chlüchter
mit amtlichem Areisblatt. 2HonatsbeiIage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat der Königin von Italien den Luisen-Orden verliehen. „Popolo Romano" bemerkt dazu: Dieser liebenswürdige und spontane Entschluß des befreundeten und verbündeten Herrschers werde von allen Italienern ohne Ausnahme mit aufrichtiger Befriedigung ausgenommen werden.
— Die Sammlung des Kronprinzenpaares für Radbod hat mit 300 000 Mk. ihren Abschluß gefunden. Bei der großen Anzahl der einzelnen eingegangenen Beiträge ist es nicht möglich gewesen, allen hülfsbe^ reiten Spendern den Empfang der Summe besonders zu bestätigen. Die kronprinzlichen Herrschaften haben sich daher zur Veröffentlichung ihres Dankes in der Presse entschlossen.
— Prinz Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach ist in der Heilanstalt Neu-Wittelsbach bei München gestorben. Er war der dritte Sohn des am 31, August 1901 gestorbenen Prinzen Hermann und seiner Gemahlin Auguste Prinzessin von Württemberg. Er wurde am 9. August 1859 geboren, war Dr. jur., Königlich württembergischer Oberst und Kommandeur der 21. Kavallerie-Brigade. Er war nicht verheiratet und lebte in Frankfurt a. M.
— Der Reichstag führte am Sonnabend die erste Beratung des Arbeitskammergesetzes zu Ende. Sämtliche Redner der bürgerlichen Parteien, die Abgg. Dr. Hoeffel (Rp.), Behrens (wirtsch. Vg.), Kulerski (Pole) und Potthoff (fr. Vg.) sprachen sich für die Vorlage aus und nur der Sozialdemokrat Severing dagegen. Die Vorlage wurde einer besonderen Kommission überwieeen. — Am Montag wurde mit der zweiten Lesung des Etats der Reichsjustizverwaltung begonnen. Auf mehrere Anfragen der Abgg. Dr. Wagner (kons.) und Belzer (Z.) erklärte Staatssekretär Dr. Nieberding, daß die Arbeiten betr. die Reform der Strafprozeßordnung vom Bundesrat nach Kräften gefördert worden seien und wohl nach Abschluß der Etatsberatung die Vorlage beim Reichstag eingehen werde. Die Entlastung des Reichsgerichtes bezeichnete der Staatssekretär als sehr wünschenswert, lehnte aber die Vermehrung der Senate ab ; auch die Erhöhung der Kompetenzsumme und die Beschränkung der Revision hält er für sehr bedenklich und stellte schließlich die Einbringung einer Vorlage in Aussicht. Die Debatte, an der sich die Abgg, Dr. Heinze (natl.), Heine (Soz.), Dr. Ablaß (fr. Vp), Schack (wirtsch. Vg.) und Dr. Becker (Z.) beteiligten, brächte nichts wesentlich Neues.
Mnstlerölut.
Roman von Vera v. Baratowski. 57
„Aehnliches hat sie allerdings gesagt. Und wär's auch nicht der Fall gewesen, hätte sie nie den Mund aufgetan, um über ihr häusliches Elend und überdieschweren Kränkungen, die sie täglich erlitt, zu klagen, so wüßte ich dennoch, daß sie die eroarmungswürdigste Frau von der Welt war, und daß ihre großen Opfer nur mit Undank vergolten wurden. Ich habe ja fortwährend den ganzen Janimer vor Augen gehabt, und ihn mit empfunden; denn Klothilde ist mir so teuer gewesen wie mein eigenes Kind. Ich habe sie genährt, auf meinen Armen getragen, aufgezogen, ihr die früh verstorbene Mutter ersetzt, sie gepflegt und verhätschelt. Ich war stolz auf die Schöne, Vielumworbene und bildete mir ein, selbst im- mer um einige Stufen höher zu stehen, wenn man das junge Mädchen im Theater so feierte, und wenn wir nie Heimfuhren, ohne Blumen und Kränze mitzunehmen. Als dann Herr Wladimir von Sudowsky sie heiratete, wie wurde mein Liebling da auf denHänden getragen! Nie gab's wohl eine Frau, die man heißer anbetete, der man mehr zu Füßen legte! Und in den letzten Jahren .. ja .. da ist ihr nichts an Schmerz und an Demütigung erspart geblieben. Da hab' ich's mit ansehen müssen, daß man ihr begegnete wie einer, deren man je eher je lieber los und ledig werden möchte."
Wer die alte Dienerin beobachtete, konnte nicht im Zweifel sein, wem ihre erbitterten Vorwürfe galten.
Haase stellte noch verschiedene Fragen und beendete dann diese erste Vernehmung.
