mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
rmM^izKM;nJMaa>-affi»ni»rmi■ ■ ■■ niiOTw«w'MMajMHii»iMi,wilr'i i ii.HmciwniiBiiiwii ■■um i n wi itrawmn.imm»i mi»»«Mtmi^M-j.»M«a»iiwMaiM»»Tf ————-
M 10.
Deutsches Reich.
— Aus Anlaß seines Geburtstages hat der Kaiser einer Reihe von elsaß-lothrinaischen Kriegsveteranen, die in der französischen Armee gedient und zum Teil gegen Deutschland gekämpft haben, jetzt aber Mitglieder von deutschen Kriegervereinen geworden sind, das allgemeine Ehrenzeichen verliehen-
— Aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers ist der erbliche Adel verliehen worden u. a. dem Eisenbahnminister Breitenbach, dem Oberpräsidenten der Provinz Sachsen Hegel, den Kommerzienräten Gebrüder Ernst und Konrad Borsig in Tegel bei Berlin.
— Aus Anlaß des Geburtstages Kaiser Wilhelms besuchten der König, der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland den im Piräus ankernden deutschen Kreuzer „Hertha". Für die tatkräftige Hülfeleistung, die die beiden Schiffsärzte des Kreuzers „Hertha" den Verwundeten von Messina geleistet haben, erhielten der erste Schiffsarzt, Marinestabsarzt Steinbrück die Krone zum Roten Adlerorden 4. Klasse und der zweite Schiffsarzt, der Marineoberassistenarzt Dr. Oehme den Kronenorden 4. Klasse.
-- Der Kronprinz und die Kronprinzessin werden, endgültiger Bestimmung zufolge, am Freitag, den a. Februar, zu mehrtägigem Besuche am Großherzoglichen Hofe in Schwerin eintreffen.
— Der Gesandte in Venezuela, Freiherr von Seckendorff, wird binnen kurzem seinen Posten mit längerem Urlaub verlassen. In seiner Vertretung geht Legationsrat Romberg, zurzeit ständiger Hilfsarbeiter im Auswärsigen Amt, als Geschäftsträger nach Caracas.
— Der Reichstag setzte am Donnerstag die Beratung des sozialdemokratischen Antrags über das Koalitionsrecht der Landarbeiter fort. Fast alle Parteien legten nochmals mehr oder weniger ausführlich ihren Standpunkt in dieser Frage dar, besonders eingehend und ermüdend der Abg. Brey (Soz.), der nahezu zwei Stunden sprach. Von konservativer Seite wurde der sozialdemokratische Antrag glatt abgelehnt. Abg- v. Bolko (kons.) betonte, daß die Landwirte mit ihren Arbeitern durchaus gut auskommen und auch weiter treu zu ihnen halten wollen. Abg. Werner (Resp) erklärte, die Landarbeiter seien zufrieden, sie würden erst unzufrieden gemacht. Zu einer Abstimmung kam es nicht. — Am Freitag wurde über die Zentrumsinterpellation betreffend Führung schwarzer Listen seitens der Bergbauinteressenten ver-
Mittwoch, den 3. Februar
handelt. Staatssekretär v. Btthmann-Hollweg beantwortete die Interpellation dahin, daß die Regierung zwar bedauere, wenn der wirtschaftliche Kampf solch gehässige Formen annehme, daß aber ein Eingreifen der Gesetzgebung nur erfolgen könne, wenn der Boykott von beiden Seiten unter Strafe gestellt werde. Im übrigen warnte der Staatssekretär vor neuen Gesetzen; denn die sozialpolitischen Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitern seien so stark, daß tote Gesetzesbuchstaben sie nicht zu überbrücken vermögen. Nach längerer Debatte wurde die Besprechung auf Sonnabend vertagt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Donnerstag nach Erledigung kleinerer Vorlagen die zweite Beratung der Beamtenbesoldungsvorlagen. Auf Vorschlag des Abg. Hennigs (kons.) wurden die einzelnen Beamtenkategorien in vier verschiedene Gruppen geteilt und zunächst die Klassen I und II, die eine große Anzahl der Unterbeamten umfassen, beraten. Von sozialdemokratischer Seite lagen Anträge auf weitere Erhöhung der Beamtengehälter vor, die einen Mehraufwand von 17 Millionen erfordern würden. Die Redner sämtlicher bürgerlichen Parteien wandten sich ebenso wie der Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben gegen diese Anträge, weil die finanziellen Verhältnisse es nicht gestatten und die Deckungsfrage für die von der Kommission gutgeheißenen Mehraufwendungen schon reichlich schwierig gewesen ist. — Am Freitag wurde schnelle Arbeit verrichtet und die gesamte allgemeine Beamtenbefoldungsvorlage in einer etwa sechsstündigen Sitzung zu Ende geführt. Es wurden in allen Punkten die Kompromißbeschlösse angenommen Auch die von der Kommission vorgeschlagenen Resolutionen auf baldige Regelung des Mittelschulwesens und Schaffung eines Beamtenrechts wurden vom Hause gebilligt.
