zurzeit das preußische Parlament zieren, dein Könige den Eid der Treue leisteten. Da die Sozialdemokratie sich ausgesprochenermaßen zur Republik bekennt und den Kampf gegen die Monarchie als eine ihrer Hauptaufgaben betrachtet, so haben die edlen Sechs also einen Eid geschworen, den sie von vornherein beh jeder Gelegenheit zu brechen gewillt sind. Es ist das wieder eine recht nette Jllustrationsprobe zu der in der Sozialdemokratie herrschenden Verlotterung und Verwilderung aller sittlichen Begriffe, von der sich das gesunde moralische Empfinden nur mit tiefem Ekel abzuwenden vermag. — Die parlamentarischen Beratungen selbst haben bisher die Beamten- und Lehrerbesoldungsvorlage zum Gegenstände gehabt. Es ist dies ja auch die wichtigste gesetzgeberische Materie, die das preußische Abgeordnetenhaus während der bevorstehenden Tagung zu erledigen haben wird. Von den Rednern aller Parteien sinit Ausnahme natürlich des Häufleins der „Genossen" wurde den Grundzügen des großartigen Werkes vollste Anerkennung zuteil. Man darf daher wohl mit Zuversicht hoffen, daß auch die weiteren Verhandlungen einen glatten und befriedigenden Verlauf nehmen und das Begonnene in Kürze zu einem gedeihlichen Abschluß führen werden.
Der russische Minister des Auswärtigen Jswolski hat sich während der verflossen Woche einige Tage in Berlin aufgehalten und mit unserm Reichskanzler Fürsten v. Bülow sowie dem Staatssekretär v. Schön eingehende Besprechungen gehabt. Soweit sich diese Besprechungen auf die Veränderungen im europäischen Orient bezogen haben, ist ihr Fazit durch ein: halb- amtliche Mitteilung der Oeffentlichkeit bekanntgegeben worden. Es erhellt daraus, daß für die Stellungnahme Deutschlands nach wie vor unser Bundesverhältnis zu Oesterreich maßgebend ist. Von der deutschen Regierung wird daher sowohl die Weigerung Oesterreichs, seine Annexion Bosniens und der Herzogowina noch auf einer Konferenz diskutieren zu lassen, als auch der österreichische Widerspruch gegen territoriale Kompensationen für Serbien und Montenegro gutgeheißen und verteidigt. Ferner hat sich Herr v. Jswolski davon überzeugt, daß „eine Konferenz nur dann nützlich erscheint, wenn zuvor völlige Ueberein stimmung unter allen Signatarmächten des Berliner Vertrages über Umfang und Inhalt des der Konferenz zu unterbreitenden Programms erzielt ist." Die Aussichten für eine solche Einigung haben sich letzthin offenbar gebessert, doch läßt sich bet der Politik der Überraschungen in orientalischen Angelegenheiten, der zufolge die Bilder fast kaleidoskopartig wechseln, ein irgendwie sicheres Erognostikon für die fernere Ent- Mckung der Dinge nicht stellen.
Die Balkanangelegenheiten nahmen, wie das ja erklärlich ist, auch einen breiten Raum in den Ausführungen ein, die Freiherr von Aehrenthal jüngst in der österreichischen Delegation gemacht hat. Der Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns wandte sich mit Schärfe dagegen, daß auf einer etwaigen Konferenz die vollzogene Tatsache der Annexion Bosniens und der Herzegowina in Frage gestellt oder zum Gegenstände der Diskussion gemacht werde, erklärte aber zugleich, nichts dagegen zu haben, wenn die Konferenz von dieser Tatsache Kenntnis nähme und bei einer Revision des Berliner Vertrages die Aufhebung des Bosnien und den Sandschak betreffenden Artikels konstatierte. Was die Frage der Kompensationen anbelange, so könne von solchen doch nur der Türkei gegenüber die Rede sein, und dieser sei seitens Oesterreichs mit Ueberlassung des Sandschaks Noviba- zar bereits freiwillig eine Kompensation gewährt worden. Serbien und Montenegro hätten kein Recht, zur Annexion diplomatisch Stellung zu nehmen, und taten besser, an ihrer inneren Entwicklung zu arbeiten, statt unrealisierbaren Träumen nachzuhängen. Auf die allgemeine Lage übergehend, fand der Minister alsdann warme Worte zum Lobe und Preise des Dreibundes. Wir freuen uns dessen von Herzen und glauben die Stimmung der übergroßen Mehrheit des deutschen Volkes richtig wiederzugeben, wenn wir sagen, daß die bundesfreundliche Gesinnung, die aus jenen Worten hervorleuchtete, in Deutschland sicherlich weit und breit ein kraftvolles Echo finden wird.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser trifft am 4. November in Eckartsau ein, um dort einige Tage als Gast des Erzherzogs Franz Ferdinand zu verweilen. Die Abreise erfolgt am 6. November.
