mit amtlichem Nreisblatt
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat^
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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eM 93. Mittwoch, den 18. November 1908. 59. Jahrgang.
Bekanntmachung
Der an dem städtischen Walddistrikt „Steinbruch" Parzelle Kartenblatt D Nr. 71a entlang führende Feld- und Waldweg wird bei Ausführung der neuen Bahnstrecke Schlüchtern-Flieden zugeschüttet und muß deshalb eingezogen werden.
Dieses Verfahren wird gemäß § 57 des Zuständig» keitsgesetzes vom 1. August 1883 mit der Aufforderung bekannt gegeben, etwaige Einsprüche binnen 4 Wochen zur Vermeidung des Ausschlusses bei der unterzeichneten Wegepolizeibehörde geltend zu machen.
Schlüchtern, den 14. November 1908.
Die Wegepolizeibehörde: Albrecht.
Bekanntmachung.
Die Wegeparzellen:
Kartenblatt R 380/123 auf dem Gottesacker,
Kartenblatt R 382/123 auf dem Gottesacker sollen von der Stadt Schlüchtern eingezogen werden. ^Dieses Vorhaben wird gemäß § 57 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 mit der Aufforderung bekannt gegeben, etwaige Einsprüche binnen 4 Wochen zur Vermeidung des Ausschlusses bet der unterzeichneten Wegepolizeibehörde geltend zu machen.
Schlüchtern, den 14. November 1908.
Die Wegepolizeibehörde: Albrecht.
Bußtag.
An grauem Herbsttage läuten dumpf die Glocken. Das Getriebe der Arbeit stockt, die Stätten des Vergnügens sind geschloßen: Bußtag in deutschen Landen.
Wandle heul einmal in Gedanken durch die Weiten der Völkerwelt, rückwärts durch die Geschichte. Lege dein Ohr an der Menschheit Herz. Was hörst du? Ich höre ein Seufzen, tief und schwer, emporquellen aus ihrer Brust. Bald ist es wortloser Wehelaut, bald formt es sich in hundert Sprachen zu ve'-ständ- licher Rede. Aus Babylons Steinen klingt es in Vers und Lied, wie aus Alt-Israel und in heiligen Schriftrollen der Inder. Durch Germaniens Haine rauscht es wie Vorahnung einer „Götterdämmerung". Auf griechischer Bühne schreitet es im tragischen Gewände: „Der Uebel größtes ist — die Schuld!" Im Bildwerk redet es, wie ein Michelangelo, ein Dürer, ein Klinget^ es schuf. Wehmütig klingt es bald und bald verzweifelt. Furchtsam und scheu, dann wieder wild und schrecklich. Aber durch alles hindurch der eine Ruf, unmißverständlich — der Ruf nach Frieden!
Wie ein Fieberkranker ruhelos sich hin und her wirft auf dem nächtlichen Lager, so wirft sich die Menschheit aller Zeiten und Völker unruhig von einer Seite auf die andere, versucht es bald in dieser, bald in jener Stellung, greift in der Not zu dem und jenem Mittel, — sich zu beruhigen. Was ist dir, Mensch? Was fehlt dir? Frage die Weisesten und Besten, die je gelebt, die wahrhaften Menschenkenner! Aber frage nicht die tändelnden Spaßmacher, die dürftigen Lieblinge des Tages oder die Marktschreier, die nach der Gunst der Leute haschen! Frage die Großen, denen ein Gott gab, zu sagen, was der Durchschnittsmensch wohl fühlt, aber nicht auszusprechen vermag, — und du wirst es hören:
Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!
Die eine will sich von der andern trennen!
Das ist es. Es geht ein Riß durch die Welt und läuft mitten durch uns hindurch. Ein ungeheurer Zwiespalt. Wir sind innerlich auseinander, uneins mit uns selber. Unharmonisch klingen die Saiten unserer Seele. Dies einzusehen und mutig zu gestehen, ist der Anfang aller Weisheit, aller Religion d. h Gottesfurcht!
Bußtag! Tag der inneren Einkehr und der Selbsterkenntnis, und zwar einer aufrichtigen, die nicht hin- überschielt nach den Verfehlungen der anderen, nicht schilt nock jammert über die Schlechtigkeit „der Welt", sondern sich selber in den Busen greift! Was heilt uns den seelischen Riß? Da schwebt wie aus Himmelshöhen eine Botschaft hernieder: Versöhnung! . . . . Ein Engel des Friedens, steigt dieses Wort herab. Als Kind schon wußtest du, was das beteutet. Wenn die Stirn deines Vaters umwölkt war, wenn du fühltest: er war unzufrieden mit dir. Dein Trotz, dein kindisches Selbstbewußtsein lehnte sich zuerst dagegen aus. Aber dein Herz war unruhig in dir. Du wartetest im stillen auf ein Wort der Güte. Da endlich kam er dir entgegen: Versöhnung! Und wie neugeboren fühltest du dich.
