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I SchlüchternerAttun g

I mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Matgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

JV& 80. Samstag, den 3. Oktober 1908. 59. Jahrgang.

Amtliches.

Mrtderzucht.Genofsenschaft.

Atzung Dieses Monats wird eine Kommission in die Schweiz gehen, um einige Original-Simmentaler Bullen, wie auch Muttertiere für den hiesigen Kreis anzukaufen. Da außer den Transportkosten sonstige nennenswerte Ankaufskosten nicht entstehen, empfehle ich allen denen, welchen ihren Viehstand zu verbessern beabsichtigen, von dieser günstigen Gelegenheit Gebrauch zu machen, und sich die erforderliche Anzahl Original- tiere milbringen zu lassen. Ich nehme Bestellungen jetzt noch gern entgegen. Es ist dabei anzugeben, ob tragende oder untragende Muttertiere gewünscht werden, und in welchem Alter.

Schlüchtern, den 19. September 1908,

Der Vorsitzende: Valentiner, Landrat.

Zum Erntedankfeste-

Das Fest, an dem wir jährlich Gott, dem treuen Hüter seiner Menschenkinder, unsern Dank für den Erntesegen bringen, mit dem er menschliche Arbeit freundlich gelohnt hat, erinnert uns mit eindringlicher Kraft an die Bedürftigkeit unserer irdischen Natur, an unsere Abhängigkeit von den vergänglichen Gütern, die zur Erhaltung unseres leiblichen Daseins uns aus dem Schoße der Erde wachsen. Der natürliche Mensch, der mit all seinen Gedanken an dem irdischen Gute hängt und dem Willen seines Fleisches dienstbar ist, kennt nichts Besseres als die bunte Menge der Dinge, die zur Leibesnahrung und -Notdurft gehören. Ein Knecht der Eitelkeit säet er auf das Fleisch und wird als Ernte nichts als das Verderben gewinnen, dem alles, was Fleisch ist, gemocht ist. Es ist ein sehr trauriger Beweis von der Unzulänglichkeit des christ­lichen Bewußtseins in unserer Zeit, daß es unzählige Christen gibt, denen von allen Bitten des Vaterunsers nur die vierte ernsthaft am Herzen liegt, und die von allen Festen, mit denen die Kirche denLauf desJahres schmückt, nur eines mit wirklicher innerer Teilnahme feiern, nämlich das Erntedankfest. Ihnen kann man nicht eindringlich genug des Herrn Wort ins Gewissen schreiben: Sehet zu und hütet euch vor dem Geiz; denn niemand lebt davon, daß er viel Güter hat. Sie muß man immer wieder an jenen reichen Mann erinnern, zu dem inmitten seiner stolzen Freude über seinen irdischen Reichtum der allmächtige Gott spricht: Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. In der Tat ist ein Mensch, der zu Gott

dem Herrn kein anderes Verhältnis hat, als daß er von ihm irdische Gaben erwartet und ihm für irdische Gaben dankt, für einen Christen nicht zu achten, auch wenn er zum Erntedankfest in das Gotteshaus kommt und mit der christlichen Gemeinde zusammen Gott zu oben sich herbeiläßt. Gehört doch sein Herz nicht dem lebendigen Gott, der sich selbst in seinem Sohne un$ geschenkt und sein Herz voll Liebe uns aufgeschlossen hat, sondern den nichtigen und eiteln Dingen dieser Welt, für die er sich durch seinen Gottesdienst nur größere Sicherheit gewinnen will. So liegt er recht eigentlich im heidnischen Mammonsdienst gefangen, und die Gebete aus seinem für das ewige, wahre Gut erstorbenen Herzen können das Ohr des Vaters nicht erreichen.

Deutsches Reich.

Der Kaiser wird Anfang November dem Erz­herzog Franz Ferdinand von Oesterreich-Este einen Jagdbesuch abstatten.

Der Kaiser genehmigte unterm 29. Sept. das Abschiedsgesuch des Prinzen Bernhard zur Lippe unter gleichzeitiger Zustellung eines allerhöchsten freundlichen Handschreibens an den regierenden Fürsten Leopold zur Lippe.

Durch das Handschreiben des Kaisers an den Fürsten zur Lippe wird dem Gerede, als ob zwischen Berlin und Detmold noch immer gespannte Beziehungen beständen, ein Ende gemacht. Gleichzeitig veröffentlicht auch Prinz Bernhard eine Erklärung, daß sein Abschieds­gesuch lediglich persönlichen Beweggründen entsprungen sei; er will sich nämlich dem Studium der Kolonial­widmen. Somit entfällt jede weitere Grundlage für den in manchen Blättern breit getretenen jüngsten innerdeutschenZwischenfall", den geschäftige Federn immer weiter auszuschmücken bereits tätig waren. Möge man an maßgebender Stelle in Zukunft dieselbe Praxis befolgen und sofort jedem Gerede entgegentreten. So dürfte mancher Verstimmung vorgebeugt werden.