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Klothilde wurde unter großer Teilnahme der Bevölkerung zur Ruhe bestattet. 'Der rätselhafte Vorfall hatte ungeheures Aufsehen gemacht und in allen Schichten der Gesellschaft höchste Erregung hervorgerufen. Man sprach gegenwärtig von nichts anderemund stellte die abenteuer
Samstag, den 23. Januar 1909
60. Jahrgang. kmwk^
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Montag mit der ersten Lesung des Etats. Abg. v. Pappenheim (kons.) legte den Beamten nahe, keine übertriebenen Forderungen zu stellen, sondern sich nach der Finanzlage zu richten Eine Wahlrechtsänderung lehnte er ab. Abg. Frhr. v. Zedlitz (frkons.) beschäftigte sich eingehend mit der Frage der Vereinfachung der Verwaltung und trat lebhaft für größere Sparsamkeit bei den fiskalischen Bauten, namentlich bei der Eisenbahnverwaltung, ein. Demgegenüber versicherte Eisenbahnminister Breitenbach, daß er in seiner Verwaltung soviel wie möglich sparen wolle und der Personalbestand vermindert worden sei, Der Verkehr aber, die Sicherheit des Betriebes dürften nicht beeinträchtigt werden. Zum Schlüsse sprach er die Hoff- 'nung aus, daß die gegenwärtige schlechte wirtschaftliche Konjunktur bald eine Besserung erfahren werde.
— Beim Krönungs- und Ordensfest wurden insgesamt 3895 Auszeichnungen verliehen.
— In Sachen der Förderung des Kriegervereinswesens wird eine bemerkenswerte Neuerung gemeldet. Die preußische Regierung hat sich bereit erklärt, dort, wo es an geeigneten Kriegervereinshäusern mangelt, zu deren Bau die erforderlichen Mittel zu gewähren. Schon vor einigen Jahren hat der Oberpräsident von Posen in diesen! Sinne gehandelt, wodurch vielen Kriegervereinen in der Provinz Posen die Schaffung eines eigenen Heims ermöglicht wurde. Durch diese Betätigung des Staates erhofft man eine noch stärkere Ausdehnung des Kriegervereinswesens, da eigene Räume mit Bibliothek, Spielsaal usw. viel zum Zu- sammenschluß der ausgedienten Soldaten beitragen dürften.
— Nach der „Frkf. Ztg." verlautet, daß Oberpräsident v. Schorlemer das Schloß Stolzenfels angekauft hat. Der Preis ist unbekannt.
— Köln. In das Präsidium des großen Ausschusses zur Errichtung eines Bismarck-Nationaldenk- mals am Rhein ist auch Fürst Friedrich zu Wied eingetreten. Den Vorsitz in diesem Präsidium führt der Reichskanzler.
Ausland.
— Aus Anlaß des Erdbebenunglücks in Süditalien erließ, wie bekannt, der König von Italien einen Tagesbefehl, in dem er auch der Hilfstätigkeit der fremden Schiffe dankbare Anerkennung zollte. Der
lichsten Vermutungen an. Unaufhörlich wurde die Frage: „Mord oder Selbstmord?" aufgeworfen, erörtert, umstritten und gab somit auch Gelegenheit zu dem Austausch lebhafter Meinungsverschiedenheiten.
„Wäre letztere Annahme unbedingt zu bejahen, dann würde man die Sache vertuscht und eine natürliche Todesursache vorgeschützt haben," dachten viele.
Die Voraussetzung, daß Frau Eufemi-Meißner freiwillig aus dem Leben geschieden sei, verlor jedoch immer mehr und mehr an Boden und schien endlich nach den Aussagen vereidigter Zeugen völlig ausgeschlossen.
Alle Personen, welche die Verhältnisse der Verstorbenen näher kannten, bekundeten, was ohnehin ein öffentliches Geheimnis war, daß sie in höchst unglücklichen häuslichen Verhältnissen lebte. Schwer belastende und Hugo Meißner kompromittierende Aussagen machten vor allen: Liska,Herrvon Sudowsky und dieKammerjungferLouise. Stetstauchten neue verwirrende Gerüchte auf, deren sich die sensationslüsterne Menge bemächtigte und sie mit allerlei Zutaten eigener Erfindung ausschmückte.
Plötzlich verbreitete sich abermals eine aufregendeKunde in der Stadt: Meißner war auf Grund dringenden Verdachtes, Gift statt des früheren unschuldigen Inhaltes in das Facon gefüllt und so das rasche, furchtbare Ende seiner Gemahlin herbeigeführt zu haben, verhaftet worden.
Sudowsky, der alljährlich mehrere Wintermonate in der Residenz M.... verlebte und hier einen großen, gediegenen Bekanntenkreis hatte, durfte schon auf Glaubwürdigkeit Anspruch erheben. Allerdings klagte er den Gatten seiner Cousine durchaus nicht an, hielt aber auch mit der Wahrheit keineswegs zurück, und seiner Schilderung nach mußte das eheliche Verhältnis Meißners und Klothildes, ein geradezu entsetzliches, kaum mehr zu ertragendes gewesen sein.
