MlüchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher ^Ratgeber.
'__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 10. Oktober 1908
59. Jahrgang
Fortwährend
Werden Bestellungen auf die
’ Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
; hncaHaia finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, -da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
. I — Die Abreise des Kaiserpaares aus Rominten, die auf Dienstag festgesetzt war, war im letzten Augenblick verschoben worden. Nach einem vom Hofmar- lschallamt bei der Kadiner Gutsverwaltung eingetrosfenen Telegramm trafen die Majestäten mit der Prinzessin : Viktoria Luise erst Mittwoch gegen 6 Uhr abends ein. IJn den Dispositionen des Aufenthalts des Kaiserpaares in Königsberg i. Pr. war, bem Vernehmen nach, f nichts geändert worden. Während der Kaiser nach s abgenommener Parade das Frühstück bei seinem 3. Grenadier-Regiment einnimmt, traf die Kaiserin mit der Prinzessin-Tochter von einem kurzem Besuche bei der Gräflich v. Dönhoffschen Familie auf Schloß Friedrichstein gleichfalls in Königsberg ein und hat gemeinsam mit dem Kaiser außer den Neuanlagen am dortigen königlichen Schlosse auch den Dom besichtigt L Bei betjm Vorjahre. erfolgten Einweihung des Dc.„.. W hatte der Kaiser in Aussicht gestellt, mit der Kaiserin M wiederzukommen, um das Gotteshaus eingehend in | Augenschein zu nehmen. Das ist nun am Mittwoch I geschehen. — Für den Speisesaal des neuen Gendarmenhauses in Rominten hat der Kaiser als Wandschmuck die Bilder der zehn preußischen Herrscher vom Großen Kurfürsten ab bis auf Wilhelm II. in prächtigen Rahmen gestiftet.
— Avancement des Kronprinzen in Sicht. In den militärischen Kreisen Breslaus verlautet, daß der Kronprinz am nächsten Geburtstage des Kaisers zum Oberst und Kommandeur des in Breslau garnisonieren- den 11. Grenadierregiments, dessen Chef die Erb- prinzessin von Sachsen-Meinigen ist, ernannt werden r soll. Der Kronprinz wird dann, wie es weiter heißt, * im königlichen Schlosse in Breslau Wohnung nehmen.
— Auf Veranlassung des Kaisers soll in den Militärkantinen neben Bier noch kalter und warmer Tee je nach der Jahreszeit geführt werden, die Mannschaften sollen über die Schädigung des Alkohols vor und nach anstrengenden Märschen gewarnt und ihnen der Teegenuß empfohlen werden. Die fahrbaren Feldküchen gaben im diesjährigen Kaisermanöver neben Kaffee auch Tee für das Biwak ab, der von den Mannschaften gern genossen wurde.
— Vom Internationalen Tuberkulosekongreß. Aus Anlaß des Tuberkulosekongresses fand, wie aus Washington telegraphiert wird, dort ein glänzendes patriotisches Bankett der deutschen Delegierten und ihrer Landsleute statt. Die deutsche Botschaft war durch Legationsrat Freiherr» von Richthofen vertreten. Die dem Kongreß unterbreitete, gegen die Theorie Professor Kochs gerichtete Resolution wurde von bem Kongreß einstimmig angenommen. Sie erkennt ausdrücklich die Möglichkeit der Uebertragung der Rinder- tuberkulose auf Menschen an. In der Schlußsitzung nahm der Kongreß eine Resolution an, in der erklärt wird, daß die Vorsichtsmaßregeln gegen die Rindertuberkulose fortgesetzt werden sollen. Präsident Roose- velt hielt eine halbstündige Ansprache, in welcher er die große Bedeutung der Tuberkulosebekämpfung vom sozialen und nationalen Standpunkt hervorhob. — Der nächste Kongreß findet 1911 in Rom statt.
— Der neue Termin für den Moltke-Harden-Prozeß wurde jetzt nach der Haftentlassung Eulenburgs auf den 23. November festgesetzt.
— Die Fünfzigpfennigstücke mit der Wertgabe ,50 Pfennig" gelten vom 1. d. M. ab nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel. Es ist niemand verpflichtet, die Münze in Zahlung zu nehmen.
Ausland.
— Das Befinden der Kaiserin Alexandra von Rußland stößt den Angehörigen große Sorge ein. Die lange Seefahrt an den finnischen Gewässern hat nicht die günstige Wirkung gebracht, welche die Aerzte er hofften, und diese bestehen jetzt darauf, daß die Kaiserin den Winter im Süden verbringt. Die Hohe Frau will sich dazu doch nur verstehen, wenn sie vom Zaren und vom Kronprinzen begleitet wird.
