| mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
$__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
j 81. Mittwoch, den 7. Oktober 1908. 59. Jahrgang.
Mitteldeutscher Arbeitsnachweisverband.
Wir werden gebeten, die Interessenten in unserem Leserkreise nochmals darauf hinzuweisen, daß im April v. I. auf Anregung und unter Vorsitz des Herrn Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau zu Frankfurt a. M. der Mitteldeutsche Arbeitsnachweisverband mit dem Sitz in Frankfurt a. M. gegründet worden ist. Der Verband erhält seine Mittel außer aus den Beiträgen der Gemeinden und Kreise, die sich ihm angeschlossen haben, durch Subvention der Preußischen und Hessischen Ministerien und Provinzialverbände. Hauptziel des Verbandes ist die Einrichtung von öffentlichen kostenlosen Arbeitsnachweisen an tunlichst vielen, dazu geeigneten Orten des Verbandsgebietes (Provinz Hessen-Nassau, Großherzogtum Hessen, Fürstentum Waldeck) und benachbarter Gebiete, um ein möglichst engmaschiges Netz von kleinen Arbeitsnachweisen auszuspannen, deren Hauptaufgabe der Arbeitsnachweis zu Gunsten der kleineren Gemeinden, insonderheit die Vermittlung landwirtschaftlichen Arbeitspersonals ist. Dies soll dadurch erreicht werden, daß überall, wo Bedarf an Arbeitskräften vorhanden ist, in erster Linie telefonisch bei den übrigen Vermittlungsstellen angefragt wird, ob geeignet Arbeitskräfte vorhanden sind. Die hierdurch entstehenden Kosten werden kleineren Gemeinden vom Verbände ersetzt. Die Gesuche der Arbeitgeber, die sich nicht auf diese Art ohne weiteres erledigen lassen, werden durch besondere landwirtschaftliche Vakanzenlisten im ganzen Verbandsgebiet an allen geeigneten Stellen wöchentlich bekannt gegeben.
Bei der ganzen Organisation dieser öffentlichen Arbeitsnachweistätigkeit wird Wert darauf geleg' alles zu vermeiden, was den planlosen Zuzug von Arbeitern in die großen Städte zu fördern geeignet ist.
Die Bermittlungstätigkeit erstreckt sich auf alle Arten von Arbeiter und Arbeiterinnen, besonders aber auf landwirtschaftliches Personal (landwirtschaftliche Arbeiter, Knechte, Mägde, Schweizer, Taglöhner rc)
Nur außerdeutsche Saisonarbeiter sind vom Nachweis ausgeschlossen.
Die Vermittlung selbst ist für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer vollständig kostenfrei.
Derartige in Verbindung mit dem Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverbande arbeitende öffentliche Vermittlungsstellen sind schon fast in allen Gemeinden (meistens auf den Bürgermeister- oder Landratsämtern) eingerichtet oder zur Zeit im Entstehen begriffen. Arbeitgeber erhalten von den Arbeitsnachweisstellen
Karten für die Bestellung von Personal kostenlos zugesandt. Wo einem Arbeitgeber die nächste Arbeitsnachweisstelle bekannt ist, erteilt der Mitteldeutsche Arbeitsnachweisverband in Frankfurt a. M., Saalhof gern kostenlose Auskunft.
Die durch die dem Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverbande angehörenden Arbeitsvermittlungsstellen vermittelten Arbeiter und Arbeiterinnen erhalten auf sämtlichen Staatsbahnen eine Fahrpreisermäßigung zum Kilometersatz von 1,5 Pfg. überall da, wo es sich um einen Weg von mehr als 25 km handelt. Bedürftigen Arbeitssuchenden können Freischeine für die Eisenbahn bis zur Arbeitsstelle ausgestellt werden.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat, dem Johanniter-Krankenhause in Szittkehmen einen vollständigen Röntgenapparat zum Geschenk gemacht. Der inzwischen neben dem Oper- ationssaale des Krankenhauses aufgestellte Apparat wurde bei einem Besuche des Kaiserpaares vorgeführt und erklärt, auch wurden mehrere Bilder gezeigt, und schließlich ließ die Kaiserin ihre Hand durchleuchten. Bei dem Rundgange durch das Haus wurden vom Kaiserpaare und der Prinzessin Viktoria Luise sämtliche Krankenstuben aufgesucht. — Am Dienstag trafen der Kaiser und die Kaiserin mit der Prinzessin-Tochter, von Rominten kommend, zu einem etwa fünftägigen Aufenrhalt in Kabinen ein. In der Begleitung der Majestäten befinden sich 15 Gäste.