— Berlin. Während der Papst in früheren Jahren den deutschen Kaiser zu seinem Geburtstage nur telegraphisch beglückwünschte, sandte er ihm diesmal ein überaus warm gehaltenes Handschreiben in französischer Sprache. Pins X. bringt darin dem Kaiser seine „ sincere affection“ zum Ausdruck und knüpft daran den Wunsch, mit ihm die herzlichsten Beziehungen auch fürderhin zu pflegen.
AusianS.
— Paris. Der „Opinion" zufolge war dem Geheimpolizisten Azew, dem früheren Führer der russischen revolutionären Partei, von einer höheu Per-
9. 60. Jahrgang.
swawaawaaigiflMMSBBMiM!^ a
sönlichkeit des russischen Hofes eine Million Francs versprochen worden, falls er den Zaren durch Terroristen ermorden lasse. Der Anschlag sollte während der Begegnung des französischen Präsidenten mit dem Zaren zu Reval erfolgen. Nur dem Umstand, daß die Attentäter das Leben des Sohnes des Zaren, der neben ihm stand, schonen wollten, sei die Nichtausführung des Anschlages zu danken.
— Rom. Massengräber in Messina. Zwei grausige Einrichtungen, die viele Monate in Wirksamkeit bleiben werden, wurden am 27. Januar in Messina eröffnet, zwei.große Leichenschauhäuser. An beiden Enden der Stadt wurden die bisher gefundenen Leichen in Massengräbern bestattet. Von jetzt an werden täglich etwa hundert Leichen in die Leichenhäuser gebracht. Sie sollen dort festgestellt werden, aber das ist meist sehr schwer, und so werden sie oft eingesegnet und unerkannt bestattet. Die Leichen werden von Soldaten und Arbeitern beständig hereingebracht. Bei den meisten ist die Verwesung noch nicht weit vorgeschritten, da sie, von der Luft abgeschlossen, unter dem Schult gelegen haben. Doch manche sind schon völlig unkenntlich geworden. Sie werden durch Ringe und Kleider erkannt. Die Leiche eines reichen Fruchlhändlers wurde durch ein künstliches Gebiß festgestellt. Wie lauge diese traurige Arbeit noch dauern wird, ist daraus zu ermessen, daß die Leichenkommission die unter General Mazzas Vorsitz steht, erklärte es lägen noch 50 000 Leichen unter den Trümmern, vielleicht sogar 60 000. Inzwischen beginnt der Wiederaufban der Stadt auf dem bisher unbebauten Gelände.
. Wien. Im Luftschiff über die Alpen. Eine ebenso schwierige als interessante Ballonfahrt haben am Montag die österreichischen Erzberzöge Josef Ferdinand und Heinrich ausgeführt. Es gelang ihnen als ersten, die Nordkette der Zentralalpen, das Karwendelgebirge im Luftballon zu überqueren. Nachdem sie am Montag früh mit dem Ballon „Salzburg" in Innsbruck aufgestiegen waren, flogen sie zunächst im Jnntal bis nach Schwaz, dann in einer Höhe von 2700 Metern über den Bettelwurf und landeten nach- niittags im Gießenbacher Tal bei Scharnitz an der bayerischen Grenze.
— Der kleine noch nicht vierjährige Kaiser von China ist an den Blattern erkrankt. „Times" läßt sich aber melden, daß einer erfolgten Bekanntmachung zufolge der Gesundheitszustand des Kaisers nicht zu Besorgnissen Anlaß gibt.
KünstleröluL.
Roman von Vera v. Baratowski. 60
Auch Ernst Winter, der so oft kam, als es ihm sein Beruf gestattete, vermochte daran nichts zu ändern. Westbergs Stirnblieb umwölbt, und sein ganzes Wesen zeigte eine seltsame Ruhe.
Ernst, der seit dem Vorabend des letzten Weihnachtsfestes wußte, daß Flora sich völlig von der Vergangenheit losgerungen, und ihm ihr Herz geschenkt habe,wünschte dringend die Veröffentlichung der Verlobung, stieß aber dabei auf ungeahnten Widerspruch.
„Jetzt wäre es nicht an der Zeit, eine solche Bekanntmachung zu erlassen," erklärte der Hauptmann.
„Weshalb denn?"
„Weil es fast aussähe, als läge mir daran, meine Richte und Pflegetochter so rasch als möglich unter Deinen Schutz und Deine Obhut zu retten. Solcher Eile bedarf es aber nicht. Fräulein von Henck hat nichts zu verstecken und zu bemänteln. Sie darf der Verleumdung kühn die Stirn bieten."
„Der Verleumdung? Wagte jemand eine unehrerbie- 1ige Aeußerung?"
„Meinst Du, wenn das geschehen wäre, würde ich mich damit begnügen, es nur so obenhin zu erwähnen? Rein, dann hätte ich sofort Rechenschaft gefordert, denn mein Auge ist noch scharf, mein Arm stark genug, um es zu tun. Nein, niemand wagte Schlamm auch nur auf den Rand ihres Gewandes zu spritzen, niemand in meiner Gegenwart anders als mit schuldiger Hochachtung von dem Mädchen zu sprechen. Aber weiß ich, auf welch heimlichen Schleichwegen man sich doch demZiele, ihren guten Namen zu untergraben, nähert?"