— Von der Cholera in Petersburg. In den letzten 24 Stunden, wurden 141 neue Erkrankungen und 72 Todesfälle an Cholera verzeichnet. Die Zahl der Erkrankten beträgt 1636.
— Am Sonntag hat der Rücktransport französischer Truppen von Casablanca nach der Heimat begonnen; eine Sühne für Casablanla fehlt noch.
— Die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich ist durch eine Proklamation des Kaisers Franz Josef an die Bewohner vollzogen worden. Die Proklamation gibt die Entschließung des Kaisers kund, daß er seine volle Souveränität auf Bosnien und die Herzegowina ausdehne und für diese Länder die für Oesterreich-Ungarn bestehende Erbfolge einführe. Die offizielle Mitteilung an die Türkei ist in einer Note erfolgt, in der Oesterreich-Ungarn sich geneigt erklärt, auf seine Besetzungsrechte im Sand» schak zu verzichten.
— Die große Umwälzung auf dem Balkan hat wieder auch zur Angliederung der Jnjel Kreta an Griechenland geführt. Nach Depeschen aus Kanea haben die Kretenser die Angliederung an Griechenland verkündet, wodurch ein alter Wunsch Griechenlands nach Einverleibung dieser alten griechischen Insel in Erfüllung gegangen ist.
— Die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens hat bisher nur einen Protest der Pforte und einem Appell an die Signatarmächte des Berliner Vertrages zur Folge gehabt. Nach Londoner und Pariser Meldungen scheint dort wie in Konstantinopel am meisten Stimmung vorhanden zu sein, die Proklamierung Bulgariens zum Königreich und die Annexion Bosniens und der Herzeowina einem neuen Kongreß zur Entscheidung zu unterbreiten. Alle Gerüchte von Mobilisierungen in Bulgarien und in der Türkei werden dementiert. Nur in Serbien geberdet man sich kriegslustig. In Belg^Od herrscht eine kriegerische Stimmung. Auf den Straßen und in Resolutionen fordert das Volk den Krieg gegen Oesterreich Ungarn.
Aus der Plenarsitzung der Handelskammer am 30. September 1908.
Fortsetzung.
Als Sonderheft ihrer „Mitteilungen" wird die Handelskammer demnächst eine Statistik veröffentlichen, welche für die Jahre 1901—1905 die wichtigsten ziffermäßig erfaßbaren Erscheinungen im Handelskammerbezirk darstellen wird, u. a. Bevölkerung, Steuerwesen, Unterrichtswesen, soziale Fürsorge, Geld- und Kreditverkehr.
Die bei der Handelskammer gebildeten Fachaus- schüsse wurden durch einige Wahlen vervollständigt,
Künstlerblüt.
Roman von Vera v. Baratowski.
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Diese tippte mit ihrem hageren, harten Finger auf seine Stirn und erwiderte: „Ich bin ihre Vertraute nie gewesen; aber kannst Du Dir diese Frage nicht selbst beantworten?"
„Deine Voraussetzung ist irrig!"
„Was berechtigt Dich zu dieser Behauptung, da ich meine Meinung überhaupt noch nicht aussprach?"
„Ich errate sie aber."
„So .. so!"
„Ja! Du bildest Dir ein, sie korrespondiere mit Meißner."
„Sieh! So ganz albern muß dieJdee nicht sein. Du würdest sonst wohl weniger rasch und klar in meinen Gedanken gelesen haben."
„Beobachtete ich etwa nicht schon längst die mißtraui- schen^Blicke, mit denen Du Klothilde und Hugo verfolg-
„Tat ich es, so geschah es Deinetwegen. Jeden Vluts- lropfen möchte ich hingeben, könntest Du dadurch geheilt werden von Deiner unglückseligen Leidenschaft.
Von Gott dem Herrn habe ich mich so und so oft hadernd abgewendet, um in der Einsamkeit meines Zimmers auszurufen: „Gibt es Mächte, die meines Sohnes Leidenschaft für dieses Weib töten können, dann mögen sie mir beistehen, und ich will künftig nur mehr ihnen opfern." .. Vergebens! .. Jetzt liege ich wieder vor bem allmächtigen Herrscher über Himmel und Erde auf den Knien und flehe ihn an, mir meinen Frevel zu verzeihen und die Gotteslästerung nicht an Dir zu rächen... Bogislaus, laß ab von Klothilde, die Dich noch ins Verderben reißen wird und deren Liebe Du niemals gewinnst! Jüngere, Schönere, Bessere gibt es! Unter den Töchtern erster Familien kannst Du wählen. Warum muß es gerade sie, die rothaarige Hexe sein?"