Die Neubewaffnung der deutschen Kavallerie. Bei einigen Kavallerieregimentern haben im verflossenen Sommer Versuche mit einem kurzen auf den Karabiner aufzupflanzenden Seitengewehr stattgefunden, das gegebenenfalls den Säbel ganz verdrängen sollte. Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, haben diese Versuche zu einem derartig durchgreifenden Ergebnis nicht geführt. Der Säbel, die ureigenste Waffe des Reiters, soll beibehalten werden. Der Gedanke, mit dem auf den Karabiner aufgepflanzten Seitengewehr

wie mit einer Lanze zu stechen, hat sich zudem als undurchfürbar erwiesen. Man wird aller Voraussicht nach damit zu rechnen haben, daß der Kavallerist ir Zukunft außer Lanze und Säbel auch noch mit einem kurzen Seitengewehr ausgerüstet werden wird, das aus den Karabiner aufgepflanzt werden kann und du Kavallerie befähigt, im Gefecht zu Fuß einen Sturm­lauf zu unternehmen.

Das Unglück der Hochbahn in Berlin soll zu einer vollständigen Aenderung der Bahnlage am Gleis- Dreieck führen. Es soll nunmehr das Gleis-Dreieck als solches überhaupt beseitigt werden. Die Hochbahn- Gesellschaft hat am Montag noch einen ausführlichen Bericht an den Minister der öffentlichen Arbeiten, an die Eisenbahn-Direktion sowie an das Polizeipräsidium gesandt, worin die Ursachen der Katastrophe erörtert werden. Die Leichen im Schauhause sind von der Staatsanwaltschaft noch nicht freigegeben worden. Der Polizeipräsident von Stubenrauch ließ den Verletzten und den Angehörigen der Getöteten das Beileid der Kaiserin übermitteln.

In den Werkstätten von Manzell in Friedrichs- haven herrscht ein fieberhaftes Treiben, welches darauf schließen läßt, daß Zeppelin 1 alsbald fertig sein wird. Jedoch wird von maßgebender Seite mitgeteilt, daß vor dem 15. Oktober eine große Reise nicht unter­nommen werden wird.

Einen merkwürdigen Vorfall brächte sdas sozialdemokratische Mitglied der bayerischen Abge- ordnetenkammer Segitz jüngst in einer Versammlung zu Fürth zur Sprache. Er rühmte sich damit, daß er öfters zu bayerischen Ministern gegangen sei, um dort Wünsche vonPetenten", die sich an ihn gewandt hatten, zur Sprache zu bringen.So wurden", wie Segitz erzählte,in München drei russische Genossen abgefangen, die an einem Millionenrubeldiebstahl be­teiligt gewesen sein sollen. Von mir wurde, und zwar von Norddeutschland her, gewünscht, ich solle allen meinen Einfluß aufwenden, damit die drei russischen Genossen nicht ausgeliefert würden, was gleichbedeutend mit ihrem Tode durch den Strang gewesen wäre. So machte ich mich auf den Weg zu Ministern und zum Ministerpräsidenten, und die drei Russen wurden nicht ausgeliefert." Diese merkwürdige Geschichte kann unmöglich auf Wahrheit beruhen. Die bayerische Regierung wird dadurch auf das schwerste beleidigt. Sie wird nicht zögern dürfen, die Angelegenheit richtig zu stellen und gegen Segitz vorzugehen.

Ueber den Umfang der polnischen Agitation in

Künstlerbtut.

Roman von Vera v. Baratomski. 20

Das Bild ist ja fertig und Sudowsky übernahm die Zusendung an das hiesige Komitee der Ausstellung. Ich hatte keinen Grund noch länger auf dem Gute zu bleiben."

Flora geleitete ihn zu der Kranken, an deren Lager Doktor Winter, ein junger Mann mit sehr intelligenten, aber unschönem Antlitz,saß. Erbegrüßte Meißner freund­lich, doch ohne Herzlichkeit und verabschiedete sich, nach­dem er noch einige Verhaltungsmaßregeln gegeben hatte.

Sie kommen bald, recht bald wieder, nicht wahr?" bat Flora.

Morgen, bevor ich meine anderen Krankenbesuche mache. Sollte ich früher nötig sein, was jedoch nicht der Fall sein dürfte, so schicken Sie nur. Ich bin zu Hause."

Das junge Mädchen geleitete den Arzt, um noch manche Frage an ihn zu richten. .

Frau vonHenck streckte ihren: zukünftigen Schwieger­sohn eine durchsichtig hagere Hand entgegen und flü­sterte:Willkommen, Hugo! Dank, daß Sie meinen Wunsch so rasch erfüllten. Ich hätte diese Welt nicht ver­lassen mögen, ohne alle meine Lieben um mich zu sehen."

Gott wird Sie uns ja erhalten, Mama!"

Wie er will .. Gern folge ich seinem Ruf, ist es mir nur vergönnt, über Floras Schicksal beruhigt die Augen zu schließen . . und das kann ich ja wohl, nicht wahr?"

