen... Kampfgerüstet ? Wie komme ich auf dieses Wort ? Ich meine, es kürzlich irgendwo gelesen zu haben, vermag mich aber jetzt nicht zu besinnen/ wo ..."
Des DienersEintrittunterbrach das Gespräch. Er deckte, brächte den Geschmack des Herrn kennend, verschiedene pikante Delikatessen, feurige Rot- - und Weißweine und in Eis gekühlten Champagner der teuersten Sorte. Dann rückte er einen Spieltisch zurecht, auf welchem die Karten plaziert wurden.
„So, jetzt geh! Wir bedienen uns allein. Käme jemand, so bin ich nicht zu Hause."
Sudowsky aß wenig, trank aber viel, rauchte die schwersten Zigarren und bemerkte kaum, daß sein Gast in dieser Hinsicht nicht gleichen Schritt mit ihm hielt. Sie begannen zu spielen.
Wenn der Pole die Karten zur Hand nahm, war es immer, als berührten seine Fingerspitzenden Draht einer
9. 60. Jahrgang.
Arbeitswilligen anläßlich des Streiks in den Wickingschen Hobelwerken mehrere „Genossen" zu größeren Freiheitsstrafen verurteilt worden. Ein „Genosse" erhielt 3 Jahre, ein anderer 7 Monate, zwei erhielten 4, zwei 3 und einer 1 Monat Gefängnis. Ein „Genosse" wurde zu drei Wochen Haft verurteilt, sieben wurden freigesprochen. Das Messer hatte bei den Kämpfen der zielbewußten Herren eine große Rolle gespielt.
— Eine polnische Hausagitation soll jetzt in die Wege geleitet werden, da das neue Vereinsgesetz die polnische Versamnilungstätigkeii trotz der auf die Dauer wohl nicht sehr zugkräftigen Aushilfe durch „stumme" Versammlungen zu sehr behindert. Der Straschverein macht in der Polnissen Presse bekannt, daß seine Mitglieder in den polnischen Familien erscheinen werden, um in ihnen im Sinne des sogenannten nationalen Katechismus des Vereins zu agitieren.
— Die Reichstagsersatzwahl und die Sozialdemo" kcatie. Wie bei den Reichstagswahlen im Jahre 1907, so hat die Sozialdemokratie auch bei den Ersatzwahlen, die seitdem stattgefunden haben, fast überall ziemlich schlecht abgeschnitten. Die Zahl der Stimmen, welche die roten Kandidaten auf sich vereinigen konnten, hat sich fast bei allen Ersatzwahlen gegenüber der Stimmen- zahl, die sie bei den Wahlen im Jahre 1907 erreichten, vermindert. Insgesamt hat die Sozialdemokratie seit 1907 9222 Stimmen verloren und nur 1898 Stimmen gewonnen. Die „Genossen" verloren bei der Reichstagsersatzwahl im Kreise Langensalza-Mühlhausen 406, bei der Ersatzwahl im Kreise Schleiden-Malmedy 235, bei der Ersatzwahl im Kreise Vechta-Kloppenburg 3215, bei der Ersatzwahl im Kreise Dinkelsbühl 625, bei der Ersatzwahl im Kreise Pleß-Rybnik 2, bei der Ersatzwahl im Kreise Emden Norden 795, bei der Ersatzwahl im Kreise Czarnikau-Filehne 321, bei der Ersatzwahl im Kreise Helmstadk-Wolfenbüttel 808, bei der Ersatzwahl im Kreise Memel-Heidekrug 1491, bei der Ersatzwahl im Kreise Prenzlau-Angermünde 1204 und bei der Ersatzwahl im Kreise Meseritz-Bomst 102 Stimmen. Einen Stimmenzuwachs hatten die Sozial- demokraten nur bei den Ersatzwahlen in den Kreisen Glauchau-Merane, Speyer-Ludwigshasen und Siegen- Wittgenstein zu verzeichnen. Gleich blieb ihre Stimmen- zahl bei den Ersatzwahlen in den Kreisen Wreschen- Pleschen, Daun-Prüm und Kroloschin. Die Herren „Genossen" erhielten nämlich in diesen drei Kreisen, wie im Jahre 1907, keine Stimme. Es sei schließlich bemerkt, daß die sozialdemokratische Stimmenzahl bei
elektrischen Leitung. Es rieselte ihm seltsam durch alte Nerven, bis zum Herzen und bis zu den feinsten Fasern des Gehirns. Zumal heute, wo er nicht mehr nüchtern war, gewannen die stereotyp lächelnden Gesichter der Figuren förmlich Leben. Sie sahen ihn an mit sonderbarem Ausdruck, bald wohlwollend, bald feindselig; sie schienen ihn jetzt zu ermutigen und in der nächsten Minute zu verhöhnen. Eine häßliche, quälende Vision, die er, immer wieder zum Glase greifend, verscheuchen wollte. Aber der Wein übte keine erheiternde Wirkung aus, sonder« zauberte nur unheimliche Bilder hervor.
Der Pole verlor, gewann, verlor wieder. Bald lag ein Berg von Goldstücken vor ihm, bald war dieser verschwunden und häufte sich dann neuerdings an. Jetzt beherrschte der Spielteufel Sudowsky vollständig, dem Schweißtropfen auf der Stirne perlten und langsam längs den Schläfen dahin rollten. Sein Antlitz, früher brennendrot, zeigte nun fahle, gelbliche Blässe, und seine Augen funkeltenwie die eines im DickichtverstecktenWolfes.
Glasneck entkorkte eine Champagnerflasche und füllte die Gläser.
„Die Glücksgöttin istheute unbeständiger als je, "scherzte er, „und begünstigt bald Sie, bald mich. Doch das ist so schöner Frauen Art. Wer von uns hätte noch nicht unter ihren Launen, unter ihrem ganz unberechenbaren Wesen zu leiden gehabt! Wenn es Ihnen beliebt, machen wir ein wenig Waffenstillstand und nehmen dann den Kampf von neuem auf."
„Ja, die Nacht ist noch lang," murmelte der Pole, „und wer van uns beiden gewinnt oder verliert, ist eigentlich ganz einerlei. Auch ein größerer Verlust würde weder Sie noch mich zu Grunde richten. Und doch spielt man mit einem Eifer, der den Schweiß aus allen Poren treibt und die Nerven anspannt bis zum Bersten."
„Weil man es nicht dulden mag, aus dem Sattel gehoben zu werden. Da sprechen eben Ehrgeiz und Eifersucht mit, zwei sehr gewichtige Dinge." ' 155,18