Wie stehen wir Menschen zu dem Inbegriff alles Guten, zu Gott? Ferne fühlte sich ihm die Menschheit, geschieden von ihm durch Himmelsweiten. Zürnte er ihr, Der Heilige? War er der schreckliche Richter, als den ihn alte Bußprediger verkünden? Oder war's ein Gott mit kaltem Marmorantlitz, ein ehernes Schicksal, das über irrende Menschen achtlos hinschreitet? Oder ein Selbstgenügsamer, der in seliger Höhe einsam thront? Da kam Jesus, des einigen Gottes Sohn. Er lüftete den Vorhang, der das Ewige verschleiert, er sprach das erlösende Wort: Dahinter ist ein Gott,
der euch die Hand des Friedens entgegenstreckt. Glaubet ihm! Aenderl euren Sinn! Trachtet nach Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit! Das sei eure „Buße"! So will es der Vater der Liebe. Und wie Himmelsmusik rauscht es noch immer durch die herbstkalte Welt: Versöhnung! Versöhnung!____
Deutsches Reich.
— Der Generaladjudant des Kaisers, Graf von Hülsen-Häseler ist am 14. Nov. in Donaueschingen von einem Schlaganfall getroffen worden und alsbald gestorben. Der Kaiser hat infolgedessen die Reise nach Kiel aufgegeben und fuhr am 15. Nov direkt nach Berlin, wo ihm der Reichskanzler Vortrag hielt.
-- Jm Reichstag richtete am Donnerstag bei Der Debatte über Rechnungssachen aus den Kolonien Abg. Erzberger (Z.) fcharfe Angriffe gegen den Abg. von Liebert (Rp.). dem er vorwarf, als Gouverneur von Ostafrika Mittel verwendet zu haben, deren Bewilligung der Reichstag abgelehnt hatte. Die Abg. Gamp (Rp.) und Dr. Arning (natl.) traten den Angriffen gegenüber, mährend Abg. v. Liebert erklärte, erst in der Kommission nähere Aufschlüsse geben zu wollen, denn er glaubte ohm Ermächtigung des Staatssekretärs im Reichskolonialamt nicht über die Angelegenheit sich äußern zu dürfen. Uebrigens sei er nur für 2 Monate der kritischen Zeit verantwortlich, da er dann seinen Posten an den Grafen Götzen abgegeben habe. Schließlich ging die Vorlage an die Nechnungskommis- sion. Weiter beschäftigte sich das Haus mit einer Bergarbeiterpetition betr. die Führung von schwarzen Listen, wobei alle Redner ihrem Bedauern über die neue furchtbare Grubenkatastrophe in Westfalen Ausdruck gaben. Die PAition wurde zur Berücksichtigung überwiesen. — Am Freitag wurden die zwei Interpellationen des Zentrums und der Sozealdemokratie über die Arbeitslosigkeit nnd die wirtschaftliche Krisis verhandelt. In seiner Beantwortung wies Staatssekretär von Beth- mann-Hollweg zahlenmäßig nach, daß das Reich als Arbeitgeber nicht nur keine Entlassungen vorgenommen, sondern sogar Tausende von Arbeitern eingestellt habe. Wohl müsse von einer wirtschaftlichen Krise gesprochen werden, diese sei aber gewissermaßen eine Weltkrisis, und Deutschland sei immer noch am besten dran. Eine Reichsarbeitslosenversicherung werde wegen Der damit verbundenen Schwierigkeiten wohl kaum eingeführt werden. An der Besprechung beteiligten sich die Abg. Dr. Stresem-nn (natl ) Carstens (fr. Vp.) und Gol- hein (fr. Vg).
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Künstkerötut.
Roman von Vera v. Baratowski. 34
Lange stand sie jetzt oft vordem Spiegel, gedachte der Unglücksprophezeiung ihrer alten, nun seit einem Jahre verstorbenen Feindin und suchte selbstquälerisch nach den Spuren des mahnenden Alters... Nein, nein!.. Da gab es gar keine Täuschung mehr. Des Hochsommers üppige Pracht wollte dem Herbst Platz machen. Herz und Sinne waren jung geblieben und verzehrten sich in heißem Verlangen nach irdischem Glück. Aber das Antlitz fing an, einer welkenden Blume zu gleichen. Sorgfältige Toilettenkünste vermochten den fortschreitenden Verfall wohl noch ein Weilchen zu verbergen, nicht aber ihn auf- zuhalten.
Hugo erschien ihr kälter, sie meinte eine Abnahme seiner einst so übermächtigen Zärtlichkeit zu bemerken und konnte es nicht mehr ertragen, wenn sein Blick einer anderen Frau folgte. Eifersucht begann sie zu beherrschen und ihr den Giftstachel des Mißtrauens immer tiefer in die Brust zu drücken.
, ^Koße Summen hatte Klothilde eingenommen, ver- brauchte diese aber auch jetzt; denn ihr Hang zum Luxus wuchv ins Märchenhafte und im Punkte der Toiletten- srage vermochten wenige mit ihr zu eifern.