Muß ich Sie dessen erst versichern!" erwiderte Meiß­ner.Mein Wort habe ich stets gehalten."

Ich glaube Ihnen, aber meiner Tochter dürfte ein ehrlich gehaltenes Versprechen nicht genügen. Sie braucht Liebe." ,

Und soll nicht darben daran! Mißtrauen Sie nur denn, Mama?"

Nein, doch in Ihren Händen liegt die Macht, mein einziges Kind glücklich oder elend zu machen. Flora ist

eine sehr zart besaitete Natur und besitzt seltenes Fein­gefühl. Sie führte ein einsames Leben bei mir, der Halb­blinden und beständig Kränkelnden. Gerade dadurch ent­wickelten sich ihre seelischen Eigenschaften zu schönster Blüte, sie nimmt aber auch alles viel ernster und tiefer, als so jugendliche Wesen sonst zu tun pflegen. Jetztwürde sie vielleicht auch überwinden können., später nicht. Sind Sie also während Ihrer Abwesenheit zur Erkenntnis ge­langt, daß Flora Ihnen nicht alles zu sein vermag, so ist es nun, da eine öffentliche Verlobung bisher nicht erfolgte, noch Zeit zurückzutreten... Sprechen Sie offen zu mir, wie zu einer Mutter!"

Diese Aufforderung wurde von einem bangen, todes- traurigen Blick begleitet, und Hugo stammelte verwirrt: Quälen Sie sich doch nicht mit solchen Gedanken, Mama! Meine Braut ist mir teuer, und ich werde sie so glück­lich machen, als in meinen Kräften steht. Andere Garan­tien vermag ich Ihnen freilich nicht zu geben. Ich hoffe..."

Floras Eintritt unterbrach das Gespräch, welches nicht mehr ausgenommen wurde.

Frau von Henck wiederholte ihre Frage weder an die­sem noch an einem anderen Tage, aber" ihr Blick ruhte oft so forschend auf Meißner, daß er meinte: sie könne ihm bis in die verborgendsten Tiefen der Seele hinein se­hen .. und dort würde sie nicht Floras Bild gefunden haben, sondern das der Polin.

Sein trauriges, schüchternes, vergrämtes Bräutchen konnte ihn das schöne Weib nicht vergessen machen. Eben, weil er wußte, daß Klothilde ihn: für ewig verloren war, wurde seine Sehnsucht nach ihr immer glühender.

Auch viele Äußerlichkeiten trugen dazu bei, ihm die vergangenen Monate wieein Feuermärchen erscheinen zu lassen. Sein bescheidenes Junggesellenheim kam ihm ärm­lich und jedes Komforts ermangelnd vor, und auch Frau von Hencks Wohnung geigte keine Spur von jenem raffi- niertenLuxus, der ihm so schnell zum Bedürfnis gewor­den war.

Die Majorin besaß mehr Lebenskraft, als man ihr zu- gettaut hätte. Die eingetretene Besserung hielt an.

Hugo brächte die meisten Abende bei seiner Braut zu, aber die Stimmung, welche dann herrschte, war müde und gedrückt.

Warum erzählst Du mir so wenig von Deinem Auf­enthalt auf Gut Sudowsky?" fragte das Mädchen einst.

Was soll ich Dir erzählen?" erwiderte er mit schlecht verhehlter Ungeduld.Ich arbeitete viel und .. für alles was außerhalb meines Berufes liegt, habe ich, wie Du weißt, ein schlechtes Gedächtnis."

Gleichsam, um das Gespräch abzubrechen, zog er sein Notizbuch hervor, und begann in demselben zu suchen.

Ein loses Blatt flatterte zu Boden.

Flora hob es auf und rief:O, welch' entzückendes, kleines Aquarell! Ist das ein Produkt Deiner Phanta­sie?"

Er griff hastig nach dem Bildchen.Nein! Ich ver­suchte Frau Klothilde, die Witwe des auf so furchtbare Weise ums Leben gekommenen Wladimir von Sudowsky, aus dem Gedächtnis zu malen."

Und so schön ist sie? Wirklich so schön?" fragte Flora mit naiver Bewunderung.

Was nennst Du schön?" wandte er ein.Die Züge entbehren der Regelmäßigkeit, die Sttrn ist zu niedrig, der Mund zu üppig, den Wangen fehlt das zarte Kamin­rot der ersten Jugend."

Und dennoch könnte ich stundenlang dieses Antlitz betrachten, ohne daß es mir, aufrichtig gestanden, beson­ders sympathisch wäre... Was fesselt also nur so sehr Blick und Interesse?"

Der durchgeistige Ausdruck, die heiße Seele, die aus den herrlichen Augen spricht!"

Meißner gab diese Erklärung mit so leidenschaftlich erregtem Ton, daß Flora bestürzt zu ihm aussah und flü­sterte:Sie stellt ja auch die Hauptfigur auf Deinem Ge­mälde dar?" 155,1fr.

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