mit amtlichem^Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher
^x> W^ Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 20. Januar 1909.
60. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Der Reichstag hat am Dienstag wieder die erste Sitznng nach den Weihnachtsferien abgehalten. Präsident Graf Stolberg begrüßte die Versammlung zum neuen Jahre und machte dann geschäftliche Mitteilungen. Eine große Feierlichkeit lag über dem Hause, als der Präsident die italienische Katastrophe erwähnte. Einmütig erhob sich die Versammlung und nahm die Mitteilung des Präsidenten stehend entgegen. Nach Eintritt in die Tagesordnung wurde eine Anzahl von Berichten der Pelilionsanträgen erledigt. — Am Mittwoch wurden hauptsächlich Rechnungssachen erledigt, wobei namentlich vom Zentrum und Sozialdemokratie scharfe Angriffe wegen Elatsüberschreitungen gegen die Regierung gerichtet wurden. Am Schlusfe der Sitzung wurde die Wechselstempel-Novelle in erster Lesung genehmigt und dann die erste Beratung des Gesetzentwurfs über die Einwirkung von Armemmterstützüng auf öffentliche Rechte in Angriff genommen. Staats sekretär v. Bethmann-Hollweg erläuterte die sozimpo-' lilische Bedeutung der Vorlage, die von allen Parteien mit Wohlwollen ausgenommen wurde. — Der Reichstag nahm am Donnerstag den Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und San Salvador in erster und zweiter Beratung ohne Debatte an. Ferner wurde der Entwurf über den Einfluß der Armenunterstützung auf das Wahlrecht einer besonderen Kommission über- wiesen. Dann folgte die zweite Beratung des Gesetzentwurfes über die Preisfeststellung beim Markthandel mit Schlachtvieh, der nach den Vorschlägen der Konservativen angenommen wurde. Schließlich wurden noch verschiedene Petitionen erledigt. - Am Freitag wurde mit der Beratung des Arbeitskauiniergesetzes begonnen. Staatssekretär v. Beihmann-Hollweg leitete die Debatte mit einer längeren übersichtlichen und wohldurchdachten'
Rede ein. Er betonte, daß die Bedeutung der Vorlage in der Ermöglichung gemeinsamer Beratung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern liege, von der er sich eine Ucberdrückung der Gegensätze verspricht. In eingehender Weise polemisierte er gegen all die anderen Arten von Arbeiter- und Arbeitskammern, wie sie von den verschiedensten Seiten vorgeschlagen worden sind, und kam zu dem Ergebnis, daß die Arbeitskammern paritätisch und fachlich gegliedert werden müssen. Aus dem Hause erklärten sich die Abgeordneten Trimborn (Z.), von Winterfeld (kons) und Hehl zu Herrnsheim (natl.) im allgemeinen mit der Regierungsvorlage einverstanden, während sich Abg. Legien (Soz.) natürlich ablehnend verhielt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Dienstag seine Arbeiten nach der Weihnachtspause wieder auf. Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben brächte den Etat mit einer längeren Einführungsrede ein, in der er das Defizit der Jahre 1907, 1908 und 1909 auf 71,8 165 und 176 Millionen Mark bezifferte. Nach der Etatsrede setzte das Haus die Besprechung der Interpellation wegen der Linderung der Arbeitslosigkeit fort. An der Debatte beteiligten sich die Abgeordneten Lusensky (natl.), v. Dirksen (frkons.), Giesberts (Z.) und Gyßling (fr. Vp.). — Am Mittwoch wurde zunächst die Besprechung der Anträge über die Arbeitslosigkeit zu Ende geführt. Dann beschäftigte sich das Haus mit der Interpellation Roeren betreffend die sogenannte Nacktkultur. Der Minister des Innern v. Moltke beantwortete die Interpellation dahin, daß die Polizei nicht genügende Handhaben besitze, um gegen die Nacktdarstellungen, wenn sie in nicht öffentlichen Versammlungen erfolgten, einzuschreiten. In einzelnen Fällen, in denen die Polizei versucht habe, wenigstens pholographische und bildliche Darstellungen solcher Art zu beschlagnahmen, hätte das Landgericht Berlin die Beschlagnahme ausdrücklich abgelehnt. Zur Beseitigung unsittlicher Darstellungen müßten andere Kräfte mitwirken als blos diePolizei. Die kunst-ästhetischen Darlegungen des Ministers wie die Versicherung, nach Kräften dahin zu wirken, der durch die „Nackt"-Be- wegungen drohenden sittlichen Gefahr zu begegnen, fanden den Beifall des Hauses. Von den Rednern aller Parteien wurden die Nacktdarstellungen scharf verurteilt. Daraufsvertagte sich das Haus bis Montag.
