SchluchternerMun g
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
____Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 2. Mittwoch, den 6. Januar 1909. 60. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
SchMchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner lligcl Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.'Nr. 6882 K.-A. Der Händler Georg Gemmer in Elm beabsichtigt auf seinem in der Gemarkung Elm gelegenen Grundstück Kartenblatt GL Parzelle Nr. 445/73 ein Schlachthaus zu errichten.
Ich bringe dieses Vorhaben zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in zwei Exemplaren anzu- bringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesem Verfahren nicht mehr angebracht werden.
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht
Moutag, ven 25. Januar 1909,
vormiitags 11 Uhr
vor dem Unterzeichneten an. Im Fall des Ausbleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden wird gleichwohl mit Erörterung des Unternehmens bezw. der Einwenduttgen vorgegaugen werden,
Zeichnungen und Beschreibungen der Anlage können während der Dicnststunden im Bureau des Kreisausschusses eingesehen werden.
Schlächtern, den 30. Dezember 1908.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:
Valentiner.
Deutsches Reich.
— Die Neujahrsfeier im Königlichen Schloß wurde auch in diesem Jahre durch das große Wecken eingeleitet. Bei klarem Frostwetter fanden sich schon zeitig große Menschenmengen in der Umgebung des Schlosses zusammen. Nach 9*/4 Uhr trafen die Majestäten vom Neuen Palais im Automobil im Königlichen Schlosse
KünUerölut.
Roman von Vera v. Baratowski. 62
„Ja, Ihr seid immer verläßliche Unglückspropheten gewesen?
„Und bezweckten doch nur Dein Bestes."
„Wirklich? Tatet Ihr es?"
„Zweifelst Du daran? Ich hätte Dich auf Händen getragen"
„Es fragt sich nur: ob mehr in Deinem oder in meinem Jweresse. Gute Nacht, Bogislaus!.. Ah so, das Flacon! Hast würde ich es wieder vergessen haben, es an mich zu rehmen. Gib her!"
Er keeilte sich nicht, das zu tun, sondern sagte: „Du scheinst ti der Tat recht angegriffen und erschöpft. Gewähre mir doch die Erlaubnis, Dich bis an Deine Haustür zu begleiten. Es wäre ja immerhin möglich, daß Du etwas bedürftest."
Sie nachte eine unmutige Bewegung. „Erschöpft bin ich und loqar zu sehr, um mit Dir herumzustreiten. Steige also ein Wo sind die Tropfen?"
„Ich gebe sie Dir nachher."
Er eeahm an ihrer Seite Platz, und plötzlich brachen die Wone wieder wie ein Flammenstrom über seine Lippen.
„Meißner weiß das königliche Juwel, welches er in Dir besitzt, nicht zu schätzen. Wo ist Dein Stolz geblieben, daß Du es duldest, so gedemütigt und beiseite geschoben zu werden ? Muß sich nicht Deine ganze Seele dagegen sträuben und empören? Sage Dich los von ihm! Kehre zu mir, Deinem nächsten Verwandten, zurück, dem Dich der sterbende Wladimir anvertraute."
„Schweige!" unterbrach sie heftig. „Diese Zumutung beschimpft mich."
„Nein! Meine Wünsche sind sehr bescheiden geworden. Ich will nichts mehr, nichts als die gleiche Luft mit
ein, ebenso die Mitglieder der kaiserlichen Familie. Nachdem die Majestäten die Glückwünsche der Prinzen und Prinzessinen des königlichen Hauses, sowie des Hofstaates entgegengenommen hatten, begaben sie sich unter großem Vorlrilt nach der Schloßkapelle. Der Kaiser, in großer Generalsuniform, führte die Kaiserin, welche eine' blaßblaue Robe trug; dann folgten der Kronprinz mit der Prinzessin Eitel Friedrich, Prinz Rupprecht von Bayern mit der Kronprinzessin usw. Zu dem feierlichen Gottesdienst hatten sich ferner eingefunden der Reichskanzler, die Mitglieder des Bundesrats, die Ritter des Schwarzen Adlerordens, die Minister, sowie die Präsidien der Parlamente. An den Gottesdienst schloß sich eine Gratulations- und Defilier-Cour im Weißen Saale, während welcher im Lustgarten Salut geschossen wurde. Der Kaiser und ebenso die Kaiserin reichten dem Reichskanzler die Hand. Nach der Cour empfing der Kaiser zur Gratulation die Botschafter, den Reichskanzler, das Staatsministerium, die kommandierenden Generale und Admirale und begab sich um 127a Uhr zu Fuß nach dem Zeughaus zur großen Parole-Ausgabe, unterwegs vom Publikum mit lauten Hurrarufen begrüßt. Im Laufe des Nachmittags fuhr der Kaiser bei den Botschaftern vor.
