SchlWemerMlung
mit amtlichem Kreisblatt. ZHonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
_____________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". _______________________
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
5. Samstag, den 16. Januar 1909. 60. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner III3CI Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tem erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die Kaiserin haben sich am Dienstag nachmittag nach dem Neuen Palais in Berlin begeben.
— Die Hochzeit der Prinzessin Helene zu Schleswig- Holstein- Sonderburg-Glücksburg, einer Nichte der Kaiserin, mit dem Prinzen Harald von Dänemark ist nunmehr auf den 1. Mai d. Js. angesetzt. Die Feier findet auf Schloß Fredensborg bei Kopenhagen statt; das Ziel der Hochzeitsreise wird Ostasien sein. Die Braut ist am 1. Juni 1888, der Bräutigam am 8. Oktober 1876 geboren.
— Der jüngste Sohn des jungen Kruppschen Ehepaares in Essen, Arnold, ist im Alter von 10 Wochen gestorben.
— In Berlin ist der deutsche Handelstag zu einer Vollversammlung zusammengetreten, um zur Reichsfinanzreform Stellung zu nehmen. Es sind etwa 450 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands vertreten Kurz vor Eröffnung der Sitzung erschienen Staatssekretär des Reichsamls des Innern von Bethmann- Hollweg, Staatssekretär des Reichsschatzamts Sydow, der preußische Handelsminister Delbrück, der Unter- staatssekretär des Reichsamts des Innern Wermuth, der Unterstaatssekretär des Reichsschatzamts Richter. Ferner erschienen Vertreter der sächsischen, bayerischem, würtembergischcn, braunschweigischen, oldenburgischen und Hamburgischen Staatsregierungen. Der Präsident des Deutschen Handelstages Vizepräsident des Deutschen Reichstages Kaempff-Berlin eröffnete die Vollversammlung mit einem Hoch auf den Kaiser und die deutschen Bundesfürsten, worauf in längeren Reden Staatssekretär v. Bethmann Hollweg für die Arbeitskammer- Vorlage, Staatssekretär Sydow für die Rüchsfinanz-
reform eintraten. Präsident Kaempff dankte den Rednern und versicherte, daß der Handelstag die Situation mit allem Ernst prüfen und untersuchen werde, was dem deutschen Volke zum Nutzen gereichen könne.
— Die Reichstagsersatzwahl in Siegen-Wittgenstein- Biedenkopf hatte folgendes Ergebnis: Mumm (christl.- soz.) 13 429, Vogel (natl.) 7 820, Ruschke (fr. Vg.) 4 576, Scharmützel (Z) 3046, Schneider (christl.-nat.) 1022, Gogowski (Soz.) 1694 Stimmen. Es ist demnach Stichwahl zwischen Mumm und Vogel erforderlich.
— Der geschäftsführende Ausschuß und die Vorstände der übrigen Sonderausschüsse zur Errichtung eines Bismarck-Jahrhundertdenkmals am Rhein, deren Präsident der Reichskanzler ist, hielten in Köln unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten der Rheinprovinz Frhrn. v. Schorlemer-Lieser, eine Versammlung ab. Es wurde beschlossen, in allen deutschen Bundesstaaten und in den größeren deutschen Städten mit der Gründung von Landesausschüssen und Lokalkomitees zu beginnen, um die Sammlung der notwendigen Gelder in die Wege zu leiten. Der Kunstausschuß tritt im Laufe ds. Js. mit einem Preisausschreiben an die deutsche Künstlerschaft heran.
— Dem Reichstage ist der neue Gesetzentwurf gegen den unlauteren Wettbewerb zugegangen.
— Ueber die Festsetzung der Ferien an den preußischen höheren Schulen ist eine Verfügung der Unterrichtsverwaltung an die Provinzialschnlkollegien ergangen, wonach die Gesamtdauer der Ferien auf jährlich 79 bis 80 Tage für alle Schulen gleichmäßig festgesetzt ist. Eine völlige Gleichlegung auch des Werst beginnS, die vielfach angeregt wurde, hat sich nicht durchführen lassen, weil die Eisenbahnverwaltung mit Rücksicht auf die Ferienzüge im Beginn der Sommerferien Bedenken dagegen erhoben hat. Bei einem Ferienbeginn an demselben Tage in allen Provinzen wäre der hierdurch entstehende Andrang zu einer Reihe von Ferienzügen nicht zu bewältigen. Was die Gleichstellung der Sommerferien für die höheren Schulen und die Gemeindeschulen betrifft, so ist auch hierüber eine Verfügung der Unterrichtsverwaltung ergangen, welche sozialen Gesichtspunkten Rechnung trägt. Der Erlaß bestimmt, daß in den Fällen, wo die Ortsschulbehörde in Städten mit höheren Schulen die Gleichstellung der Sommerferien bei allen Schulen der betreffenden Stadt nachsucht, dem Antrag stattzugeben ist.
