Nr. 90. Samstag, den 7. November 1908. Jahrgang 59.
Mutterliebe.
Mutterliebe! Mutterliebe!
Auf Erden kommt ihr gar nichts gleich;
Auf Thronen wie in Bettlerhütten, Ist ihre Herrschaft unbestritten, Und unermeßlich ist ihr Reich.
Und unergründlich wie das Meer Und wie das Weltall ohne Schranken, Kennt sie kein Weichen und kein Wanken, Nichts ist, das ihr unmöglich wär'.
Sie fürchtet nicht des Todes Macht: Sie kämpft mit Löwen und mit Drachen, Sie holt ihr Kind aus Höllenrachen Und aus des Elends tiefster Nacht.
So stark ist sie und doch auch mild Wie Sonnenschein auf Wald und Auen, Wenn nach des Winters Nacht und Grauen Aus jedem Zweig die Knospe quillt.
Das Kaiser-Interview.
Am Sonnabend, unter dem Eindruck der Mittest- ungen der „Norddeutschen Allgemeinen", hatte ein großer Teil unserer Presse die Nerven verloren. In einigen Blättern kam es sogar zu richtigen hysterischen Ausbrüchen, sie sahen den Bau des Deutschen Reiches zusammenstürzen, sie glaubten sich mitten in einer allgemeinen Katastrophe. Seitdem ist die Besinnung, wenn auch erst teilweise, wiedergekehrt. Man besieht ruhig den Schaden und erkennt mit Erstaunen, daß das Deutsche Reich noch so fest oasteht wie vorher. So schwächlich ist sein Gerüste wirklich nicht, daß nun alles zusammenfallen inüßte, weil sich eine, gewiß wichtige Stelle als schadhaft gezeigt hat. Sarbe vernünftiger Bauleute ist es nicht, wie ein Haufen alter Weiber zu zetern und die Hände zusammenzuschlagen, sondern, sei es auch mit einem kernigen Fluch, an die Arbeit zu gehen und den Schaden auszubessern.
Einige Blätter, zu unserm Bedauern gerade auch solche, die sich mit Vorliebe national nennen, haben in diesen Tagen eine Sprache gegen deu Kaiser geführt, die von Ehrfurcht soweit entfernt war wie von Gerechtigkeit. Sie scheinen in der Vorstellung zu leben, als sei es ihre Aufgabe, den Kaiser zu „erziehen", und sie fordern Verfassungsänderungen, falls ihre Mittel der „Erziehung" unzureichend wären. Wir lehnen diesen ganzen Gedankengavg als eine Verirrung ab und beklagen es tief, daß gerade bei diesem Anlaß es die erwähnten Blätter über sich gewonnen haben, das treumonarchische Gefühl ihrer Leser mit so unsinnigen Ideen zu verwirren. Stehen sie den Anschauungen des Kaisers so fern, um nicht zu erkennen, daß er bei seinen Aeußerungen im Kreise der englischen Herren ein sehr ernstes und bestimmtes politisches Ziel im Auge gehabt hat? Der Kaiser wollte, das ist jedem aufmerksamen Leser des Artikels im „Daily Telegraph" ohne weiteres klar, der in England so verbreiteten Stimmung entgegenarbeiten, daß es früher oder später zu einem kriegerischen Zusammenstoß zwischen unseren beiden Ländern kommen müsse. Er wollte bei einflußreichen Männern den Gedanken befestigen, daß wir friedlich miteinander leben müssen, und daß kein Grund zu Mißtrauen gegen die deutsche Politik vorliege. Das war unter allen Umständen ein nützliches Beginnen.