— Das Programm für die Hochzeitsfeierlichkeiten des Prinzen August Wilheftn mit der Prinzessin Alexandra Viktoria wird sich wie folgt abwickeln: In oer Mittagsstunde des 21. Oktober trifft die Prinzessin Braut mit ihrer Mutter in Berlin auf dem Lehrter Bahnhof ein. Hier findet ein Empfang statt. Vom Bahnhof begibt sich die Prinzessin mit ihrer Mutter nach Schloß Bellevue. Nach dem Empfang dort, bei dem auch das Kaiserpaar zugegen ist, ist im Schloß Bellevue Frühstückstafel in Aussicht genommen. Die feierliche Einholung erfolgt nachmittags 5 Uhr durch die . Bellevue-Allee, Charlottenburger Chaussee, die Linden zum Schloß. An den Einzug schließt sich die Vollziehung der Ehepakten, der eine Familientafel folgt. Den Abschluß des Tages dürfe eine Galavorstellung im königlichen Opernhaus bilden. Am Vormittag des 22, finden einige Empfänge im Schloß statt. Den Standesamtsakt wird Oberhofmarschall Graf Eusenburg, dem die Wahrnehmung der Geschäfte als Minister des königlichen Hauses übertragen sind, nachmittags 4 Uhr
in Gegenwart des Kaisers vornehmen. Um 5 Uhr findet dann in der Schloßkapelle die Trauung durch Oberhofprediger Dryander statt.
— In den letzten Tagen ist^in mehreren Zeitungen von zwei angeblichen „Geheim"-Erlassen des Kriegs- ministeriums in Angelegenheiten der Kriegervereine die Rede gewesen. Es darf darauf hingewiesen werden, daß die beiden fraglichen Erlasse vom 13. Januar 1892 Nr. 67. 12. 91. C 3 H. Angabe und vom 13. November 1903 Nr. 466. 11. 03 Z I, II. Angabe in keiner Weise als „geheim" bezeichnet oder unter „Geheim" ergangen sind. Keiner der Erlasse trägt die in einer Zeitung erwähnte Ueberschrift „betr. Verpflichtung der Offiziere des Beurlaubtenstandes usw. zur Beteiligung an der Förderung des Kriegervereinswesens." Alle an den geheimen Charakter der Erlasse geknüpften mehr oder minder scharfsinnigen Schlußfolgerungen fallen daher in sich zusammen. Auch eine am L Juni 1906 in gleicher Angelegenheit erlassene Verfügung ist nicht als „geheim" ergangen. Alle drei Erlasse bezwecken, was sich aus ihrem Inhalt auch klar ergibt, lediglich die Förderung des Kriegervereinswesens, ohne irgendwelche Ausübung eines Zwanges.
— Merkblatt zum kleinen Befähigungsnachweis. Ter kleine Befähigungsnachweis ist am 1. Oktober in Kraft getreten Die den praktischen Handwerker am meisten angehenden neuen Bestimmungen ersieht man aus folgenden, einem Merkblatt entnommenen Anweisungen: Wer darf sich vom 1. Oktober ab Meister nennen? 1. Wer vor dem 1. Oktober 1877 geboren ist und am 1. Oktober 1901 selbständig ein Handwerk ausübte und das Recht, Lehrlinge anzuleiten, besaß/der darf sich Meister nennen. 2. Wer nach dem 1. Oktober 1877 geboren ist muß die Meisterprüfung gemacht haben, will er sich Meister nennen. Er kann es dann, auch wenn er nicht selbständig ist. 2. Zur Meisterprüfung zugelassen wird „in der Regel" nur, wer eine Gesellenprüfung bestanden hat. In geeigneten Fällen sind Ausnahmen gestattet, namentlich für den, der bereits geraume Zeit hindurch als selbständiger Handwerker oder Werkmeister tätig gewesen ist. Wer darf vom 1. Oktober 1908 ab Lehrlinge anleiten? 1. Wer vor dem 1. Oktober 1879 geboren ist und am 1. Oktober 1903 schon Lehrlinge anleiten durfte, der erhält auf Antrag auch weiter das Recht dazu. 2. Wer in der Zeit vom 1. Oktober 1879 bis I. Oktober 1884 geboren ist und am 1. Oktober 1908 das Recht zur Anleitung von Lehrlingen besaß, kann es von der unteren Verwaltungsbehörde auch weiter verliehen be-
Künstkerökut.
Roman von Vera v. Baratowski. 21
„Frau von Sudowsky gestattete mir, da ich kein meinen Wünschen entsprechendes Modell finden konnte, ihre Züge und ihre Gestalt auf der Leinwand festzuhalten. Die erste Hauptfigur ist und bleibt indessen der wider die Versuchung kämpfende Heilige."
„Soll ich denn das Bild, welches schon seit acht Tagen hier ausgestellt ist, nicht sehen, Hugo? .. Du fordertest mich bisher noch nicht auf, Dich zur Ausstellung zu begleiten." ,
„Da Du immer bei Mama sein mußt, konnte ich Drr einen derartigen Vorschlag unmöglich machen."
„Mütterchen befindet sich ja besser und will selbst, daß ich einmal fortgehe. Auguste bleibt bei ihr. Ich darf mich schon auf eine Stunde entfernen. Willst Du mich morgen um zehn Uhr abholen?"
„Sehr gern!"
Besonders freudig klang die Zusage mcht.