Ausland.
— Nach amtlichen Berichten ist die ganze Nord- westküste von Nordamerika von Erderschütterungen betroffen worden. In Port Townsend wurden Dächer und Fensterscheiben beschädigt. Die Wasserröhren platzten und die Häuser wurden überschwemmt. Der Mount Baker, ein als erloschen geltender Bulkan, war kurze Zeit in Tätigkeit.
- Ein Lob für den Deutschen Kaiser hat der bekannte erste amerikanische Roosevelt-Professor an der Berliner Universität John Burgeß in einer Rede in der kürzlich gegründeten Germanischen Gesellschaft in New-Pork ausgesprochen, in der er das deutsche Volk beglückwünschte, einen solchen hervorragenden Herrscher zu haben. „Ich habe," sagte Professor Burgeß, „nie in meinem Leben Gelegenheit gehabt, einen Mann kennen zu lernen, der einen schärferen Verstand, ein umfassenderes Wissen, ein wärmeres Herz, höhere Ideale, eine aufrichtigere Höflichkeit, ein wahrhafteres Verständnis für die Ansichten anderer, den lebhafteren Wunsch, Gutes zu tun und sich in jeder Beziehung und gegen jeden Menschen hilfreich zu erweisen, eine größere Loyalität gegen seine Freunde, sein Land und die Interessen der gesamten zivilisierten Welt gehabt hätte, als Seine Majestät der Deutsche Kaiser. Er ist öin großer Staatsmann und Menschenfreund, "ein reiner Idealist von seltener Hilfsbereitschaft, ein unermüdlicher Arbeiter für das Wohl seines Landes, für den Frieden und die Zivilisation der Welt."
— Die deutsch-englische Grenzkommission hatte an der Nordwestgrenze von Kammerun, und zwar auf englischen! Gebiet, schwere Kämpfe mit den Muntschis zu bestehen, einem Negerstamme, der auf beiden Seiten der Grenze ansässig ist. Die gemeinsame Aktion der deutschen und englischen Truppen erfolgte nach der an amtlicher Stelle vorliegenden telegraphischen Meldung des Gouverneurs von Kamerun auf Ersuchen des britischen Kommissars und halte die Wirkung, daß die Gegner in mehreren Gefechten zerstreut wurden. Der Führer der deutschen Expedition Oberleutnant von Siephani trug dabei eine Verwundung davon, behält jedoch trotzdem die Leitung seiner Truppe bei, von der zwei eingeborene Soldaten im Kampfe gefallen sind.
— Der Präsident des Italienischen Flottenvereins hat an den Deutschen Flottenverein gedrahtet: „Im Namen der Lega Navale Jtaliana möchte ich die Gefühle der Dankbarkeit und Bewunderung für die starke brüderliche Hilfe der deutschen Flotte in Messina aus-
Künstterölut.
Roman von Vera v. Baratowiki. . 55
Während dieses fassungslosen Ausbruhs leidenschaftlichen Jammers lehnte Meißner apathich in einer Ecke und blickte wie versteinert auf das tote Weib. Keine Träne feuchtete sein Auge. Es schien, als grible er vergebens über die Lösung eines Rätsels nach.
's,Die Verstorbene stand Ihnen rahe, Herr von Su- dowsky," sagtejetztHaasemitteilnehnender Miene. „Sie sind tief erschüttert."
„Wie sollte ich nicht?" erwiderte der Pole, sich mühsam bezwingend. „Klothilde war mir verwandt, war die Gemahlin meines Vetters WlaÜmir, den ich wie einen Bruder liebte. Sterbend vertraue er sie meinem Schutze an, und vor allem Unheil wäre sie auf unserem alten Erbgute geborgen gewesen. Lhr unruhiger Sinn, ihr heißes Herz trieb sie in die Welt hinaus. Ich konnte nicht .länger über sie wachen Ihr Schicksal wareinselbst- gewähltes, und ihr Wille unbeugsam. Aber daß es so kommen, daß ihrem solche^Ende bereitet werden mußte, das.. das ist um den Bestand zu verlieren."
„Sie besuchten in letzer Zeit Frau Eufemi Meißner häufig. Fiel Ihnen da.mf, daß ihr Gemütszustand ein besonders verdüsterter oder erregter war?"
„Ich traf meine ®ufine oft in trostloser Stimmung, und das konnte mich kineswegs in Verwunderung setzen; denn mir war ja gekannt, welch unglückliche Ehe sie führte."