„Warum? .. Weil ich mir nun einmal geschworen habe, sie zu besitzen, und schon zu weit gegangen bin, um nun nicht auch die Früchte der mühevollen Saat ernten zu wollen. Du warnst mich vor Klothilde? Sie selbst möge sich hüten ! Ehe ich mir einen kostbaren Gegenstand rauben lasse, vernichte und zertrete ich ihn!"
„Weshalb öffnetest Du denn dem Fremden unser Haus?"
„Dazu bewog mich meine zweite Leidenschaft. Ich wollte der Menge, die einmal wieder achtlos an einem bedeutenden Talent vorüberging, zeigen, daß ich ihr an Kunstverständnis überlegen bin, zudem mußte ich wohl Meißner, den Verlobten eines lieblichen Mädchens, für ungefährlich halten."
„Tor! Unter diesen Umständen ihre Macht zu erproben, wird besonderen Reiz für die Kokette gehabt haben."
„Du möchtest mich immer nur noch mehr aufteizen. Koketterie im gewöhnlichen Sinne des Wortes liegt ihr fern. Dazu ist sie eine zu groß angelegte Natur."
„Reden wir nicht mehr von ihr. DaS heißt ja doch nur um des Kaisers Bart streiten."
„Ich glaube selbst, daß mit Dir eine Einigung über diesen Punkt nicht zu erzielen ist. Deine Voreingenommenheit läßt sich nicht bekämpfen."
„Ebensowenig wie Deine Verblendung!" Kaum hatte Bogislaus die Greisin verlassen, als Klothilde bei dieser erschien.
„Seht doch, welch' seltene Ehre!" rief grau Käthe. „Dich muß ja etwas ganz Außerordentliches hierher führen!"
„Nicht doch, Tante, nur die ganz einfache und nüchterne Pflicht der Höflichkeit. Ich komme, um Dir mitzu- teilen, daß ich Deine und des Vetters Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehme."
„Du willst fort von uns?"
„Das war längst meine Absichtund mein Wunsch, und ich glaube, damit auch dem Deinigen zu begegnen, Tante Käthe."
„Mag dem so sein oder nicht, jedenfalls lege ich Dir kein Hindernis in den Weg."
„Davon war ich im voraus überzeugt."
„Geh' oder bleibe, von mir aus steht es Dir frei. Ich werde meinen Sohn benachrichtigen. Ob er, der Wladimir versprach, über Dich zu wachen, mit diesem Entschluß ««verstanden ist..
„Er wird sich fügen müssen* ^
„Und wann willst Du schon weg?"
„Sobald wie möglich."
„Wohin?"
„Das ist meine Sache, und dürfte Dir wohl gleich» gültig sein."
„Gut, ich dränge mich wahrlich nicht in Dein Vertrauen."
„Wir hätten uns also weiter nichts mehr zu sagen."
„Nichts! Was es allenfalls geschäftlich zu ordnen gibt, muß ich meinem Sohn überlassen."
„Eine Streitfrage kann sich wohl kaum erheben. Da» für sorgte Wladimir."
Mit kühlem Gruß schritt Klothilde hinaus.
Eine halbe Stunde später ließ sich Sudowsky bei ihr melden. Sein unschönes Gesicht machten die fieberroten Flecke.welcheaufdenoorspringendenBackenknochenbrann» ten, noch häßlicher.
„Bin ich recht berichtet? Du beabsichtigst Deinen Wohnsitz zu verändern?" fragte er, mühsam nach Ruhe und Fassung ringend.
„Wie Du siehst, ja!" erwiderte die junge Frau, indem sie Liska verschiedene Gegenstände reichte, welche diese sorgfältig einpackte und in den Koffer legte. „Das Pferdchen hier umwickle recht dicht mit Watte. Es war Nikolaus' letztes Spielzeug .. und da.. sein kleines Glas, aus dem er so gerne trank ! Daß es nur nicht zerbricht!"
„Ich muß Dich sprechen!" stieß Wladimir mit fast erstickter Stimme hervor.
„Sprich nur! Ich höre schon," lautete die gleichgültige Antwort. 155,1$