— Der Londoner „Daily Telegraph" hat sensationelle Aeußerungen des Kaisers Wilhelm über Deutschlands Politik in der marokkanischen Frage und über Deutschlands Stellung gegenüber England während des Burenkrieges, aber auch über Rußlands und Frankreichs Anträge bei Deutschland während des Burenkrieges gegen England veröffentlicht. Man weiß ja noch nicht ob alle diese Aeußerungen des Kaisers Wilhelm toört lich zu nehmen sind, oder ob sie tendenziös gefärbt wurden, aber soviel erscheint heute schon sicher, daß der Kaiser in einer Unterredung mit einem englischen Diplomaten diese Aeußerungen ihrem Sinne nach gebraucht hat. Sehr auffällig erscheint es, daß die Kundgebung
dieser Aeußerungen erst jetzt erfolgt, während dieselben doch wohl schon vor längerer Zeit gefallen sein dürften Der Grund für diese sensationellen Aeußerungen scheint darin zu suchen sein, daß der Kaiser Wilhelm darüber sehr verstimmt ist, daß man für seine Friedenspolitik weder in England noch in der übrigen Welt das rechte Verständnis hat. Nach des Kaisers Worten hat es Deutschland in der schlimmsten Zeit des Burenkrieges abgelehnt, dem Ersuchen Frankreichs und Rußlands zu entsprechen und mit diesen Großmächren gemeinsam durch Drohungen gegenüber England dem Burenkriege ein Ende zu machen und England zu demütigen Das ist eine sehr bittere Pille für den englischen Hochmut, der die Haltung Deutschlands so oft angefeindel und hinterlistig erklärt hat. Diesen ganzen Kundgebungen wohnt also die Tendenz inne, den immer wieder auftauchenden Verdächtigungen gegenüber der Politik Deutschlands mit authentischem Material gegenüber zu treten. Die Wirkung des Artikels, in dem private Aeußerungen des Kaisers aus verschiedenen Zeitungen und mit verschiedenen Personen zusammengestellt waren, entsprach jedoch nicht der guten Absicht. In Frankreich und Rußland, zum Teil auch in England selbst, wollte man in der Erinnerung daran, daß die deutsche Politik eine russisch-französische Anregung auf Intervention im Burenkriege abgelehnt hatte, eine Enthüllung erblicken, die dazu bestimmt sei, das gute Verhältnis zwischen England, Rußland und Frankreich zu stören. Auch die deutsche Presse griff vielfach die Veröffentlichung im „Daily Telegraph" an und tadelte heftig den Kaiser daß er den Artikel genehmigt habe. Dabei ging man von der Annahme aus, daß der Kaiser selbst den Artikel veranlaßt und dem Reichskanzler vor der Veröffentlichung keine Kenntnis gegeben habe. Beides hat sich nunmehr als falsch herausgestellt. Der Kaiser hat den ihm mit der Bitte um Genehmigung vorgelegten Artikel des englischen Autors an den Reichskanzler zur Prüfung geschickt, leider zu einer Zeit, als Fürst Bülow mit Geschäften (orientalische Wirren, Finanzreform tc.) sehr überhäuft war, weshalb er das Manuskript nicht selbst durchsah, sondern die Prüfung dem Auswärtigem Amt überließ. Hier muß nun ein großes Mißverständnis vorgekommen sein; es scheint, als ob sich die Prüfung nur auf Nebendinge erstreckte, nicht aber auch auf die Zweckmäßigkeit der Veröffentlichung. Auf dem Kaiser dürften die ungerechten Vorwürfe wegen der ungünstigen Wirkungen des Artikels nicht sitzen bleiben. Der Reichskanzler Fürst Bülow zögerte keinen Augenblick, die volle Verantwortung für das vorgekommene Versehen auf sich zu nehmen und seinem kaiserlichen Herrn zu erklären, daß er nicht im Amte bleiben könne, es sei denn, daß er durch Veröffentlichung des Sachverhalts in die Lage versetzt werde, die völlig ungerechten Angriffe auf den Kaiser in der deutschen Presse zu zerstören. Der Kaiser hat sich mit diesem offenen Vorgehen einverstanden erklärt, das hoffentlich dazu beitragen wird, die ganze Aufregung in der Presse zu beschwichtigen.