In gleicher Weise äußerten sich die Dienerinnen Liska und Louise, außerdem gaben viele andere Personen, unter ihnen Baron und Baronin von Zoller zu: die beiden gefeierten Künstler hätten im argen Unfrieden ge
italienische Marioeminister, Vizeadmiral Mirabelle, hat nun bei Uebersendung dieses Tagesbefehls an den deutschen Botschafter in Rom die Tätigkeit S. M. S. „Hertha" und des Lloyddampfers „Bremen" rühmend hervorgehoben und die „ersehnte Gelegenheit ergriffen, um als Seemann seine persönliche Bewunderung für den Mut und die pietätvolle Gesinnung zum Ausdruck zu bringen, von denen die tapferen Kameraden der deutschen Marine so hohe Proben abgelegt haben "
— Aus dein Erdbebengebiet in Süditalien werden wieder starke Erdstöße gemeldet.
— Die Versuche mancher englischen und dänischen Kreise, zwischen Deutschland und Dänemark Mißtrauen zu säen, werden von dem dänischen Ministerpräsidenten Neergaard, der zugleich Kriegs- und Marineminister ist, in schärfster Form zurückgewiesen. Er hat sich einem dänischen Journalisten gegenüber über die Flottenübungen der deutschen Marine in dänische» Gewässern ausgesprochen, über die in einem Teil der Presse die unsinnigsten und weite Kreise beunruhigende Gerüchte verbreitet wurden. Er erklärte, daß von deutscher Seite nicht das mindeste geschehen wäre, wodurch Dünemark sich beunruhigt oder in seinem Hoheitsrechte gekränkt fühlen mußte. Derartige Manöver wären deutsches Recht und durchaus verständlich und alle entstellenden Berichte darüber beklagenswert und schädlich.
— Ein verschwundenes französisches Unterseeboot ist jetzt durch einen Zufall entdeckt worden. Im Marinearsenal von Cherbourg wurde gelegentlich der Inventur ein vor drei Jahren wegen Wellenbruchs ins Dock verbrachtes dort abgerüstetes Unterseeboot in stark angefaultem Zustande gefunden. Das Boot war bis jetzt vollständig vergessen worden. Die Blätter greifen die Marineverwaltung wegen dieser neuen unglaublichen Nachlässigkeit heftig an.
— Aus Petersburg wird eine schwere Niederlage der persischen Revolutionäre gemeldet; ihre Hochburg Täbris ist gefallen. Den Truppen des Schahs soll es endlich gelungen sein, die Revolutionäre zu besiegen und Täbris einzunehmen. Massenhinrichtungen finder dort im Namen des Schahs statt. Viele Bewohner fliehen über die russische Grenze, wo viel russisches Militär bereit steht, um einzuschreiten, sobald Europäer angegriffen werden oder das Blutvergießen um sich ! greifen sollte.
lebt. Nur an ihrem letzten Lebensabende sei die Primadonna mit strahlender Miene am Arme des Gatten erschienen, offenbar glücklich und in frohen Zukunftshoffnungen schwelgend.
„Sie entfaltete noch einmal ihren ganzen bestrickenden Liebreiz, den ihr eigenen, berückenden Zauber," erklärte die Baronin, „und sang so wundervoll, daß jeder Zuhörer sie wieder im Vollbesitz ihrer Mittel glauben mußte. Niemand zweifelte an einer gänzlichen Aussöhnung der lange entziveiten Gatten. Da kam es unerwarteterweise und aus geringfügiger Ursache abermals zu einem unangenehmen Auftritt. Der Verstorbenen Stimmungen pflegten stets jäh zu wechseln. So geschah eS auch an jenem Abend: ihr entzückender Frohsinn schwand nach kurzer Unterredung mit Meißner und machte der düstersten Laune Platz. Trotz allen gütlichen Zuredens bestand Klothilde darauf, sich zu entfernen, aus welchen Gründen ist mir unbekannt. Ich wollte, des neuerdings gefährdeten Friedens wegen, Meißner von einem nur gegebenen Versprechen lösen und ersuchen, seiner Gemahlin nachzugeben, wurde aber leider momentan aufgehalten, sah dann Herrn von Sudowsky bei ihm stehen und zog mich, der Sache so große Wichtigkeit nicht beilegend, und von meinen Hausfrauenpflichten in Anspruch genommen, zurück."
Befragt, ob sie Meißner des Mordes für fähig erachte, verneinte Frau von Zoller entschieden, und in gleicher Weise äußerte sich der Baron.
Verschiedene andere Aussagen ergaben Widersprüche, lauteten aber doch in der Mehrzahl belastend.
Immer wieder erfolgten Vorladungen neuer Zeugen, ohne daß deren Bekundungen Licht in dieses Dunkel gebracht hätten. Die Minorität sagte zu Gunsten, die Majorität zu Ungunsten des Angeklagten aus. Der Prozeß drohte sich sehr lange hinzuziehen. Hugo Meißner befand sich, seit er in Untersuchungshaft war, in stets zunehmender hochgradiger Erregung und führte seine eigene Sache schlecht. 155,18