— Der Kaiser spendete sechs Doeckersche Baracken für die Notleidenden in Süditalien. — Es wird auch Sache des Reichstags sein, aus Reichsmitteln eine reiche Gabe zur Linderung des kolossalen Unglücks, das einzig in der Welt dasteht, zu geben.
— Die Kaiserin übernahm das Protektorat über das deutsche Hilfskomitee für Sizilien, das unter dem Ehrenpräsidium des Reichskanzlers von Männern aus ganz Deutschland gebildet wurde.
— Herzogin Vera von Würtemberg, Großfürstin von Rußland, hat eine Stiftung mit einem Vermögen von 166 000 Mark errichtet, die den Namen Zufluchtsstätte in Württemberg führt und dem Zwecke dient, unehelichen Müttern sowie sittliche gefährdeten und gefallenen Personen weiblichen Geschlechts durch Errichtung von Zufluchtshäusern Unterkunft zu gewähren.
— Der Stadt Koburg stiftete der König von Belgien jährlich 30 000 Mark für Zwecke der Kunst, Wissenschaft und Volkswohlfahrt.
— Auf Anordnung des Staatssekretärs des Auswärtigen entsandte die Botschaft in Rom Beamte nach Messina, um nach dem Schicksal der Deutschen zu forschen und für Hilfeleistung Sorge zu tragen.
Dir atmen, Dich unter meinem Dache wissen und Deinen Weg mit Blumen bestreuen.
Sieh, alles, was nur eines Weibes Herz erfreuen kann, will ich Dir bieten und nichts dafür fordern. Nur da sollst Du sein, immer im Bereich meines Auges und meiner Hand. Wer kann etwas Tadelnswertes daran finden, wenn Du Dich von einem Manne trennst, der Deine erhabenen Opfer mit Undank lohnt, und zu Deinem Vetter, dem intimsten Freunde des früh verstorbenen Wladimir, zurückkehrst?"
„Fragte ich je nach dem Urteil der Leute? Ich bin eine viel zu selbständige Natur, um mich darum zu kümmern, und war in jeder Sache immer meine eigene Rich- terin. Gefiele es mir, wieder auf Gut Sudowsky Wohnung zu nehmen, so würde ich mich wenig an die Meinung der Welt kehren. Aber ich will nicht! Sähe ich zwei Wege vor mir, von denen der eine in den Himmel, der andere in die Hölle führen würde, und könnte ich ersteren nur in Deiner Gesellschaft gehen, so zöge ich vor, den zweiten zu wählen. Nein, Bogislaus, zwischen uns gibt es keinen Frieden und keine Versöhnung; denn so fest ich an die Unsterblichkeit meiner Seele glaube, so fest glaube ich an Deine Schuld an dem Tode meines einzigen Kindes."
„Kann nichts Dich von diesemfurchtbarenWahn lösen?"
„NichtWahn ist es,sondern Ueberzeugung! Du wolltest den Reichtum Deines Vetters an Dich reißen, in der Hoffnung, Gewalt über mich zu gewinnen; denn es war Dir wohl bekannt, wie sehr ich den Luxus liebe."
„Ueber alles magst Du herrschen, als wäre es Dein Eigentum, und noch einmal sei wiederholt, daß ich keine Bedingungen daran knüpfe. Nur von Meißner, der Dich nicht mehr liebt, oder besser gesagt; niemals liebte, sollst Du lassen."
„Ich lasse nicht von ihm, nun und nimmer! Gib mir mein Flacon und dann .. gute Nacht!"
„Ueberlege, Klothilde!"
— Die Ueberlebenden von Messina und Reggio sollen in großen Auswandererdampfern nach anderen Orten gebracht werden.
— Das Erdbeben in Süditalien stellt sich den bis jetzt vorliegenden Meldungen zufolge als eine der größten Katastrophen der Weltgeschichte dar. Es fielen ihr insgesamt an 200 000 Menschenleben zum Opfer.
Auslarch.
