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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 3. Samstag, den 9. Januar 1909.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die

Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

ÜneoMäi'lffli finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die grötzte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Der Kaiser dankte telegraphisch Pierpont Morgan für die Nachricht von der Eröffnung der deutschen Kunstausstellung in New-Iork.

Der italienische Botschafter Pansa übermittelte dem Auswärtigen Amte den Dank seiner Regierung für die tatkräftige Hülfeleistung Deutschlands bei der Erd­bebenkatastrophe.

Beiträge für das deutsche Hülfskomitee zum Besten der Notleidenden in Süditalien werden an allen Postanstalten des Reichspostgebietes entgegengenommen.

Die Reichspost beschäftigt nach einer kürzlich ausgegebenen Statistik ein Gesamtpersonal von nicht weniger als 312,708 Köpfen. Damit wird die Reichs­post zu dem größten einheitlich geleiteten Betriebe, den die Welt kennt. Darunter sind 133,880 Unterbeamte, 127,425 Beamte, 1896 Posthalter, die noch einen anderen Beruf betreiben, und 5431 Postillone der nicht reichseigenen Posthaltereien. Die Ausgaben für Besoldungen und Vergütungen der Beamten belaufen sich auf 118 Millionen Mark. Von Interesse ist noch auch der Statistik, daß die Post für ihre Unter- beaniten bisher 818 Häuser hergestellt hat, in denen 1523 Wohnungen waren. Außerdem hatte die Post noch 225 Häuser als Beamtenwohnsitze gemietet, sodaß sie insgesamt 2105 Beamtenwohnungen bieten konnte.

Wie dasReutersche Bureau" erfährt, wird der Besuch des englischen Königspaares in Berlin in der zweiten Woche des Februar erfolgen.

Die endgültigen Ergebnisse : der Viehzählung vom 2. Dezember 1907 werden von derStatist. Korr." für den preußischen Staat sowie für Waldeck und Pyrmont bekannt gegeben. Hiernach waren Gehöfte mit Viehstand 3 032 201, viehhaltende Haushaltungen 3 796 380 vorhanden. Gezählt wurden Pferde 3 036 304,

Maultiere und Maulesel 500, Esel 6 443, Rindvieh 12 011584. Schafe 5 408 867, Schweine 15 095 854, Ziegen 2 235 529, Federvieh 46 864 971 und Bienen­stöcke 1541 530 Stück. Pferde zeigen gegen 1906 eine nicht unbeträchtliche Vermehrung bei den jüngsten Altersklassen. Beim Rindvieh zeigt sich eine Zunahme um 3,13 Prozent, Schafe haben um ein Geringes abgenommen. Der Rückgang der Zahl der Schweine um etwa 250 000 Stück betrifft lediglich die jüngste Altersklasse. Sie ist Wohl nur eine Folge der Ueber- produktion in den Zeiten der rasch steigenden Schweine- und Schweinefleischpreise u. kann nicht ungünstig beurteilt werden.

Ausland.

Durch ein Dekret des Königs von Italien ist über Messina und Reggio der Belagerungszustand verhängt worden. Der italienische Justizminister sprach sich für die Wiedererrichtung von Messina aus.

Beide Häuser des nordamerikanischen Kongresses bewilligten 500 000 DoUors für Süditalien.

Eine wichtige Nachricht zu den deutsch-türkischen Beziehungen kommt aus Konstantinopel. Danach hat der deutsche Botschafter Frhr. V. Marschall im Namen seiner Regierung auf der Pforte die Erklärung abge­geben, daß die Türkei bei der geplanten Erhöhung der Einfuhrzölle und der Einführung bestimmter Monopole fest auf die wohlwollendste freundschaftliche Unter­stützung der deutschen Regierung rechnen könne. Die gesamte europäische und türkische Presse in Konstan- tinopel hebt die Bedeutung dieses Schrittes hervor, dessen Wichtigkeit keines Kommentars bedürfe. Deutschland hat somit der Türkei einen neuen Beweis seines Wohlwollens gegeben. Die Jungtürken sollten aber nun endlich einsehen, wie töricht ihre Verdächtig­ungen der deutschen Politik gewesen sind.

Die Landesverteidigungskommission der russischen Duma hat die vom Marineministerium für den Bau von Linienschiffen für das Jahr 1909 geforderten drei Millionen Rubel einstimmig abgelehnt.

Ein gerichtliches Nachspiel der russischen Revo­lution gab es vor dem Kriegsgericht in Jekaterinoslaw, welches jetzt das Urteil in dem Prozeß wegen gewalt­samer Besitzergreifung der Katharinabahn durch Auf­ständische iin Jahre 1905 gefällt hat. Es wurden 32 Personen zu Todesstrafe, 12 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit und 48 zu Zwangsarbeit von verschiedener Dauer verurteilt; 39 wurden freigesprochen.

