SchluchternerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 84
Samstag, den 17. Oktober 1908
59. Jahrgang
Der Kaiserin zum 50. Geburts
tage.
Zum Wiegenfest' mit Hellem Rufe Sei uns gegrüßt, o Kaiserin!
Wir stehn an Deines Thrones Stufe
Und schauen freudig zu Dir hin.
Du Vorbild aller deutschen Frauen,
Du aller Mütter schönste Zier,
Wir aus des ganzen Reiches Gauen
Geloben warme Treue Dir.
Du waltest voller Huld und Milde
Und streust mit nimmer müder Hand Rings durch des Deutschen Reichs Gefilde
Des Wohltuns Perlen in das Land.
Dich als die edelste der Frauen
In aller deutschen Frauen Kreis
Sehn wir am Liebeswerke bauen
Rastlos, mit Samariterfleiß.
Wohl selten noch ein Volk sich freute
Solch einer Fürstin, unsrer gleich, Die nur des Wohltuns Samen streute,
Mit solchem Herzen mild und weich;
Die als die erste stets sich zeigte,
Wenn's galt zu helfen in der Not, Gleichviel, ob sie ihr Volk erreichte,
Ob fremdem Volke sie gedroht.
Drum naht das deutsche Volk auch heute
Sich Dir, o hehre Kaiserin,
Und danket Gott mit Stolz und Freude,
Der Dir ein neues Jahr verliehen.
Und sein Gebet, das treue, wahre,
Erfleht von Gottes Gnadenthron Noch viele hochbeglückte Jahre Als Deines Wirkens reichen Lohn.
___Erwin von Waldenburg.
Deutsches Reich.
— Am Dienstag traf Prinz Heinrich beim Grasen
Zeppelin in Friedrichshafen ein.
— Das englische Königspaar gedenkt am 22 Februar in Berlin einzutreffen.
— Zum Einzug der Braut des Prinzen August Wilhelm von Preußen kommt von Potsdam eine aus den alten Mannschaften des 1. Bataillons des 1. Garde-Regiment zu Fuß zusammengestellte Kompagnie mit der Bataillonsfahne, der Regimentsmusik und den Spielleuten nach Berlin um die Ehrenkompanie im
Künstkerökut.
Roman von Vera v. Baratowski. 24
„Du wurdest es nur durch den vorzeitigen Tod meines Kindes."
Bogislaus schien den Einwurf nicht zu hören, sondern fuhr fort: „Und ich biete Dir meine Hand."
„Ich aber lehne sie ab!" rief Klothilde.
„Ueberlege Dir, was Du tust! Gib ein glänzendes Los nicht auf, um Chimären nachzujagen. Man kann Schiffbruch leiden mit seinen Hoffnungen."
„Befände ich mich jetzt auf wildwogender See, im Begriff unterzusinken, und könnte mir nur von Dir Rettung und Hilfe kommen, so würde ich Deine Hand dennoch zurückstoßen."
„Warum hassest Du mich eigentlich so bitter?"
„Weil Du immer mein böses Verhängnis wärest." „Was tat ich Dir denn?"
„Du suchtest meine Vermählung mit Wladimirzu hintertreiben und gabst diese Bemühungen erst bann auf, als seine Liebe sich mächtiger erwies denn Deine Ränke. Du redetest ihm zu, an jenem Unglückstage, die weite Fahrt nach dem Schlosse des Grafen Tuschinsky zu unternehmen, und lachtest meiner Besorgnisse."
„Ist es möglich, daß Du mich für einen beklagenswerten Zufall verantwortlich machst? Ebensogut könntest Du Dich selbst anklagen, Deines Gatten schreckliches Ende verschuldet zu haben, da Du ihm das Versprechen abnahmst, vor ein Uhr nachts zurück zu sein, und er deshalb trotz aller Warnungen die Rückfahrt, nur von dem Diener begleitet, antrat."
„Und Nikolaus?"
„Was soll es mit ihm?"
„Kannst Du seinen Namen nennen hören und mir dabei ruhig in das Auge sehen?"
k Etwas in ihrem lodernden Blick zwang ihn, mit den
kgl. Schloß zu stellen. Eine zusammengestellte Schwadron der Gardes du Corps gibt das Ehrengeleit vor und hinter dem Brautwagen. Die Truppen der Standorte Berlin, Charlottenburg und Groß-Lichterfelde bilden bei dem Einzug Spalier.
— Der Regent von Braunschweig ist auf der Mainau eingetroffen, um Ende der Woche dem Aufstieg des Zeppelinschen Luftschiffes beizuwohnen.