Und es hat auch tatsächlich genutzt, solange die kaiserlichen Worte, wozu sie zunächst bestimmt waren, in privaten Kreisen weitergegeben wurden. Die englischen Herren waren von der nützlichen Wirkung so sehr überzeugt, daß sie den Aeußerungen des Kaisers die weiteste Oeffentlichkeit geben wollten. Nun erst machte sich der Fehler der Akustik geltend. Was im Privatgespräche von guter Wirkung ist, kann, im Parlament oder in der Presse ausgesprochen, von den schädlichsten Folgen sein. Das ist eine alte Erfahrung, und sie hat sich hier wiederholt. In daraus dem Kaiser ein Vorwurf zu machen? Zweifellos nicht. Denn über die Wirkung seiner Aeußerungen für den Fall der Veröffentlichung hat er ja gerade das Urteil seiner politischen Berater erbeten und nur durch eine Verkettung schlimmer Umstände nicht erlangt.
Die Blätter, die den Kaiser wegen des Interviews und seiner Wirkung in der Oeffentlichkeit so scharf mißbilligten, tadelten nun mit noch stärkerer Erbitterung, daß ehrlich mitgeteilt worden ist, wo die wirkliche Schuld lag. Haben sie kein Gefühl dafür, daß es Felonie gewesen wäre, den Kaiser öffentlich einer alschen Beurteilung seines Volkes ausgesetzt bleiben
Mutterliebe! Mutterliebe!
Sie ist ja aller Liebe Krön'!
Wie sollte Gott doch widerstehen
Der Mutterliebe heißem Flehen, Dringt es hinauf zu seinem Thron!
Und macht das Kind den Eltern Schmerz, Der Vater mach es wohl verfluchen, Der Mutter bricht, will sie's versuchen, Vor Gram das treue Mutterherz.
Und bist du ein verlor'ner Sohn, Sind dir verschlossen alle Pforten, Weist man dich ab mit rauhen Worten, Mit herbem Spott und bitt'rem Hohn;
Stieß dich die kalte Welt hinaus, Und irrst du nun mit hohlen Wangen, In kranker Brust der Reue Schlangen, Dann kehre heim ins Elternhaus. I
zu lassen, um einen zwar beklagenswerten, aber doch nicht unkorrigierbar^n Fehler des Amtsbetriebes zu verbergen? Der Reichskanzler hat nur seine Pflicht getan, indem er ehrlich erklärte, wie die Dinge sich ereignet haben. Und er hat die Verantwortung und seinen Teil der Schuld vor aller Welt übernommen. Alles weitere ist Sache der Amtsdisziplin, und wir meinen, daß die Presse nicht gut tut, in diese inneren Angelegenheiten, der Behörde Hineinzugreifen und weniger vornehmen als der Kaiser zu sein, indem sie nun noch ein persönliches Opfer auf den Markt zu schleifen sucht. Der Reichstag, der gewiß die Ange- legenheit vor sein Forum ziehen wird, hat keinen Anlaß, den Bahnen zu folgen, auf die sich die Berliner und auch ein Teil der Provinzblätter in der ersten Erregung gestürzt haben. Das Wohl des Reiches wird nicht gefördert, indem man dem Auslande das Schauspiel eines aus dem Gleichgewicht gebrachten Volkes gibt. Darüber wird sich jeder klar sein, der die fremde Presse in diesen Tagen verfolgt hat. Ueber- all, in Paris, in London, in Petersburg, horcht man auf bei der erregten Sprache, die in den deutschen Blättern ertönt, und die Schadenfreude, die — kaum zu glauben — ein Berliner Blatt mit innerem Be« Hagen zu empfinden erklärte, brennt hell aus, wo dem Deutschen Reiche Gegner sitzen, die Schadenfreude und die Hoffnung, daß es mit der Kraft des Deutschen Reiches wirklich so schlecht bestellt sei, wie deutsche Blätter es behaupten. Wie die Dinge in der Welt stehen, haben wir nicht die Zeit, uns mit müßigem Klagen und Anklagen wegen begangener Fehler auf- zuhalien. Zähne zusammenbeißen und besser machen!
— Darauf kommt es heute an!
Vermischtes.