60. Jahrgang. »«WSSWWMW

Eine Nengründuug der kaiserlich-chinesischen Universität von Peking soll mit Beginn des Jahres 1909 durchgeführt werden. Es sollen dabei völlig moderne Einrichtungen zur Geltung kommen. Die deutsche Wissenschaft, die schon bisher an der Univer­sität eine Rolle spielte, wird in Zukunft noch mehr in den Vordergrund treten. Zurzeit sind die einzelnen Fakultäten an Dozenten chinesischer, deutscher, fran­zösischer, englischer und japanischer Nationalität ver­teilt. Die deutschen Professoren vertreten namentlich Naturwissenschaften und technische Gebiete, unter denen Geologie und Bergbaukunde nebst verwandten Wissens­zweigen, Mathematik, Physik und Chemie, Maschinen- und Eisenbahnbau besondere Pflege erfahren.

Das Erdbeben in Mditalien.

Reggio di Calabria, 5 Jan. Minister Bertolini hatte mit dem militärischen Kommandanten eine Be­sprechung. Es wurde beschlossen, am Wege von Reggio nach Campi in gehöriger Entfernung von den Jnfek- tionszentren Baracken zu errichten. In die von den italienischen Matrosen errichteten Baracken werden be­reits Familien untergebracht. Die Stadtverwaltung ist von einen Königl. Kommissar übernommen worden.

Neapel, 5. Jan. Gestern abend befanden sich 5957 Gerettete in Neapel. Heute sind mit dem Dampfer Margherita" weitere 1000 eingetroffen. Ferner sind 1000 mit der Eisenbahn eingetroffen, von denen 600 in Neapel verblieben und die übrigen nach Rom weiter gereist sind. Zahlreiche Flüchtlinge befinden sich in Salermo, etwa 600 haben auf Capri Zuflucht gesucht.

Neapel, 3. Jan. Die früheren Meldungen werden widersprmhen, daß die noch stehenden Ruinen Meffinas durch die Geschosse des Geschwaders niedergelegt werden sollen. Es ist aber tatsächlich in einer Besprechung zwischen den beiden an Ort und Stelle, d. h. gleich dem königlichen Paare auf den Kriegsschiffen weilenden Mi­nistern und den Schiffskommandanten auch jenes Mit­tel in Vorschlag gebracht worden und was jetzt be­schlossen ist, unterscheidet sich nur dem Namen nach von einem Bombardement. Da die Verwesung der Tausende von Leichen, die unmöglich ausgegraben und bestattet werden können, eine Gefahr für die Gesund­heit der Ueberlebenden und der Helfer wird, so sollen die Ruinen mittels Sprengungen völlig demoliert und eingeebnet werden. Man wird also sagen müssen, wie der unausgesprochene Refrain vieler Berichte aus dem Unglücksgebiet lautet: Messina war einmal und für Reggio rurb dasselbe gelten. Ein Schicksal wie es

Künstterölut.

Roman von Vera v. Baratowski. 53

Er hatte niemals gelernt, heißen Wünschen erge- bunasvoll zu entsagen. In je unerreichbarere Fernen die Erfüllung derselben rückte, desto gieriger verlangte er danach. So war ihm denn auch der Gedanke ge­kommen :Flora liebt Dich ebenso glühend, wie Du sie liebst; aber Hindernissen gegenüber stehend, die nach menschlichem Ermessen nicht zu beseitigen sind, will sie sich vor sich selbst retten und eine unübersteigliche Schei­dewand zwischen Gegenwart und Vergangenheit errich­ten. Sie kennt.. sie ahnt ja das Elend einer unglück­lichen Ehe, einer Fessel, die tief einschneidet, quält und drückt, noch gar nicht. Ihr weichesGemüt muß sich unter diesen beständigen Reibungen verbluten. Sie wird daran zu Grunde gehen."

Der Morgen graute bereits. Purpurrote, goldgesäumte Wolken tauchten hinter dem Häusermeer auf und ver­schwanden, von grauen Nebelschleiern umhüllt, brachen sich neuerdings Bahn und schifften endlich wie brennende Kähne über deninFlammenglut lodernden Horizont da­hin, als Meißner todmüde auf sein Lager sank. Bald hielt ihn bleischwerer Schlaf umfangen.

Die fieberhaft erregte Phantasie zeigte dem Schlum­mernden Bilder längst vergangener Tage. Er sah sich wieder in der kleinen, vornehmen Wohnung Frau von Hencks, sah, wie die am Stickrahmen sitzende Flora auf- sprang und ihm mit aus gebreiteten Armen entgegeneilte, und gab sich noch einmal der seligen Empfindung rei­nen, reuelosen Glückes hin. Da klopfte jemand an die Tür des traulichen Gemaches. Das Pochen wurde immer rascher und lauter. Die Umrisse derStubeverschwammen und veränderten sich, Meißneröffnetedie schweren Lider und starrte in sein prunkvolles, jetzt von den Strahlen der Wintersonne, die durch gelbseidene Vorhänge einfiel, vergoldetes Schlafzimmer.