— Die Lage im südlichen Südwestafrika ist nach den an amtlicher Stelle eingetroffenen neuesten telegraphischen Nachrichten unverändert. Um eine Rückkehr der auf englisches Gebiet übergetretenen räuberischen Hottentotlen-Banden zu verhindern, sind zurzeit drei Kompagnien, ein Maschinengewehrzug und eine Batterie des Südbezirks längs der Grenze zwischen Koes und Ukamas unter dem Befehl des Majors Bärecke bereitgestellt. Letzterer beabsichtigt, die Karra- berge mit den verfügbaren Truppen gründlich abzu- suchen.
— Der neue deutsche Botschafter in Washington Graf Bernstorff wurde im Weißen Hause von Präsidenten Roosevelt offiziell empfangen. Der Botschafter überreichte das Beglaubigungsschreiben mit den besten Wünschen des Deutschen Kaisers für das Glück und Wohlergehen der Vereinigten Staaten, Präsident Roosevelt erwiderte, des Kaisers Freundschaftsbezeugungen würden herzlichst gewürdigt. Des weiteren gedachte der Präsident des verstorbenen Botschafters Speck von Sternburg und bemerkte, er hoffe zuversichtlich, daß die bestehenden herzlichen Gesinnungen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern fördern und stärken würden.
— Der Generalstreik in Budapest ist erklärt worden infolge der behördlichen Auflösung der Fachorganisationen der Metallarbeiter und Tischlergehilfen, die am 8. Oktober v. I. Demonstrationen veranstaltet hatten. Die Demonstranten waren von den Organisationen mit Revolvern und Eisenstücken ausgerüstet worden. Sämtliche industriellen Betriebe stehen still, und der ganze Handel und Verkehr in der ungarischen Hauptstadt ist lahmgelegt, weil kein Mensch arbeitet. Alle Bäcker- und Fleischerläden sind geschloffen, ebenso alle Restaurants und -Kaffeehäuser. Von den Kaufläden sind nur solche offen, in denen die Geschäftsinhaber ihre Kunden selber bedienen. Die Polizei hat die weitgehendsten Schutzmaßregeln getroffen und hat starke militärische Hilfe aufgeboten, weil viele sozialdemokra-
„Ich habe nichts zu überlegen. Hugo ist auf ewig an mich gefesselt, niemand kann ihn mir nehmen. Lieber eine Zukunft namenlosen Elends an seiner Seite, als allen Glanz des Paradieses neben Dir!"
„Es kann eine Zeit kommen, wo Du anders denkst!"
„Nein, wohin Hugo sich wendet, dorthin folge ich ihm. Ich trage seinen Namen! Dieses Vorrecht vermag mir keine Nebenbuhlerin zu rauben. Unlösbar sind wir gebunden, und eher würde ich meine ewige Seligkeit aufgeben als ihn!.. Ich war schon wieder zu nachgiebig Dir gegenüber und vergaß, daß man in Deiner Nähe nicht weilen kann, ohne giftige Sumpfluft zu atmen."
„An so liebenswürdige Aussprllche Deinerseits bin ich ja gewöhnt," sagte er gezwungen lachend, aber seine Stimme bebte. „Darf ich mich morgen nach Deinem Be- finden erkundigen?"
„Nein, aber wenn Du mir willst..."
einen Wunsch erfüllen
„Jeden, Klothilde, jeden!"
„So laß diese Unterredung unsere letzte sein und dränge Dich künftig nicfjt meljr in meine Nähe."
Er verharrte einige Sekunden schweigend, dann reichte er ihr das Flacon und preßte zwischen den Zähnen hervor: „Gut!.. Ich erfülleDeinenWunsch. Du sollst mich heute zum letztenmal gesehen haben."
* *
*
Meißner kam spät nach Hause. Er hatte sich erst den zuletzt aufbrechenden Gästen angeschlossen und betrat mit heimlichem Schaudern und Widerwillen seine Wohnung. Wie ein jäher Schmerz war es ihm durch die Seele gegangen, als Sudowsky von der bereits vollzogenen oder doch nahe bevorstehenden Verlobung Floras mit Professor Winter sprach.
Wohl gab sich Hugo seit Wochen Mühe, ruhig zu er- schemen und erträgliche, häusliche Verhälmisse zu schaffen, aber in der TiefeseinesHerzens brandete und stürmte es mehr denn je. 155,18