— Ein neues Luftschiff. Ein neues lenkbare Luftschiff wurde von dem Ingenieur Ungar in Hannover konstruiert. Der Bau hat den genauen Typus eines Schiffs, ist in Kammern eingeteilt und besitzt große Festigkeit und Elastizität, die für Landungen von hohem Werte sind. Das Luftschiff ist aus einem besonderen Stahl hergestellt und leichter, als wenn es aus Allmu- minium angefertigt wäre. Herabhängende Gondeln fallen weg. Mannschaft, Motore und sämtliches Zubehör sind unter Dach gebracht. Feuersichere Kammern im Ballon. Gerüste sind vorgesehen. Salons, Mann- schaftsräume usw. liegen zwischen den Motorräunten Kleine Defekte können während der Fahrt beseitigt werden.
— Aus den nördlichen Vororten Berlins wurden 14 Typhusfälle gemeldet. Die Seuche soll ihren Ursprung auf dem Berliner Rieselgut Blankelde haben.
— Erfinder aus Herrscherhäusern. Der Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen hat eine Patentanmeldung auf einen Manschettendoppelknopf zur Einreichung gebracht, die nach amtlicher Feststellung der Patentfähigkeit kürzlich zur Bekanntmachung führte. Auch Prinz Heinrich von Preußen, der Onkel des Kronprinzen, zählt zu den Erfindern, als Inhaber eines deutsche» Reichspatentes aus einen Scheibenreiniger für die vordere Schutzscheibe an Kraftfahrzeugen. In der Reihe der fürstlichen Erfinder aufgeführl zu werden verdient ferner der Großherzog Friedrich August von Oldenburg als Patentinhaber auf eine Anordnung von Schiffsschranbenflügeln für zwei- oder mehrflügelige Propeller. Wie das Patentbureau Kipp u. Büttner, Hamburg, mitteilt, fmö auch die Prinzessinnen Adelheid und Irene zu Schleswig-Holstein Sonderburg-Glücksburg
Mutterliebe! Mutterliebe!
Dann komm an's Mutterherz zurück.
Die Mutter wird sich dein erbarmen.
Du findest Ruh in ihren Armen,
An ihrer Brust das reinste Glück.
Sie ist des Menschen höchster Schatz;
Doch sollte sie einst fliehen müssen
Und nirgends eine Zuflucht wissen,
Nimmt sie am Herzen Gottes Platz. —
Wie köstlich Mutterliebe sei,
Das schallt in tausendfachen Weisen,
Doch immer wieder wird man preisen Die Mutterlieb', die Muttertreu',
Doch kann, was Mutterlieb' vermag, Kein Mensch dir und kein Engel sagen,
Drum will ich's tief im Herzen tragen, Bis hin an meinem letzten Tag!
Gilnhausen. Hermann Haase.
mit Erfindungen, die eine an der Achse befestigte, hoch zustellende Fahrradstütze und eine unter die Schuhsohle, zu spannendes Rolleupaar betroffen, an die Oeffentlichkeit getreten.
— Eine neue Köpenickiade spielte sich in der Nähe von Düsseldorf ab. Ein Telegramm aus Hilden meldet darüber: Kürzlich nachmittags gegen 4 Uhr fuhr in Unterbach ein Mann im Automobil vor das Pastorat vor. Er begab sich in Abwesenheit des Pastors in das Haus, stellte sich den dort anwesenden Frauen als Kriminalbeamter vor und hielt eine Durchsuchung der Räume ab. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm eine Kassette mit 6500 Mk. in die Hände, die er beschlagnahmte, angeblich, weil der Pastor im Verdacht stehe, falsches Geld verausgabt zu haben. Der angebliche Kriminalbeamte entfernte sich mit dem Automobil in der Richtung nach Düsseldorf, von wo er auch gekommen war.
— In der vergangenen Woche wurden in der Provinz Posen fünf Personen, in der Provinz Schlesien vier Personen erfroren ausgefunden.
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