— Die Herzogin-Mutter Antoinette von Anhalt ist in der Nacht zum Dienstag in Berchtesgaden in Oberbayern gestorben. Herzogin Antoinette' war eine geborene Prinzessin von Altenburg und hatte im April das 70. Lebensjahr vollendet. Sie ist einem Nierenleiden erlegen, dessen wegen sie sich seit einigen Monaten in Berchtesgaden aufhielt. Eine Besserung, die vor einiger Zeit eintrat, war nur vorübergehend.
— Die an der Internationalen Dauerfahrt beteiligten 33 Ballons haben ihre Fahrt in nordwestlicher Richtung angetreten. Von den Gordon-Vennett-Ballons zerriß der spanische Ballon „Montana" in den Lüften, sein Insasse Herr de Herrera landete jedoch glücklich bei Meitzendorf, Provinz Sachsen. Zur eventuellen Hilfeleistung für die nach der Nordsee zu treibenden Ballons ist eine deutsche Torpedobootsflottille nach dem Kanal dirigiert worden.
— Auf der HO Meter-Sohle des Gruben-Schachtes der Königsgrube in Königshütte brach am Mittwoch vormittag Feuer aus. Ein Teil der Belegschaft ist, teilweise unbekleidet, zu Tage gekommen. Bisher sind sechs Tote, darunter zwei Steiger, zu Tage gefördert worden. Gegen 100 Mann befinden sich noch in der Grube und müssen abgedämmt werden. Sie gelten teilweise als verloren, da sie sich innerhalb des Feuer- bezirks befinden. Herzzerreißende Szenen spielen sich vor der Grube ab. — Eine weitere Depesche lautet: Zu dem Unfall auf der Königsgrube, der gegen 9 Uhr infolge eines Brandes entstand, ist noch zu melden, daß dieser auf unaufgeklärte Weise entstanden ist. Aus noch nicht festgestellter Ursache sind Wetter von dem gewöhnlichen Wege abgewichen. Die ganze gegen 100 Mann starke Belegschaft befindet sich jetzt in Sicherheit, da sie sich noch rechtzeitig durch Neben- schächte retten konnte. Tot sind der .Steiger Rother und 1 Häuer, betäubt gegen 20 Mann. Bergwerksdirektor Wiester, der Königshlltter, Oberbürgermeister Stolle, mehrere Aerzte, Hilfsmannschaften mit Rauch« Helmen usw. befinden sich an der Unfallstelle.
— Der Zeppelin'Ballon (Modell 3) liegt zu
Lidern zu zucken, als würde er von einem grellen Blitzstrahl geblendet.
„Du kannst es nicht!" rief sie mit dem Ausdrucke triumphierenden Hasses.
„Was fällt Dir ein?" murmelte er. Sie trat ihm näher. „Antwortemir! Ausweiche Weise kam mein Kind ums Leben?"
„Du weißt es ja! Der Kleine ertrank im Bach, der durch Regengüsse stark angeschwollen war."
„Doch, wer ist dafür verantwortlich zu machen?"
„Die gewissenlose Wärterin, welche den ihr anvertrauten Knaben schlecht hütete, während Du mit Liska zur Kirche fuhrest, niemand sonst! Sie büßte ihre Pflichtvergessenheit mit augenblicklicher Entlassung."
„Wer aber stieß das Kind ins Wasser?"
„Wohl niemand! Es stürzte, unbeaufsichtigt geblieben, gewiß von selbst hinein."
„Man suchte den Kleinen lange eifrig, bis Du endlich seine Leiche entdecktest."
„Weil ich der einzige war, der in dieser aufregenden Stunde seine fünf Sinne beisammen behielt."
„Du warst auch der einzige, dem Nikolaus'Tod Vorteil bringen konnte."
Bogislaus' Antlitz wurde erdfahl, als er entgegnete: „Schon einmal erhobst Du diese unsinnige Anklage, und zwar an dem Tage der plötzlichen Ankunft Meißners, und reiztest mich damit aus das äußerste."
„Ja, fast hättest Du Dich damals, von blinder Wut beherrscht, an mir vergriffen, wäre es mir nicht gelungen, mich in mein Zimmer zu retten."
„Und dennoch wagst Du meinen Zorn neuerdings her- auszufordern! Wer setzte Dir solche Tollheiten in den Kopf! Nenne mir den Verleumder!"
Sie suchte ihr feines Handgelenk, welches seine Finger eisern umschlossen, zu befreien und rief, mit dem schmalen Fuß heftig aufstampfend: „Ich bin nicht gewöhnt, so rauh angefaßt zu werden! Lasse mich los, oder.."
Friedrichshaven im großen und ganzen fertig in der festen Ballonhalle. Das Aluminiumgerüst ist aufmontiert. Die Hülle ist noch nicht aufgelegt, ist aber vorhanden. Auch sind die Ballonets noch nicht in ihre Zellen eingefügt. Zurzeit werden die Motoren erprobt. Da auch der erforderliche Gasvorrat vorhanden ist, könnte ein Aufstieg noch in dieser Woche erfolgen. In eingeweihten Kreisen wird allerdings versichert, Graf Zeppelin werde frühestens am 20. Oktober den ersten Aufstieg unternehmen.