— Der Erfolg des Zehnpfennigsbriefes nach Amerika macht sich schon jetzt bemerkbar. Seit dem 1. d. M. ist im Briefverkehr nach dem Vereinigten Staaten bekanntlich insofern eine Verbilligung einge
treten, als für Briefe mit der Aufschrift „Auf direktem Wege" für die ersten 20 Gramm nicht wie bisher 20 sondern 10 Pf. erhoben werden. Diese Erleichterung hat eine große Vermehrung der nach Amerika versendeten Briefe zur Folge gehabt. Schon mit dem ersten Dampfer, dem am 5. d. M. von Bremerhaven abgelassenen „Prinz Friedrich Wilhelm", wurden 35000 Briefe über den „großen Teich" geschickt. Bemerkt sei noch, daß für Postsachen, Drucksachen und Warenproben die Verbilligung nicht gilt.
— Ernst v. Wildenbruch ist in Berlin infolge eines Herzschlags gestorben.
Ausland.
— Das Erdbeben in Süd-Italien. Am Freitag ist ein neunjähriger Knabe namens Minissale aus den Trümmern eines Hauses hervorgekommen. Zitternd berichtete er mit schwacher Stimme, seine beiden Schwestern im Alter von zwanzig und zwölf Jahren befanden sich ebenfalls lebend unter den Trümmern. Sogleich wurde das Rettungswerk fortgesetzt: die beiden Mädchen wurden geborgen und an Bord des Dampfers „Savoia" gebracht. Sie erzählten, während 19 Tagen hätten sie von Zwiebeln, Wein, Olivenöl und Wasser gelebt; ihre Mutter sei von den Trümmern erschlagen worden, ihr Vater befinde sich in Amerika. Eine große Menschenmenge umstand den Ort, wo die außergewöhnliche Rettung erfolgte.
— Reggio di Calabria. Der Dampfer „Bayern" ist hier vor Anker gegangen. Eine Reihe weiterer Schiffe nimmt Kranke und Verwundete an Bord. Das herrschende gute Wetter befördert den Holztransport. Die elektrische Beleuchtung ist wieder hergestellt. Die Aufrär mungsarbeiten schreiten fort. In den Hauptstraßen herrscht schon regeres Leben. Das allgemeine Bild der Stadt ist weniger traurig. Trotzdem haben sich die Besorgnisse noch nicht verringert, da die Erdstöße sich wiederholen und erst in den vergangenen Nächten ein sehr starkes Beben verspürt worden ist.
— Berlin. Das Deutsche Hilfskomitee für die in Italien durch Erdbeben Geschädigten teilt mit: Am Freitag wurde die dreizehnte Expedition in das Unfallgebiet abgeschickt. Vom Deutschen Hülfskomitee arbeiten in Italien sechs Aktionszentren. 1. Haupidebot Neapel, wo die eintreffenden Expeditionen und Sendungen in Depot genommen und verteilt werden. 2. Catania, unter Leitung des Konsuls Jakob aus Messina, welcher mit Geld und reichen Material- sendungen versehen worden ist. Hierhin sind auch die
Künstterötut.
Roman von Vera v. Baratowski. 56
Wieder haftete Sudowskys Blick mit demselben stierenden, markdurchbohrenden Ausdruck auf Meißner.
„Und Sie holten es?" forschte Haase weiter.
„Selbstverständlich."
„Und händigten es der Dame aus?"
— ^Nicht sofort. Ich bat Frau Klothilde, sie bis an ihre Tür Begleiten zu dürfen, was sie gestattete, und übergab ihr dann das Flacon. Hätte ich es doch nicht getan! Bei dem Gedanken, daß ich es war, der ihr den Tod brächte, ist es mir, als müßte ich den elenden, feigen Buben, der mich zum Werkzeug seiner schrecklichen Tat machte, mit diesen Fäusten niederschmettern, mit meinen Füßen zertreten."
Als er so sprach und die geballten Hände schüttelte, gewährte der Pole einen schrecklichen Anblick. Das Haar hing ihm wirr in die Stirn, seine Augen waren mit Blut unterlaufen, die Brust arbeitete wie im Krampf, und aus dem halb geöffneten Munde rang sich ein dumpfes Keuchen.
„Sie empfingen dieses Flacon von Ihrer Gemahlin zur Aufbewahrung?"
„Ja," erwiderte Meißner auf dieFrage des Kommissars.
„Und lieferten es dem Herrn von Sudowsky aus?" „So ist's, da er es imNamen meiner Frau verlangte." „Was ging in der Zwischenzeit damit vor?"
„Nichts, daß ich wüßte."
»Gaben Sie es aus der Hand? Blieb es vielleicht zufällig irgendwo liegen? Könnte jemand Mißbrauch damit getrieben haben?"