„Meiner Braut tritt niemand zu nahe, dessen sei gewiß."
„Es handelt sich jetzt nicht um Deine Braut, sondern «m meine Nichte, und über diese gab ich das Recht des
Vormundes bis jetzt nicht aus den Händen. Höre auf, in mich zu dringen. Freudigen Herzens vertraue ich Dir Floras Zukunft an, Du mußt aber noch Geduld üben. Deinen Wünschen schon jetzt unter den obwaltenden Umständen zu willfahren, verträgt sich nicht mit meinen Ansichten."
„In welch' unglückseliger Stimmung befindet er sich nur?" äußerte der Professor. „Wie ist es möglich, daß er so das seelische Gleichgewichtverlor? In der Meinung jedes gerecht und vernünftig denkenden Menschen steht Ihr beide unantastbar hoch, ein giftiges Reptil aber, das einem über den Weg kriecht und sein Gift verspritzen will, stößt man mit dem Fuß weg oder zertritt es." Betroffen blickte er dem alten Mann nach.
„Wohl hast Du recht," antwortete Flora, „und dennoch .. dennoch komme ich selbst nicht über die letzten Ereignisse und ihre Konsequenzen hinweg."
Die Worte der armen, bejammernswerten Frau prägten sich meinem Gedächtnis tief ein. Ich prüfte mich so oft seitdem, als gelte es, den Seelenzustand einer Fremden zu erforschen. Ich suchte in den verborgensten Tiefen meines Innern, ernstlich entschlossen, nichts zu beschönigen und mir zu verbergen.
Aber mein Gewissen ist rein, das darf ich bei dem Andenken an meine verstorbene Mutter behaupten. So wahr ich sie einst wiederzusehen hoffe, so schuldlos bin ich an der traurigen Wendung, welche die Dinge nahmen. Wohl fügte Klothilde mir einst bitteres Leid zu, doch nie kam mir der unedle Gedanke, mich dafür zu rächen."
„Das weiß ich," erwiderte Ernst, ihrtief in dieblauen Augen sehend. „Anders denken oder auch nur den schwächsten Zweifel hegen, wäre die ärgste Versündigung an Tugend und Seelenadel."
Sie drückte seine Hand. „Ich bin ja fest überzeugt, daß Du an mich glaubst, aber trotzdem kann ich nie wieder froh werden, wenn Meißner diese Untat wirklich beging, und wenn ich mich auch nur als indirekte Ursache derselben betrachten muß. Es ist ein so schrecklicher Gedanke!
Hätte Gott mich doch lieber von der Welt genommen, ehe es dahin kam!"
„Quäle Dich nicht mit folgen Voraussetzungen," erwiderte Winter. „Die Bande der Freundschaft zwischen mir und Hugo lockerten sich seit zwei Jahren. Sein Wankelmut und seine Charakterschwäche stießen mich ab, und so wandte ich mich von ihm. Für einen schlechten, verdorbenen Menschen hielt ich jedoch Meißner, trotz seiner vielen Fehler, niemals und möchte deshalb, so schwer auch das gegen ihn vorliegende und sich täglich vermehrende Belastungsmaterial wiegt, behaupten: Klothildes Mörder ist er nicht."
„Ließe sich das feststellen, welche Bürde wäre dann von mir genommen!" rief Floradie Händefaltend. „Mit welchem Seelenfrieden würde ich jener Weihnachtszeit gedenken, diemirso viel Leid . .und so viel Glück brächte."
„DoktorHanisch, den ich neulich sprach, gibtdieSache, so schlecht sie auch steht, noch nicht verloren. Er ist ein ebenso kluger als ehrgeiziger Advokat. Hat er, wie ich fast vermute, eine Spur gefunden, und sei diese auch noch so schwach und verwischt, so wird er ihr beständig und mit Beharrlichkeit nachgehen, sie nicht aus den Augen verlieren, und mit Hilfe der Kriminalpolizei rastlos verfolgen."
„Was weißt Du darüber, Ernst? O, verschweige es mir nicht!" bat sie, sich lebhaft zu ihm wendend.
„Nichts weiß ich, Liebste, nichts, als was ich eben sagte. Hanisch machte mir, seinem Jugendfreunde, einige flüchtige Andeutungen, ohne mich jedoch genauer in den Gang der Untersuchung einzuweihen. Das konnte und durfte er ja nicht, denn gerade in solchen Fällen muß das Geheimnis strengstens bewahrt werden. Nur eines darf ich Dir versichern: Der -ausgezeichnete Rechtsanwalt ist eifrigst bemüht, die Ungerechtigkeit der wider Meißner erhobenen Anklage an den Tag zu bringen."
„Möge Gott diese Bestrebungen segnen und uns allen damit den verlorenen Frieden wiedergeben!" sagte Flora, zu dem sternfunkelnden Himmel emporblickend.
* , * 155,18