Synode 1908 der Diözese Gelnhaufen-Zchlüchtern.
Die diesjährige Synode der Diözese Gelnhausen-Schlüchtern tagte am 14. Oktober in Gelnhausen zum ersten Male in dem geräumigen Saale der neuen Turnhalle. Nach dem Gesang der beiden ersten Strophen des Liedes: „Ich weiß, an wen ich glaube" wurde die Tagung durch eine biblische Ansprache des Synodalen Pfarrer Römheld-Steinau über Hebr. C. 10, 24. 25. eingeleitet. Derselbe führte aus: Auch schon in der apostolischen Zeit wurde die öffentliche Mißachtung der gottesdienstlichen Versammlungen als eine betrübende Erscheinung empfunden und zur Beständigkeit in der Pflege der christlichen Sitte ermuntert. Der Grund des Fernbleibens war meist wie bei allen Kirchenverächtern, daß man in dem Besitz der christlichen Wahrheit schwankend geworden war und daher keine Freudigkeit hatte, am gemeinschaftlichen Gottesdienst teilzunehmen, sondern sein Genüge anderswo suchte. — Wenn man kirchlicherseits schon damals der Teilnahme an den gemeinsamen Versammlungen eine große Wichtigkeit beilegte, so darf man auch in der Gegenwart den regelmäßigen Kirchenbesuch nicht unterschätzen. Man muß aber die Idee, die der christlichen Sitte zn Grunde liegt, gegenwärtig haben, sonst artet alle religiöse Uebung in mechanisches Tun aus und übt keine Wirkung mehr. Die ethische Bedeutung der kirchlichen Ordnungen und die sittliche Pflicht des Einzelnen, dieselben zu beobachten, wird im Sinne Schleiermachers nachgewiesen und nach dieser Begründung der im Schriftwort gewiesene Weg zur Beseitigung des Uebelstandes für die Gegenwart nutzbar gemacht. Die Ansprache schloß mit einem Gebet um den Segen Gottes für die Tagung.
Nach der Feststellung der Präsenz und der Beschlußfähigkeit der Versammlung trat der Vorsitzende, Herr Superintendent Orth- Schlüchtern, durch Erstattung des kirchlichen Jahresberichts in die Verhandlungen ein. Der Jahresbericht behandelte drei Punkte: 1. Gemeinschaftsbewegung, 2. Kampf gegen den Alkoholismus, 3. Evangelischen Bund. Im Rückblick auf den Beschluß der vorjährigen Synode konnte der Vorsitzende der Versammlung berichten, daß derselbe auch von der Gesamtsynode ausgenommen worden sei, welche sachlich die gleiche Bitte an Königliches Konsistorium beschloß: „Die Gesamtsynode hält die Beteiligung landes- kirchlicher Pfarrer an Organisationen; welche ohne Einvernehmen mit dem Pfarramte seelsorgerliche Kräfte in die Gemeinde setzen oder selbst in fremden Gemeinden Seelsorge treiben, für schrift- unb kirchenordnungswidrig und bittet Königl. Konsistorium, Maßnahmen dagegen zu treffen." — Auch das kirchliche Jahrbuch von Schneider hat diesen Beschluß registriert. Er hat also Beachtung gefunden. — Leider muß die in dem Berichtsjahre erfolgte Gründung eines Diakonissenhauses der Gemeinschaften in Marburg als ein weiteres schmerzliches Hinweggehen von (der Landeskirche) konstatiert werden. Gerade weil unser hessisches Diakonissen- Haus in Cassel den Bedarf der Gemeinden jetzt noch nicht decken kann, und weil ihm noch Arbeitskräfte und Geldmittel mangeln, hätte man das Bestehende unterstützen sollen, „anstatt ihm Rettungsmannschaft und Ausrüstung zu entziehen". Unser Diakonissenhaus trägt mit dem Namen auch die Art seiner Heimat. Es soll die Kräfte der Heimat für die Heimat dienstbar machen. Wir wollen keine fremde Art. Grade diese Sachlage weist uns den Weg der positiven intensiven Arbeit, uns der Kräftigung und Erweiterung unseres hessischen Diakouiffenhauses mit allem Eifer zuzuwenden. ~