— Der Kaiser hat ein vom Reichskanzler Fürsten Bülow infolge der Veröffentlichungen des „Daily Telegraph" eingereichtes Entlaffungsgesuch abgelehnt.
— Der Kronprinz stattete dem Reichskanzler Fürsten von Bülow einen längeren Besuch ab.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag in erster Lesung die Lehrerbesoldungsvorlage. Abg. Borgmann (Soz.) wetterte in der bekannten Weise der „Genossen" über die preußischen Schulzustände. Er las aber alles von seinem Manuskript ab, so daß der Präsident von Kröcher sich veranlaßt sah, ihn auf die Unstatthaftigkeit des Ablesens von Reden aufmerksam zu machen. Dem Abg. Hoff (fr. Vg.) erwiderte Ministerialdirektor D. Schwartzkopff, daß von einem Stellenmangel keine Rede sein könne, da genügend Anwärter vorhanden seien, und wies unter wiederholtem, sehr lebhaftem Beifall die Ausführungen des Abg. Hoff über die Rekrutierung der Lehrerschaft zurück, in denen er, da sie das Lehrermaterial verurteilen, eine Beleidigung der Lehrerschaft erblickt. Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.) erweckte allgemeine Heiterkeit und laute Zustimmung mit einer Polemik gegen den Abg. Borgmann, dem er in einzelnen Punkten Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse nachwies. Nachdem noch einige Redner gesprochen, wurde die Debatte geschlossen und in die erste Lesung des Pfarrbesoldungsgesetzes eingetreten. Die Abgg. Winckler (kons.) und Dr. Porsch (Z.) erklärten sich mit der Vorlage im allgemeinen einverstanden. — Am Freitag wurde die erste Beratung des Pfarrer- besoldungsgesetzes erledigt. Dem Abg. Hoffmann (Soz), dem sogenannten Zehngebote-Hoffmann, der sich in heftigen Angriffen gegen die Geistlichkeit erging, wurde nach dreimaligem Ordnungsruf durch Beschluß des Hauses das Wort entzogen. Bei der Beratung der neuen Steuergesetze trat Abg. Dr. Friedberg (nall.) dafür ein, daß die Eisenbahnverwaltung nur in begrenzter Weise für die übrigen Ressorts Zuschüsse leiste, und daß eine prinzielle Begrenzung des Extra- ordinariums erfolge. Finanzminister Frhr. v. Rhein- haben legte dann in längerer Rede die Auffassung der Regierung dar und betonte ganz besonders, daß sie die Verantwortung für die Besoldungsvorlagen nur
tragen könne, wenn die Deckungsmittel, die sie fordert, ihr dauernd bewilligt werden.
— Im Januar 1909 soll zu Berlin eine mitteleuropäische Wirtschafts Konferenz stattfinden, die sich mit der Einwanderungsfrage, dem Austausch der Arbeiter zwischen Landwirtschaft und Industrie sowie Erweiterung des internationalen Jndustriekredits befassen wird.