„Nein, ich hatte das Flacon in meine Brusttasche gesteckt und erinnerte mich desselben erst wieder, als Klo- thilde danach sandte."
«Ist es wahr, daß Sie mit Ihrer Gemahlin in Un
frieden lebten, oder logen die vielfach verbreiteten Gerüchte?"
„Sie waren teils übertrieben, teils böswillig erfunden. Zugeben muß ich ja, daß längst schon keine ungetrübte Seelenharmoniezwischenmir und ihr bestand. Beide ziemlich schroffe Charaktere, kannten wir das Wort „Nachgiebigkeit" nicht. Oft bedurfte es nur der geringfügigsten Veranlassung, um einen Streit heraufzubeschwören. Klo- thildes Sinn war ebenso unbeugsam wie der meinige. Wir hielten vielleicht mit zu viel Energie.. oder nennen Sie es Eigensinn . . an unseren Rechten fest. Dazu gesellte sich meiner Gattin unseliger Hang zur Eifersucht. Betrachtete ich mit dem bewundernden Blick des Künstlers irgend ein weibliches Wesen und sah dabei in Gedanken ein neues Gemälde entstehen, so klagte mich die nun Verstorbene des Treubruchs an. Eine große, edle Seele, war sie doch nicht frei von gewisser Kleinlichkeit der Anschauungen."
„Aber gerade seit wenig Wochen hatte sich wieder ein erträglicheres Verhältnis zwischen uns angebahnt. Ich hoffte, wir würden nun, wenn auch nicht das Glück, so doch den Frieden finden. Leider führten Klothildes Launenhaftigkeit und ihr durchaus unmotiviertes Mißtrauen gestern einen erneuten Zwist herbei. Siebestand auf ihrem Willen, nach Hause zu fahren; ich aber würde es als lächerliche Schwäche betrachtet haben, diesem so diktatorisch ausgesprochenen und durch nichts gerechtfertigten Wunsch ohne weiteres zu folgen, und ersuchte sie, sich noch eine Stunde zu gedulden. Da trat plötzlich Herr von Sudowsky an mich heran mit den Worten, daß meine Frau bereits den Wagen bestiegen habe und um Rückgabe desFlacons bitte. Ich gab es hin und .. weiter weiß ich nichts."
„Aeußerte die Verstorbene Ihnen gegenüber jemals die Absicht, Selbstmord zu begehen? Man pflegt doch oft dergleichen in höchster Aufregung zu sagen."
„Ich vermag mich nicht zu entsinnen, daß es geschah .. und doch läßt sich für ihr rasches Ende ja gar keine andere Erklärung als Selbstmord finden."
Dem widersprechen die hier anwesenden Zeugen." Die meiner Frau doch jedenfalls ferner standen als ich, der wohl am besten beurteilen kann, welch leidenschaftliches, zu unüberlegten Handlungen neigendes Gemüt sie besaß."
„Wohl war meine Gnädige oft tief entmutigt," fiel Liska ein, „raffte sich aber immer wieder zu neuer Hoffnung auf und fuhr gestern in heiterster Laune fort, fröhlich wie ein Kind. Es lag ihr daran, so schön als möglich auszusehen, weil sie sich zum erstenmal wieder mit dem Herrn in Gesellschaft begab und weil er sie schöner wie alle anderen Frauen finden sollte. .Die Kammerjungfer Louise mußte deshalb ihre ganze Kunst aufbie- ten, um es der Gnädigen recht zu machen."
Die nun ihrerseits befragte Französin bestätigte, daß die Verstorbene in sehr hoffnungsfreudiger, animierter Stimmung das Haus verlassen habe. Sie fügte hinzu: Da hat's wieder neuerdings was gegeben zwischen den Herrschaften. Madame wollte nur Liskas Dienste annehmen und schickte mich fort. Vor der Tür verlor ich den Kamm aus meinem Haar, suchte im Dunkeln danach und hörte zufällig, wie Frau Eufemi-Meißner auf etwas, das ich nicht verstehen konnte, antwortete: „Nun und nimmermehr geb' ich ihn frei! Wohl weiß ich, daß erjedes zwischen uns bestehende Band zerreißen möchte, dagegen aber wehre ich mich, so lange ich noch einen Atemzug in der Brust habe. Ich bin eine Unglückselige; manche andere an meiner Stelle würde den ewigen Frieden suchen, ich aber will, muß, werde leben; denn Hugo ist mein und soll es bleiben, bis der Tod einst ihn selbst abrust. Gern möchte er mich aus dem Wege stoßen, aber ich stehe fest, fest wie ein Fels."
„Machte die Verstorbene in der Tat solche Aeußerungen?" wandte sich Haase an Liska.
„Ob der Wortlaut gerade stimmt, das kann ich nicht verbürgen," erwiderte die Alte mit mühsam bezähmter Wut. . 155,18