, ->^^rwr ttoß qe gero^cen> dnm auch er liebte, was das Leben schmucken kann, doch erfüllte es ihn mit Stolz, daß er dank der Würdigung seines eigenen Talentes, mcht mehr von den Einkünften seiner Frau zu zehren brauchte.
Früher waren ihm derartige Gedanken und Erwägungen fern geblieben, fetzt aber schien es oft, als erwache er unt schmerzendem Kopse, seelisch und körperlich müde, aus einem durch Opmmgenuß erzeugten Traum.
* * *
Professor Klußmann, langjähriger Leiter der berühmten Malerschule in A... erkrankte plötzlich schwer und
mußte seiner Lehrtätigkeit entsagen. Das Direktorium in nicht geringe Verlegenheit gebracht, fragte nun bei Meißner an, ob er geneigt sei, seinen ehemaligen Lehrer an ! der Akademie zu vertreten, resp, dessen Nachfolger zu wer- । den. Er war mit Freuden bereit, den Vorschlag zu ak- ! zeptieren, stieß aber auf heftigen Widerspruch bei Klo- ihilde, die ihn fern zu halten wünschte. Hugo bestand jedoch mit einer ihr ganz fremden Energie auf seinem Willen und diesmal war's die Diva, welche nachgeben mußte, und es endlich tat in der Hoffnung, ihre langsam wiederkehrenden Kräfte an dem dortigen Hostheater, dessen Intendant mehrmals an sie schrieb, versuchen zu i können.
Hugo erwartete viel für die Zukunft von diesem Ab- i schluß. Es schmeichelte auch seinem Ehrgeiz, daß Professor Klußmann, der nie sein enthusiastischer Lobredner gewesen war, ihn nun selbst als würdig erachtet hatte, provisorisch das Lehramt an diesem vornehmen Kunstinstitut zu übernehmen.
Die Abreise erfolgte ohne Aufschub. Das Künstlerpaar wurde sehr zuvorkommend empfangen, war bald in i die ersten Kreise der Residenz eingeführt'und nahni zahl- ; reiche Einladungen an; denn Klothilde meinte nun ivohl mit Recht, man müsse im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen, um sich das allgemeine Interesse zu sichern und zu erhalten.
Eines Abends weilte man, zum Souper gebeten, bei Baron und Baronin von Zoller. Die meisten Gäste waren bereits versammelt, als der Diener meldete: „Herr Hauptmann vonWestberg, Fräulein von Henck, Herr Professor Winter!"
Erstaunt stand Meißner vor bem zu holdester Schönheit erblühten Mädchen, über dessen Anmut ein Hauch leiser Melancholie gebreitet war. Er erkannte die kindliche Flora mit den eckigen Formen und dem stets freund- lichlächelndenGesichtchenkaum mehr in ihr.Jhre schlanke, zu schönstem Ebenmaß entwickelte Gestalt nahni sich in einfacher, aber geschmackvoller und hochmoderner Toi
lette reizend aus. Den zartgeröteten Wangen fehlte das sanfte Rosenrot der Jugend und Gesundheit nicht. Die veilchenblauen Augen blickten ernst und sinnend in die Welt, und umden lieblich geformten Mund lag ein wehmütiger Zug.
Nur wenig Personen hatten um das noch nicht öffentlich bekannt gegebene Verlöbnis Fräulein von Hencks gewußt; auch war die Lösung auf durchaus ruhige, vornehme Art erfolgt, man konnte sich daher so unbefangen begrüßen wie es zwischen Bekannten, die sich nach jahrelanger Trennung wiedersehen, üblich ist.
Der Gastgeber mit dem Intendanten des Hoftheaters verwandt, war erst kürzlich nach M. gezogen und kannte die Beziehungen, welche einst zwischen Meißner und der Nichte Westbergs bestanden, nicht.
Diese unerwartete Begegnung machte einen tiefen Eindruck auf Hugo, wie Klothilde wohl bemerkte.
Sie hatte sich das Mädchen immer herzlich unbedeutend gedacht und war nun vollständig überrascht.
Man wechselte einige kühl-höfliche Worte und wandt« sich dann anderen Bekannten zu.
Hauptmann von Westberg verbarg nur mühsam, wie unerwünscht ihm dieses Zusammentreffen kam. Sein gutmütiges Gesicht zeigte einen ungewöhnlich strengen, abweisenden Ausdruck. Auch Ernst Winter begrüßte seinen ehemaligen Freund sehr zurückhaltend und nahm zwar die dargebotene Hand, aber ohne sie zu drücken.
„Verzeihe, daß ich Dir erst nachträglich zu dem Professortitel gratuliere," sagte Meißner. „Als ich las, welche Auszeichnung Dir zu teil wurde, war es meine Absicht, sofort zu schreiben, allein ..
„Bitte, ich erwarte weder eine Gratulation noch bedarf es der Entschuldigung. Weiß ich doch, wie sehr Deine eigene Zeit in Anspruch genommen ist. . . . Gnädige Frau..."
Mit höflicher Verneigung entfernte sich Winter und ging bem eben eintretenden Sanitätsrat Hotopp entgegen. 155,18