— Die deutsche Regierung sieht sich nach der „Internat. Pol. Korr." bei ihrem telegraphischen Verkehr mit den deutschen Kolonien durch die Abhängigkeit von den englischen Kabelgesellschaften seit langem empfindlich beeinträchtigt. Hierin wird jetzt in kurzer Zeit Aenderung geschaffen werden. Die kürzlich gegründete „Deutsch-Südamerikanische Kabelgesellschaft", die in die Rechte des Fellen u. Guillaume-Lahmeyerschen Konzerns für die Konzessionierung einer Kabellinie nach Brasilien und Argentinien eingetreten ist, wird nämlich, wie die „Internationale Politische Korresp." von autoritativer Seite erfährt, von Madeira aus ein Zweigkabel nach Togo und Kammerun legen. Die Arbeiten sollen bereits in nächster Zeit in Angriff genommen werden. Die Leitung wird von Vigo aus, wo sie Anschluß an das Kabel der „Deutsch-Atlantischen Kabelgesellschaft" findet, nach Madeira weitergeführt werden. Dort teilt sich das Kabel alsdann in die beiden Stränge nach Rio de Janeiro und Buenos Aires einerseits und nach den am Golf von Guinea gelegenen deutschen Kolonien andererseits. •
Auslano.
— Eine eindrucksvolle Trauerfeier für den verstorbenen Botschafter Speck von Sternburg fand in der deutschen evangelischen Koukordiakirche in Washington statt, welcher Präsident Roosevelt und Gemahlin, das gesamte diplomatische Korps, die höheren Beamten des Staatsdepartements, des Kabinetts und der andern Departements, die Spitzen der Armee und Marine, der Stab der deutschen Botschaft und des deutschen Generalkonsulats beiwohnten. Die Pfarrer Menzel und Roland Smith, ein Geistlicher der amerikanischen Episkopalkirche, gedachten der Bedeutung Sternburgs als Mensch und Diplomat.
— Während der Anwesenheit des spanischen Königspaares in Barcelona ist auf der Treppe eines Hauses eine Bombe explodiert, wobei eine Person verletzt wurde.
— Nach einer Meldung aus Sofia steht eine Verständigung Bulgariens mit der Türkei in Aussicht. Infolge der Vorstellungen der Großmächte verfügte die bulgarische Regierung, daß die Reservisten wider entlassen und auch keine weiteren einberufen werden sollen. Den Vertretern der Großmächte wurde die Antwortnote eingehändigt, welche in entgegenkommendem Tone gehalten ist und eine direkte Verständigung mit Konstantinopel in Aussicht stellt.
— Die Arbeitslosen in London haben einen großen Tumult in Szene gesetzt. Der Postminister Buxton wollte im Rathause einen Vortrag halten. Ein organisierter Zug Arbeitsloser hatte in der Halle Posto gefaßt und verhinderte den Minister am Reden. In dem hierauf folgenden Tumult mußte die Polizei gerufen werden, die aber die Ordnung nicht wieder herzustellen vermochte. Buxton mußte schließlich den Saal verlassen, ohne zu Worte gekommen zu sein. Mehrere Personen wurden in dem Tumult erheblich verletzt.
— Das Einrücken russischer Truppen in Persien bestätigt sich jetzt doch. Nach einer Meldung aus Konstantinopel ist die persische Stadt Dschulsa durch russische Truppen besetzt worden. Die russische Regierung richtete an die Pforte eine Note, worin erklärt wird, Truppen seien zur Verfügung des russischen Generalkonsus in Täbris gestellr worden zur Sicher- stellung der Ruhe. Ein Detachement würde auf Verlangen des Generalkonsuls sofort nach Täbris entsandt, werde aber die Stadt wieder verlassen, sobald die Ruhe hergestellt sei.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 3 November 1908.
—* Am 2. November fand dahier, unter dem Vorsitz des Herrn Schneidermeister Johs. Alt lie Gesellenprüfung für das Schuhmacher- und Schneiderhandwerk statt. Der Prüfung unterzogen sich: Schuhmacherlehrling Hofmann aus Uerzell gelernt bei Herrn Kieslich hier, die Schneiderlehrlinge Wäß aus Sannerz, Härtung aus Herolz gelernt bei Herrn Wäß-Sannerz und Jäckel aus Uttrichshausen gelernt bei Herrn Hillenbrand daselbst. Sämtliche Prüflinge haben mit gut bestanden.
* Erschossen hat sich am Dienstag früh in der Infanterie-Kaserne in Hana» der Feldwebel G. von der 8. Komp. Jnf.-Regts. Hessen-Homburg Nr. 166. Offenbare Nervosität soll dem Bedauernswerten die Schußwaffe in die Hand gedrückt haben.