„Ich hätte nie ckdacht, daß Klothilde gerade Ihnen vertrauliche Mittelungen solcher Art machen würde," mischte sich jetztMeißner mit heiserer Stimme ins Gespräch. „Sie wa»ein verschlossener Charakter und hegte, ob mit oder obw Grund, entzieht sich meinem Urteil, unverhohlene tbneigung gegen Sie. Die Vorurteile der Toten erwiesck sich stets als fest eingewurzelt, das darf ich, der sie oi auszurotten versuchte, mit vollster Ueber
zeugung behaupten. Und diese stolze, mit unerschütterlichem Starrsinn ausgerüstete Frau sollte Ihnen ihr Innenleben, ihreFamilienverhältnisse enthüllt haben? Das glaube ich nun und nimmermehr! Sie tat. . es nicht!"
„Behaupte ich etwa, daß ich es getan habe? Klothil- des Stolz litt viel zu sehr unter den ihr täglich und stündlich zugefiigten Demütigungen, als daß sie nickt bemüht gewesen sein sollte, zu verbergen und zu beschönigen, was in- und außerhalb des Hauses vorging. Aber die Wahrheit dringt eben ans Licht und bricht sich Bahn. Was längst niemand ein Gebeimnis war, konnte es auch mir nicht bleiben. Meine Cousine fand statt des Glückes,' welches sie von dieser Verbindung erhoffte, nur Leid und Enttäuschung. Als tiefgekränkte, mit den bittersten See- lenschmerzen ringende Frau ging sie von der Welt."
„Ja, das will ich beschwören! So und nicht anders ist es gewesen!" bestätigte Liska.
„Die Möglichkeit eines Selbstmordes scheint Ihnen mithin nicht ausgeschlossen," forschte Haase weiter.
„Ich darf mir da kein Urteil erlauben, soll ich aber meine Meinung offen aussprechen, so bezweifle ich, daß Klothilde diesen furchtbaren Schritt tat."
Der Eindruck, den ich von unserer gestrigen .. leider letzten .. Unterredung empfing, war der, daß meine Cousine eineKampfgeriistete, keineswegs aber eine Lebensmüde sei, welche sich als überwunden betrachtet und die ! Waffen streckt." i
„So ist's, so ist's!" murmelte Liska. „Die hat sich nicht getötet, und sie war gesund, als sie heimkam; nur der Kops tat ihr weh, deshalb mußte ich ihre Haare lösen."
„Frau Eusemi-Meißner starb, wie ärztlicherseits festgestellt wurde, an den Folgen einer Vergiftung. Hegen Sie gegen irgend jemand Verdacht?"
„Ich? . . O nein!. . Und wäre es der Fall, so würde ich mich hüten, ihn zu äußern. Man kann sich irren, Herr Kommissar. Ich bitte, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen."
Er hatte jetzt den gesenkten Kopf erhoben und die Augen auf Meißner gerichtet. Welcher Blick! Bohrend, als wolle er sich in die geheimsten Tiefen der Seele wühlen, haftete er auf dem Maler. Was war das nur für ein Ausdruck? Haß! Wilder, verzehrender Haß! Blieb der Mund auch stumm, in diesen funkelnden, drohenden Augen war eine furchtbare Anklage zu lesen.
Hugo Meißner fühlte eisigen Schauer durch seine Adern rieseln. Er wandte sich unwillkürlich ab. Da lag die Tote vor ihm, ihre starren Züge wie in Marmor aufgefangen, aber um den festgeschlossenen Mund einen herben, strengen Zug, der zu verraten schien, daß sie nicht ausgesöhnt mit Gott und ihrem Schicksal, nicht in stillem Frieden dahin gegangen sei, sondern wirklich als eine Kampfgerü- stete, bereit, mit größter Beharrlichkeit um ihre höchsten Güter zu sümpfen.
„Ist Ihnen dieses Flacon bekannt?" hörte er Haase fragen.
„Gewiß!" erwiderte Sudowsky ohneZaudern. „Meine Cousine litt in letzterer Zeit oft an heftigem, plötzlich auftretenden Herzklopfen. In diesem Fläschchen, das sie stets bei sich trug, ist ein Beruhigungsmittel, zu welchem sie nötigenfalls Zuflucht nahm."
„Den Inhalt bildet aber jetzt ein rasch tötendes Gift, an dessen furchtbarer Wirkung die Unglückliche verstarb."
„Gift? . . In diesem zierlichen Dinge wäre Gift enthalten? Und ich selbst hätte es ihr gebracht?" stieß Sudowsky mit fast versag enden Lauten hervor.
„Sie?" fragte Haase gedehnt.
„Ja.. ich! Meine Cousine bat mich gestern, als wir uns bei Zoller trafen, ihren Wagen vorfahren zu lassen, da sie heimkehren wolle, Meißner ihr aber seine Begleitung verweigere. Sie sah müde und erschöpft aus. Ich beeilte mich natürlich, ihren Wunsch zu erfüllen. Kaum eingestiegen, erinnerte sie sich des Flacons, welches Hugo auf ihre Bitte eingesteckt habe, und ersuchte mich es ihr zu holen." 155,18