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Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat .

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 13. Januar 1909.

60. Jchrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die

Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlstchterner ® Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.

Politischer Wochenbericht.

Der Jahreswechsel hat sich vollzogen, und Deutsch­land hat wieder ein Jahr des Friedens hinter sich. Freilich haben die Gelegenheiten nicht gefehlt, die be­wiesen, daß es nur unsere starke Rüstung ist, die uns den Frieden sichert. Neid und Mißgunst, überlieferter Haß und völlige Verkennung der Ziele, denen unser Volk wie die verbündeten Regierungen des Reiches zustreben, sind in Hülle und Fülle im Auslande vor­handen gewesen und haben sich bei jedem Anlaß ge­äußert. Wir- müssen uns mit diesen« Zustande ab­finden, und in immer weiteren Kreisen unseres Volkes hat die Ueberzeugung Platz gegriffen, daß unsere seit fast vier Jahrzehnten bewiesene Friedensliebe nicht in ein Werben um die Gunst anderer Mächte ausarten darf. Wir wollen den Frieden, das haben wir zum Ueberstuß bewiesen, aber den Frieden mit Ehren, und können im Bewußtsein unserer Kraft und treu den mit uns verbündeten Mächten ruhig den kommenden Er­eignissen entgegensehen. Das vergangene Jahr war ein Jahr der Unruhe, und ob das begonnene den gleichen Stempel tragen wird, wissen wir nicht, immer aber wird für uns das Wort Bismarcks gelten müssen: Toujours en vedette den Kopf hoch und das Pulver trocken!"

Von einer Sorge haben uns die letzten Tage des alten Jasres noch befreit. Nach dein Urteile erfahrener Kenner Südwestafrikas mußte freilich damit gerechnet werden, daß einige Nachwehen des Hottentottenauf- standes sich hin und wieder bemerkbar machen würden, aber als das nun wirklich einlraf, als eine dreißig Mann starke Bande mordend und plündert über die Grenze unseres Schutzgebietes einbrach und sieben Weiße diesen Straßenräubern zum Opfer fielen, da

machten sich doch gewisse Befürchtungen geltend, daß der Feind, durch seinen raschen Erfolg ermutigt, uns ernstlicher zu schaffen machen würde. Indes die sofort aufgenommene Verfolgung durch unsere Schutztruppe hat die Räuberbanden über die Grenze gejagt, und es scheint doch, daß ein Zusammenwirken der deutschen und englischen Truppen diesseits und jenseits der Grenze gesichert ist.

Die überwältigende Größe des Unglücks, das kurz vor dem Schlüsse des alten Jahres über das schöne Italien hereingebrochen ist, hat überall das allgemeine Mitgefühl geweckt. Wie ein Mann hat sich das ganze italienische Volk zusammengeschlossen, um nach dem Verbilde seines Königs durch äußerste Anspannung aller materiellen und moralischen Kräfte zit retten, was zu retten ist, und das furchtbare Leid auf die Gesamtbevölkerung zu verteilen, dainit es so den un­mittelbar Betroffenen weniger unerträglich erscheint. Und mit Italien wetteifert die ganze Welt in Beweisen inniger Teilnahme und werktätiger Hilfe. Allerorten sind Sammlungen für die Opfer der furchtbaren Katastrophe ins Werk gesetzt worden, und reichlich stießen überall die Gelder, wodurch die internationale Solidarität der Menschheit gegenüber den mitleidlosen Gewalten der Natur wieder einmal überzeugend zum Ausdruck kommt.

Die französischen Senatswahlen, die in der ab- gelaufenen Woche stattgefunden haben, bedeuten einen weiteren Fortschritt des republikanischen Radikalismus in Frankreich. Die französische Verfassung hat die D., «er der 300 Senalorenmandate auf neun Jahre eingesetzt, derart, daß alle drei Jahre ein Drittel von ihnen nach der alphabetischen Reihenfolge der Depar­tements erneuert wird. Jetzt ist die dritte, von Orne bis Ponne reichende und auch noch die beiden Kolonial departements Oran und Französisch-Jndien einschließende Gruppe an der Reihe gewesen. Dazu kamen noch fünf andere, durch Todesfall erledigte Mandate, so daß im ganzen mit den 98 Mandaten der dritten Serie 103 Senatoren zu wählen waren. Die französischen republikanischen Blätter sind von dein Wahlergebnis, sehr befriedigt. Der Sieg sei vollständig und unbe­streitbar. Das Land habe wieder einmal gezeigt, daß es auf feiten der Republik sei. Die Regierung, die bei den Kammerwahlen so große Erfolge errungen habe, triumphiere nunmehr auch bei den Senatswahlen.