— An der Harvard-Universität zu Cambridge U. S. A. ist vom beginnenden Winter ab eine Einrichtung getroffen, die für die Förderung des deutschamerikanischen geistigen Austausches erhebliche Bedeutung zu gewinnen verspricht. Die Korporation der Universität hat sich nämlich vom 1. September d. Js. auf zehn Jahre bereit erklärt, eine Anzahl fortgeschrittener deutscher Studierender, bis zu fünf im Jahr, die vom Preußischen Unterrichtsministerium empfohlen werden, in allen Abteilungen der Universität von den regelmäßigen Unterrichtsgebühren zu befreien. Da diese Gebühren je nach den Universitätsabteilungen 600 bis 800 Mark jährlich betragen, so darf darin eine wesentliche Erleichterung des Studiums an der Harvard-Universität insbesondere für solche Studierende erblickt werden, die sich einem tieferen Studium auf einem einzelnen speziellen Gebiet widmen wollen. Es darf gehofft werden, daß von dieser Einrichtung, die dem freundlichen Entgegenkommen der Universitätsbehörde gegen deutsche Studierende entsprungen ist, ausgiebiger Gebrauch gemacht wird.
— Neuerdings mehren sich die Fälle, in denen Jnleressentenverbände, veranlaßt durch Zeitungsartikel, Auskunft über beabsichtigte Aenderungen der Gewerbeordnung vom Reichsamt des ^Innern erbitten. Wie die Reichstagsverhandlungen der letzten Jahre ergeben, werden von politischen Parteien und von Interessenten Abänderungen der Gewerbeordnung auf mannigfachen Gebieten erstrebt, und wiederholt ist vom Bundesratstische aus erklärt worden, daß Arbeiten über verschiedene solche Abänderungen eingeleitet worden sind. Sobald zur Publikation geeignete Entschließungen der Reichsregierung gefaßt sein werden, wird die Oeffentlichkeit Kenntnis davon erhalten. Gegenwärtig ist diefer Zeitpunkt noch nich gekommen.
— Die Auskunfts- und Fürsorgestelle für Alkoholkranke bezwecken, der Ausbreitung des Alkoholismus (der Trunksucht) vorzubeugen. In den Auskunft
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sie riß mit der freien Hand das Fenster auf, an welchem sie stand, „oder ich schreie um Hilfe."
„Du fürchtest mich also?"
„Das heißt, ich halte Dich jeder Schlechtigkeit für fähig, was mich jedoch nicht hindert, Dir zu trotzen."
„Stimm Deine wahnsinnige Anklage zurück!"
„Nein! Sie ist mit gutem Grunde erhoben!"
Sekundenlang schien Sudowsky vor einem Ausbruch maßlosen Zornes zu stehen, dann hatte er die Herrschaft über sich selbst wieder gewonnen; aber die Stimme versagte ihm noch förmlich, als er entgegnete: „Du möchtest mich zum Teufelstempeln."
„Noch bin ich's nicht, doch könntest Du mich wohl dazu machen. Nimm Dich in acht, Klothilde! Sei vorsichtig, damit die abgeschossenen vergifteten Pfeile, die mich tödlich verletzen sollen, nicht eines Tages auf Dich zurückprallen. Der Tod Deines Kindes brächte mir allerdings einen Vermögensvorteil, aber was will ich denn? Hege ich etwa die Absicht, Dir den Reichtum, der mir als nächsten Erbberechtigten zufiel,zu entziehen? Nein! Ich wünsche ja nichts sehnlicher, als Dir alles zu Füßen zu legen."
„Deine Person mit eingerechnet," spottete sie. „Nein, Bogislaus! Eher wollte ich ohne Obdach und ohne einen Bissen Brot zu Grunde gehen, als Dir angehören! Lasse mich ruhig meinen Weg ziehen. Ich weiß wohl, daß Dir, wo es sich um Erreichung Deiner Zwecke handelt, jedes Mittel gut genug ist; in vorliegendem Falle jedoch schei- terr Dein Wille an dem meinigen. Nichts Gemeinschaftliches gibt es nun noch zwischen uns beiden."
„Und wenn ich Dir erkläre, daß ich Dich nicht lassen werde?"
„Du hast kein Recht, mich zurückzuhalten. Versuchst Du es dennoch, so erzwinge ich mir die Freiheit, dessen sei gewiß."
Es wäre in der Tat zwecklos gewesen, der Energischen, Eigenwilligen Hindernisse in den Weg zu legen. Jede Gegenrede 'trug nur dazu bei. ihren Entschluß zu befestigen. _ 155,18