Der zweite Punkt lenkte die Aufmerksamkeit der Synodalen aus den Kampf gegen den Alkoholismus. Die jüngsten Tagungen, die Jubiläumsversammlung des Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke in Cassel und die Tagung des Alkoholgegner- bnndes in Frankfurt, geben Zeugnis davon, wie energisch der Kampf außerhalb der Kirchen aus nicht blos religiösen Motiven geführt wird. Die Kirche muß sich mit dieser Bewegung ausetn- andersetzen. Sie kann sich von ihr die Waffln in der Arbeit zur Rettung der Trinker darreichen lassen; Kampf gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, Bekämpfung der Trinksitten, Aufklärung über die Schädlichkeit des Alkohols; Beeinflussung der staatlichen Gesetzgebung, Einrichtung alkoholfreier Familienabende. Die Synodalen seien zur Unterstützung in ihrer diesbezüglichen Arbeit auch hingewiesen auf das Entgegenkommen der Landesversicherungsanstalt, welche einerseits die Kosten zur Rettung von Trinkern in einer Heilanstalt trägt, andrerseits die Jnvaliditätsrente Trinkern nicht in Geld auszahlen will. Es muß auch von Seiten der kirchlichen Organe in Beeinflussung der öffentlichen Meinung immer wieder betont werden, daß der Genuß von Alkohol und sein Mißbrauch durchaus nicht normal ist. — Ein Mittel hat sich in diesem Kampf besonders wirksam erwiesen, die Totalab stinenz b. i. völlige Enthaltsamkeit bei dem, der sich am Rettungs- Werk beteiligen will und muß. Hierher gehören die sogenannten Blaukreuzvereine in ihren kirchlich neutralen und kirchlichen Verbänden, der Guttemplerorden und Alkoholgegnerbund. Die Kirche als solche hat sich an dieser Arbeit noch nicht beteiligt, sie darf aber nicht wie der Priester und Levit an dem unter die Mörder Gefallenen vorübergehen. Sie muß mitwirken aus Liebe. Ihr gehört der Glaube und die Liebe.
Von dem Evangelischen Bunde konnte der Vorsitzende ein erfreuliches Wachstum im gesamten Konsistorialbezirke, wie auch in der Diözese berichten, in welch letzterer zu sieben Zweigvereinen 8 neue mit 400 Mitgliedern hinzukamen. Auf Anregung des Ev. Bundes beschloß die Gesamtsynode 1908 bei dem Herrn Minister vorstellig zu werden, daß das Resormationsfest einheitlich m den Schulen gefeiert werde. Berichtenswert sind auch die Beschlüsse der Hauptversammlung in Schmalkalden: 1. Beschaffung von Lichtbilderserien zur Belebung der Vorträge auf Gemeindeabenden. 2. Bewilligung eines Beitrages von 100 Mark für daS
hessische ? Vouisseuhaus in Cassel. 3. Dezentralisierung der Arbeit bey Vorlandes. — Mit Recht betonte der Vorsitzende zum Schluß seines Berichtes, daß die an sich notwendige Arbeit des Ev. Bundes, eine Reihe von Gefahren in sich schließe. Aber glücklicherweise sind die Gefahren erkannt und sie werden vermieden werden, wenn seine Arbeit zentrale Arbeit wird, d. h. wenn sie nicht nur christliche Weltanschauung annehmbar machen, sondern Gott den Menschen und den Menschen Gott nah bringen will.
Nach seinen eignen Worten hatte der Vorsitzende keinen kritisch historisch genetischen Bericht über das letzte Jahr gegeben, er schloß aber mit einem Appell an die Synodalen: Helfen Sie uns, daß die ajenda-acta werden d. h. daß das, was noch zu tun bleibt, auch getan wird.
Auf Anregung des Vorstandsmitgliedes Pfarrer Sauer beschließt die Synode an den aus seinem Amte geschiedenen Kon- sistorialpräsidenten von Altenbockum ein Schreiben zu richten, in welchem sie ihre Verehrung und Dankbarkeit für den Mann, der stets ein Herz voll Liebe für die hessische Kirche gehabt hat, zum Ausdruck bringt.
(Schluß folgt).
Irisch auf!