Im fernen China scheint es der neue Prinzregent Tschun zu lieben, die Welt zu überraschen. Noch vor

kurzem ließ er sein Regierungsprogramm veröffentlichen, das wegen seines Ernstes, mit dem er den drückensten Uebelständen des Riesenreiches aufhelfen wollte, im höchsten Grade Vertrauen erweckte, und jetzt ist bereits die Absetzung Puadschikais von allen seinen Würden erfolgt, auf dessen Mitwirkung bei dem chinesischen Reformwerke alle Welt die größte Hoffnung gesetzt hatte. Iuanschikai ist ohne Zweifel der hervorragendste chinesische Staatsmann, der als Vertrauter der ver­storbenen Kaiserin galt und auf die Gestaltung der Dinge in China großen Einfluß ausübte. Seine Ent­fernung Dom Hofe ist wohl das Ergebnis eines er­bitterten Kampfes zwischen den rivalisierenden Parteien im Pekinger Kaiserpalaste. Puanschikai war der Führer der Militärpartei; er wußte, daß sein Land dringend reformbedürftig ist, wenn er auch kein Freund von hastigen und überstürzten Reformen war; durch Verbesserung des Schulwesens wollte er das Volk erst reif dafür machen. Sein Sturz ist jedenfalls ein Ereignis, das für China "von der größten Bedeutung werden kann, wenn sich etwa eine aufrührische Beweg­ung bildet, die den Machthabern in Peking zeigt, daß die Ruhe bei dein Thronwechsel nur der starken Hand und der Klugheit Duanschikais zuzuschreiben war.

Deutsches Reich.

- Am Donnerstag am Todestage der Kaiserin Augusta war das Mausoleum in Charlottenburg in einen Blumenhain verwangelt und erstrahlte im Kerzenglanz. Die großherzoglich-badischen Herrschaften hatten gleich am frühen Morgen prächtige Kränze in der Gruft niederlegen lassen. Um 10 Uhr erschien als Vertreter des Regimentskommandeurs des Kaiserin Augusta-Regiments Oberstleutnant von Hülsen mit einer Offiziersdeputation, um eine herrliche Kranzspende zu überbringen. Auch die Oberin des Kaiserin Augusta- Stiftes einen Kranz nieder. Später fuhr der Kronprinz vor dem Mausoleum vor, um im Auftrage des Kaiser­paares einen prächtigen Lorbeerkranz, der mit weißen Nelken und mit einer weißen Widmungsschleife ge­schmückt war, am Sarge in der Gruft niederzulegen.

Das kaiserliche Hoflager wird am 11. Januar nach Berlin verlegt. Es bleibt hier bis zuin 11. Februar. Später gedenks der Kaiser eine Reise nach dem Süden anzutreten, die aber kaum von längerer Dauer sein wird.

Der Text der Neujahrspredigt in der Schloß­kapelle zu Berlin, der gelautet haben sollte:Jch

Künstkerötut.

Roman von Vera v. Baratowski. 54

In ihrer Natur lag es vielmehr, sich tapfer zu weh­ren und den Kampf energisch bis zu Ende zu führen. Wäre ihr Herz täglich, stündlich, ja, jede Minute unter den ärgsten Qualen gebrochen, so würde sie doch eher alles getan haben, um ihr Leben zu verlängern, als um es zu verkürzen.

Noch gestern, kurz vor Mitternacht heimgekehrt, sagte sie zu mir:Liska, meine Hoffnung, des Gatten Liebe wieder zu gewinnen, muß ich abermals als gescheitert betrachten, aber ich gebe ihn nicht auf. Mein ist und meint bleibt er! Aus dem Grabe würde ich mich erhe­ben, um ihn jeder anderen abzugewinnen!" . . Ja, so hat sie gesprochen, das sann ich beschwören, und sollte nun doch selbst Hand an sich gelegt haben?.. Da sage ich: Nein, nein, und tausendmal nein!.. Um einen Mord handelt es sich wohl, aber um keinen Selbstmord. Der ist ausgeschlossen, so wahr ich eine gläubige gotter­gebene Christin bin und so wahr ich die Tote von ihrer frühesten Kindheit an kenne."

Wann sahen Sie Ihre Gemahlin gestern zum letzten­mal?" fragte Kriminalkommissär Haase.

,Es mag ein Viertel nach elf Uhr nachts gewesen sein. Wir befanden uns als Gäste bei Herrn und Frau von Zoller."

Und kehrten nicht zu gleicher Zeit nach Hause zurück?" Nein."

Geschah das im Einverständnis, oder gab ein Zwist Veranlassung dazu?"