Ah, da war ja die Gegenwart wieder, und das ganze häßliche Chaos, dieses Labyrinth von Selbstvorwurfen, Klagen und nutzloser Reue.

Was ist denn? .. Wer pocht?" stammelte er noch halb schlaftrunken.

Oeffnen Sie, gnädiger Herr, öffnen Sie!" rief die Kammerjungfer Louise.Ein Unglück ist geschehen. Ma­dame liegt starr und regungslos auf ihrem Lager. Der Arzt ist geholt, aber noch gibt sie kein Lebenszeichen!. . Kommen Sie! Wir sind alle in unbeschreiblicher Angst und Not."

Hugo sprang rasch auf, kleidete sich an und fragte das Mädchen:Erkrankte meine Frau während der Nacht? Warum wurde dann nicht gleich nach Hilfe geschickt?"

Sie kam wohl auffallend bleich und erregt, aber sonst dem Anschein nach gesund nach Hause," erwiderte die Französin.Ich wollte ihr bei der Nachttoilette behilflich sein, sie schickte mich jedoch fort, und Liska tat, was eigentlich meines Amtes gewesen wäre."

Hugo eilte der Zofe voran und trat in das mit raf­finiertem Luxus ausgestattete Zimmer.

Wie eine Schlummernde" war Klothilde anzusehen, deren rotgoldenes Haar gelöst über Schultern und Arme floß. Ihre Schönheit feierte einen letzten, unbestrittenen Triumph.

Professor Winter, den man sofort gerufen hatte, weil er der am schnellsten zu erreichende Arzt war, stand mit tiefernster Miene an dem Lager.

Was ist denn, Ernst?" rief Meißner.Eine schwere Ohnmacht, die vorübergehen wird, nicht wahr?"

Nein, keine Ohnmacht. Das Leben ist für immer ent­flohen. Für diese Frau gibt es ein irdisches Erwachen nicht mehr."

Laut aufkreischend warf sich Liska über die Leiche ihrer Herrin, schluchzend, jammernd und eine Flut von Worten in polnischer Sprache hervorsprudelnd, während Hugo stammelte:Tot? So plötzlich gestorben? .. Mein Gott .. wohl ein Herzschlag?"

Nein. Ihr Ende war kein natürliches, es wurde durch Vergiftung herbeigeführt. In dem Flacon, das auf die­sem Tischchen lag, befindet sich ein starkes, schnellwirken­des Gift."

Gift?! So beging sie Selbstmord?" rief Meißner, auf einen Stuhl niedertaumelnd.

Darüber kann ich nicht urteilen, sondern nur die To­desursache an und für sich feststellen."

Selbstmord?" rief Liskaemporspringend.Nun und nimmermehr! Nein, sie liebte das Leben, wenn ihr auch Schmerz und Kummer genug bereitet wurde." Ein feind­seliger Blick streifte denMaler, der vornübergebeugt, wie gebrochen dasaß.Meine Gnädige ging nicht freiwillig von der Welt, das verbürge ich mit meinem Seelenheil. Die hat ein niederträchtiger Bube von hinnen geschafft, und den verfluche ich, wie ihn Gott in alle Ewigkeit ver­fluchen soll!"

Still!" gebot Professor Winter.Sie werden später Ihre Aussage machen. Jetzt Ruhe in diesem Sterbezim­mer. .. Hugo," wandle er sich an seinen ehemaligen Freund,Du siehst wohl ein, daß ich den Vorgefundenen Tatbestand sofort melden muß."

Ja .." erwiderte dies er wie geistesabwesend. Er hatte sich noch nicht aus dem Lehnstuhl erhoben, als der Kri­minalkommissär, der Gerichtsarzt und ein Schreiber ein» traten.

Noch einmal wurde die Frage aufgeworfen, ob Selbst­mord verübt sein könne. Diese Annahme lag nahe, denn man wußte allgen ein, daß der Verstorbenen Ehe allge­mein keine glückliche gewesen war.

Liska erklärte neuerdings mit größter Entschiedenheit: Ich bin gewiß, daß meine Gnädige die Absicht, sich zu töten, niemals hegte. Glücklich war sie allerdings längst nicht mehr, und an Zank und Streit im Hause hat es nicht gefehlt; aber Frau Klothilde ist keine von den Da­men gewesen, die sich ins Grab flüchten, um anderen den Platz zu räumen. 155,18