Nun nutzt die schönen Tage, Die uns der Herbst noch beut, Bald kommt mit ihrer Plage Die schlimme Winterszeit.
Noch scheint die Sonne mächtig Die Lust ist frisch und rein, Da wanderts sich gar prächtig In Gottes Welt hinein.
Im Schmuck stellt noch die Wälder, Die Wiesen sind noch grün;
Und sind auch leer die Felder, Doch auch noch Blumen blüh'n.
Frisch auf! Nimm in die Hände Den treuen Wanderstab Und wand're frohbehende Die Berge auf und ab!
Gelnhausen. Hermann Haase.
Vermischtes.
— Durch die mutige Entschlossenheit eines Schul- knaben wurde ein großer Eisenbahnunfall vermieden. Unweit der Station Brühl bei Köln rissen von einem Güterzuge 20 Waggons los, die führerlos in Bewegung blieben. Der Rivieraexpreß war bereits signalsiert, als ein Knabe zum nächsten Schrankenwärter lief und den führerlos einherrollenden Güterzug meldete. Alff diese Weise konnte der Luxuszug noch rechtzeitig zum Stehen gebracht werden, wodurch ein Zusammenstoß verhütet wurde.
— Große Viehdiebstähle sind in den letzten Nächten auf Rittergütern und Domänen im Süden der Provinz Hannover vorgekommen. Wohl an 20 große Güter sind von den Dieben heimgesucht worden. Auf der Domäne Düna bei Osterode wurden in der Nacht 50 Schafe gestohlen, ohne daß man die Täter ermitteln konnte, auf Gut Berge 6 Ochsen und 4 Kälber und auf Gut Schneebra 16 Schweine.
— An einem verschluckten Gebiß ist in der königl. Klinik in BerUn der Schuhmacher Brennte aus einem Dorfe bei Perleburg gestorben. Beim Essen hatte sich das Gebiß gelockert und war dem Manne in den Schlund gedrungen. Die Angehörigen, sowie ein hin- zugekommener Arzt bemühten sich vergeblich, die falschen Zäyne zu entfernen und Breunke mußte mit dem nächsten Zuge nach Berlin gebracht werden. Während der beinahe vierstündigen Bahnfahrt verschlechterte sich der Zustand des Schuhmachers derartig, daß sofort nach Ankunft des Mannes in der Klinik zu einer Operation geschritten werden mußte. Die Entfernung des Gebisses konnte nur dadurch ermöglicht werden, daß der Hals an der linken Seite geöffnet wurde. Die Operation war gut verlaufen; Brenuke ist jedoch bald darauf an einer Herzlähmung gestorben.
— In die Berliner Tollwutstation eingeliesert wurden am Montag 12 Kinder aus Leugeseld im Elsaß, die dort von einem tollen Hunde gebissen worden sind. In Lengefeld sind 8 tollwutverdächtige Hunde getötet worden.
— Ein eigenartiger Unfall ereignete sich auf dem
Dolgensee bei Neustettin. Der Jagdpächter Blankenburg aus Klein-Klüddee hatte einen Hirsch angeschossen, und das schwer verwundete Tier stürzte sich auf seiner Flucht in den genannten See. Um den Flüchtling einzufangen bestiegen die Eigentümer Emgfer und Fischer einen Kahn und ruderten dem Hirsche nach. Dieser wandte sich jedoch im Wasser gegen seine Verfolger und brächte das leichte Fahrzeug zum Kentern, wobei die beiden Insassen ertranken.
— Ein großer Moorbrand wütet seit einigen Tagen an dem Teltowkanal zwischen Baumschulenweg und Rudow, wo die ausgedehnten Moorwiesen vermutlich böswilligerweise in Brand gesetzt worden sind. Ein Ablöschen des Feuers, das bis zu einer Tiefe von etwa zwei Metern reicht, ist nicht möglich, so dürfte Wohl das ganze Moorgelände ausbrennen. Die Versuche, das Feuer durch Ziehen von Gräben abzugrenzen, waren erfolglos.
— Bei der Prüfung. „Herr Kandidat, stellen Sie sich einmal ein Literglas vor!'— Kandidat: „Jawohl Herr Professor; ein volles oder ein leeres?"