Klothilde war ein herzensgutes, aber sehr launen- haftes Geschöpf. Es fiel ihr plötzlich ein, heimzufahren. Ich konnte muf) diesem Wunsch in Rücksicht auf die Gast­geberin, der ich meinen Rat hinsichtlich einiger Arrange­ments versprochen hatte, nicht fügen. Sie bestand jedoch auf ihrem Willen und entfernte fid)."

Allein?"

So glaube ich."

Nein, ihr Vetter, der Rittergutsbesitzer Bogislaus von Sudowsky begleitete sie bis an die Haustür," fiel Liska ein.So erzählte mir die gnädige Frau."

Wo wohnt Herr von Sudowsky?"

Maximilianstraße Nr. 48."

Es wurde unverzüglich nach ihin gesendet. Unterbeffen begab man sich in das Nebenzimmer, und Haase richtete verschiedene Fragen an die Anwesenden, worauf Meiß­ner verwirrt und erregt, Liska jedoch klar und bestimmt antwortete.

Erkennen Sie dieses Flacon als dasselbe, welches Ihre Gemahlin gewöhnlich bei sich trug?" inquirierteder Kriminalkommissär.

Ich glaube es oft in ihren Händen gesehen zu ha­ben ; doch besaß sie so viele derarttge Luxusgegenstände, daß ich wirklich nicht genau sagen kann ..."

Ich weiß aber bestimmt, daß es dasselbe ist, dessen Frau Eufemi sich stets bediente," unterbrach Liska.Als die Herrschaft gestern in den Wagen stieg, war das Fläsch- chen auf dem Toilettentisch liegen geblieben. Ich trug es schnell hinab. Meine Gnädige nahm es mir ab und übergab es dem Herrn zur Aufbewahrung. Damals war kein Gift darin, denn Frau Klothilde hatte im Verlaufe des Nachmittags noch Tropfen in Limonade genommen, ohne den mindesten Schaden davon zu verspüren. Wann sie das Fläschchen zurückforderte und in welch veränder­tem Zustand sich dann derJnhalt befand, kann ich frei­lich nicht sagen."

Was will diese Person damit andeuten?" fuhr Meiß­ner jetzt auf. , t m

Haase machte eine beruhigende Bewegung und be­merkte zu der Dienerin gewendet, mit Strenge:Sie ha­ben nur auf meine Fragen kurz und bestimmt zu ant­worten, aber alle Zusätze beiseite zu lassen."

Gut! Wie es beliebt! Künftig öffne ich den Mund nur auf Kommando."

Sie kauerte sich wieder neben der Toten nieder und streichelte deren erkaltete Hände, immerfort in polnischer Sprache vor sich hinmurmelnd.

Nun meldete ein DienerHerrn vonSudowsky.

Der Pole sah entsetzlich angegriffen und verfallen aus. Sein unschönes Gesicht erschien jetzt gerade abschreckend. Tiefe, fast schwarze Schatten lagen unter den fieberhaft funkelndenAugen.Das Antlitz zeigte fahle, gelblicheBlässe, nur auf den vorstehenden Backenknochen markierten sich scharf abgegrenzte, brennendrote Flecke.

Was höre ich? Meine Cousine soll tot sein?" stieß er mit fast unartikulierten Tönen hervor.Das ist ja gar nicht möglich. Sie schied doch gestern im besten Wohl­befinden von mir. Und während weniger Stunden hätte sich ein so gräßlicher Unglücksfall ereignet? Nein, nein, man übertrieb natürlich. Sie ist erkrankt, aber am Le­ben! Der Mensch, welcher zu mir geschickt wurde, rich- tete wohl seine Botschaft falsch aus? Klothilde, wo ist denn Klothilde?"

Hier!" erwiderte Professor Winter, nach dem an­stoßenden Zimmer deutend.

Ah!" schrie Sudowsky auf bei dem Anblick, welcher sich ihm bot. Mit dem »vilden Sprung eines Raubtieres war er dicht an dem Lager, stieß Liska hinweg nnd warf sich über die Tote.

Nein, so hatte Meißner seine so rasch aus dem Leben geschiedene Sattin nicht beklagt, in so wilder Raserei des Schmerzes den regungslosen Körper nicht umklam­mert. Das waren die Schreie, die Gebärden eines Ver­zweifelten.Tot.. tot!" schrillte es immer wieder mit gellenden Lauten durch das Zimmer.Tot! Nie mehr wird sie ihre herrlichen Augen öffnen, nie mehr diese kal­ten, blassen Lippen! Seine Stimme ersticEte in gurgeln« denRöcheln. Wie um diese Schmerzenstöne zurückzudrän­gen, preßte er die geballten Hände an den Mund und drückte den Kopf in die seidene Decke, welche der Ver­storbenen erstarrte Glieder umhüllte. 155,18