Als Meißner nächsten Tages zur bestimmten Stunde vorsprach, fand er seine Braut bereits zum Ausgehen fertig, aber bleich und abgespannt.
„Mutter hatte eine rechtschlechte, unruhige Nacht, ent- gegnete sie auf seine Frage, „ ,
„Dann ziehst Du doch wohl vor, bei ihr zu weilen, und ich möchte Dich keineswegs abhalten."
„Sie schlummert jetzt sehr sanft, und auf Auguste darf ich mich verlassen. Wünschest Du denn gar nicht, nnr Deine von Erfolg gekrönte Arbeit zu zeigen?"
„O ja! Du solltest Dich nur nicht etwa an unsere Verabredung gebunden glauben... Also komm! Der Wagen wartet."
„Ein Wagen? Wollen wir denn fahren?"
„Ich dachte, es würde Dir angenehm sein, denn die Ausstellung ist von diesem Stadtviertel ziemlich weit enl- fernt."
„Ich freute mich auf einen längeren Spaziergang mit Dir."
„Nun, dann können wir ja den Kutscher wegschicken. Man weiß aber auch nie, rvie Dir etwas recht zu machen ist."
„Nein, nein, laß nur, Hugo! Auf diese Weise wird Zeit erspart, Du hast vollkommen recht, es ist besser so."
Sie huschte die Treppe hinab und sprang in das Gefährt.
Meißner nahm an ihrer Seite Platz. Sie erinnerte sich einer ähnlichen Fahrt, als sie ihn zur Besichtigung des Bildes „Badendes Mädchen und Faun" geleitete. Damals ruhte sie in seinem Arm und vernahm süße, kosende Worte... Jetzt lehnte Meißner stumm in der Ecke und schien die kleine Hand, welche sich langsam immer näher schob und die feinige suchte, gar nicht zu sehen.
Betrübt zog Flora die Hand endlich zurück und blickte aus dem Fenster, um zu verbergen, daß rhre Augen feucht wurden.
Nun hielt der Wagen vor dem stattlichen Gebäude, das so reiche Kunstschatze umschloß, und wenige Minuten später standen sie vor dem Bilde, welches man als das Werk eines seltenen Talentes pries. Ganz im Anschauen versunken, verharrte das junge Mädchen in tiefem Schwei- b^,Nun, hast Du mir nichts zu sagen?" fragte Meißner, dem dieses Verstummen peinlich war.
„Sieht Frau von Sudowsky wirklich so aus?" stammelte sie.
".Dann konntest Du freilich kein paffenderes Modell finden. Aber..."
"ßange könnte ich hier verweilen und die gleichsam von Höllenglut umloderte Gestalt bewundern . .doch im gewöhnlichen Leben würde ich ängstlich zurückwerchen vor dieser Frau,aus derenZügen dämonische Wildheit spricht.
„Wie kindisch Du urteilst! Klothilde ist eine große Künstlerin, deren schauspielerische Begabung fast noch ihre musikalische übertrifft. Ihre unvergleichliche Mimik und plastische Haltung verhalfen mir zu einem Erfolg, auf den ich ohne die kollegiale Unterstützung verzichten mußte. Frau von Sudowsky bekundete eine geradezu geniale Auffassungsfähigkeit. Daraus Schlüsse auf den Charakter der Dame zu ziehen, wäre lächerlich und kleinlich."
„Gewiß, ich erwähnte es nur, weil ich Dir stets meine Eindrücke schilderte. Fasse die gemachte Aeußerung nicht als Unfreundlichkeit auf. Ich habe ja alle Ursache, der interessanten Frau dankbar zu sein."
Flora fand nun keine Gelegenheit mehr, mit Meißner länger allein zu bleiben. Frau vonHencks Kräfte begannen zu schwinden. Sie schlief viel, wachte aber oft jäh auf und wurde unruhig, wenn die Tochter nicht in der Nähe war.
Hugo sprach täglich mehrmals vor, doch nur auf wenige Minuten. Die häufige Anwesenheit des HauptmannS von Westberg war ihm peinlich, und auch seine früheren freundschaftlichen Beziehungen zu Doktor Ernst Winter hatten sich vollständig gelockert.
*
Klothilde korrespondierte viel, seitder Maler das Gut verlassen hatte, und Bogislaus von Sudowsky meinte: mit Meißner.
Gerne hätte er sich davon überzeugt, doch die abzu- sendenden Briefe wurden stets Liska anvertraut, und diese hütete getreulich die Geheimnisse ihrer Herrin. Nichts auf der Welt, weder Drohungen noch Versprechungen würden sie zum Verrate bewogen haben. Für die Antworten war zweifellos auch eine besondere Adresse verabredet, denn der Postbote gab Briefe niemals an die junge Witwe ab. Sie mußten ihr mithin auf andere Weisezugehen. 155,18
„Mit wem steht Klothilde wohl in so regem Brief» Wechsel?" sagte Bogislaus einst zu seiner Mutter.