— Anzüglich. Dienstmädchen (welches in der Nacht hörte, wie die Madame ihren spät heimkehrenden Mann durchgeprügelt hat): „Ihre Kleider brauche ich wohl diesen Morgen nicht auszuklopfen, Herr Meier?" Aus „Meggendorfer-Blatter, München". Schönstes und billigstes, farbig illustriertes Witzblatt für die Familie, '/»jährlich 13 inhaltsreiche Nummern nur Mk. 3. — bei allen Buchhandlungen und Postanstalten. Probe- nummer gratis.
— Ein kleiner Irrtum. Als der König von Spanien von Dresden kommend in Leipzig eingetroffen war, bemerkte einer der auf dem Bahnhöfe postierten Geheimpolizisten in der Nähe des Königs einen Herrn, der ein kleines Paket trug, das er recht vorsichtig zu behandeln schien. Das kam dem wachsamen Beamten verdächtig vor und er hielt den Fremden deshalb an. Es stellte sich jedoch schnell heraus, daß der Mann zum Gefolge des Königs gehörte, und daß sich in dem verdächtigen Paket kein Dynamit, sondern, wie das „Leipz. Tagebl." zu berichten weiß, die — Orden befanden, welche Alfonso XIII. in Leipzig zu verleihen gedachte.
— Krebsleidenden und manchen Hautkrankheiten winkt ein neuer Hoffnungsstrahl, nämlich in der sog. „Blitzbehandlung" (Fulguration), wie sie schon früher von Strebel entdeckt wurde und jetzt von Keatiug-Hart vorgeschlagen wird. Man läßt dabei Funken von hochgespannten Strömen, die mehrere Hunderttausendmal in der Sekunde wechseln, aus die kranken Teile Überschlagen. Diese sterben dann nach zwei bis drei Wochen ab und das Gewebe heilt. Der berühmte Chirurg. Czerny warnte aber auf den, Kongreß für „Innere Medizin", die Hoffnungen auf diese Heilweise nicht zu hoch zu spannen.
Frankfurts. M., 19. Okt. Amtliche Notierungen der Viehmarkt preise. Zum Verkauf standen 467 Ochsen, 5 t Bullen, 902 Kühe und Färsen (Stiere und Rinder), 283 Kälber, 434 Schafe und Hämmel, 1707 Schweine. Bezahlt wurde für 100 Pfund: Ochsen a) vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlachtwertes bis zu 6 Jahren Mk. 80—83, b) junge fleischige nicht ausgemästete und ältere auSgemästete Mk. 73 75, c) mäßig genährte junge, gut genährte ältere Mk. 60 65, d) gering genährte jeden Alters Mk. — bis —. Bullen: a) vollfleischige höchsten SchlachtwerteS Mk. b6 bis 38, b) mäßig genährte jüngere und gut ge- genährte ältere Mk. 67—64, cj gering genährte Mk. —, Kühe und Färsen Stiere und Rinder: n) vollfleischige, ausgemästete Färsen (Stiere und Rinder) Höchsten Schlachtwertes Mk. 74 -76 b) vollfleischige, ausgemästete Kühe höchsten SchlachtwerteS bis zu 7 Jahren Mk. 65 - 66, c) ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 53—55, d) mäßig genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) Mk. 00 00, e) gering genährte Kühe und Färsen (Stiere unb Rinder) Mk. —. Bezahlt wurde für ein Pfund a) seine Mast (Vollm.-Mast)nttd beste Saugkälber (Schlachtgewicht) 92—95 Psg«, (Lebendgewicht) 55—56 Pfg., b) mittlere Mast- und gute Saugkälber (Schlachtgewicht) 78 90 Pfg., (Lebendgewicht) 47—5 2. Vfg., c) geringe Saugkälber 68—70 Pfg., d ältere gering genährte halber Fresser Psg. Schafe: a) Mastlämmer nnd jüngere Masthämmel 80 82 Pfg., b) ältere Masthämmei 70-72 Pfg. c) mäßig genährte Hämmel und Schafe (Mürzschafe) — Pfg. Schweine: a. vollfleischige der feineren Rassen und deren Kreuzungen im Alter bis zu ll/4 Jahren 71 Psg., t>. fleischige 69 - 70.
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